Montag, 28. Juni 2010

WM-Beobachtungen

Fangen wir mit dem Unvermeidlichen an: der Vuvuzela. Ich trage mich mit dem Gedanken, der deutschen Fußballkultur etwas vergleichbar Nerviges hinzuzufügen, das sich bis zur Austragung des nächsten großen Turniers in hiesigen Gefilden dann quasi als unverzichtbares Urgestein der Atmosphäregestaltung in den Stadien ausgegeben werden kann. Ich denke an ein Gerät, das das Geräusch von Fingernagelkratzen auf Schiefertafeln reproduziert. Dem Moops-Bruder verdanke ich den Hinweis, wie nützlich es sein kann, wenn man Umlaute in der Muttersprache hat: Der Deutsche gibt das Vuvuzela-Lärmen recht treffend meist als langes ÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ! Wieder, wohingegen der Amerikaner in der Internetkommunikation nur ein fades ZZZZZZZZZZZZ zur Verfügung hat.

Nicolas Anelka hatte hingegen keinerlei Artikulationsprobleme, als er seinem Trainer empfahl, der "Hurensohn möge sich doch in den Arsch ficken lassen". Gott sei Dank, denn so hat dieses Turnier seinen ersten schönen Skandal und meine Grundüberzeugung, dass der Fußballer an sich auch mal zu den richtigen, derben Worte greifen sollte, um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, ist bestätigt. Verglichen damit ist Effes Stinkefinger bei der WM wahrscheinlich übrigens als freundschaftlicher Gruß Richtung mitgereister Anhängerschaft zu verstehen.

Ein neuer Trend, den ich weitaus mehr begrüße als die Terror-Tröte, ist das im Brustbereich eng anliegende Trikot, das mittlerweile so manche Mannschaft auf dem Rasen spazierenführt. Es erfordert zwingend die Auslobung eines neuen Turnierpreises, nämlich den für die schönste Brust, der gleichzeitig mit der Schmähung „groteskester Nippel“ verliehen werden kann. Im Übrigen könnte auch der Damenfußball in Sachen Zuschauerzahlen gewiss davon profitieren, wenn man sich dazu entschließen könnte, den Gürtel quasi obenrum ein bisschen enger zu schnallen – und zwar ungeachtet der mutmaßlichen sexuellen Orientierung vieler Spielerinnen.

Ebenfalls sehr begeistert zeige ich mich von der ungebrochenen Kraft des Fußballs, zur gleichen Zeit als Mittel der Integration und der Erschütterung vorgefasster Meinungen über fremde Völker zu dienen und den Beweis dafür anzutreten, dass die Welt glücklicherweise ein bunterer Ort ist, als uns so manch ein Nationalist oder Rassist glauben machen will. Ein kleiner Test gefällig? Einfach mal an den typischen Schweizer denken und dann hier klicken.

Apropos Überforderung: Was gar nicht geht, ist die Tendenz, Fußball immer mehr zu einem körperlosen Spiel zu machen und dies auch noch bei einem großen Turnier durch hoffnungslos überforderte Schiris umsetzen zu wollen. Mein Plädoyer für mehr Körpereinsatz muss ja nicht gleich zu so etwas führen, aber könnte man bitte versuchen, nicht jeden lauten Furz mit einer gelben Karte zu ahnden? Danke.

Und übrigens, Katrin Müller-Hohenstein, wenn man im Zusammenhang mit Miroslav Kloses Tor im Australienspiel gleich vom "inneren Reichsparteitag" reden muss, warum dann nicht gleich das 0:7 von Nordkorea gegen Portugal zu einem "fußballerischen Holocaust" umfunktionieren? Oder hätten Sie da wenigstens gewusst, woher die „umgangssprachliche Redewendung“ stammt?

Freitag, 25. Juni 2010

Ungewöhnliche Beleidigungen

Neulich aufgeschnappt: „Du hast aber eine hässliche Vorhaut.“ Stellte sich zwar leider als Verhörer heraus, hat aber natürlich trotzdem seine Qualitäten als Aufhänger für diverse Ausschmückungsphantasien. Wo könnte man sie gehört haben? Auf der Herrentoilette? Im Darkroom? Beim Urologen? Am FKK-Strand? In der Umkleidekabine des Fitness-Studios? Oder: Was macht die betreffende Vorhaut so hässlich? Länge? Textur? Färbung? Die Möglichkeiten sind schier unendlich.

Tatsächlich ausgesprochen wurde jedoch folgende Beleidigung: „Ihr Hund stinkt.“ Und zwar in einem Restaurant. An und für sich noch geradezu höflich, weil der Besitzer des Vierbeiners sich ja nur indirekt getroffen fühlen muss, sofern er das möchte (und in der konkreten Situation verhielt es sich auch haargenau so, was zu weiteren, weniger ungewöhnlichen Beleidigungen führte).

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass zu meinen Schulzeiten (ca. 1898 – 1911) einmal eine sehr geschätzte Mitschülerin über das Verhalten einiger Kameraden derart in Rage geriet, dass dem „Ihr kotzt mich an!“, das sie eigentlich wutentbrannt ausstoßen wollte, das „an“ abhandenkam. Was wiederum dazu führte, dass auf Jahre hinaus „Ihr kotzt mich!“ zu einem spielerischen Ausdruck der Verärgerung unter uns wurde. Wörtlich genommen ja auch ein Bild von beeindruckender Eleganz ...

Mittwoch, 23. Juni 2010

Berlin

Wir – will meinen: seine Moopsigkeit und ich – hatten das große Vergnügen, einige Tage in Berlin verbringen zu dürfen. Keine Sorge: Unserer Fee geht es gut; sie war lediglich zu sehr in mysteriöseste Geheimaktivitäten eingespannt, um uns begleiten zu können (ich vermute, sie legt die wichtigsten Grundsteine für den sorbischen Befreiungskampf).

Der Einfachheit halber teile ich meine Reisebeobachtungen in zwei Kategorien ein.

Kategorie I: Erwartbares

Baustellen – Von einer Krise ist in der Bundeshauptstadt noch wenig zu bemerken, sofern man bauliche Aktivitäten als einzigen Maßstab für ein solches Urteil heranzieht. Es sei denn, ich habe mich grundlegend getäuscht und in Berlin wird nichts Neues mehr errichtet, sondern lediglich Altes eingerissen, um die Kulisse für die bevorstehende Post-Apokalypse schon einmal im Vorfeld bereitzustellen. So oder so: Die Baustellensituation erwies sich als übermächtiger Gegner unseres Navigationssystems, sodass wir uns gezwungen sahen, telefonisch mit unserem Hotel direkt am Alexanderplatz Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, wie wir in das zum Hotel gehörige Parkhaus gelangen. Bei der abenteuerlichen Anreise erwies sich die Busspur, auf die wir versehentlich gerieten, als ausgesprochen nützlicher Zufahrtsweg zum erwähnten Gebäude, dessen Dimensionen allerdings ohne jeden Zweifel auf eine Zeit ausgelegt waren, als Kleinwagen diesen Namen noch verdient hatten und Limousinen aufgrund planwirtschaftlicher Zwänge höchstens die Ausmaße eines heutigen Smarts besaßen.

Niedlicher Nachwuchs – Der Knabe, zu dessen Fleischwerdungsfest wir uns einfanden, stellte sich als absolut hinreißendes Geschöpf heraus, das eines Nachmittags um ein Haar auf den warmen, weichen Wölbungen und Rundungen des Moopses selig eingeschlummert wäre. Darüber hinaus spricht es die faszinierendste Fantasiesprache, die ich je aus dem Mund eines Kleinkinds vernommen habe: eine zauberhafte Mischung aus Serbisch, Deutsch, Englisch und Polnisch, deren Entschlüsselung den Zuhörer indes noch vor gewisse Probleme stellt. Sei’s drum: Ästhetisch ist der wundersame Klang ein Hochgenuss, und bei so mancher Hervorbringung moderner Kunst empfiehlt es sich ja auch, nicht nach dem Sinn zu fragen, sondern sich einfach der empfundenen Wirkung ganz hinzugeben.

Nette Menschen – Wenn man drei Tage in der Gegenwart von freundlichen, kreativen und rundherum liebenswerten Menschen verbracht hat, darf man sich zurecht eine Weile im altbekannten Traum von einer liberaleren, besseren Welt zu verlieren. Große Mengen Alkohol, Torte und Grillfleisch helfen dabei, das an sich flüchtige Gespinst scheinbar noch greifbarer zu machen.

Kunst, Kunst, Kunst – Wenn man sich unter Concept Artists, Illustratoren und allerlei andere bildende Künstler wagt, ist es nicht überraschend, unzählige atemberaubende Arbeiten zu sehen – und anregende Diskussionen darüber zu führen, ob das Thor-Design für den anstehenden Brannagh-Film nun total, nur ein bisschen oder nur in verschmerzbarem Maße saugt. Einhellige Meinung: Das Cape hätte echt nicht sein müssen.

Kategorie II: Unerwartbares

Kosmetische Operation am frühen Nachmittag – Kurz nach unserem Eintreffen in Berlin wurden wir Zeuge eines schockierenden Ereignisses. Teile der Feiergemeinde – rund 15 Personen – hatten sich an den Außentischen eines italienischen Restaurants eingefunden und noch vor unserer Ankunft ein ordentliches Gelage veranstaltet (Promillezahlen sind uns leider nicht bekannt). Der Gastgeber äußerte bald einen ungewöhnlichen Wunsch: Am Hals eines der Gäste hatte er einen gar prächtigen Pickel (ungefähr in Größe eines Taubenauges) ausgemacht, der ihn förmlich darum anbettelte, beherzt ausgequetscht zu werden. Selbiges trug sich auch zugleich zu, aber erst nachdem eine aufstrebende, junge Regisseurin sich das Recht gesichert hatte, den epochalen Vorgang mithilfe ihrer iPhone-Kamera für die Nachwelt festzuhalten. Das Publikum teilte sich verhältnismäßig gleichmäßig in Unerschrockene, die das Geschehen mit Spannung verfolgten, und Zartbesaitete, die schrille Schreie des Ekels ausstießen und den Blick abwenden mussten (vielleicht auch keine schlechte Strategie, um das eigene Augenlicht vor dem alsbald durch die Gegend spritzenden Eiter zu schützen). Einer aus der letztgenannten Gruppe wagte es nicht einmal, die vorgenommene Aufzeichnung zu studieren, da sie ihm „zu real“ erschien – eines der üblichen Probleme, das dem durchschlagenden Kassenerfolg vieler an sich höchst interessanter Dokumentarfilme im Weg steht.

Nasenbluten – Obwohl der Moops aus Gründen seiner Höhenangst beim Einchecken Wert auf ein Zimmer auf einem der unteren Stockwerke legte, fanden wir uns auf der 20. Etage wieder, von wo aus man eine tolle Aussicht auf die Dächer Berlins genießen konnte, auf die der Moops sicherlich gern verzichtet hätte (zu einem Besuch der Dachterrasse in luftigen 150 Metern Höhe ließ er sich nicht überreden und ich hatte bedauerlicherweise das Narkosegewehr daheim vergessen, weil mir entfallen war, dass Grenzkontrollen ja nun bereits seit Längerem nicht mehr zu befürchten stehen). Dank kluger Ausnutzung des begrenzten Raums und einer gläsernen Badezimmerwand konnte man übrigens sogar beim Baden Fernsehen. Das war nicht unerfreulich. Weniger erfreulich war jedoch der Umstand, dass die häufigen Fahrten mit dem Expresslift meinen Nasenschleimhäuten nicht bekamen und sie sich entschlossen, meinen kostbaren Lebenssaft abzusondern (zugegebenermaßen in unbedenklichen Mengen, aber trotzdem sprang der Hypochonder in mir sofort darauf an – insbesondere aufgrund der Tatsache, dass wir uns in einem der ehemaligen Vorzeigehotels der DDR befanden und meine Paranoia natürlich nicht ausschließen konnte, Opfer einer radioaktiven Altlast eines Jahrzehnte zurückliegenden Spionagekomplotts zu werden).

Blanker Busen – Weitaus angenehmer waren die Models, die zur Eröffnungsparty des MADE-Workshops herangekarrt worden waren und – ganz professionell – nicht das geringste Problem hatten, ihre Brüste freizulegen, wenn der Künstler, der ihre Form gerade abzubilden versuchte, sie dazu anhielt. Verbunden mit der Bar, an der es Gratis-Longdrinks abzuholen gab, sorgte dies für eine äußerst entspannte Atmosphäre, und eine brutal schickige Performance gab es auch noch (wer Freude an Psychedelischem hat, schaut am besten mal hier vorbei).

Doch genug von Berlin – Hamburg hat mich wieder, und ich muss an die Arbeit. Vielleicht berichte ich bei Gelegenheit noch von Untoten am Klavier und Flirtversuchen niederländischer Senioren, wenn mir danach ist.

Montag, 7. Juni 2010

Spaß mit Nerds

Es ist Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich hege seit Längerem den Traum, eine Compilation mit Coversongs aufzunehmen, bei denen sämtliche Titel im Original das Wort „Girl“ enthalten, das für die Coverversionen allerdings durch „Nerd“ ersetzt werden soll. Die Möglichkeiten sind schier unendlich, bleiben jedoch in Ermangelung musizierfähiger Mitstreiter ungenutzt. Dieser traurige Umstand hält mich allerdings nicht davon ab, eine vorläufige Titelliste zu erstellen:

1. Nerds just want to have fun (eignet sich auch hervorragend für ein an das Lauper-Original angelehnte Video, in dem meine Freunde und ich ausgelassen durch die Wohnung tanzen, während wir nebenbei echten Nerdbeschäftigungen nachgehen: Magic-Decks bauen, Shadowrun-Charaktere min-maxen, Comicsammlungen chronologisch ordnen, Summer Glau googlestalken und und und ...)
2. Uptown Nerd (der mit der meisten Kniste und den wohlhabendsten Eltern; ließe sich zur Not durch West End Nerds ersetzen)
3. The Most Beautiful Nerd in the World (ich schlage mal Vin Diesel vor, der sich als D&D-Spieler geoutet hat und zudem haargenau so aussieht wie die Figur auf dem Titelbild von Ralf Königs Bullenklöten; wahlweise geht auch Leslie Winkle (Sara Gilbert) aus Big Bang Theory; oder meinethalben beide zusammen)
4. Material Nerd (zu Ehren von Bill Gates und Steve Jobs)
5. Fat Bottomed Nerds (ohne Kommentar)
6. China Nerd (China ist ein Wachstumsmarkt, wie wir allerorten hören, und das gilt doch sicherlich auch für Nerds)
7. I Kissed a Nerd (man wird ja noch träumen dürfen)
8. Bikini Nerds with Machine Guns (um auch mal etwas psychedelisch zu werden)
9. Just a Nerd (ohne jeden Zweifel ...)
10. The Nerd from Ipanema (als loungiger Ausklang, denn es wird ja angeblich bald Sommer)

Freitag, 4. Juni 2010

Vampire, die Zeit und wir

Jemandem, der für die ZEIT schreibt, ist gerade aufgefallen – man könnte sagen, mit der üblichen zeitlichen Verzögerung –, dass Vampirgeschichten in Buchform sich derzeit einer deutlich wahrnehmbaren Beliebtheit erfreuen. Es hätte vielleicht besser bei der reinen Beobachtung bleiben sollen, denn was Ursula März da eben rasch in die Tasten gehauen hat, trägt stellenweise geradezu groteske Züge.

Es beginnt schon einmal damit, dass gleich zu Beginn der Stellungnahme mal eben rasch auf eine größere Zusammenkunft von Schriftstellern und Kritikern im Hamburger Literaturhaus verwiesen werden muss, um quasi von der ersten Zeile an unmissverständlich zu verdeutlichen, wo die Frontlinien in Märzens Bücheruniversum verlaufen und was sie voneinander scheiden: Hoch von Nieder, Unterhaltung von Anspruch, Hui von Pfui.

März zitiert dann sogleich eine „produktive Unterscheidung“, die eine Teilnehmerin am genannten Festival der Hochkultur getroffen haben soll: nämlich die zwischen literarischen Moden und literarischen Trends (und auf die wir alle wahrscheinlich sehnsüchtigst gewartet haben). Zumindest in Märzens Erinnerung kommt die Anonyma zu folgendem Schluss: „Moden sind flüchtig, Trends literaturgeschichtlich gewichtiger.

Die Verwendung zweier semantisch einander so nahestehender Begriffe wie „Mode“ und „Trend“ zur sauberen Kategorienbildung bleibt von vornherein problematisch, und aus welchen Gründen die Anonyma nun ausgerechnet mit einem Trend etwas Dauerhafteres verknüpft als mit einer Mode, ist ihr ganz persönliches Geheimnis.

Über derlei Unsauberheiten ließe sich eventuell noch hinwegsehen (bzw. flüchtig hinweglesen), wenn März sich nicht bemüßigt sähe, im weiteren Verlauf des Artikels sogleich Beispiele für literarische Trends zu nennen: das Epos und den Familienroman. Ich verstehe, der Trend geht also seit ein paar Jahrtausenden zum Epos und seit einigen Jahrhunderten zum Familienroman. Klingt komisch, ist aber laut März wohl so.

Vollmundig verrät uns März anschließend, welche Eigenschaft allein ein bisserl zu wenig ist, um in den Olymp des literaturgeschichtlich Gewichtigen Zugang zu finden: „Tradition reicht allerdings nicht, um aus einer Mode einen Trend zu machen.“ Aha. Und was braucht man als Mode so, damit es irgendwann zum Trend reicht? Die Antwort sucht man in Märzens Artikel vergebens.

Was sie aber an unbekannter Stelle aufgeschnappt zu haben scheint, ist die weitverbreitete Auffassung, der Vampirroman nehme seinen Anfang mit Bram Stokers Dracula. Dies ist zwar insofern korrekt, als sich Polidoris Der Vampyr respektive Le Fanus Carmilla beim besten Willen nicht als Romane qualifizieren lassen, aber dass sie für die Entwicklung der Erzählungen über, von und mit den Blutsaugern nicht ganz unwichtig sind, ist unbestritten. Letztlich auch egal, denn März will auch gar nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart, in der „der triviale Vampirroman den derzeitigen Buchmarkt dominiert wie nichts anderes“. Öhm, ja.

Es kann ja nicht schaden, ein wenig Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, und ja, Vampire erfreuen sich dieser Tage einer beachtlichen Beliebtheit, aber dominieren triviale Vampirromane den Buchmarkt wie nichts anderes? Nein. Ganz und gar nicht. Wie ein kurzer Blick auf die Taschenbuchbestsellerliste des Spiegels auch eindrucksvoll belegt: Auf den ersten fünfundzwanzig Plätzen findet man aktuell (27.05.2010) gerade einmal die auch von März bemühte, weil offenbar unvermeidliche Stephenie Meyer mit Bis(s) zum Abendrot als Vertreterin der angeblichen „wie nichts anderes“-Dominanz. Dem Bis(s)chen stehen ein Dutzend Krimis und Thriller gegenüber. Mode? Trend? Das könnte uns vermutlich nur März selbst verraten.

Es folgen einige kurze Ausflüge und Ausführungen, die die üblichen Absonderlichkeiten enthalten, wenn der Nicht-Nerd sich in die Niederungen des Geektums begibt. Dass maximierter Horror und einbettende Handlung einander ausschließen oder das muntere Gleichbehandeln von Zombies und Vampiren. Verzeihlich, weil unterhaltsam – wie die meisten TV-Berichte über Rollenspieler, um mal einen brauchbaren Vergleich zu schaffen.

Schludrig auch im Sinne einer vernünftigen Betrachtung aus der Warte des Kulturhüters wird es dann im unteren Drittel. Erst ein paar übliche Deutungsmuster angerissen – Vampir als Ausdruck einer Gegenaufklärung, als Metapher des Raubtierkapitalismus (es fehlt nur noch der Vampir als wandelnder Phallus) –, dann brüsk abgebrochen und über Kommerz statt Kunst gejammert. Unter anderem deshalb, weil einige der betreffenden AutorInnen viel zu viel in viel zu kurzer Zeit produzieren, als das dabei etwas Betrachtenswertes dabei herumkommen könnte. Gebündelt in der steilen These, dass Literaturmoden (wir erinnern uns: die flüchtigen … äh, Trends, oder wie?) kulturgeschichtlich uninteressant wären. Logisch, drunter macht es März nicht. Da steht nicht „literaturgeschichtlich“, sondern gleich „kulturgeschichtlich“, weil es ja Gott sei Dank Menschen wie März gibt, die uns dankenswerterweise exakt vordenken, was gefälligst Teil unserer Kultur zu sein hat und was nur als widerliche saugschmerlenartige Ausstülpung am anmutigen Leib der Hochkultur mit dranhängt.

März ist selbstredend auch noch Wirtschaftsexpertin, die uns erklärt, dass bei der Vampirmode „das Angebot die Nachfrage schafft“. Damit offenbart sie sich erneut als Fürsprecherin derer, die schon immer gewusst haben, dass der Mann – oder in diesem Fall eher die Frau – auf der Straße auch noch die letzte Scheiße kauft und liest, nur weil sie sie aus dem Schaufenster der Buchhandlung heraus anspringt, anstatt mal ein ordentliches Buch in die Hand zu nehmen. Ach, es gibt Momente, in denen ich Menschen wie März um ihre einfache Weltanschauung schwerstens beneide.

Also da haben wir nun wirklich schon viel bessere Berichterstattung und Meinungsäußerung zum Thema vernommen.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Jobmöglichkeit Vergangenheitsprophet

In einem recht unterhaltsamen BILD-Artikel zum Höhepunkt der Aschewolkenkrise (AWK, nicht zu verwechseln mit AKW) stieß ich auf eine wundersame Bezeichnung: Nostradamus wird dort als „bekanntester Zukunftsprophet“ aufgeführt. Zukunftsprophet ist in semantischer Hinsicht ein echtes Highlight, da es nahelegt, dass es in Sachen zeitlicher Schwerpunktsetzung noch mindestens zwei weitere Formen des Propheten gibt.

Beginnen wir mit dem Gegenwartspropheten. Diese Gattung ist relativ weit verbreitet, weil darunter alle Menschen fallen (mich eingeschlossen), die gelegentlich dazu neigen, ihr unmittelbarst bevorstehendes oder bereits in der Durchführung befindliches Handeln entweder durch leises Murmeln zu sich selbst oder unbefangenes Herauskrakeelen an die wehrlose Zuhörerschaft ankündigen respektive kommentieren. Berühmtestes Beispiel aus der Filmgeschichte: Vincent Vega (John Travolta) aus Pulp Fiction mit seinem „Ich geh jetzt mal kacken...“. Der Wirkungskreis von Gegenwartspropheten beschränkt sich in der Regel verständlichermaßen auf das direkte Umfeld, sowohl im räumlichen Sinne als auch im Sinne des eigenen Erlebnishorizonts.

Weitaus raum/zeitgreifender verhält sich hingegen der Vergangenheitsprophet. Selbstverständlich findet man auch in dieser Gruppierung Amateure, die ihre Aktivitäten auf die eigenen zwischenmenschlichen Erfahrungen beschränken (Lieblingsverkündigungen sind „Das hätte ich dir gleich sagen können“, „Das habe ich schon immer gewusst“ und Ähnliches).

Der Profi ist selbstredend kühner und scheut keineswegs vor den großen Themen der Weltgeschichte zurück. Daten, vor denen der geübte Vergangenheitsprophet mit Anspruch warnt, sind:

22.11.2005
26.5.1994
19.12.1963
4.5.2001
8.3.2003

Die Liste kann natürlich laufend und beliebig erweitert werden. Zum Beispiel hiermit.