Freitag, 4. Juni 2010

Vampire, die Zeit und wir

Jemandem, der für die ZEIT schreibt, ist gerade aufgefallen – man könnte sagen, mit der üblichen zeitlichen Verzögerung –, dass Vampirgeschichten in Buchform sich derzeit einer deutlich wahrnehmbaren Beliebtheit erfreuen. Es hätte vielleicht besser bei der reinen Beobachtung bleiben sollen, denn was Ursula März da eben rasch in die Tasten gehauen hat, trägt stellenweise geradezu groteske Züge.

Es beginnt schon einmal damit, dass gleich zu Beginn der Stellungnahme mal eben rasch auf eine größere Zusammenkunft von Schriftstellern und Kritikern im Hamburger Literaturhaus verwiesen werden muss, um quasi von der ersten Zeile an unmissverständlich zu verdeutlichen, wo die Frontlinien in Märzens Bücheruniversum verlaufen und was sie voneinander scheiden: Hoch von Nieder, Unterhaltung von Anspruch, Hui von Pfui.

März zitiert dann sogleich eine „produktive Unterscheidung“, die eine Teilnehmerin am genannten Festival der Hochkultur getroffen haben soll: nämlich die zwischen literarischen Moden und literarischen Trends (und auf die wir alle wahrscheinlich sehnsüchtigst gewartet haben). Zumindest in Märzens Erinnerung kommt die Anonyma zu folgendem Schluss: „Moden sind flüchtig, Trends literaturgeschichtlich gewichtiger.

Die Verwendung zweier semantisch einander so nahestehender Begriffe wie „Mode“ und „Trend“ zur sauberen Kategorienbildung bleibt von vornherein problematisch, und aus welchen Gründen die Anonyma nun ausgerechnet mit einem Trend etwas Dauerhafteres verknüpft als mit einer Mode, ist ihr ganz persönliches Geheimnis.

Über derlei Unsauberheiten ließe sich eventuell noch hinwegsehen (bzw. flüchtig hinweglesen), wenn März sich nicht bemüßigt sähe, im weiteren Verlauf des Artikels sogleich Beispiele für literarische Trends zu nennen: das Epos und den Familienroman. Ich verstehe, der Trend geht also seit ein paar Jahrtausenden zum Epos und seit einigen Jahrhunderten zum Familienroman. Klingt komisch, ist aber laut März wohl so.

Vollmundig verrät uns März anschließend, welche Eigenschaft allein ein bisserl zu wenig ist, um in den Olymp des literaturgeschichtlich Gewichtigen Zugang zu finden: „Tradition reicht allerdings nicht, um aus einer Mode einen Trend zu machen.“ Aha. Und was braucht man als Mode so, damit es irgendwann zum Trend reicht? Die Antwort sucht man in Märzens Artikel vergebens.

Was sie aber an unbekannter Stelle aufgeschnappt zu haben scheint, ist die weitverbreitete Auffassung, der Vampirroman nehme seinen Anfang mit Bram Stokers Dracula. Dies ist zwar insofern korrekt, als sich Polidoris Der Vampyr respektive Le Fanus Carmilla beim besten Willen nicht als Romane qualifizieren lassen, aber dass sie für die Entwicklung der Erzählungen über, von und mit den Blutsaugern nicht ganz unwichtig sind, ist unbestritten. Letztlich auch egal, denn März will auch gar nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart, in der „der triviale Vampirroman den derzeitigen Buchmarkt dominiert wie nichts anderes“. Öhm, ja.

Es kann ja nicht schaden, ein wenig Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, und ja, Vampire erfreuen sich dieser Tage einer beachtlichen Beliebtheit, aber dominieren triviale Vampirromane den Buchmarkt wie nichts anderes? Nein. Ganz und gar nicht. Wie ein kurzer Blick auf die Taschenbuchbestsellerliste des Spiegels auch eindrucksvoll belegt: Auf den ersten fünfundzwanzig Plätzen findet man aktuell (27.05.2010) gerade einmal die auch von März bemühte, weil offenbar unvermeidliche Stephenie Meyer mit Bis(s) zum Abendrot als Vertreterin der angeblichen „wie nichts anderes“-Dominanz. Dem Bis(s)chen stehen ein Dutzend Krimis und Thriller gegenüber. Mode? Trend? Das könnte uns vermutlich nur März selbst verraten.

Es folgen einige kurze Ausflüge und Ausführungen, die die üblichen Absonderlichkeiten enthalten, wenn der Nicht-Nerd sich in die Niederungen des Geektums begibt. Dass maximierter Horror und einbettende Handlung einander ausschließen oder das muntere Gleichbehandeln von Zombies und Vampiren. Verzeihlich, weil unterhaltsam – wie die meisten TV-Berichte über Rollenspieler, um mal einen brauchbaren Vergleich zu schaffen.

Schludrig auch im Sinne einer vernünftigen Betrachtung aus der Warte des Kulturhüters wird es dann im unteren Drittel. Erst ein paar übliche Deutungsmuster angerissen – Vampir als Ausdruck einer Gegenaufklärung, als Metapher des Raubtierkapitalismus (es fehlt nur noch der Vampir als wandelnder Phallus) –, dann brüsk abgebrochen und über Kommerz statt Kunst gejammert. Unter anderem deshalb, weil einige der betreffenden AutorInnen viel zu viel in viel zu kurzer Zeit produzieren, als das dabei etwas Betrachtenswertes dabei herumkommen könnte. Gebündelt in der steilen These, dass Literaturmoden (wir erinnern uns: die flüchtigen … äh, Trends, oder wie?) kulturgeschichtlich uninteressant wären. Logisch, drunter macht es März nicht. Da steht nicht „literaturgeschichtlich“, sondern gleich „kulturgeschichtlich“, weil es ja Gott sei Dank Menschen wie März gibt, die uns dankenswerterweise exakt vordenken, was gefälligst Teil unserer Kultur zu sein hat und was nur als widerliche saugschmerlenartige Ausstülpung am anmutigen Leib der Hochkultur mit dranhängt.

März ist selbstredend auch noch Wirtschaftsexpertin, die uns erklärt, dass bei der Vampirmode „das Angebot die Nachfrage schafft“. Damit offenbart sie sich erneut als Fürsprecherin derer, die schon immer gewusst haben, dass der Mann – oder in diesem Fall eher die Frau – auf der Straße auch noch die letzte Scheiße kauft und liest, nur weil sie sie aus dem Schaufenster der Buchhandlung heraus anspringt, anstatt mal ein ordentliches Buch in die Hand zu nehmen. Ach, es gibt Momente, in denen ich Menschen wie März um ihre einfache Weltanschauung schwerstens beneide.

Also da haben wir nun wirklich schon viel bessere Berichterstattung und Meinungsäußerung zum Thema vernommen.

Kommentare:

_mathilda_ hat gesagt…

Nicht kränken! Nach einer Lobotomie (alternativ: SEHR kräftiger Schlag auf den Hinterkopf) wärst sicher auch du in der Lage, aus schwammigen Begriffen mit partiell überlappenden semantischen Feldern vollkommen klare Unterscheidungen zu kreieren und persönliche Wahrnehmungen zu Dogmen zu stilisieren. Nur: Ist es das wert?

Herr M. hat gesagt…

ja meine Guete... so lass Sie doch. Die Autorin wird auch schon entweder (a) irgendwann etwas sinnvolleres geschrieben haben oder (b) damit einen Nerv bei einer groesseren Menschenmenge treffen, sonst wuerde es nicht in der Zeit stehen.
Eine recht platte "buhu, ich mag keine Vampirromane, warum verkaufen die sich nur so gut"-Kritik mit einer fast doppelt so langen Antwort zu kritisieren, das bringt doch nix. Wahrscheinlich genauso wenig wie Kritiker-Kritiker zu
kritisieren ;)

Anubis hat gesagt…

Zitat:

"Was sie aber an unbekannter Stelle aufgeschnappt zu haben scheint, ist die weitverbreitete Auffassung, der Vampirroman nehme seinen Anfang mit Bram Stokers Dracula."

Dem kann man nur die Note "Peinlich" verleihen. Denn mögen auch Polidori und Le Fanu keine Romane zum Sujet verfasst haben, so qualifiziert sich doch zumindest Varney the Vampire mit knappen 870 Seiten als ausgewachsener Vampirroman — und zwar volle fünfzig Jahre vor Stokers Dracula.

Ole hat gesagt…

Tja, da hast Du allerdings recht, Anubis. Nur ist der Varney heutzutage vergleichsweise unbekannt, was wohl auch an der Länge liegen mag. Von Polidori und Le Fanu kann man das nun beim besten Willen nicht behaupten.

Ole hat gesagt…

Liebe Sha...,

leider habe ich mich beim Freischalten Deines Kommentars verklickt :-(

War keine Absicht!!! Bitte stell ihn oder etwas Vergleichbares noch einmal ein, Thomas und ich fanden ihn durchaus treffend.

Beste Grüße, Ole