Freitag, 26. Februar 2010

Untoter Freitag: Resident Evil & Dead Rising

Heute möchte ich mich mal einem Bereich widmen, den ich bislang sträflich vernachlässigt habe, obwohl Zombies dort schon recht lange ihr Unwesen treiben: Die Rede ist vom Videospiel.

Es steht zu befürchten, dass mehr Menschen die Verfilmungen zu Resident Evil als die Vorlage selbst gesehen haben. Das ist insofern bedauerlich, als die drei Streifen den Wahnwitz der Videospielreihe nur sehr bedingt eingefangen haben (richtig wahnwitzig kam mir persönlich im ersten Film nur die Größe der Brustwarzen von Milla Jovovich vor, doch das nur am Rande). Andererseits ist es auch irgendwie unfair, dem Medium Film vorzuwerfen, es scheitere daran, das Gefühl eines Survival Horror-Spiels für einen Zuschauer nachzuzeichnen, der brav in seinem Sessel sitzt, Popcorn mampft, mit Eiskonfekt herumkleckert und zwischendurch eben noch schnell einen total dringenden Handyanruf seines Kumpels in Empfang nehmen muss.

Seit dem Erscheinen des ersten Teils der Reihe 1996 ist kaum ein Jahr verstrichen, in dem nicht ein Spiel auf den Markt gekommen wäre, das den Kampf gegen die üblen Machenschaften der fiesen Umbrella Corporation zum Inhalt hat. Besagter Konzern hat an etwas geforscht, was immer in die Hose gehen muss: der Entwicklung von Supersoldaten. Die dafür angestellten Genexperimente sind leider ein klitzekleines bisschen außer Kontrolle geraten und liefern anstelle der gewünschten Krieger für das Schlachtfeld von morgen allerlei zombieartige Monsterkreaturen. Einen weiteren Versuch, die Handlung der verschiedenen Teile zusammenzufassen, erspare ich uns allen. Vielleicht nur so viel: Moderne japanische Erzähltraditionen pfeifen offensichtlich auf derlei banale Dinge wie eine mühelos nachvollziehbare Chronologie und setzen lieber auf einen wirren Knoten aus Prequels, leicht zeitversetzt zu anderen Teilen ablaufenden Sequels, Sprüngen zu Nebenhandlungsschauplätzen und vielen anderen Techniken mehr, die einem leicht die Birne platzen lassen, wenn man an sie mit starren, westlichen Erwartungshaltungen herangeht. Da ist es ein echter Hoffnungsschimmer, dass man für Resident Evil 6 über einen kompletten Franchise-Reboot nachdenkt.

Gleichzeitig ist es aber auch diese Unübersichtlichkeit, die einen großen Reiz ausübt, denn mit etwas Abstand betrachtet handelt es sich bei Resident Evil eigentlich um eine Art Zombie-Survival-Horror-Soap, bei der das handelnde Personal sich mittlerweile aus guten alten Bekannten und gelegentlichen Neueinsteigern zusammensetzt, die eine Weile herumspuken und dann wieder verschwinden, wenn die Fans sie allzu doof finden (ja, wie bei GZSZ oder in der Lindenstraße eben).

Meine persönlichen Highlights in Resident Evil sind und bleiben allerdings unangefochten die Zombie-Dobermänner, die immer wieder auftauchen – jawohl, ich bin ein Hundefreund!

Zu den frühen Veröffentlichungen für die Xbox 360 zählt ein Spiel, das insgesamt sehr viel zugänglicher daherkommt als die Resident Evil-Reihe: Dead Rising. In Deutschland ist das Teil übrigens einer Beschlagnahmung durch die Staatsgewalt zum Opfer gefallen und darf weder verkauft noch beworben werden, der Privatgebrauch sowie -besitz ist allerdings nach wie vor legal. Selbstverständlich ist das Spiel, bei dem man einen Fotojournalisten durch ein von Zombies überranntes Einkaufszentrum steuert, an vielen Stellen ein einziger Gewaltexzess, doch ich vermute, dass sich die Empörung der Zensurorgane nicht ausschließlich an Kettensägenschnetzeleien und Ähnlichem entzündet hat. Das menschenverachtendste Instrument, das einem als Spieler zur Verfügung steht, ist vielmehr die Kamera der Hauptfigur: Schnappschüsse werden nämlich belohnt – und je drastischer oder erschütternder die eingefangene Szene, desto größer fällt in der Regel die Belohnung aus. Als wohlmeinender Medientheoretiker könnte man das als bitterbösen Seitenhieb auf das grundsätzlich gegebene voyeuristische Element einer jeden audiovisuellen Katastrophenberichterstattung verstehen – man kann es natürlich genauso gut schlicht geschmacklos finden (wobei es selbstverständlich zu begrüßen wäre, wenn sich jeder mündige Bürger darüber selbst anhand eigener Erfahrungen mit dem Stein des Anstoßes ein Urteil bilden dürfte, wenn ihm danach ist).

Montag, 22. Februar 2010

Zwischenmeldungen

Da ich momentan ein klitzekleines bisschen im Stress bin, verweise ich heute mal nur auf diesen Blog, wo sich die bezaubernde Frau Bottlinger einer Problemstellung widmet, an der ich mich an dieser Stelle auch bereits mehrfach abgearbeitet habe.

Nicht minder diskussionswürdig ist die hier aufgestellte Behauptung, Vampire wären die neuen Pferde. Klingt komisch, ist aber womöglich so.

Ansonsten bin ich frustriert, dass das alte Arschloch Winter immer noch nicht geschnallt hat, wie es mit seinem monatelangen Ausharren in meinen heimischen Gefilden meine Engelsgeduld nach und nach dann doch überstrapaziert. Wie soll man bitte bei diesen Temperaturen anständig spätrömischer Dekadenz frönen? Meine Sklaven sind bei Frost einfach nicht so geschmeidig, wie ich das von ihnen bei freundlicheren Temperaturen gewohnt bin, und die Löwen kriegt man bei dem Wetter auch nicht in die Arena ...

Freitag, 19. Februar 2010

Untoter Freitag: The Walking Dead & Marvel Zombies

2003 erschien bei Image die erste Ausgabe einer Comicreihe, die sich inzwischen zum definitiven Zombiecomic überhaupt gemausert hat: The Walking Dead von Robert Kirkman (Text) und Tony Moore (Bild). Daran hat auch der frühe Ausstieg von Moore (er lieferte allerdings noch Cover bis Band 24) nicht das Geringste geändert. Warum?

The Walking Dead macht das, was jede gelungene Darstellung einer Zombiekalypse macht: Sie stellt mehr oder minder gewöhnliche Menschen in den Mittelpunkt der Handlung und treibt die armen Leutchen von einem moralischen Dilemma ins nächste. Splattereinlagen kommen allerdings auch in The Walking Dead nicht zu kurz, und Kirkmans Umgang mit seinen Figuren als grausam und unerbittlich zu beschreiben, wäre sogar noch tiefgestapelt. Da wird verstümmelt, gefoltert, gemordet, vergewaltigt und so weiter und so fort – er greift dabei das klassische Genremotiv auf, das das, was Menschen Menschen in Extremsituationen antun, verglichen mit dem, was die Zombies mit ihrer Beute anstellen, beinahe gnädig erscheint.

Wo wir gerade bei klassischen Elementen sind: Kirkman ist nach eigenem Bekunden stark von Romero inspiriert, was nun auch beim besten Willen nicht zu übersehen ist. Das fängt damit an, dass wir es mit einem Comic in Schwarzweiß zu tun haben, und reicht bis zum Verhalten der Zombies, die hier recht langsam durch die Gegend schlurfen.

Dass der Ausgangspunkt des Plots nahezu deckungsgleich den Einstieg von 28 Days Later abbildet – der Protagonist verpennt im Koma den Ausbruch der Zombieseuche –, tut dem Vergnügen keinerlei Abbruch, weil Kirkman die Handlung in einem angenehmen Tempo vorantreibt und seine Opfer von einer vermeintlich sicheren Zuflucht in die nächste führt, die sich dann – wie nicht anders zu erwarten – als Hort noch größeren Unglücks erweist.

Die immense Popularität von The Walking Dead (das uns wahrscheinlich demnächst auch als TV-Adaption ins Haus steht, ausgestrahlt bei AMC, dem Sender, der uns das fulminante Mad Men beschert hat) resultierte schließlich darin, dass sich auch der US-Branchenprimus Marvel daran versuchte, Zombies für sich nutzbar zu machen. Die verwendete Formel ist an sich keine Überraschung: Man mixe einfach Zombies mit Superhelden und fertig ist das Ding (wofür Kirkman ebenfalls den Plot beisteuerte). Bedauerlicherweise hat mich Marvel Zombies nie so richtig überzeugen können, was zum einen daran liegt, dass die zombifizierten Helden und Schurken aus einer der zahlreichen Neben/Parallel/Abspaltungswelten im weitverzweigten Marvel-Universum stammen und mir ihr Schicksal aus ebendiesem Grund – pardon – absolut am Arsch vorbeigeht. Zum anderen stumpft man gegenüber dem Reiz, mal einen Zombie-Spidey oder Hulk zu sehen, dann doch erstaunlich schnell ab, unter anderem auch deshalb, weil Kirkman sich bei mir schwer tat irgendwelche Sympathien für seine immerhungrigen und in weiten Teilen vernunftbegabten Zombies zu erzeugen (dass er das Superheldenhandwerk eigentlich dennoch draufhat, belegt meines Erachtens seine tadellose Arbeit an den Ultimate X-Men). Da hilft auch das Crossover mit Army of Darkness und der mittlerweile vollzogene Autorenwechsel nichts: Mir schmecken die Marvel-Zombies einfach ein wenig zu fad. Schade drum, weil ich sowohl Superhelden als auch Zombies als waschechter Geeks natürlich beide gleichermaßen sklavisch verehre. Nun ja, vielleicht klappt’s ja im nächsten Versuch...

Donnerstag, 18. Februar 2010

Überraschende Entwicklung: Vampire leiden unter Vagina-Allergie

Gut, das ist eine an sich unbotmäßige Übertreibung. Trotzdem bleibt es verdammt lustig, dass Edward Cullen-Darsteller Robert Pattinson im US-Magazin Details die verhängnisvollen Sätze fallen lässt, er hasse Vaginen/Vaginae/Vaginas (wählen Sie bitte den Plural, der für Sie den höchsten erotischen Reiz ausübt bzw. bei Ihnen die größte Abscheu hervorruft) und leide sogar unter einer Vagina-Allergie. Weiterhin wäre es in der daraufhin losbrechenden Panikberichterstattung einigermaßen fair gewesen, auf die Umstände hinzudeuten, unter denen sich Robward zu diesen Äußerungen versteigerte: Er war mit dem Interviewer saufen und hatte angeblich schon vier Bier im Kopf. Theorien zum Prinzip „Bierschwul“ verkneife ich mir ausnahmsweise, sondern ergötze mich lieber an dem Umstand, dass mir Pattinson beim ersten Auftritt als Edward in Twilight dank seiner markanten Augenbrauen wie eine sexy Version von Bert aus der Sesamstraße erschien (noch dazu mit tollem Haar). Und dass Ernie und Bert sich mehr als nur die Wohnung teilen, dürfte dem aufmerksamen Sesamstraßenzuschauer schon lange aufgefallen sein. Insofern vervollständigt sich hier nur langsam, aber stetig ein Indizienmosaik.

Spaßige Nebenbemerkung am Rande: Auf den Britischen Inseln finden sich an vereinzelten Gebäuden kleine Reliefs von Frauenfiguren, die ihre übertrieben groß dargestellte Vulva spreizen (an dieser Stelle lohnt es sich auch, eines der gelungeneren Bilder aus Charlotte Roches Feuchtgebiete anzubringen, wo die Rede davon ist, dass die Hauptfigur des Romans ihre inneren Schamlippen gern so weit auseinanderzieht, bis sie aussehen wie Fledermausflügel). Die Reliefdamen heißen Sheela-na-gigs, und eine der Annahmen zu ihrem Sinn und Zweck besagt, sie dienten zur Abwehr böser Geister. Diejenigen Mädels, die also wider Erwarten keinen Bock darauf haben, sich von einem Blutsauger mal ordentlich aussaugen zu lassen, haben also zum Glück stets ein probates Mittel dabei, derartige Lüstlinge verhältnismäßig unkompliziert in die Flucht zu schlagen. Ob Jungs hingegen im Fall eines Vampirinnenangriffs nur kurz mit dem Schnippi wedeln müssen, um ihre Unschuld zu bewahren – nun, dazu bedarf es leider noch ausgedehnter Feldstudien.

Dienstag, 16. Februar 2010

Remix

Angesichts der leider schon wieder etwas abebbenden Debatte über Sharing-Kultur im, über und durch das Internet und wie sich dieses unverkennbare Indiz spätrömischer Dekadenz in einer fundamental transformierten Literatur Bahn bricht wie ein Bauarbeiter im Darkroom, der uns – das kollektive Wir – stundenlang ins Maul (oder ins Ohr oder in die Augen) fickt, bis uns der Rachen (das Trommelfell bzw. die Netzhaut) schon ganz wund ist, werfe ich folgenden Beitrag in den virtuellen Raum:

2010, 23:35 Uhr
In einem schwarzgestrichenen, voll krass auf Existenzialismus und Verweigerungshaltung getrimmten Zimmer (mit Sartre-Postern und so) fläzt sich Phist (wird demnächst 18, ist aber in seiner Entwicklung echt ganz weit vorne) auf seiner Klappcouch von IKEA, ein extrem flaches Netbook auf dem Schoß.

Phist:
Ey, Alter, jetzt mal echt! Da studier ich Jura,
Philosophie im Nebenfach, brech vorm ersten Staatsexamen ab und wechsel auf Germanistik,
(und früher war ich auch mal Messdiener und bin da derbstens befummelt worden)
geb mir also das fiese Vollbildungs-Komplettprogramm bis zum Kotzen (immer schön runter mit der schwarzen Milch der Frühe, ja?),
und dann – Newsflash! – lunger ich trotzdem hier nur rum
und komm mir vor wie eine von den Schnallen aus Germany’s Next Topmodel! (Schärfer als die Realität!)
Hab nen Magister gemacht und sogar nen Doktorandenstipendium draufgepackt,
und geb jetzt quasi zum Nulltarif ein verficktes Seminar nach dem anderen –
mal über den einen Scheiß, mal über den anderen Müll – (Intertextualität, Foucault, Gender)
und spei meinen Armen Studis meine Hirnkacke in die Fresse.

Und unterm Strich kommt raus: Ich bin die Totalnull, wie alle anderen auch.
Da könnt ich glatt 'n infernoheißes Burnout von kriegen.
Okay, mal halblang, verglichen mit den anderen bin ich vielleicht doch ne mickrige Eins (die Ägypter kannten die Null nicht – wussten Sie’s?),
mit den ganzen Bachelorn und Mastern, Hegemanns und Ratzepäpsten;
Ich mein, ich zahl keine Steuern und geh auch nicht wählen (aber wenn, dann wahrscheinlich grün, trotz Kosovo),
und mein Motto is „Gott is doof“ –
Das Problem ist halt, dass da so rein funmäßig bei mir nix mehr geht (von wegen Spaßgesellschaft, ihr Hurensöhne),
weil ich immer Muffe hab, dass meine Birne leer is,
weil ich keinem was total Wahres beibringen kann (echte Werte und Originalität und Echtheit und so)
und weil ich die BonoMerkelDalaiLama-Gutmenschennummer eben auch nicht bringe.
Kohle is ebenfalls Fehlanzeige (Koks und Nutten, das wär porno!), 'n „von und zu“ hab ich nich vorzuweisen,
keine Sau kennt mich und alle halten mich irgendwie fürn Megaspack.
Ich bin voll das Opfer, ey! (Quasi wie Guido!)
Letzte Patrone gegen den alten Affen Angst: der ultimative Esoegotrip.
Mal checken, ob da was geht, als Tantramaulhure oder mit'm Buddha im Arsch,
Auf der achtspurigen Autobahn zur Erleuchtung;
Dann scheiß ich mich vielleicht nicht mehr ein,
wenn einer fragt: „Meinste das alles ernst?“.
Dann seh ich ihn vielleicht,
den Kitt der Quanten, den Pattex der Quarks (und der lässt sich auch bestimmt geil schnüffeln)
Dann seh ich den Schwanz und die Votze, die alles im Urknall angebumst haben (yeah, baby, yeah),
und bräucht mir keine Knoten in die Zunge mehr labern.

Freitag, 12. Februar 2010

Untoter Freitag: "Anti-Zombie" und "Pro-Zombie"

So, nun also zu den Ärzten. Auf ihrem Doppelalbum Geräusch liefern sie gleich zwei Tracks zum Thema Zombies ab und da wir es scheinbar mit geschulten Dialektikern zu tun haben, wird einmal für und einmal gegen die lebenden Toten Position bezogen. Ich halte mich an die auf dem Album vorgegebene Reihenfolge und beschäftige mich zunächst mit Anti-Zombie.

Tja, was soll man dazu sagen? Musikalisch geht das Stück ziemlich steil (inklusive Samples von allerhand Ballergeräuschen), und textlich ist es offenkundig der Liebe zum Trash verpflichtet. Das beginnt mit einem blitzsauberen Zitat aus der deutschen Fassung der Romero’schen Dawn of the Dead-Version: „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde“, heißt es da aus berufenem Mund (und ähnlich wie bei der Figur, die diesen Satz im Film spricht, kommt der Großvater unserer Protagonistin Lily aus Die Zombies passenderweise aus Trinidad).

Karibisches Flair sucht man ansonsten in Anti-Zombie vergebens. Was man allerdings zuhauf findet, sind die üblichen Überlebenstipps im Falle einer Zombiekalypse („Hast du keine Knarre, rate ich dir: Lauf!“, „Ziel auf den Kopf! Keine Gnade!“). Die Untoten verhalten sich hier exakt so, wie es den Erwartungen entspricht, ein Sachverhalt, der in der Zeile „Sie wandern stumpf durch die Botanik“ sehr schön eingefangen wird.

Das folgende Pro-Zombie erweist sich dann leider nicht als beherztes Parteiergreifen für den Verzehr von Hirn, sondern als typisch Urlaub’sches freies Assoziieren, das in diesem Fall von der Prämisse „Wenn ich ein Zombie wär“ ausgeht. Urlaub, bei dem es sich um einen sehr positiv denkenden Menschen zu handeln scheint, sieht im Zustand des Untods dann auch nur Vorteile, die größtenteils den Zwängen des Reimens geschuldet sind (wie etwa der Verzicht auf einen Kombi). Wenn das (Un)-Leben doch nur immer so einfach wär ...

Jedenfalls outeten sich die Ärzte mit beiden Stücken unverkennbar als Genre-Freunde – eine Vorliebe, der sie dann ein paar Jahre nach Geräusch im Video zu Junge auch endlich visuell frönen. Ich hoffe doch sehr, dass das noch nicht der Gipfel der Zombiehuldigung seitens der Ärzte gewesen ist (so ist die Band für mich ein heißer Kandidat für das Abliefern einer rundum gelungenen, hübsch tragischen Zombieliebesballade – man wird ja wohl noch träumen dürfen).

Donnerstag, 11. Februar 2010

Minibemerkung zum Thema Kunst und Wirklichkeit

Helene Hegemann ist offenbar nicht die Einzige, die der Frage nach Echtheit und Originalität mit einer nonchalanten – böse Zungen behaupten gar unverschämten – Gelassenheit begegnet. Monica Ivancan, die Ex von Oliver Pocher und derzeit in ganz geschmackvollen und keinesfalls billigen Aufnahmen im Playboy zu bestaunen, nimmt auf ihr Schaffen am eigenen Körper bezogen eine erstaunlich ähnliche Position ein. Wie sonst ließe sich die BILD-Schlagzeile „Monica Ivancan: Meine Brüste sind falsch, ... na und?“ erklären?

Zugegeben, der Unterschied zwischen Starlet und Fräuleinwunder besteht wohl darin, dass Frau Ivancan sich nicht ungefragt irgendwelche fremden Dutteln geliehen hat, um sie sich selbst anzupappen, doch das sind letztlich nur Marginalien ... Andererseits ist einer der strittigen Begriffe, den Frau Hegemann aus einer ihrer Inspirationsquellen übernommen und in ihre literarische Collage integriert hat, ausgerechnet: Vaselintitten. Ein Hoch auf den Weltgeist, die Postmoderne und die Herrschaft des Simulakrums!

(Etwas umfangreichere Stellungnahmen zu dem ganzen Spaßevent um Axolotl Roadkill findet man hier, hier und hier, aber auch hier).

Mittwoch, 10. Februar 2010

Gelungene Abteileroberung

Anlässlich meines Ausflugs nach Berlin konnte ich beobachten, wie leicht es sein kann, ein für insgesamt sechs Fahrgäste eines Zuges gedachtes Abteil auch in kleinerer Gruppe oder gar gänzlich allein sicher in Beschlag zu nehmen. Nützliche Hilfsmittel und Methoden hierbei sind unter anderem:

1. Flatulenzen (gerne auch solche deutlich hörbarer Natur, aber auch leise und dafür umso aromaintensivere sind hervorragend geeignet, um Mitreisende in die Flucht zu schlagen).

2. Sich auf einer der Dreierbänke ausstrecken (Achtung: hochklappbare Armlehnen sind hier von immensem Vorteil), den Bauchansatz entblößen und gleichzeitig eine Hand dezent (also ungefähr bis zum Handgelenk) unter den Hosenbund schieben. Der Kopf zeigt dabei im Optimalfall natürlich Richtung Gang.

3. Einen strengen Scheitel tragen, die Deutsche Militärzeitschrift lesen und in unregelmäßigen Abständen Dinge wie „Im Sommer! Im Sommer muss man die Russen angreifen!“ murmeln oder schreien.

4. Die Mitnahme eines imposanten Haustiers (z. B. Dogge, Tigerpython oder unter Diarrhöe leidendes Minipig).

5. Lautstark und ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragene Streitgespräche zur Klärung intimer Beziehungsfragen („Du hast es mir doch eh noch nie richtig besorgen können, du Schlappschwanz!“; „Ich schwöre dir, dass ich nie was mit deiner Schwester hatte. Ich liebe doch nur dich, Mama!“; „Du musst aber auf mich warten, ja? Bei guter Führung sind es doch nur sechs oder sieben Jahre, bis ich wieder raus bin.“)

Mittwoch, 3. Februar 2010

Das verfluchte elektronische Buch

Zwei Artikel – der eine von Spiegel Online, der andere von der Zeit-Website – halten mich dazu an, mir einige Gedanken über die digitale Zukunft des Buches (man beachte die Begriffsbestimmung) zu machen.

Die meisten Gründe, die für mich ganz persönlich derzeit dagegen sprechen, mir einen Reader zuzulegen, sind letztlich aus Angstfantasien geboren.

Die geringste ist noch die, dass mir gerade an der spannendsten Stelle eines Romans der Akku quasi in den Rücken fällt und ich erst mit zittrigen Fingern nach einer Steckdose suchen muss, um das Teil wieder aufzuladen, bevor ich weiterlesen kann (ganz abgesehen davon, dass Ladekabel sich in meinem Haushalt ähnlich verhalten wie Socken – sie verschwinden auf mysteriöse Weise im Nirgendwo).

Die nächste Angstfantasie ist die, dass ich meinen Reader andauernd fallenlasse. Diese Furcht ist womöglich nicht ganz unbegründet. Bücher haben nun einmal die Tendenz, ein Eigenleben zu entwickeln und die Gesetze der Schwerkraft auf die Probe stellen zu wollen. Nun kann man sicherlich einwenden, dass man ein Gerät, für das man ein paar hundert Euronen locker gemacht hat, per se mit größerer Sorgfalt behandelt als ein handelsübliches Taschenbuch. Aber will ich das? Da ist immer die Rede von Alltagstests für Reader, aber wie penibel sind sie durchgeführt?

Will ich meinen Reader mit aufs Klo nehmen? In die Badewanne? Bei Bahnfahrten durch übel beleumdete Regionen ganz selbstverständlich zücken? Ein lästiges Insekt damit erschlagen? Es erbost in die Ecke (oder auf den Moops) schleudern, wenn mich ein Text in Rage versetzt? Oder auf einen Mitmenschen, der meinen Zorn erregt hat (wiederum ist der Moops der Hauptverdächtige)?

Das sind die Problemstellungen, die mich mehr beschäftigen als die Frage, was so ein Ebook nun kosten darf oder sollte, obwohl ich auch in diesen Diskussionen die derzeit weit verbreitete Gratismentalität durchschimmern höre. Einer der Denkfehler, der hier oftmals begangen wird, scheint mir der zu sein, dass wir im Grunde eben doch noch so an Materialität gewöhnt sind, dass im Themenkomplex Ebook und Reader etwas Grundlegendes verwechselt wird: Mit dem Kauf eines Readers erwerbe ich (abgesehen von etwaigen Zusatzangeboten wie Zugriffen auf die Online-Versionen von Tageszeitungen und verwandten Publikationen) zunächst einmal eben nur einen Reader. Mehr nicht. Kein Buch. Auch wenn Frank Patalong in seinem Artikel Folgendes zu sagen weiß: „Für eine Datei zahlt man nicht so viel wie für ein Buch – zumal, wenn man schon Hunderte Euro für den Einband (das Lesegerät) hingelegt hat.“ Der Reader ist eben nicht der Einband eines Buchs. Er ist ein Reader.

Zur Veranschaulichung kann man das quasi im nicht-digitalen Bereich durchexerzieren. Was Patalong letztlich fordern würde, sähe auf Papier bezogen nämlich so aus: Ich erstehe für teures Geld einen einzigen Einband (der übrigens nicht von einem Verlag, sondern von einer Buchbinderei bzw. einer Buchhandlung angeboten wird), der mir gleichzeitig einen zukünftigen Rabatt auf den Kauf sämtlicher Bücher beschert, die ich dann – nach Erwerb – in meinen Multi-Einband einschlagen kann. Prinzipiell stünde dem ja nichts im Wege, sofern es mir als Einbandhersteller/verkäufer gelingt, die Verlage von diesem Konzept zu überzeugen – und das ist genau das, woran es im Augenblick in Sachen Ebooks noch etwas hakt. Eine denkbare Alternative wäre wohl, dass Amazon, Sony, Google, Apple und ähnlich potente Kandidaten letztlich selbst dazu übergehen, im großen Stil Bücher zu verlegen. Ob dabei letztlich andere Preisgestaltungen herauskämen, wer weiß?

Dienstag, 2. Februar 2010

Wo sind wir morgen Abend?

Wer uns morgen Abend sucht, findet uns ab 19.30 Uhr im Logensaal der Hamburger Kammerspiele, wo wir wie bereits angedroht für die Hamburger Autorenvereinigung einen kleinen Vortrag über den amerikanischen Buchmarkt halten.

Wer also noch nichts vor- und sechs Euro übrig hat, kann uns gerne stalken.

Montag, 1. Februar 2010

Prolog – ja oder nein?

Angeregt durch diesen Thread im von mir sehr geschätzten Montségur-Autorenforum wurde mir eine Debatte ins Gedächtnis gerufen, in die ich irgendwann im letzten Jahr bei einer Gartenparty in Hamburg verwickelt war (und ja, es war Rotwein im Spiel). Einer der Diskussionsteilnehmer war vehementer Prologgegner. Er stand dem Konzept, der eigentlichen Haupthandlung eines Romans etwas voranzustellen, derart abgeneigt gegenüber, dass er nach eigenen Angaben keine Prologe liest. Interessanterweise würde es ihn jedoch nicht stören, so sagte er, wenn der vorgelagerte Schlenker vor dem Einsetzen des Hauptplots einfach als erstes Kapitel ausgegeben würde. Einen Prolog, der sich als solches zu erkennen gibt, empfindet er hingegen als Ablenkung, wenn nicht gar als dreiste Unverschämtheit seitens des Autors.

Eine kurze Stichprobe im heimischen Bücherregal quer durch alle Genres hat ergeben, dass ungefähr ein Drittel der aufgeblätterten Romane mit einem Prolog beginnen. Es geht also anscheinend auch ganz wunderbar ohne, könnte man meinen. Dies wäre allerdings eine empirisch-kühle Sichtweise, die einen ganz entscheidenden Punkt außer Acht ließe, nämlich die Frage, welche Funktionen ein Prolog für einen bestimmten Roman erfüllt.

Je älter ein Roman, desto größer die Wahrscheinlichkeit, auf eine Form des Prologs zu stoßen, an der man sehr schön sehen kann, woher der Prolog ursprünglich stammt – aus dem Drama – und wozu er einmal hauptsächlich verwendet wurde: zur Einführung des in der Haupthandlung angegangenen Themas und nicht selten auch der wichtigsten Figuren bzw. der zu erwartenden Wendungen im Geschehen (manchmal auch über Figuren transportiert, die mit dem späteren Geschehen nicht direkt in Verbindung stehen). Aus heutiger Betrachtungsweise hat ein solcher Prolog also durchaus gehörige Spoilerqualitäten, was jedoch zugleich den Vorteil hat, dass man schreiend den Saal verlassen respektive das Buch zuklappen kann, wenn man anhand dieser im Grunde ja wohlmeinenden Einstimmung entsetzt feststellt, dass man sich beim Kartenkauf zwischen Tragödie und Komödie bzw. beim Bucherwerb zwischen Krimi und Chick Lit vertan hat. Der Prolog dient hier gewissermaßen als wichtige Orientierungshilfe, und diese Handreichung an den Leser findet sich bis heute noch in einigen Romanen, zum Beispiel um eine ungewöhnliche Erzählsituation von vornherein offenzulegen (in den Werken, in denen etwa eine altersmäßig stark gereifte Figur auf ihre Jugend- und Kindertage zurückblickt und somit geklärt wird, warum eine Neunjährige an manchen Stellen, die den Leser noch erwarten, schon so furchtbar altklug daherkommt und über tiefste Einblicke in das innerfamiliäre Seelenleben verfügt).

Als weitere Spielart findet man Prologe, die gemeinsam mit einem dazugehörigen Epilog eine mehr oder minder in sich geschlossene Rahmenhandlung ergeben. Um mal in der Beispielwelt aus dem Familienroman zu bleiben, kann man sich darunter Folgendes vorstellen: Im Prolog begegnen sich in der Gegenwart zwei Figuren, kommen ins Gespräch und finden Gefallen aneinander. Die Haupthandlung ist dann eine Art gigantische Rückblende, in der die Geschichte und die besonderen Charakterzüge zweier Familienclans geschildert werden, deren Schicksale sich immer wieder berühren. Der Epilog springt zurück in die Gegenwart, zeigt das Scheitern der Annäherung der beiden Figuren, die – wie wir als Leser inzwischen dank der Haupthandlung wissen – von vornherein zwangsläufig eintreten musste, weil Figur A zu den beziehungsunfähigen Müllers und Figur B zu den noch erheblich emotionsdeformierteren Schmidts gehört. Warum schreibt man in diesem Fall nicht über den Prolog „Kapitel 1“ und über den Epilog „Kapitel 637“? Nun, zum einen will man als Autor wahrscheinlich gern die Rahmenhandlung markieren, und zum anderen hilft dies dem Leser, der sich dann nicht ständig fragt, wo denn die beiden reizenden Figuren aus Kapitel 1 abgeblieben sind – und zwar gerade deshalb, weil über dem Prolog Prolog steht. Natürlich kann man das auch anders lösen – zum Beispiel, indem man die beiden Teile der Rahmenhandlung mit einer Orts- oder Zeitangabe („Wanneeickel“; „2010“), mit deutungsoffenen oder sehr konkreten Schlagworten („Das Paar“; „Die Eiskönigin und das Klammeräffchen“) oder sonstig vom Resttext abgrenzend überschreibt (mit einem Zitat aus einem Liebeslied oder einer Ansammlung kyrillischer Buchstaben). Diese Strategie kann aufgehen, aber genausogut noch prätentiöser wirken als die guten, alten Bekannten „Prolog“ und „Epilog“.

Die dritte Art des Prologs, der man begegnet, könnte man als den Reinzieher bezeichnen. Sie findet sich in vielen Genres und beschreibt meist eine dramatische, actiongeladene oder anderweitig packende Situation (einen Mord aus der Perspektive des Opfers oder des Täters; die Situation an Bord eines Flugzeugs, in dem ein Passagier ein merkwürdiges Päckchen unter seinem Sitz findet, das tickende Geräusche von sich gibt; die Aufregung einer Braut vor der Hochzeitsnacht mit dem Mann, den sie aus Gründen der finanziellen Absicherung geheiratet und bislang körperlich auf Distanz gehalten hat, weil sie ihn komplett unattraktiv oder gar abstoßend empfindet; die Liste ist so lang wie die menschliche Vorstellungskraft...). Die Funktion dieser Form des Prologs besteht wenig überraschend also darin, den Leser von Anfang an stark an den Text zu binden (und hier kommen dann oft Genrekonventionen und andere Varianten von angenommenen und größtenteils ja durchaus belegbaren Lesererwartungen ins Spiel).

Also was nun? Prolog, ja oder nein? Ich antworte mit einem entschiedenen „Kommt ganz drauf an!“ und möchte allerdings die erzählerischen Möglichkeiten, die ein guter Prolog bietet auf gar keinen Fall missen.