Montag, 31. Mai 2010

Ein Glied für Oslo

Richtig gelesen. Beziehungsweise habe ich gerade versucht, das hinlänglich bekannte akustische Phänomen nachzubilden, wie einen das eigene Unbewusste ab und zu dazu bringt, in einen unschuldigen Text eine Sauerei hineinzuhören. Mir neulich so geschehen bei „Ein kleines Lied vom Frieden“ von Katja Ebstein. Immerhin ein Verhörer mit Zotenpotenzial.

Abgeleitete Varianten sind:

Das Volksglied. (Demnächst bei der BILD, Lild, Penny oder sonstwem, der sich nicht zu schade ist, nationale Urinstinkte zu bedienen, sehr günstig zu erwerben.)
Das Kirchenglied. (In jüngster Zeit nicht gänzlich zu unrecht etwas in Verruf geraten, hat dafür aber eine verdammt lange Tradition.)
Das Kinderglied. (Durch das Kirchenglied in ständiger Gefahr.)
Das Protestglied. (Hocherhoben und vermutlich extrem stark durchblutet.)
Das Kunstglied. (Für den Fall der Fälle in vielen Nachttischschubladen zuhause.)
Das Arbeiterglied. (Etwas abgenudelt und mittlerweile oft zu kurz geraten, aber nichtsdestoweniger ein Klassiker.)
Das Tageglied. (Schwer romantisch und wird nur der Angebeteten gezeigt.)
Das Morgenglied. (Kennt jeder ... Mann.)
Das Bundeswehr- oder Soldatenglied. (Darf gern unter seinesgleichen bleiben.)

Einsendungen interessierter Leser:

Jesco:
"Ein Glied kann eine Brücke sein"
"Glieder, die die Welt nicht braucht"
"Ein Glied geht um die Welt" und
"Liebesglied"

Volker:
"Du brauchst ein Glied (das dich begleitet)"
"Und wenn ein Glied (meine Lippen verlässt)"

Freitag, 28. Mai 2010

Untoter Freitag: Roland Koch

Roland Koch hat die Absicht geäußert, sich demnächst aus der Politik zurückzuziehen (zwingend unmittelbar daran anschließende Frage für den nächsten Aufsatz: „Gibt es vielleicht doch einen Gott?“) Auch wenn es mit viel Bohei und Tralala verkündet wurde, sieht eine echte Überraschung indes anders aus. Mehr noch: Bei einer schnellen Recherche stellt sich das wenig beruhigende Gefühl ein, man könnte in einer Zeitschleife gefangen sein. Wie sonst ließe sich das hier erklären? (Man achte insbesondere auf die Bildunterschrift).

Bei näherem Hinsehen atmet man erleichtert auf: Da wurde lediglich eine aktuelle Bilderserie in einen etwas angestaubten Artikel verpflanzt. Passt trotzdem wunderbar zur demnächst angesprochenen Vergangenheits/Gegenwarts/Zukunftsprophetie.

Dennoch gilt: Solange Koch das Angekündigte nicht umgesetzt hat, gilt er für mich als politischer Untoter. Und ein Hintertürchen hat sich unser rabaukiger Posterboy ja noch offengelassen: Wenn jemand nach ihm (bzw. seiner Rückkehr) ruft, würde er sich nicht verweigern. Also sind jetzt alle am besten mucksmäuschenstill, um diesen brutalstmöglichen Rücktritt nicht zu gefährden.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Kleine (fremde) Leseprobe

Valentina Berger, eine geschätzte Autorenkollegin, die ebenfalls bei Piper ihr Unwesen treiben darf, hat gestern eine kleine Leseprobe aus ihrem Thriller online gestellt.

Wahrscheinlich nichts für Zartbesaitete, aber der Titel „Der Augenschneider“ wirkt auf derlei Gemüter voraussichtlich ohnehin abschreckend genug (es sei denn, sie erwarten sich davon ausgefallene Modetipps ...).

Freitag, 21. Mai 2010

Untoter Freitag: Geburtstagsgedanken

Anlässlich des Jahrestags meiner Fleischwerdung kontrollierte ich selbstverliebt unlängst die Wikipedia-Einträge zum 20. Mai. Grund: Ich wollte erfahren, wer denn noch so alles an diesem Tag das Licht der Welt erblickte und wie ich zu den betreffenden Personen stehe. Ein gar spaßiger Zeitvertreib für ganz, ganz wenig Geld.

- Pietro Bembo (*1570). Italienischer Humanist und Kardinal. Finde mich insofern in ihm wieder, dass ich auch gern mal einen Sprachenstreit entscheiden würde. Wie anders sähe die Welt aus, wenn mein heimatlicher Dialekt – das klangschöne Pälzisch – doch überall gesprochen würde...

- Andreas Schlüter (*1659). Preußischer Architekt und Bildhauer. Der „Designer“ des Bernsteinzimmers (in gepflegtem Zustand, nur in gute Hände abzugeben, Interessenten bitte melden). Berührungspunkte mit mir: Hang zu großangelegten Projekten (zum Beispiel ein Hundertmeterturm mit Glockenspiel), die leider auf Sand gebaut sind ...

- Honoré de Balzac (*1799). Berührungspunkte: Ich trinke auch liebend gern Kaffee (zwar noch nicht ganz kannenweise, aber ich arbeite daran).

- John Stuart Mill (*1806). Vorzeigeliberaler, der den schönen Begriff der Dystopie prägte.

- James Stewart (*1908). Die Voyeur-Rolle in Das Fenster zum Hof hätte ich auch lustvoll übernommen.

- Mosche Dajan (*1915). Augenklappen stehen mir leider nicht.

- Wolfgang Borchert (*1921). Viel zu jung gestorben, daher bedauerlicherweise viel zu wenig Werk.

- Franz Steinkühler (*1937). Dieser Gewerkschaftsführer ist wahrscheinlich mitverantwortlich, dass ich so oft etwas über Metaler auf den Straßen zu lesen glaube, bis ich feststelle, dass es sich um Metaller handelt, und ich die Kutte wieder in den Schrank lege.

- Al Bano (*1943). In einer früheren, unschuldigeren Lebensphase (als in Deutschland gerade ein heftiges Italoschlagerfieber grassierte) dachte ich, er hieße Albano Power – übrigens guter Pornodarstellername, das – weil er mit seiner Frau Romina Power durch die Lande zog und Quasselstrippe Dieter Thomas Heck die beiden so schnell ansagte, dass Vor- und Nachnamen in meinem kindlichen Ohr verschmolzen. Berührungspunkte: Hang zu Schnulzen.

- Joe Cocker (*1944). Ich singe auch ab und zu, wenn ich betrunken bin. Nur nicht so gut. Dafür kann ich minimal besser tanzen...

- Cher (*1946). Plane fest ein, mir demnächst auch Teile der störenden Hüftknochen und zwei, drei Rippchen operativ entfernen zu lassen, damit ich besser ins Korsett passe.

- Sky du Mont (*1947). Berührungspunkte: Lebe ebenfalls mit einer wesentlich jüngeren Frau zusammen, würde vermutlich allerdings nie Wahlwerbung für die FDP machen.

- Gerd Rubenbauer (*1948). Berührungspunkte: Fußball, was sonst? (Bin inzwischen ziemlich gut darin geworden Bela Rethy bei Live-Übertragungen zu channeln – Sie wissen schon: „Eine Viertelstunde ist gespielt – Zeit für ein erstes Fazit“ und so).

- Roger Milla (*1952). Berührungspunkte: siehe Gerd Rubenbauer.

- Christiane F. (*1962). Ob ich mir jetzt Gedanken machen sollte?

- Timothy Olyphant (*1968). Bin ebenfalls Westernfreund und würde einen Auftritt als Hitman auch nicht ausschlagen.

- Louis Theroux (*1970). Wer noch nichts von seinen Weird Weekends gesehen hat, hat definitiv was verpasst. Berührungspunkte: Interesse an Subkulturen.

- Busta Rhymes (*1972). Wahnsinn in Noten – auch ein sympathischer Geburtstagsvetter.

- Kaya Yanar (*1973). Berührungspunkte: Migrationshintergrund (das Leben als Pfälzer in Hamburg ist nicht leicht).

Komme zu dem befriedigenden Schluss, dass ich mich in überwiegend guter Gesellschaft befinde.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Eiskalter Mittwoch: The Men Who Stare at Goats

Wem Kalte Krieger gefallen hat, wird wahrscheinlich seine helle Freude an diesem Film (und an dem Buch, auf dem der Streifen basiert) haben. Die Handlung ist rasch zusammengefasst: Junger Journalist mit gebrochenem Herzen (Ewan McGregor) will dringend im Irak die Story seines Lebens finden und stößt auf einen Ex-Supersoldaten in geheimer Mission (George Clooney). Man erfährt einiges darüber, für welchen Schmumpitz das US-Militär so alles ordentlich Kniste rausrückt, solange man dem ganzen nur irgendwie einen Anstrich verpasst, der auf militärische Ausbeutbarkeit hindeutet. Quasi ein Buddy-Movie der durchgeknallten Art.

Herausragende Sequenzen:
- Supersoldat Clooney erklärt ausgerechnet McGregor, was ein „jedi warrior“ ist.

- Der Journalist lernt, wie ein waschechtes „psychic disincentive“ aussieht, mit dessen Hilfe man einen Gegner allein mithilfe der eigenen Gedankenkraft davon abhält, einen Angriff zu starten (und ja, es wird blutig).

- Jeff Bridges Reise als erleuchteter Army-Schamane durch die Hippiebewegung.

Nicht immer brüllend komisch, aber durchaus sehenswert.

Dienstag, 18. Mai 2010

Haben wir es nicht schon immer gewusst?

Dieser Artikel bestätigt einen Verdacht, den der eine oder andere von uns sicherlich schon länger gehegt hat. Da es bis zur Einführung des Schnelltests für Neandertalergene leider noch eine Weile dauern wird, schlage ich hier einige Leute vor, bei denen ich mir relativ sicher bin, dass die Probe positiv ausfallen würde (wir erinnern uns an die prägnanten Merkmale langer Schädel, dominanter Kiefer, markante Augenwülste):

- Ron Pearlman. Wenn nicht er, wer sonst?
- Michael Ballack. Das erklärt das Freistoßtor gegen Österreich bei der letzten EM (ist nur mit waschechter Neandertalpower zu schießen).
- Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Könnte glatt ein verschollener Bruder von Ron Pearlman sein.
- Monika Bleibtreu. Wer hat gesagt, dass Neandertalerinnen unansehnlich gewesen sein müssen? Außerdem zeigt sich das Erbe auch deutlich an ihrem Sprößling Moritz.

[Kleiner Exkurs: Die Wissenschaft hat sich lange mit der Frage herumgequält, wo unsere lieben Verwandten abgeblieben sind. Aufgrund bislang fehlender Beweise in Sachen Genmaterial kursierte auch die These, der Cro-Magnon-Mensch hätte seinen pelzigeren Vetter aufgefressen. Im Einzelfall natürlich nicht auszuschließen, aber die Eierköpfe hätten sich nur auf die Weisheiten des Metal verlassen müssen. Wie heißt es da so schön? If you can’t eat it or fuck it, then kill it. Option 2 wurde anscheinend auch dankbar in Anspruch genommen, wie mir deucht.]

Montag, 17. Mai 2010

Fratzenbuch und ich

Bislang habe ich mich beharrlich geweigert, mir auf Facebook eine eigene Kuschelecke bezüglich meiner Schreiberei einzurichten. Meine Ablehnung hing in erster Linie damit zusammen, dass mir die Sache mit dem Anheuern von Fans etwas suspekt war. Warum nun also der Sinneswandel, dessen Ergebnis man hier begutachten kann?

Die Fans sind schuld. Genauer gesagt, exakt eine ausgemachte Zombie-Freundin, die mich angeschrieben und darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie ihre Vorlieben und Interessengebiete vorrangig über das Fratzenbuch beackert. Da soll mal noch jemand behaupten, eine Einzelmeinung zähle in unserer schnelllebigen Zeit nichts mehr …

(P.S. Den Kollegen Witzko und Finn sei zugleich für ein ordentliches Kopfwaschen in diesem Zusammenhang gedankt, das ebenfalls dazu beigetragen hat, erste Risse im Granitblock meiner vorgefertigten Ansichten entstehen zu lassen.)

Freitag, 14. Mai 2010

Untoter Freitag: Gordon Brown

(Moops-Preskriptum: So sieht es übrigens aus, wenn man auf Reisen vom Zeitgeschehen eingeholt wird:)

Hach, was sind die Briten doch putzig! Die Zahl ihrer liebenswerten Marotten ist bekanntlich groß: auf der falschen Straßenseite fahren, zu Amüsementzwecken eine Monarchie unterhalten, Schuluniformen, strenge Internatserziehung oder auch mal an einer Orange als Gagball-Ersatz ersticken.

Womit wir auch schon beim Thema Politik wären: Dort entfaltet sich der Hang des Briten zur Exzentrik in voller Pracht. Besonders schön konnte man das bei der Wahlberichterstattung letzte Woche beobachten: Da wird um jeden einzelnen Wahlkreis ein Spektakel veranstaltet, das ich in vergleichbaren deutschen Sendungen ernsthaft vermisse.

Der jeweilige örtliche Wahlleiter tritt gemeinsam mit den Direktkandidaten (andere hat’s ja nun in England zugegebenermaßen nicht) in einer Mehrzweckhalle von meist beachtlichem provinziellem Charme auf eine kleine Bühne und verkündet live – unter Jubel- bzw. Buhrufen – das einzelstimmengenaue Ergebnis der Auszählung (die verglichen mit den Bedingungen hierzulande allerdings im Schneckentempo vorangeht). Ich will das in Zukunft bitteschön auch in der Bundesrepublik sehen. Warum wurde mir im September letzten Jahres bitte nicht in angemessener Weise präsentiert, wie sich Gabriele Lösekrug-Möller (ein Hoch auf den Doppelnamen!) im Wahlkreis Hameln-Pyrmont-Holzminden gegen die Konkurrenz durchsetzte? Weshalb wurde darauf verzichtet, zu zeigen, wie sich Gerd Müller im Oberallgäu darüber freute, seinem Namensvetter alle Ehre gemacht zu haben, und den Sozen in bester Bombermanier demonstriert hat, wo der Bajuware das Weißbier holt?

Doch zurück auf die Britischen Inseln: Da man dort an einem Mehrheitswahlrecht festhält, das in der Theorie und oftmals auch in der Praxis im lästigen Kuddelmuddel der Massendemokratie „klare Verhältnisse schafft“ (eigentlich eine urdeutsche Spezialität und Grundvorrausetzung des von Angela Merkel mehrfach angekündigten, bislang indes eher sparsam umgesetzten Durchregierens), ist man Koalitionen als Brite eher nicht gewöhnt. Schade, dass nun doch ein gefürchtetes „hung parliament“ herausgekommen ist (wortwörtlich genommen eigentlich eine Vorstellung nicht ganz ohne Reiz; an Laternenmasten besteht doch trotz der Krise hoffentlich noch kein Mangel bei unseren Freunden jenseits des Ärmelkanals, oder?).

Da ich selbst einige Male das ausgesprochen große Vergnügen hatte, mich als Wahlhelfer betätigen zu dürfen, nehmen mich allerdings einige der gemeldeten Vorfälle Wunder: Vielerorts wurde Wahlwilligen Punkt 22 Uhr die Wahllokaltür vor der Nase zugeschlagen (rein protokollarisch gewiss korrekt, angesichts der scheinbaren Überforderung der Wahlhelfer im Vorlauf allerdings trotzdem mit einem gewissen Geschmäckle behaftet), anderswo verschwanden Hunderte per Briefwahl eingereichter Stimmzettel und hier und da sind sogar – wegen des unerwartet großen Andrangs – die Wahlzettel ausgegangen. Tja, das nennt sich kapitalistische Ellenbogengesellschaft, Baby. Wer zuerst kommt, malt zuerst (sein Kreuzchen), und wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht. Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die Nachfrage bestimmt das Angebot – wer dieses Mal leer ausgegangen ist, hat ja vielleicht beim nächsten Anlauf Glück.

Es könnte ja bald wieder so weit sein. Gordon Brown hat dank der Tücken der britischen Verfassung die Möglichkeit, zum politischen Zombie zu werden und sich quasi untot nochmal so richtig ins Zeug zu legen: Als amtierender Premierminister hat er das Recht, den Versuch zu unternehmen, eine eigene Regierung zu bilden – was natürlich angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht ganz leicht wird, aber man hat ja schon Pferde kotzen sehen (vor der Apotheke, im langen Strahl). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Briten schon baldigst zum nächsten Urnengang aufgerufen werden. Ich biete mich gerne als Unterstützer vor Ort an, damit die Show etwas reibungsloser über die Bühne gehen kann (man weiß doch: am deutschen Wesen soll die Welt genesen). Denn mal ehrlich: Man macht sich schon ein bisserl unglaubwürdig, wenn man Demokratie unter Einsatz von Waffengewalt zum Exportschlager mutieren lassen möchte und es dann zuhause nicht mal selbst so richtig hinkriegt.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Piratenromantik

Die letzte Bundestagswahl liegt nun so weit zurück, dass ich glaube, mich zu meinen Erlebnissen mit der Piratenpartei äußern zu dürfen, ohne in den Ruf zu geraten, hier irgendwelche Empfehlungen zum Wahlverhalten aussprechen zu wollen.

Aber von Anfang an:
Wie viele Menschen bin ich nicht dagegen gefeit, dem Underdog oder dem Paradiesvogel rational nicht näher begründete Sympathien entgegenzubringen. So auch gegenüber der Piratenpartei. Weshalb sich diese Sympathien nicht in eine Stimme ummünzen ließen, hatte aber nach einer näheren Auseinandersetzung mit den Piraten dann durchaus seine Gründe:

1. Das Durchforsten des Forums der Piraten förderte einige Aussagen zutage, die mir die Haare zu Berge stehen ließen (macht sich vielleicht fein als Piratenfrisur, aber ich habe meine persönlichen Haarexperimente seit einiger Zeit hinter mir).
Nun will ich gerne einräumen, dass man im öffentlichen Forum einer Partei nicht nur auf Äußerungen tatsächlicher Parteiangehöriger trifft, aber ich unterstelle dreist, dass die Zahl der Sympathisanten dort in der Regel größer ist als die der Kritiker und Trolle. Folglich ist es als Mittel zur Erhebung eines allgemeinen Stimmungsbildes nicht ungeeignet. Die Aussagen bezogen sich neben einigem Unsinn zum Thema Urheberrecht auf für mich so spannende Themen wie Homosexualität und Gleichberechtigung. Dabei drängte sich mir der Verdacht auf, dass die Piraten – angesichts ihrer Wurzeln eigentlich nicht weiter verwunderlich – eine Partei sind, die mehrheitlich einem bedenklich naiven, quasi-naturwissenschaftlich geprägten Weltbild anhängen. Will meinen, die Piraten sind bei allem, vorrangig auf unteren Ebenen propagierten Bekenntnissen zum Dagegensein letztlich auf der Suche nach absoluten Wahrheiten. Ein schwieriges Konzept...

2. Die Piraten konnten für mich (bislang?) noch kein überzeugendes Modell entwickeln, wie sich die von ihnen beschworene Wissens- und Informationsgesellschaft letztlich manifestieren soll und was man sich darunter genau vorzustellen hat. Anders formuliert: Ich erkenne in ihren Vorschlägen kein klares Bild dieser veränderten Gesellschaft. Nun wurde mir in entsprechenden Diskussionen entgegengehalten, dies wäre in den Anfängen der grünen Bewegung auch nicht anders gewesen. War es aus meiner Warte allerdings schon: Hinter einer „Gesellschaft ohne Polizei und Militär“ steht ein eventuell nicht minder naiver, aber immerhin nachvollziehbarer Entwurf.

3. Beim Besuch einer örtlichen Piratenveranstaltung fühlte ich mich in schlimmste Schülerparlamentzeiten zurückversetzt. Interessierte Fragen aus dem zahlreich vorhandenen Publikum nach konkreten Informationen wurden in der Regel mit „steht im Wiki“ oder „schreiben wir noch ins Wiki“ beantwortet. Wozu finde ich mich dann überhaupt noch körperlich irgendwo ein, wenn alles in den virtuellen Raum verlagert wird?

4. Entgegen aller Beteuerungen keine Spaßpartei zu sein, sind Äußerungen eines hochrangigen Landeslistenkandidaten wie „Ich will nicht auf die offizielle Wahlparty ins Rathaus, weil es da bestimmt langweilig wird; ich will lieber in der Disse mit euch anderen feiern“ nicht dazu geeignet, einen neutralen Zuhörer von der Absicht zu überzeugen, man wolle ernsthaft politische Gremienarbeit betreiben. Meinem Wissen nach sind dort nämlich laute Musik und ausgelassene Stimmung eher eine Seltenheit. Ganz schlimm wird es schließlich, wenn man eine potenziell piratenaffine junge Dame, die selbiges kritisch anmerkt, mit Murren und Knurren bedenkt und sie als Spielverderberin abstempelt.

5. Die Beteuerung der Piraten, Künstler und Kreative unbedingt mit ins Boot holen zu wollen, mutet angesichts der teils abenteuerlichen Einstellungen zum Urheberrecht regelrecht bizarr an. Wer den Gedanken eines geistigen Eigentums prinzipiell ablehnt, ist als Interessensvertreter für die KuKs von vornherein eher ungeeignet. Da hilft es auch nicht, wenn Frank Schirrmacher von der FAZ in diesem Zusammenhang dem Oberpiraten auch noch das Prädikat „Intellektueller von Format“ ausstellt.

Tja, und deshalb nutzte letzten Endes auch der Underdog/Paradiesvogel-Effekt nichts. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn sich die Piraten ausgetobt und die Kopftücher abgestoßen haben...

Montag, 10. Mai 2010

Eine Dosis Aufregung am Morgen gefällig?

Wulf Schmiese liefert zuverlässig. Schmiese ist beim ZDF-Morgenmagazin der Ersatz für Cherno Jobatey, und wo der eine oder andere womöglich schon dachte, es gäbe Anlass zur Freude über diesen Wechsel, da der immerhin an der nicht ganz unrenommierten Henri-Nannen-Schule ausgebildete Journalist dem Mainzer Frühstücksfernsehen etwas mehr politisches Gewicht verleihen sollte, so lässt sich nun leider feststellen: Wulf Schmiese ist eine grandiose Fehlbesetzung.

Dass er keine Erfahrung als Moderator einer Livesendung vorzuweisen hat? Geschenkt.

Dass er dank seiner hölzernen Bewegungen an Pinocchio erinnert und man ernsthaft darum bangen muss, ob sein vermutlicher Traum, irgendwann einmal ein richtiger Junge zu werden, Wirklichkeit wird? Verziehen.

Dass er dem staunenden Publikum ab und an einen Kopfwackler präsentiert, wie ihn Edmund Stoiber nicht sauberer über den Hemdkragen gezittert hätte? Macht nichts.

Was Schmiese so unerträglich wirken lässt, sind die Verdachtsmomente, die sich unwillkürlich einschleichen, wenn man ihn in seinem neuen Job beobachtet. Schmiese wirkt wie der Typ besserwisserischer Streber, der einem früher in die Schule schon auf die Nüsse ging, weil er den Arm zum Melden nie runterbekam und noch dazu heftigst unter der Bank schnippte. Und wie vielen dieser Typen fehlt ihm scheinbar die nötige Empathie, um zu bemerken, dass es genau dieses Verhalten ist, das zwangsläufig dazu führt, dass sich auf dem Pausenhof niemand mit ihm blicken lassen will.

Gegen einen gesunden Ehrgeiz ist an sich ja nichts einzuwenden ("denn Leistung muss sich wieder lohnen", behaupten gewisse Damen und -Herren von der Wespen-Koalition), aber wenn Schmiese wahlweise die Klischeeabspulmaschine einschaltet oder – ganz investigativer Journalist – mit der Zartfühligkeit einer Dampfwalze eine gefährliche Expedition ins Seelenleben seiner Interviewpartner wagt, schwankt man zwischen Fremdschämen und gerechtem Zorn. Also ich zumindest. Und zwar nicht zuletzt deshalb, weil ich einmal vor Urzeiten gelernt habe, dass der gute Konservative doch angeblich Wert auf Tugenden wie Anstand und Respekt im Umgang mit anderen legt. Beides lässt Schmiese bisweilen schmerzlich vermissen (und kann dagegen nicht mal den aufgebrauchten Tapsigkeits- und Turnschuhträgerbonus von Herrn Jobatey in die Waagschale werfen).

Zum langsamen Einstieg hier das Duell Pofalla-Schmiese zum sensiblen und emotional aufgeladenen Thema Afghanistaneinsatz. Es gewährt einen versteckten Einblick, wie Schmiese sich eine Meinungsbildung im Volk so vorstellt, nämlich in der Frage an Pofalla, wie die CDU verhindern will, dass das Hindukuschabenteuer und die daraus erwartbaren Folgen (vulgo: Soldaten, die ihr Leben verlieren, weil sie von den politischen Entscheidungsträgern in einen Einsatz geschickt wurden, dessen Ziele offenkundig selbst besagten Auftraggebern nach wie vor schleierhaft sind) Wahlkampfthema in NRW werden. Denn bekanntlich sind Parteien ja dazu da, laufende Diskussionen des Wahlviehs zu ignorieren oder sich wenigstens eine moralische Deutungshoheit über strittige Fragen anzupappen, damit der Pöbel gefälligst das ungewaschene Maul hält.

Ähnlich lustig der Auftakt zum Interview mit Survival-Methusalem Rüdiger Nehberg. Abgesehen davon, dass Schmiese als ehemaliger Nordamerikanist unbedingt und ungefragt eine eigenwillige Übersetzung des Titels der unlängst erschienenen Nehberg-Biographie Sir Vival („Herr des Lebens“) loswerden muss, betont er selbstverständlich eines: den Umstand, dass Nehbergs legendäre Deutschlanddurchwanderung in den Achtzigern dankenswerterweise ohne Betteln und Schnorren von sich ging. (Ich vermute, dass Herr Schmiese mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt, und sich daher um halb fünf morgens ständig mit zwielichtigen Gestalten ohne festen Wohnsitz herumschlagen muss, bis er endlich die rettende Redaktion erreicht hat.) Auch der Kommentar, Nehbergs Einsatz für die durch Goldschürfer bedrohten Stämme der Amazonasregion, sei „im weitesten oder auch im engeren Sinne“ oder auch quasi irgendwie in irgendeinem Sinne als politisches Engagement zu verstehen, hat in seiner Unbeholfenheit etwas wahrlich Groteskes. Geradezu hilflos erscheint Schmiese spätestens dann, als Rüdiger Nehberg frecherweise darauf beharrt, lieber über seine Projekte gegen Genitalverstümmelung an Frauen reden zu wollen, anstatt die wesentlich niveauvollere Auskunft zu geben, ob er denn auch mal ganz privat so in Schleswig-Holstein Spinnen, Insekten, Frösche oder Mäuse isst, wenn in der Speisekammer gähnende Leere herrscht.

Ein wahres Feuerwerk brennt Schmiese in seiner Begegnung mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ab. Das Drama hat zwei Teile (hier und hier). An dieser Stelle näher ins Detail zu gehen verbietet sich aus Pietätsgründen. Vielleicht nur so viel: Selten ein eindrucksvolleres zeitgeschichtliches Dokument gesehen, wie ein Silberrücken einen jungen Hüpfer abwatscht.

Einige schöne Momente bietet auch dieses Interview mit Ex-Bundesgesundheitsministerin Renate Schmidt. Besonderes Highlight: Schmieses Darstellung des Kondoms als ähnlich sicheres Verhütungsmittel wie die Pille. Leider fehlt die Anmoderation, in der Schmiese den Zuschauer moralinsauer dazu aufruft, doch einmal näher über die Bedeutung des Begriffs „Anti-Baby-Pille“ nachzudenken. Sorry, Wulf, aber Ficken-ohne-Angst-Tablette wäre im damals herrschenden gesellschaftlichen Klima wahrscheinlich nicht durchzusetzen gewesen.

O Cherno, wo bist du, wenn man dich (ausnahmsweise) mal wirklich braucht?