Mittwoch, 21. März 2012

Fear and Loathing in Las Leipzig

Diese Woche sind Buchmesseberichte in, und als alte Trendhure tauche ich da gerne aus der Versenkung auf.

Mein Anreisetag war der Mittwoch, sodass ich Gelegenheit hatte, die netten Leute von WerkZeugs bereits beim Standaufbau zu belästigen. Mein prächtiger Bart wurde bestaunt, meine Ankündigung, am Freitag unter falschem Namen und im lila Anzug zu lesen, mit Begeisterung aufgenommen (oder war es Schrecken? Ich bin leider nicht so der Gefühlsmensch, weder bei mir noch bei anderen, weshalb ich mir da in der Rückschau nicht ganz sicher bin.)

Versüßt wurde mir die Anreise übrigens durch Thilo Corzilius, der sich todesmutig durch mich von Hannover nach Leipzig kutschieren ließ und sich am Donnerstag dann als der Seraph-Gewinner der Herzen herausstellen sollte. Mein ursprünglicher Plan, mit heller Stimme
„Dieser Preis ist eine Farce“ zu rufen und die Störung des Rituals anschließend einer unbeteiligten Lektorin in die Schuhe zu schieben, falls Thilo leer ausgehen sollte, scheiterte leider daran, dass mir besagte Lektorin zu sehr am Herzen liegt, als dass ich sie auf ewig vergrätzen wollte. Außerdem hat sie mir einen neuen Verlagskollegen vorgestellt, mit dem ich unmittelbar nach der Preisverleihung noch ein wenig plaudern durfte – unter anderem über Das Phantastische Quartett. Immer gut zu wissen, dass man nicht in den luftleeren Raum hineinsalbadert, sondern sich tatsächlich interessante Menschen ihre Gedanken zu meiner Verbaldiarrhöe machen.

Apropos Verlagskollegen: Thomas Elbel ist mindestens so dufte, wie er lang ist, und könnte generell auf Model umsatteln, wenn er mal keinen Bock mehr hat, Bücher zu schreiben, die umgehend für Preise nominiert werden.

Wo wir eben schon bei Sprechdurchfall waren: Gemeinsam mit Stephan Bellem und Nicole Schuhmacher habe ich donnerstags noch nebenbei ein neues Subgenre aus der Taufe gehoben –
Nudepunk. Ursprünglich war es noch Nukepunk (über so Gesellschaften, in denen vom Tampon bis zum Jumbojet wirklich restlos alles mit Atomkraft betrieben wird und wo Mutationen und unheilbare Erkrankungen als schrecklich schick gelten). Einen Verhörer später war es – wie gesagt – Nudepunk (über so Gesellschaften, wo alle total nackig sind und das Tragen von Kleidung verboten ist, aber selbstverständlich gibt es da so krasse Revoluzzer, die sich heimlich treffen, um ihre Leiber zu verhüllen und von der Hautpolizei unterdrückt werden).

Christian von Aster zeigte sich unverständlichermaßen allerdings mehr von angedachten Geschichten über bisexuelle Einhörner begeistert und schickte uns mit einem geheimen Sonderauftrag los, einen Griechen zu testen. Hört sich schmutzig bis sexy an, war es auch, ging allerdings primär um Nahrungsaufnahme. Also hier noch mal offiziell: Der Grieche ist gut. Punkt. Und dass Eva von der Phantastik-Couch anschließend zu einer völlig irren Lesung begleitet hat, von der wir leider nur noch den Schluss genießen durften, war sogar noch besser.
Was habe ich über Boris Koch gelernt? Er ist der perfekte Laudator für jede Gelegenheit, da er die hohe Kunst der gepflegten freundschaftlichen Beleidigung aus dem Effeff beherrscht. Von ihm lässt man sich doch gerne anranzen!

Eine andere wichtige Erkenntnis: Mein Bart und der von Christoph Hardebusch ergeben zusammen einen ganzen Bart! Crazy! Und irgendwie kommunistisch!

Zudem fand ich doch wirklich mal die Gelegenheit, mich länger mit Oliver Plaschka zu unterhalten, und kann nur sagen: Ich bereue nichts! Wovon ich allerdings demnächst dringend mehr hören muss, sind seine Erlebnisse als Nachtportier. Ich sehe da großes Potenzial für viele erschütternde Einblicke in die wahre Natur der menschlichen Existenz ... Von der lieben Ursula hingegen durfte ich erfahren, dass wir etwas Entscheidendes gemeinsam haben: den Rabenvogel auf dem Cover. Aber mit so einer bezaubernden Kollegin hat man das doch gern gemein.

Ju Honisch bin ich ihrerseits sehr dankbar für die skurrile Information, dass Frankfurt am Main demnächst eine neue Altstadt erhalten soll. Bislang war’s nur Vorurteil, jetzt ist es Fakt: Die Hessen haben doch irgendwie ein Rad ab ...

An Anke Brandt vom Geisterspiegel kommt man hingegen offenbar nicht vorbei, ohne sofort in ein spannendes Kurzgeschichtenprojekt eingebunden zu werden – so machen Raucherpausen richtig Spaß!

Kurzer Einschub: Was immer wieder Freude machte (insbesondere dann, wenn Thorsten und Mike dabei waren), war, durch den WerkZeugs-Stand zu schlendern und unvermittelt den arroganten Genreverächter raushängen zu lassen. „Haben die auch richtige Bücher hier oder verkaufen die nur so Schund?“ „Nee, Mann, also das geht gar nicht, allein die Cover.“ Man heimst jede Menge finsterer Blicke ein, aber ich liebe nun einmal die Gefahr ...

Freitags stand ansonsten noch die oben bereits erwähnte Lesung an. Ich trat als Jonas Wolf auf - unmittelbar vor einem aufstrebenden deutschen Jungautor, der nach wie vor eine echt coole Socke ist (in Schwarz) und bei dem ich es – übrigens ähnlich wie bei der WerkZeugs-Crew und allen anderen in diesem Post namentlich Genannten – unfassbar bedaure, dass sie alle so weit wegwohnen müssen. Achtung: Es wird polemisch.
Ich scheiße auf Apple. Also so von wegen: “Ey, wir leben jetzt alle in der Zukunft, Mann. iPhone. iPad.“ Ich wüsste, dass ich wirklich in der Zukunft lebe, wenn der Teleporter schon erfunden wäre und ich einfach mal so bei jedem vorbeischauen könnte, den ich gerade sehen will. So.). Die Lesung war jedenfalls sehr schön, mein Anzug wurde gelobt – trotz dem, was meine bezaubernde Gattin so charmant „die Rückenmumu“ nannte. Für alle, die jetzt endgültig verwirrt sind: Die Tage haue ich noch einen Post raus, in dem ich diese ganze Jonas-Wolf-Sache noch mal umfassend erkläre (das hier soll schließlich ein Messebericht sein – haha, netter Versuch ...).

Freitagabend hatte dann etwas Apokalyptisches. Man weiß, dass man in der richtigen Branche ist, wenn einen die Betreiber des Etablissements, in dem man gerade versackt, zur Tür hinauskehren müssen, weil man uns ansonsten nie loswird. Ich bin stolz auf sämtliche meiner betreuenden Lektoren, die sich als standhaft, trinkfest und schillerndste Gesprächspartner erwiesen haben – und ich habe ein minimal schlechtes Gewissen, weil ich eine Person doch tatsächlich zum Konsum von Rauchwerk verleitet habe.
Bin ich am Ende der Teufel? Füße gecheckt, keinen Huf entdeckt, ansatzweise beruhigt (aber auch ein wenig enttäuscht). Weitere Erkenntnis: Alte Fehden unter Verlagen sind in etwa so unnötig wie alle alten Fehden, zu deren Aufrechterhaltung uns die greisen Altvorderen zwingen, weil sie sich vor circa 36 Millionen Jahren mal in die Haare gekriegt haben. Will meinen: Meine Messe wäre ohne Gespräche mit einem krachendsympathischen Mann, der mich und die meinen einsam und verirrt in der Moritzbastei aufgelesen hat, um einiges ärmer gewesen.

Opfer gab es an diesem Abend tatsächlich zu beklagen: Mir ist ungelogen ein Knopf von der Weste gesprungen, weil ich beim Geschichtenaustausch über Haustierunfälle mit Bernhard Hennen und Michael Peinkofer zu sehr ins Lachen geriet. Moment. Das habe ich genau gehört! Ich bin nicht fett!

Fette Party gab’s auch Samstagabend, inklusive Absturz in einer Jazzkneipe (und das mir ... also nicht der Absturz, der Jazz ist gemeint). Mit im imaginären Flieger saßen diverse Kollegen aus dem Montsegur-Forum und Last-Minute-Reisende, darunter ganz in der ersten Reihe Claudia Toman, Kerstin Pflieger, Philipp Bobrowski, Wolfgang Schroeder und Victoria Schlederer (und schon wieder Thilo Corzilius – o nein, ich habe ihn verdorben!). Immerhin konnten wir uns anscheinend als Romantikengel verdient machen, aber wer mit wem hier verbandelt wurde, wird hier nicht verraten (whatever happens in Leipzig, stays in Leipzig). Zu fortgeschrittener Stunde wurden noch Pakte geschlossen, diverse Romanprojekte gemeinsam in Angriff zu nehmen (ich schaue Sie dabei an, Frau Schlederer!).

In Angriff genommen habe ich auch gleich zwei Interviews mit Elisabeth & Co. vom Jugendradio Leipzig, der ich zugleich nachhaltig versichern konnte, dass man keine Angst vor Kai Meyer haben muss (und wider Erwarten hat er sie dann auch nicht gefressen). Mehr oder minder zeitgleich versuchte ich Christian und Bine glaubhaft zu versichern, dass ich wirklich nicht an einer Romantasy- ähm... Romanze in sechzehn Bänden arbeite. Dafür bin ich leider noch nicht altersgeil genug.

Jetzt noch ein kurzer Hinweis speziell für die Fantasyrezensenten-Sphäre: Wer Myriel von der Bücherzeit und Joanna vom Roten Dorn unterstellt, sie hätten keine Ahnung von Fantasy, hat wahrscheinlich keine Ahnung von Fantasy.

Gute Vorsätze fürs nächste Mal: Mit der Steenbergen-Orgel-Gesellschaft beim Bellem zum nächtlichen Hinterhofgrillen aufschlagen – erst lackiertes Holz gibt Fleisch schließlich die richtige Würze.

Kommentare:

Claudia Toman hat gesagt…

Schöner Bericht, Herr Plischke. Obwohl, ich fürchte, der Teleporter wird von Apple sein und iPorter heißen! ;-)

Darkstar hat gesagt…

Wirklich netter Bericht, und wirklich toll war's, mal länger miteinander zu plaudern und - weil das auch erwähnt werden muss - der Bart steht dir. Gib's zu, du hast ihn dir wachsen lassen, damit man Jonas Wolf und Dich auseinander halten kann ,-)