Dienstag, 8. Februar 2011

Wofür das Fernsehen nicht alles verantwortlich ist

Fernsehen macht dumm, ist schlecht für die Augen und erzeugt Elektro-Smog. Wussten wir ja schon alles (oder haben es zumindest geahnt). In der Frankfurter Rundschau schiebt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer dem Fernsehen nun einen ungewöhnlichen Grauen Peter zu, der endlich, endlich einen neuen Vorwurf formuliert. Ich zitiere mal eben ein Zitat:

„Je bunter [das Fernsehen] wurde, desto monochromer fiel das Straßenbild aus, je greller der Plasmabildschirm die Wohnzimmer beleuchtete, umso blasser wurden die Kleider. Lauter Geblendete tappen in den Straßen herum.... Rettung für den überanstrengten Sehsinn liegt allein in der Farblosigkeit.“

Schlaffer wohnt in Stuttgart, was als Erklärungsansatz für ihren Meinungsfindungsprozess leider nicht ganz reicht, da Stuttgart auch nicht wesentlich grauer daherkommt als so manch andere deutsche Großstadt (zur Erinnerung: Ich habe weite Teile meines Lebens in Ludwigshafen am Rhein verbracht, dass natürlich auch seine schönen Ecken hat, weil ja eine Betonwüste ohne Oasen keine richtige Wüste wäre).

Ebenso schwer fällt eine Ferndiagnose, was es mit den lauter Geblendeten in Schlaffers näherer Umgebung hat. Ein in Schwaben verbreiteter, aber bislang unter dem gesellschaftlichen Radar geflogener Sonnenkult, der seine Anhänger zwingt, zu lange ins grelle Licht zu starren? Doch nur zu viele Unfälle mit Laserpointern bei Präsentationen? Ein Irrer, der mit einem glühenden Eisen umgeht, um seinen ahnungslosen Opfern damit die unschuldigen Augäpfel zu verschmurgeln? Wir wissen es nicht. Vielleicht ein Fall für Galileo Mystery.

Oder doch nur eine bedauerliche Fehlwahrnehmung Schlaffers?

Es stellt sich die Frage, ob Schlaffers These auch im Umkehrschluss gilt. Waren Deutschlands Städte zu Einführung des Fernsehens, das damals bekanntlich Schwarzweiß sendete, noch quietschbunt? Sah Paderborn aus wie Disneyland, war Osnabrück ein einziges Farbenmeer und in Darmstadt war jede Fassade mit Blütenranken bemalt? Und was ist mit den Menschen jener Zeit? Trug Konrad Adenauer Hüte und Anzüge in verwegenen Farben, als stolzester Pfau einer politischen Kaste, die neben Schwarz und Rot auch noch auf Kornblumenblau, Buttergelb und Lachsrosa setzte? Ging Mutti prinzipiell nur im giftgrün-gepunkteten Mantel, Lackschuhen in dezentem Vollgold und Regenbogen-Fransentuch aus dem Haus? Wahrscheinlich nicht. Andererseits: Ich bin ja nun kein Zeitzeuge wie Schlaffer.

Jedenfalls vermute ich stark, dass privat gestartete Versuche, städtische Lebensräume bunter zu gestalten (an und für sich ja keine verwerfliche Forderung), zum grandiosen Scheitern verdammt sind. Graffiti gelten als lästig (ein Großteil sind es bedauerlicherweise auch, uninspirierte Gang-Tags beispielsweise), und ich bin mir nicht sicher, wie mein Vermieter reagiert, wenn ich morgen früh mit der Farbkanone und der Glitterschleuder anrücke, um die Hauswand zu verschönern. Wir werden sehen ...

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