Freitag, 14. Mai 2010

Untoter Freitag: Gordon Brown

(Moops-Preskriptum: So sieht es übrigens aus, wenn man auf Reisen vom Zeitgeschehen eingeholt wird:)

Hach, was sind die Briten doch putzig! Die Zahl ihrer liebenswerten Marotten ist bekanntlich groß: auf der falschen Straßenseite fahren, zu Amüsementzwecken eine Monarchie unterhalten, Schuluniformen, strenge Internatserziehung oder auch mal an einer Orange als Gagball-Ersatz ersticken.

Womit wir auch schon beim Thema Politik wären: Dort entfaltet sich der Hang des Briten zur Exzentrik in voller Pracht. Besonders schön konnte man das bei der Wahlberichterstattung letzte Woche beobachten: Da wird um jeden einzelnen Wahlkreis ein Spektakel veranstaltet, das ich in vergleichbaren deutschen Sendungen ernsthaft vermisse.

Der jeweilige örtliche Wahlleiter tritt gemeinsam mit den Direktkandidaten (andere hat’s ja nun in England zugegebenermaßen nicht) in einer Mehrzweckhalle von meist beachtlichem provinziellem Charme auf eine kleine Bühne und verkündet live – unter Jubel- bzw. Buhrufen – das einzelstimmengenaue Ergebnis der Auszählung (die verglichen mit den Bedingungen hierzulande allerdings im Schneckentempo vorangeht). Ich will das in Zukunft bitteschön auch in der Bundesrepublik sehen. Warum wurde mir im September letzten Jahres bitte nicht in angemessener Weise präsentiert, wie sich Gabriele Lösekrug-Möller (ein Hoch auf den Doppelnamen!) im Wahlkreis Hameln-Pyrmont-Holzminden gegen die Konkurrenz durchsetzte? Weshalb wurde darauf verzichtet, zu zeigen, wie sich Gerd Müller im Oberallgäu darüber freute, seinem Namensvetter alle Ehre gemacht zu haben, und den Sozen in bester Bombermanier demonstriert hat, wo der Bajuware das Weißbier holt?

Doch zurück auf die Britischen Inseln: Da man dort an einem Mehrheitswahlrecht festhält, das in der Theorie und oftmals auch in der Praxis im lästigen Kuddelmuddel der Massendemokratie „klare Verhältnisse schafft“ (eigentlich eine urdeutsche Spezialität und Grundvorrausetzung des von Angela Merkel mehrfach angekündigten, bislang indes eher sparsam umgesetzten Durchregierens), ist man Koalitionen als Brite eher nicht gewöhnt. Schade, dass nun doch ein gefürchtetes „hung parliament“ herausgekommen ist (wortwörtlich genommen eigentlich eine Vorstellung nicht ganz ohne Reiz; an Laternenmasten besteht doch trotz der Krise hoffentlich noch kein Mangel bei unseren Freunden jenseits des Ärmelkanals, oder?).

Da ich selbst einige Male das ausgesprochen große Vergnügen hatte, mich als Wahlhelfer betätigen zu dürfen, nehmen mich allerdings einige der gemeldeten Vorfälle Wunder: Vielerorts wurde Wahlwilligen Punkt 22 Uhr die Wahllokaltür vor der Nase zugeschlagen (rein protokollarisch gewiss korrekt, angesichts der scheinbaren Überforderung der Wahlhelfer im Vorlauf allerdings trotzdem mit einem gewissen Geschmäckle behaftet), anderswo verschwanden Hunderte per Briefwahl eingereichter Stimmzettel und hier und da sind sogar – wegen des unerwartet großen Andrangs – die Wahlzettel ausgegangen. Tja, das nennt sich kapitalistische Ellenbogengesellschaft, Baby. Wer zuerst kommt, malt zuerst (sein Kreuzchen), und wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht. Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die Nachfrage bestimmt das Angebot – wer dieses Mal leer ausgegangen ist, hat ja vielleicht beim nächsten Anlauf Glück.

Es könnte ja bald wieder so weit sein. Gordon Brown hat dank der Tücken der britischen Verfassung die Möglichkeit, zum politischen Zombie zu werden und sich quasi untot nochmal so richtig ins Zeug zu legen: Als amtierender Premierminister hat er das Recht, den Versuch zu unternehmen, eine eigene Regierung zu bilden – was natürlich angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht ganz leicht wird, aber man hat ja schon Pferde kotzen sehen (vor der Apotheke, im langen Strahl). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Briten schon baldigst zum nächsten Urnengang aufgerufen werden. Ich biete mich gerne als Unterstützer vor Ort an, damit die Show etwas reibungsloser über die Bühne gehen kann (man weiß doch: am deutschen Wesen soll die Welt genesen). Denn mal ehrlich: Man macht sich schon ein bisserl unglaubwürdig, wenn man Demokratie unter Einsatz von Waffengewalt zum Exportschlager mutieren lassen möchte und es dann zuhause nicht mal selbst so richtig hinkriegt.

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