Montag, 6. September 2010

Schwere Themen

Zur Abwechslung mal ein wenig Politik. Muss das sein? Ja, das muss.

Mich haben in jüngster Zeit einige Dinge sehr nachdenklich gestimmt. Als da wären:

1. Der Platz des Himmlischen Friedens. Nein, nicht der in Peking, sondern der in Stuttgart. Ich halte es milde ausgedrückt für recht unglücklich, welchen Namen die Stuttgarter Bahnhofsmodernisierungsgegner ihrem Lieblingstreffpunkt gegeben haben. Bei aller begründeten oder auch unbegründeten Empörung über das Bauvorhaben ist es schlicht und ergreifend makaber (um nicht zu sagen: respektlos), den Namen eines Ortes für sich zu vereinnahmen, an dem ungefähr 3000 Menschen ihr Leben ließen, weil sie in ihrem Land unter ungleich riskanteren Bedingungen für genau die Rechte eingetreten sind, die die Menschen in Stuttgart nun gerade so rege ausüben, ohne dass Frau Merkel die Panzer anrollen lässt.

2. Der Satz (auch in Zusammenhang mit S21 gern zu hören): „Wir leben doch in gar keiner Demokratie mehr.“ Von den Menschen, die diesen Satz sehr schnell äußern, wird offenbar gern vergessen oder übersehen, dass wir in einer parlamentarischen Demokratie leben. Das Wörtchen ist insofern wichtig, als es beinhaltet, dass wir im Zuge regelmäßig stattfindender Wahlen unsere Macht an Vertreter übertragen. „Alle Macht geht vom Volke aus“ heißt eben nicht zwingend, dass das Volk selbige Macht beständig selbst ausübt. Ob einem diese Spielregeln nun unbedingt gefallen müssen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

3. Der nicht minder nervige Satz: „Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist.“ Er ist auf Dutzende Diskussionen und Situationen anwendbar, wodurch er nichts von seiner Blödsinnigkeit verliert. Das „Wie es wirklich ist“ und dessen Aussprechen auch als „Tabubruch“ häufig grottenfalsch gekennzeichnet wird – seien es nun vorhandene Probleme bei der Integration, die Einflussnahme von Lobbygruppen jedweder Art auf die Politik und so weiter – findet sich nämlich sehr leicht und in der Regel bereits sehr lange, sofern man sich die Mühe macht, sich der immensen Herausforderung zu stellen, sich über das aktuelle Tagesgeschehen auch nur ansatzweise informiert zu halten. Das Schöne an einer pluralistischen, freiheitlichen Gesellschaft ist ja gerade, dass ich mir ein Meinungs- und Stimmungsbild verschaffen kann, das eben nicht nur eine Perspektive auf ein bestimmtes Thema berücksichtigt.

4. Ein ähnlicher Satz ist „Aber wir haben doch Meinungsfreiheit.“ Haben wir auch, doch das schützt einen noch lange nicht vor möglichen Konsequenzen, sobald man diese Freiheit genutzt hat. Ein stark vereinfachendes Beispiel: Natürlich darf ich meinen, dass mein Chef ein Arschloch ist. Ich darf es ihm sogar ins Gesicht sagen – an diesem Akt selbst hindert mich nicht das Geringste. Wie bei jeder anderen Meinung auch findet dann letztlich nur eine Überprüfung statt, inwiefern meine frei geäußerte Meinung ein anderes gleich- oder höherwertiges Gut einschränkt oder verletzt. In diesem Fall wäre das die persönliche Ehre meines Chefs. (Das Prinzip der Sittlichkeit ist übrigens ein anderes Gut, das mir oft nach Wahrnehmen meiner Meinungsfreiheit gewisse Scherereien einbringen kann.)

Genug triste Gedankengänge. Demnächst gibt’s vielleicht mal wieder was Heiteres...

Kommentare:

Tom hat gesagt…

Anmerkung:
Man verbringt zuviel Zeit auf Facebook, wenn man in einem Blog den "Like"-Button sucht.

So ging's mir gerade.

Jesco hat gesagt…

Endlich sagst du mal, wie es ist.

Leimking hat gesagt…

Ach, wir leben doch in garkeiner Demokratie mehr!

Herr M. hat gesagt…

Das Gemähre wegen dem Stuttgarter Bahnhof ist fuer mich der unwiderlegbare Beweis, dass in Baden-Wuertemberg die Welt noch voll in Ordnung ist und es, um es mal zu sagen wie es ist, den Leuten dort viel zu gut geht. Du meine Guete, ein bisschen staedtische Umgestaltung und eine nicht aufsehenerregend hohe Verschwendung von oeffentlichen Geldern, das ist doch fast normal hier.
Der einzig positive Aspekt, den ich dem Laientheater dort abgewinnen kann, ist, dass dort ein breiteres Spektrum als immer nur der linke Dunstkreis von den Polizisten verpruegelt und somit auf diese Problematik aufmerksam wird ;)