Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ach, der Herr Precht ...

Nun ist er also auch auf den Zug aufgesprungen. Im SPIEGEL findet sich eine etwas misslungene Jeremiade über einen „Moralverlust“, der „in je eigener Ausprägung alle Gesellschaftsschichten durchwirkt.“ Er outet sich in diesem Zusammenhang als eine Art „Salon-Marxist“, indem er – in diesem Zusammenhang auch durchaus zutreffend – die wenig neue Erkenntnis verbreitet, dass unser Wirtschaftssystem zu einer weitreichenden Entsolidarisierung führt.

Pardon, ich habe vergessen, den Zug, auf den Precht mit seinem demnächst erscheinenden jüngsten Werk aufzuspringen scheint, noch etwas näher zu beschreiben: Im Grunde ist es der, auf dem die Gattin unseres Kriegs ... Verzeihung, Verteidigungsministers die Heizerin gibt (die sich im Übrigen ja nicht zu schade war, ihr Werk, in dem sie die angebliche Pornographisierung unserer Gesellschaft anprangert, ausgerechnet großflächig in der BILD zu bewerben).

Precht gibt den ganz Klugen, in dem er zwar viel über die Unterschicht redet, aber dabei dieses Wort ebenso vermeidet wie den Begriff Prekariat (warum eigentlich, wo die Unterschicht in seinem Weltbild weder den SPIEGEL noch sein Buch je zu lesen bekommt?). Er sagt lieber „Dissoziale“. Klingt soziologisch fundiert, freundlicher als Asoziale und für den Kundigen schwingt da gleich noch ein bisschen was von psychopathologischer Problemlage mit. Hervorragend.

Wem dieser Eintrag etwas konfus und unstrukturiert erscheint – keine Sorge, Prechts sonderbarerweise unter dem Stichwort „Debatte“ veröffentlichter Text hält es da sehr ähnlich. Nach dem in der Post-Sarrazin-Ära offenkundig leider nötigem, aber deshalb eigentlich um so unnötigerem Hinweis „Was die Kinder von Allah und 50 Cent gefährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene oder Glaube“, kommt er kurz auf den viel gefährlicheren Drogenkonsum zu sprechen. Alles klar? Nicht? Eben, sag ich doch.

Aber noch einmal kurz zurück zu diesem Zitat: Precht schließt den Leser in die schleimigen Krakenarme des kuscheligen Großbürgertumsmiefs, auf dem er ein paar Absätze weiter dann auch schon wieder herumtrampelt. Unser sozialer Konsens also. Aha. Aber wer ist denn das Wir, das hinter diesem Unser steht? Ich jedenfalls nicht, und womöglich macht mich das sogleich auch irgendwie dissozial (Exkurs: Nette Idee für Hipster-T-Shirt-Aufdruck – Dissozial und Spaß dabei!). Besonders – man kann es bedauerlicherweise nicht anders sagen – ist die Nummer mit den „Kindern von Allah und 50 Cent“. Sie belegt auf schockierende Weise, dass Precht vermutlich weder jemals einen Blick in den Koran geworfen noch ein 50 Cent-Album gehört hat. Ganz abgesehen davon, dass mir der schwule Subtext der Formulierung durchaus ein Schmunzeln zu entlocken weiß, ist Precht offenbar entgangen, dass sich die Muslime sehr wohl als Gemeinschaft von Gläubigen verstehen, aber eben nicht als Kinder Allahs. Man könnte da beinahe von Frevel sprechen, was wiederum sehr pikant ist, da Precht sich ja ständig auf Anstand und Moral beruft, wozu nun einmal auch Respekt vor den religiösen Überzeugungen anderer gehört.

Doch wie bereits gesagt, geht es Precht ja gar nicht um „muslimische Propaganda“. Oder doch? „Auch die Dissozialen unserer Gesellschaft werden weniger durch muslimische Propaganda aufgeheizt als durch kapitalistische“, schreibt er dort, wo islamistische Propaganda vielleicht passender gewesen wäre, und dann lässt er die Katze aus dem Sack und wir erfahren endlich, endlich, wer die Dissozialen so dissozial macht: „Gangsta-Rap, Killerspiele und Pornographie.“
GKP – die unheilige Dreieinigkeit des moralischen Verfalls. Erbaulich.

Man könnte sich auf Prechts Spielchen insofern einlassen, dass man die Frage von der Henne und dem Ei respektive Symptom und Ursache stellt. Sollte man aber erst gar nicht, weil man es nicht braucht. Sich die drei üblichen Verdächtigen einmal näher anzusehen, bringt wesentlich mehr Vergnügen. Vor allem dann, weil ja ständig so getan wird, als wären sie neue vermeintlich schädliche Einflüsse. Ist ja nun mal leider nicht so.

Musikstile, die man im weitesten Sinne einer Subkultur zurechnen kann, glänzen seit jeher immer mal wieder mit mal gelungener, mal stumpfsinniger Provokation. Prechts Warnung vor dem Gangsta-Rap ist quasi das Echo der Warnung vor dem Rock’n’Roll, dem Punk, dem Metal oder was auch immer aus dem Munde des besorgten Großbürgers. Nur mal ein paar Beispiele aus der deutschen Popmusikgeschichte: Ton Steine Scherben fordern „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und die Bundesbank, AKWs, Polizei und Militär gibt es immer noch. Die Ärzte landen mit „Claudia hat nen Schäferhund“ auf dem Index, und trotzdem haben heute – einer vorsichtigen Schätzung nach – genauso viele oder weniger Frauen regelmäßig Geschlechtsverkehr mit Vierbeinern wie zum Entstehungszeitpunkt des Liedes. Rammstein erging es unlängst mit „Ich tu dir weh“ nicht anders als den Ärzten, und dennoch ist nirgendwo zu erkennen, dass die BDSM-Szene massenhaft von Teenagern überrannt wird.

Killerspiele. Auch gern genommen, und sprachlich ein völlig verhunzter Begriff. Selbstredend gibt es einige Shooter, bei denen man wahnsinnige Killer spielt, die recht wahllos morden. Einige wenige allerdings. Beim Großteil der Shooter, deren Szenarien nicht der Scifi zuzuordnen und selbst dort, spielt man – Trommelwirbel, bitte – Soldaten oder Superspione/Agenten/Geheimpolizisten. Will meinen: Angenommen, das hohe Maß an Identifikation mit der Spielfigur, welches man armen pickligen Jungs gemeinhin unterstellt (denn wer sonst käme als „anständiger“ Mensch auf die Idee, einen Shooter auch nur mit der Kneifzange anzufassen?), findet also nicht mit dissozialen Killern statt, sondern quasi wichtigen Funktionsträgern einer Staatsmacht. (Und ja, bei Counterstrike kann man auch in die Rolle von Terroristen schlüpfen, aber wo sind denn die ganzen Terrorzellen, die sich bei Counterstrike gefunden haben, um ihre umstürzlerischen Pläne gemeinsam auszhecken?) Soldatenspiel wäre also als Begriff wahrscheinlich treffender als Killerspiel, und ob das Wir, das Precht skizziert, für eine Gesellschaft ohne Polizei und Militär eintritt, sei mal dahingestellt.

Bleibt noch die Pornographie. Der Zyniker in mir würde Precht gern zurufen: „Sei doch froh, dass die jungen Leute heutzutage lieber wichsen als – sagen wir mal – Autos anzuzünden oder Omas die Handtaschen zu klauen.“ Ich gehe allerdings davon aus, dass haben die jungen Leuten auch früher schon so gehalten.

In gewissem Sinn betreibt Precht denn nun auch nichts anderes als pseudophilosophische Pornographie: Er reizt, stimuliert mit krassen, überzeichneten und wirklichkeitsfremden Bildern und lässt einen am Ende sonderbar unbefriedigt zurück. Hat jemand mal rasch ein Taschentuch?

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Es ist erstaunlich, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die auf den üblichen Verdächtigen herumhacken und das tatsächlich glauben können. Sollte das nicht langsam auch in den Ohren der Leute, die so Zeug von sich geben, nach leerem Blah klingen?

Anonym hat gesagt…

Und den oben drauf http://drpimpslab.com/thilo-sarrazin-richard-david-precht-gangsta-rap-ist-schuld