Mittwoch, 23. Juni 2010

Berlin

Wir – will meinen: seine Moopsigkeit und ich – hatten das große Vergnügen, einige Tage in Berlin verbringen zu dürfen. Keine Sorge: Unserer Fee geht es gut; sie war lediglich zu sehr in mysteriöseste Geheimaktivitäten eingespannt, um uns begleiten zu können (ich vermute, sie legt die wichtigsten Grundsteine für den sorbischen Befreiungskampf).

Der Einfachheit halber teile ich meine Reisebeobachtungen in zwei Kategorien ein.

Kategorie I: Erwartbares

Baustellen – Von einer Krise ist in der Bundeshauptstadt noch wenig zu bemerken, sofern man bauliche Aktivitäten als einzigen Maßstab für ein solches Urteil heranzieht. Es sei denn, ich habe mich grundlegend getäuscht und in Berlin wird nichts Neues mehr errichtet, sondern lediglich Altes eingerissen, um die Kulisse für die bevorstehende Post-Apokalypse schon einmal im Vorfeld bereitzustellen. So oder so: Die Baustellensituation erwies sich als übermächtiger Gegner unseres Navigationssystems, sodass wir uns gezwungen sahen, telefonisch mit unserem Hotel direkt am Alexanderplatz Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, wie wir in das zum Hotel gehörige Parkhaus gelangen. Bei der abenteuerlichen Anreise erwies sich die Busspur, auf die wir versehentlich gerieten, als ausgesprochen nützlicher Zufahrtsweg zum erwähnten Gebäude, dessen Dimensionen allerdings ohne jeden Zweifel auf eine Zeit ausgelegt waren, als Kleinwagen diesen Namen noch verdient hatten und Limousinen aufgrund planwirtschaftlicher Zwänge höchstens die Ausmaße eines heutigen Smarts besaßen.

Niedlicher Nachwuchs – Der Knabe, zu dessen Fleischwerdungsfest wir uns einfanden, stellte sich als absolut hinreißendes Geschöpf heraus, das eines Nachmittags um ein Haar auf den warmen, weichen Wölbungen und Rundungen des Moopses selig eingeschlummert wäre. Darüber hinaus spricht es die faszinierendste Fantasiesprache, die ich je aus dem Mund eines Kleinkinds vernommen habe: eine zauberhafte Mischung aus Serbisch, Deutsch, Englisch und Polnisch, deren Entschlüsselung den Zuhörer indes noch vor gewisse Probleme stellt. Sei’s drum: Ästhetisch ist der wundersame Klang ein Hochgenuss, und bei so mancher Hervorbringung moderner Kunst empfiehlt es sich ja auch, nicht nach dem Sinn zu fragen, sondern sich einfach der empfundenen Wirkung ganz hinzugeben.

Nette Menschen – Wenn man drei Tage in der Gegenwart von freundlichen, kreativen und rundherum liebenswerten Menschen verbracht hat, darf man sich zurecht eine Weile im altbekannten Traum von einer liberaleren, besseren Welt zu verlieren. Große Mengen Alkohol, Torte und Grillfleisch helfen dabei, das an sich flüchtige Gespinst scheinbar noch greifbarer zu machen.

Kunst, Kunst, Kunst – Wenn man sich unter Concept Artists, Illustratoren und allerlei andere bildende Künstler wagt, ist es nicht überraschend, unzählige atemberaubende Arbeiten zu sehen – und anregende Diskussionen darüber zu führen, ob das Thor-Design für den anstehenden Brannagh-Film nun total, nur ein bisschen oder nur in verschmerzbarem Maße saugt. Einhellige Meinung: Das Cape hätte echt nicht sein müssen.

Kategorie II: Unerwartbares

Kosmetische Operation am frühen Nachmittag – Kurz nach unserem Eintreffen in Berlin wurden wir Zeuge eines schockierenden Ereignisses. Teile der Feiergemeinde – rund 15 Personen – hatten sich an den Außentischen eines italienischen Restaurants eingefunden und noch vor unserer Ankunft ein ordentliches Gelage veranstaltet (Promillezahlen sind uns leider nicht bekannt). Der Gastgeber äußerte bald einen ungewöhnlichen Wunsch: Am Hals eines der Gäste hatte er einen gar prächtigen Pickel (ungefähr in Größe eines Taubenauges) ausgemacht, der ihn förmlich darum anbettelte, beherzt ausgequetscht zu werden. Selbiges trug sich auch zugleich zu, aber erst nachdem eine aufstrebende, junge Regisseurin sich das Recht gesichert hatte, den epochalen Vorgang mithilfe ihrer iPhone-Kamera für die Nachwelt festzuhalten. Das Publikum teilte sich verhältnismäßig gleichmäßig in Unerschrockene, die das Geschehen mit Spannung verfolgten, und Zartbesaitete, die schrille Schreie des Ekels ausstießen und den Blick abwenden mussten (vielleicht auch keine schlechte Strategie, um das eigene Augenlicht vor dem alsbald durch die Gegend spritzenden Eiter zu schützen). Einer aus der letztgenannten Gruppe wagte es nicht einmal, die vorgenommene Aufzeichnung zu studieren, da sie ihm „zu real“ erschien – eines der üblichen Probleme, das dem durchschlagenden Kassenerfolg vieler an sich höchst interessanter Dokumentarfilme im Weg steht.

Nasenbluten – Obwohl der Moops aus Gründen seiner Höhenangst beim Einchecken Wert auf ein Zimmer auf einem der unteren Stockwerke legte, fanden wir uns auf der 20. Etage wieder, von wo aus man eine tolle Aussicht auf die Dächer Berlins genießen konnte, auf die der Moops sicherlich gern verzichtet hätte (zu einem Besuch der Dachterrasse in luftigen 150 Metern Höhe ließ er sich nicht überreden und ich hatte bedauerlicherweise das Narkosegewehr daheim vergessen, weil mir entfallen war, dass Grenzkontrollen ja nun bereits seit Längerem nicht mehr zu befürchten stehen). Dank kluger Ausnutzung des begrenzten Raums und einer gläsernen Badezimmerwand konnte man übrigens sogar beim Baden Fernsehen. Das war nicht unerfreulich. Weniger erfreulich war jedoch der Umstand, dass die häufigen Fahrten mit dem Expresslift meinen Nasenschleimhäuten nicht bekamen und sie sich entschlossen, meinen kostbaren Lebenssaft abzusondern (zugegebenermaßen in unbedenklichen Mengen, aber trotzdem sprang der Hypochonder in mir sofort darauf an – insbesondere aufgrund der Tatsache, dass wir uns in einem der ehemaligen Vorzeigehotels der DDR befanden und meine Paranoia natürlich nicht ausschließen konnte, Opfer einer radioaktiven Altlast eines Jahrzehnte zurückliegenden Spionagekomplotts zu werden).

Blanker Busen – Weitaus angenehmer waren die Models, die zur Eröffnungsparty des MADE-Workshops herangekarrt worden waren und – ganz professionell – nicht das geringste Problem hatten, ihre Brüste freizulegen, wenn der Künstler, der ihre Form gerade abzubilden versuchte, sie dazu anhielt. Verbunden mit der Bar, an der es Gratis-Longdrinks abzuholen gab, sorgte dies für eine äußerst entspannte Atmosphäre, und eine brutal schickige Performance gab es auch noch (wer Freude an Psychedelischem hat, schaut am besten mal hier vorbei).

Doch genug von Berlin – Hamburg hat mich wieder, und ich muss an die Arbeit. Vielleicht berichte ich bei Gelegenheit noch von Untoten am Klavier und Flirtversuchen niederländischer Senioren, wenn mir danach ist.

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