Freitag, 3. Dezember 2010

Stuttgart 21 und der Triumph der Demokratie

Stuttgart 21 ist ein Thema, zu dem ich mich bislang nur am Rande geäußert habe. Aus gegebenem Anlass reiße ich nun doch mal eben kurz die Klappe auf.

Zunächst bin ich in der Berichterstattung über das Schlichtungsverfahren auf einen Beleg dafür gestoßen, wie fest die Nerdkultur inzwischen in der Gesellschaft verankert ist. „Alle hoffen auf die Weisheit von Yoda Geißler. Mit der Weisheit eines Jedi-Meisters hat Heiner Geißler im Streit über Stuttgart 21 moderiert.“ Das ist wie gesagt leider nicht von mir, stammt aber auch nicht von irgendwo, sondern immerhin von SPON (siehe hier).

Offenkundig muss also mittlerweile in der journalistischen Arbeit in Deutschland keine Rücksicht mehr darauf genommen werden, ob der interessierte Leser sich nun in der Nerdkultur ausreichend auskennt, um rätselhafte Bezüge zu entziffern (beispielsweise würde ich für unsere gesamte Elterngeneration nicht zwingend die Hand ins Feuer legen, ob Mutti und Papi denn nun wissen, wer a) Yoda und was b) ein Jedi-Meister ist). Ich nehme im Übrigen Abstand davon, eine extrem nerdige Diskussion darüber einzuleiten, ob die Autoren des SPON-Artikels hier vielleicht auch eine versteckte Kritik an Geißlers Schlichtungstätigkeit eingebaut haben (wir wissen ja, dass sich die Jedis in Episode 1 bis 3 jetzt nicht zwingend sonderlich weise verhalten). Viel ergiebiger und unterhaltsamer scheint mir, zukünftige Schlagzeilen zu erahnen. So was wie:

* „Professor X nimmt seinen Hut. Der grimmige Telepath im schwarz-gelben Kabinett, Finanzminister Wolfgang Schäuble, gab heute Morgen seinen Rücktritt bekannt.“

* Duke Nukem Forever: Lange hat man darauf gewartet, nun hat es endlich den Bundestag passiert – das Gesetz zur unbegrenzten Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke.“
* „Hogwarts überall. Die Muggles der Bundesregierung diskutieren zur Bekämpfung der Bildungsmisere über eine Internatspflicht für Schüler.“

Und so weiter und so fort ...

Weniger spaßig ist die laut in die Welt hinaus trompetete Meinung, das Schlichtungsverfahren zu Stuttgart 21 stelle einen wichtigen Sieg der Demokratie dar. Mir ist nämlich noch nicht so ganz klar, inwiefern ein Vorgang, der beispielsweise auch in einer Monarchie denkbar wäre, nun unbedingt als Triumph demokratischer Prinzipien zu verstehen ist.

Zur Erläuterung: Der König ist missgelaunt. Ein Teil seiner Untertanen knurrt und murrt wegen des Baus einer Mietkutschenstation, die bereits der Großvater des Königs und dessen Hofstaat als nützliche Umgestaltung des Kernbereichs der Reichshauptstadt erachtet hat. Schlimmer noch: Die undankbaren Aufständischen rotten sich in gefährlicher Weise zusammen, um den Bau der Mietkutschenstation zu verhindern. Für alle vernünftigen Argumente des Königs und der Betreiber der geplanten Mietkutschenstation sind sie taub, weshalb der König sich sogar schon gezwungen sah, die Palastgarde zu entsenden, um den Mob auseinanderzutreiben. Ohne nennenswerten Erfolg, abgesehen davon, dass sich nun auch die Teile der Untertanenschaft, die bislang nicht murrten und knurrten, angesichts des Einsatzes der Palastwache ebenfalls kritisch in der Öffentlichkeit zu äußern beginnen. Was tun? Der König hat einen netten Einfall: Er bestimmt einen seiner adligen Freunde, der sich eigentlich bereits auf seinen Altersruhesitz zurückgezogen hat, zum Schlichter in dieser Angelegenheit. Der alte Graf reist gerne an und handelt über Wochen hinweg auf dem Marktplatz einen Kompromiss zwischen den Aufständischen und den Herrschenden aus. Ein Kompromiss, der leider letztlich kein echter Kompromiss sein kann, weil niemand weiß, wie eine halbe Mietkutschenstation auszusehen hätte. Nach dem Ausgang der Schlichtung zeigt sich der König etwas verblüfft, dass die Aufständischen nach wie vor keine Ruhe geben wollen. Nun ja, letzten Endes braucht ihm deswegen kein Zacken aus der Krone zu brechen und der geplante Bau kann weitergehen, weil das Volk ja die Möglichkeit hatte, seine Belange vorzutragen. Ein Akt der Gnade, für den dieses Pack wenigstens mal einen Hauch Dankbarkeit zeigen könnte.

Klarer Punktsieg für die Demokratie, würde ich sagen.

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