Montag, 13. Dezember 2010

Der Jugendschutz

Anlässlich der laufenden Debatte über die nun vielleicht doch oder eben vielleicht doch nicht eintretende Kennzeichnungspflicht von Blogs in Sachen Jugendschutz, habe ich mir einmal angesehen, was die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia an spaßigen Angaben zur Rechtslage auf ihrer Website so preisgibt.

Man muss sich ja informieren, was da dank des neugefassten Jugendmedienschutz-Staatsvertrages auf einen zukommt. Super-Wortungetüm übrigens, und in der Abkürzung sogar noch einen Hauch eleganter: JMStV. Bedauerlicherweise geht es dabei nicht darum, Jugendmedien vor irgendwas zu schützen oder die Medien vor der Jugend, sondern eben leider um einen duften Jugendschutz in den Medien. Putzig ist der immer wieder auftauchende Begriff der Entwicklungsbeeinträchtigung, der so wunderbar schwammig ist, dass er der Willkür Tür und Tor öffnet. Grundsätzlich ist natürlich alles darauf ausgerichtet, die jungen Menschen davor zu bewahren, einen Medieninhalt zu rezipieren, der hinsichtlich der Entwicklung ihrer Persönlichkeit einen negativen, dem Menschenbild des Grundgesetzes widersprechenden Einfluss ausübt. Schon klar ...

Da ich nun aber gern über Sex rede, schauen wir uns doch einmal zusammen an, was dieses Entwicklungsbeeinträchtigungsdingens in diesem Zusammenhang bedeutet. Als „sexualethisch desorientierend“ gelten Inhalte „grundsätzlich“, wenn die „Darstellung von Sexualität“ den Zielen „gefühlsbejahender und normenkritischer Sexualerziehung [...] massiv“ zuwiderlaufen. So weit so gut. Zu den genannten Zielen zählt übrigens dankenswerterweise „die Annahme von Sexualität als positive Lebensäußerung.“ Gerade noch mal Glück gehabt. Als besonders desorientierend ist „die Darstellung von Menschen, die diese auf entwürdigende Art zu sexuell willfährigen Objekten degradiert“ hervorgehoben. Schließt sich gleich die Frage an, ob es okay ist, wenn die Menschen auf nicht-entwürdigende Art zu willfährigen sexuellen Objekten degradiert würden, aber egal.

Einer der anderen Indikatoren für eine Entwicklungsbeeinträchtigung ist nun die (nicht minder schwammige) übermäßige Angsterzeugung. Ein Indikator hierfür ist eine „drastische Darstellung des Geschlechtsverkehrs“. Wir halten also fest: Die oben getroffene Annahme von Sexualität als positive Lebensäußerung schließt nicht aus, dass man sich ob dieser positiven Lebensäußerung einen entwicklungsbeeinträchtigenden Schaden abholen kann, sofern sie einem zu „drastisch“ (Schwammigkeit, ick hör dir trapsen ...) aus dem Medieninhalt ins Gesicht springt. Wie kann das sein?

Die Webseite der FSM erläutert es einem:

Des weiteren [sic!] ist darauf zu achten, ob die Darstellung eher sehr stilisiert und kommerziell erfolgt oder den Anschein einer Widergabe [sic!] tatsächlich stattfindender Ereignisse erweckt.“ Was für ein schöner, verräterischer Satz. Nicht nur, weil er zwei weitere Schwammigkeiten transportiert – sehr stilisiert und kommerziell –, sondern auch wegen des Freudschen Vertippers. Ist ja auch widerlich, so eine Widergabe. Es geht ja noch weiter: „Da Jugendliche bei realistischen Darstellungen davon ausgehen könnten [man beachte den Konjunktiv], dass es sich um in der Gesellschaft übliche Praktiken handelt, [ich habe da frech mal das fehlende Komma eingefügt] gilt: Je realistischer die Darstellung, desto eher kann von einer entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkung ausgegangen werden.

Wie wunderbar, dass hier nichts zu Ende gedacht wird. Dieser Ansatz bedeutet nämlich, dass ein Film, der sich deutlich als Spielfilm zu erkennen gibt und in dem funky Astronautinnen in Glitzeranzügen von außerirdischen Tentakellüstlingen in allen erdenklichen Arten und Weisen beglückt werden, weniger entwicklungsbeeinträchtigend wäre als ein auf Dokumentarfilm getrimmtes Projekt im Stile eines Blair Witch Project trifft Expeditionen ins Tierreich. Willkommen in der wunderbaren Welt des Surrealen ...

Nett auch noch folgender Hinweis: „Die entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung kann verstärkt werden, wenn es sich zum Beispiel bei den dargestellten Frauen um Schwangere handelt.“ Da schließt sich der Kreis dann wieder zur lebensbejahenden Äußerung. Denn dort, wo das Leben entsteht, geht es rein zu, und sobald eine Frau das Ungeborene in sich trägt, ist sie madonnenhaft und ihr ohnehin etwas furchteinflößendes und schmutziges Verlangen nach Sexualität erlischt schlagartig (glücklicherweise haben mir da Betroffene gänzlich anderes berichtet).

Und noch ein letzter Punkt: „Die entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung der Internetseiten wird verstärkt, wenn es sich um die Darstellung sexueller Praktikanten handelt, die 14 -16-jährigen üblicherweise nicht vertraut sind.

Meine Frage: Wo kriegt man diese Listen her, auf der diese sexuellen Praktiken sauber und im Optimalfall bebildert aufgelistet sind? Wer weiß, vielleicht kann man da ja sogar als Erwachsener noch das eine oder andere lernen. Vollkommen lebensbejahend, versteht sich.

1 Kommentar:

Wischmopp hat gesagt…

Und noch ein letzter Punkt: „Die entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung der Internetseiten wird verstärkt, wenn es sich um die Darstellung sexueller Praktikanten handelt, die 14 -16-jährigen üblicherweise nicht vertraut sind.“

Bwahahahaha. Diesen Punkt finde ich irgendwie niedlich. Die meisten Jugendlichen sind mit 16 Jahren längst keine Jungfrau mehr, und ich möchte behaupten, dass ich, fünfzehn Jahre alt, mit mehr sexuellen Praktiken "vertraut" bin als meine Mutter. Es findet also keine Verstärkung der entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkung statt, weil die Bedingung hierfür niemals erfüllt sein kann...