Mittwoch, 8. Dezember 2010

WikiLeaks, die Stasi und entfesselte Technologie

Womöglich darf man nicht allzu viel von einem Politiker erwarten, der alter Herr in einer katholischen Burschenschaft mit dem Motto „Gerecht und Beharrlich“ ist. Allerdings sollte das Dr. Hans-Peter Friedrich, seines Zeichens CSU-Landesgruppenvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, nicht davor schützen, dass man stark gespreizte Vergleiche, zu denen er sich vor eifrigen Journalisten hinreißen lässt, einfach so hinnimmt.

Dr. Friedrich bezeichnete WikiLeaks unlängst als „so eine Art Stasi“. Wir erinnern uns: Das Ministerium für Staatssicherheit diente in der DDR unter anderem dazu, die staatliche Führungsspitze über die Umtriebe von Dissidenten und Feinden des real existierenden Sozialismus informiert zu halten. Dabei bediente sich die Stasi diverser Mittel, die mit dem Label „paranoideste Auswüchse eines unterdrückerischen Regimes, das seinen eigenen geknechteten Untertanen mit krankhaftem Misstrauen begegnet“ nicht einmal annähernd kritisch genug beschrieben sind. Inwiefern das etwas mit einer Internet-Plattform zu tun hat, die Menschen, die unethisches Verhalten ihrer Regierung oder ihres Unternehmens anonym einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen wollen, eine ebensolche Möglichkeit eröffnet? Keine Ahnung. Da müsste man bei Dr. Friedrich selbst vielleicht noch einmal genauer nachhaken.

Ganz generell lässt sich aus den Reaktionen auf die Tätigkeiten von WikiLeaks seitens der Herrschenden dieser Welt recht gut ablesen, wie ohnmächtig und hilflos sie diesen Tätigkeiten gegenüberstehen. Diese Ohnmacht und Hilflosigkeit ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie die gesellschaftliche (und insbesondere die gesellschaftspolitische) Entwicklung der technologischen Entwicklung derzeit hinterherhinkt. Moderne Telekommunikation ermöglicht die rasante Verbreitung von Daten – eben auch sogenannten sensiblen Daten. Um noch mal zur Stasi zurückzukommen: Hätte es das Internet in der heutigen Form bereits zu DDR-Zeiten gegeben, hätte unter Umständen ein einziger „Verräter“ aus den Reihen der Stasi genügt, um deren Umtriebe relativ umfassend publik zu machen. Und das wiederum ist an und für sich kein unschöner Gedanke ...

Weshalb das befreiende Potential einer entfesselten Technologie nun ausgerechnet von Personen in politischen Führungspositionen als zu fürchtendes Mittel der Unterdrückung und Überwachung umgedeutet wird? Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

1 Kommentar:

Herr M. hat gesagt…

auch wenns wahrscheinlich klar ist:
Der inhaltliche Zusammenhang ergibt sich aus der Verstrickung in Details fuer ihn als Buerger des politischen Establishments (kann natuerlich auch das von Dir voher erwaehnte Schizophrenie-Ding sein): Fuer ihn und seine Mitbuerger bedeutet Wikileaks mit seiner Moeglichkeit, Taeuschungen und Luegen ganz klar, quasi schwarz auf weiss, als solche darzustellen und zu erkennen, schon eine erhebliche Einschraenkung der Freiheit, denn so unbeschwert wie frueher mauschelt es sich in der neuen Zeit wahrscheinlich nicht mehr.
Was ueber die vielen Jahre im Politdschungel verloren gegangen ist ist die Anerkennung des Faktes, dass man (zumindest solange noch offen die Demokratie ausgerufen wird) nicht um des Regierens selbst oder des Machterhalts wegen, sondern _fuer_ das Volk regiert und mehr Transparenz deswegen gut ist. Wahrscheinlich ist das eher so umgekehrte Schizophrenie, wenn man zwischen eigener Person und dem bekleideten Amt nicht mehr unterscheiden kann ;)