Freitag, 25. März 2011

Äußerungen, die ich satt habe

„Guttenberg hat die Menschen wieder für Politik begeistert.“
Nein, hat er nicht. Er hat in erster Linie versucht, Menschen für sich selbst zu begeistern, und das ist ihm auch zweifelsohne gelungen. Er hat einigermaßen geschickt Impulse und Stimmungen innerhalb großer Bevölkerungskreise zur eigenen Imagepflege ausgenutzt. Zum Beispiel:

„Politiker lügen doch sowieso alle und sind korrupt.“
Nein, sind sie nicht. Ich kenne eine Reihe Menschen, die sich (partei)politisch engagieren, und es wäre ungerecht, ihnen das Obengenannte zu unterstellen. Sie sind aber nun einmal Menschen und damit fehlbar. Ja, sie reden gelegentlich sogar Blödsinn (oder zumindest etwas, das ich für Blödsinn halte). Zum Beispiel:

„Diese Entscheidung war alternativlos.“
Nein, war sie nicht. Nicht bei Wegen aus Finanzkrisen, nicht bei Fragen über Krieg und Frieden, nicht bei der Atomkraft. Untermauert werden die vorgeblich alternativlosen Entscheidungen mit fragwürdigen Argumenten. Zum Beispiel:

„Denn die Ereignisse in Japan, sie lehren uns, dass etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden könnte.“
Nein, die Ereignisse in Japan waren nicht Teil von etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde. Sie waren und sind Teil eines sogenannten Restrisikos. Diejenigen, die vor diesem Risiko gewarnt haben, müssen sich nun Vorhaltungen machen lassen, wenn sie darauf hinweisen, wie lange sie ihre Warnungen schon ausgesprochen haben. Dies geschieht in Form von unanständigen Verboten. Zum Beispiel:

„Es ist angesichts der Opferzahlen in Japan pietätlos, nun hier in Deutschland eine Debatte über Atomkraft zu führen.“
Nein, ist es nicht. Es ist allerdings unverschämt, andere Menschen in moralische Geißelhaft nehmen zu wollen und gleichzeitig das Leid wieder anderer Menschen als Knebel gegen eine berechtigte Sorge einzusetzen. Man kann sich nicht einerseits darüber beklagen, dass es in einer Gesellschaft angeblich allerorten an dem Willen mangelt, sich für ein gesellschaftspolitisches Ziel einzubringen oder Zivilcourage zu zeigen, und andererseits zur gleichen Zeit dagegen protestieren, wenn diese Formen des Engagements sich dann doch einmal sichtbar und hörbar manifestieren. Falsch. Man kann es doch. Zum Beispiel:

„Das Thema Atomkraft ist viel zu wichtig, um es als Wahlkampfthema zu missbrauchen.“
Nein, ist es nicht. Es ist eher viel zu wichtig, um es nicht im Wahlkampf aufzugreifen. Oder einigen wir uns stillschweigend darauf, dass in Wahlkämpfen nur über die unwichtigen Themen gestritten werden darf? Und wenn ja, welche Themen wären das dann? Und wäre dann nicht auch die oft ins Feld geführte Diskussion über verbindliche gesellschaftliche Werte in Wahlkampfzeiten ein Tabu?

„Wir haben doch gar keine Werte mehr.“
Die Leute, die das hier vor mehr als einem halben Jahrhundert aufgeschrieben haben, hatten offensichtlich noch welche. Sogar solche, für die es sich heute umso mehr einzutreten lohnt.

Donnerstag, 3. März 2011

Empörendes

Ich habe unlängst Stéphane Hessels Empört Euch! gelesen. Das eigentlich Empörende an diesem schmalen Heftchen besteht für mich ganz persönlich darin, dass ich einen kleinen, nicht einmal sonderlich stringent argumentierenden Aufsatz eines Mannes jenseits der Neunzig gebraucht habe, um mir wieder einmal vor Augen zu führen, mit wie vielen Dingen ich mich meist völlig ungezwungen tatenlos und – von einem mal vermeintlich ironisch gebrochenem, mal auch nur schulterzuckendem resignierenden Scheinpragmatismus vielleicht abgesehen – auch emotionslos tagtäglich abfinde. Dinge, von denen es heißt, sie ließen sich nicht ändern. Weil der Mensch nun mal so ist, wie er ist. Oder weil es die Umstände einfach nicht erlauben. Oder weil jemand eben morgens aufstehen muss, um die Brötchen zu backen. Oder weil wir sonst nicht genau wüssten, wo wir hinkämen. Oder weil man manche Sachen doch noch sagen dürfen muss. Oder weil halt nicht jeder von uns Astronaut oder Prinzessin werden kann. Oder weil das Leben weder ein Zuckerschlecken noch ein Ponyhof noch ein Wunschkonzert ist.

Oder vielleicht, nur vielleicht, weil wir uns allesamt in unseren beruhigenden Selbsttäuschungen so gut eingerichtet haben – der eine plüschig-bunt, der andere heimelig-gemütlich, der nächste angeblich nur auf Zeit, bis sich irgendwann was Besseres findet.

Kein sehr schönes Gefühl ...

Dienstag, 1. März 2011

Guttenberg – und nu?

Tja, ich habe lange mit mir gehadert, ob ich etwas zu unserem Verteidigungsminister sage oder nicht. Eigentlich wollte ich lieber schweigen, doch dann erreichte mich eine Mail aus Taiwan, in der ein Freund sich verwundert darüber zeigte, dass ich meine Klappe halte.

Nun gut, dann werde ich doch mal eine Handvoll Beobachtungen los:

Vor der – wohlgemerkt neuerlichen – Aufregung um Guttenberg habe ich mich oft gefragt, wo denn seine Befürworter so zu finden sind. Ich war der Auffassung, in meinem Bekanntenkreis keine zu finden – und lag in einigen Fällen ziemlich falsch. Das war meine erste Ernüchterung.

Meine zweite lag darin, dass eine nominell konservative Kanzlerin eine eigentümliche Spaltung zwischen zwei Lebensbereichen vornahm, nämlich die zwischen wissenschaftlicher und politischer Arbeit, oder mehr noch eine Grenze zwischen Beruf (Verteidigungsminister) und Privatleben (Dissertation) zog, die in dieser Art dann doch recht schwierig zu ziehen ist.

Sie ist vor allem deshalb so schwierig zu ziehen, weil sich die politische Arbeit vieler Menschen (nicht zuletzt eben die der Kanzlerin und des Verteidigungsministers) sehr drastisch auf das Privatleben anderer auswirkt (die Abschaffung der Wehrpflicht, aber auch das Entsenden von Soldaten in Krisengebiete sind Beispiele hierfür). Zudem erscheint es mir zumindest fragwürdig, einfach davon auszugehen, dass im Rahmen von politischer Arbeit getroffene Entscheidungen von persönlichen Überzeugungen und Charaktereigenschaften der Entscheider komplett unabhängig sind oder gar auf nichts anderem als nüchterner Vernunft fußen. Das tun sie in der Regel schlichtweg nicht. Politiker sind keine besseren oder schlechteren Menschen. Sie werden auch nicht in geheimen unterirdischen Farmen gezüchtet und nach Erlangung eines entsprechenden Reifegrads auf eine nichtsahnende Bevölkerung losgelassen.

Was den Fall Guttenberg fraglos interessant macht, ist, dass er bei sämtlichen Beteiligten heftigste Gefühlsregungen hervorruft. Warum eigentlich? Wahrscheinlich weil kein anderer (bundesrepublikanischer) Politiker vor Guttenberg sein Wirken und Schaffen unter bewusster Nutzung der Massenmedien als einen Event nach dem anderen und einen dramatischen Höhepunkt nach dem anderen wissentlich (um nicht zu sagen vorsätzlich) inszeniert hat.

Wer nun behauptet, es würde erst jetzt öffentlich Kritik an Guttenbergs Verhalten geübt werden, beweist damit letztlich nur, dass er entweder ein taubes Ohr für die frühere Kritik hatte oder dass er sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht zur Kenntnis genommen hat. Guttenberg steht bereits seit der Finanzkrise immer wieder in der Kritik (etwas genauer seit der damaligen Diskussion, wie und ob der Staat Opel wieder auf die Beine helfen könnte).

Eine kleine Randnotiz: Auch die Klage, Guttenberg wäre der erste Politiker, dessen Doktorarbeit einer Prüfung durch die Öffentlichkeit hätte standhalten müssen, zeugt nur davon, dass der Kläger sich sonst anscheinend nur in begrenztem Umfang mit politischem Tagesgeschehen auseinandersetzt – unsere derzeitige Familienministerin beispielsweise musste vor nicht allzu langer Zeit nicht gerade wenig Häme für ihre Dissertation einstecken.

Nein, letztlich gilt: Wer sich so öffentlich präsentiert, wie Guttenberg es getan hat, muss sich nicht darüber wundern, auch viel Angriffsfläche zu bieten. Es gibt nun einmal keine keusche Form der Entblößung, und anders als am FKK-Strand greift hier leider nicht die Regel „Wen’s stört, der soll doch einfach wegschauen.“ Das Entsetzen, das einen packen kann, wenn man die Ereignisse der letzten Wochen Revue passieren lässt, nährt sich auch davon – hüben wie drüben in allen politischen Lagern –, dass Guttenberg tollkühn oder naiv genug war, alle Hüllen fallen zu lassen, obwohl er eigentlich selbst am besten hätte wissen müssen, dass bei seinem Striptease nicht nur Schönes entblättert werden wird.

Man mag es beunruhigend finden oder eben nicht, einen Plagiator auf dem Sessel des Verteidigungsministers sitzen zu haben. Auf einen tollkühnen oder naiven Verteidigungsminister hingegen lohnt es sich, mit der gebotenen Skepsis zu reagieren.