Mittwoch, 12. Mai 2010

Piratenromantik

Die letzte Bundestagswahl liegt nun so weit zurück, dass ich glaube, mich zu meinen Erlebnissen mit der Piratenpartei äußern zu dürfen, ohne in den Ruf zu geraten, hier irgendwelche Empfehlungen zum Wahlverhalten aussprechen zu wollen.

Aber von Anfang an:
Wie viele Menschen bin ich nicht dagegen gefeit, dem Underdog oder dem Paradiesvogel rational nicht näher begründete Sympathien entgegenzubringen. So auch gegenüber der Piratenpartei. Weshalb sich diese Sympathien nicht in eine Stimme ummünzen ließen, hatte aber nach einer näheren Auseinandersetzung mit den Piraten dann durchaus seine Gründe:

1. Das Durchforsten des Forums der Piraten förderte einige Aussagen zutage, die mir die Haare zu Berge stehen ließen (macht sich vielleicht fein als Piratenfrisur, aber ich habe meine persönlichen Haarexperimente seit einiger Zeit hinter mir).
Nun will ich gerne einräumen, dass man im öffentlichen Forum einer Partei nicht nur auf Äußerungen tatsächlicher Parteiangehöriger trifft, aber ich unterstelle dreist, dass die Zahl der Sympathisanten dort in der Regel größer ist als die der Kritiker und Trolle. Folglich ist es als Mittel zur Erhebung eines allgemeinen Stimmungsbildes nicht ungeeignet. Die Aussagen bezogen sich neben einigem Unsinn zum Thema Urheberrecht auf für mich so spannende Themen wie Homosexualität und Gleichberechtigung. Dabei drängte sich mir der Verdacht auf, dass die Piraten – angesichts ihrer Wurzeln eigentlich nicht weiter verwunderlich – eine Partei sind, die mehrheitlich einem bedenklich naiven, quasi-naturwissenschaftlich geprägten Weltbild anhängen. Will meinen, die Piraten sind bei allem, vorrangig auf unteren Ebenen propagierten Bekenntnissen zum Dagegensein letztlich auf der Suche nach absoluten Wahrheiten. Ein schwieriges Konzept...

2. Die Piraten konnten für mich (bislang?) noch kein überzeugendes Modell entwickeln, wie sich die von ihnen beschworene Wissens- und Informationsgesellschaft letztlich manifestieren soll und was man sich darunter genau vorzustellen hat. Anders formuliert: Ich erkenne in ihren Vorschlägen kein klares Bild dieser veränderten Gesellschaft. Nun wurde mir in entsprechenden Diskussionen entgegengehalten, dies wäre in den Anfängen der grünen Bewegung auch nicht anders gewesen. War es aus meiner Warte allerdings schon: Hinter einer „Gesellschaft ohne Polizei und Militär“ steht ein eventuell nicht minder naiver, aber immerhin nachvollziehbarer Entwurf.

3. Beim Besuch einer örtlichen Piratenveranstaltung fühlte ich mich in schlimmste Schülerparlamentzeiten zurückversetzt. Interessierte Fragen aus dem zahlreich vorhandenen Publikum nach konkreten Informationen wurden in der Regel mit „steht im Wiki“ oder „schreiben wir noch ins Wiki“ beantwortet. Wozu finde ich mich dann überhaupt noch körperlich irgendwo ein, wenn alles in den virtuellen Raum verlagert wird?

4. Entgegen aller Beteuerungen keine Spaßpartei zu sein, sind Äußerungen eines hochrangigen Landeslistenkandidaten wie „Ich will nicht auf die offizielle Wahlparty ins Rathaus, weil es da bestimmt langweilig wird; ich will lieber in der Disse mit euch anderen feiern“ nicht dazu geeignet, einen neutralen Zuhörer von der Absicht zu überzeugen, man wolle ernsthaft politische Gremienarbeit betreiben. Meinem Wissen nach sind dort nämlich laute Musik und ausgelassene Stimmung eher eine Seltenheit. Ganz schlimm wird es schließlich, wenn man eine potenziell piratenaffine junge Dame, die selbiges kritisch anmerkt, mit Murren und Knurren bedenkt und sie als Spielverderberin abstempelt.

5. Die Beteuerung der Piraten, Künstler und Kreative unbedingt mit ins Boot holen zu wollen, mutet angesichts der teils abenteuerlichen Einstellungen zum Urheberrecht regelrecht bizarr an. Wer den Gedanken eines geistigen Eigentums prinzipiell ablehnt, ist als Interessensvertreter für die KuKs von vornherein eher ungeeignet. Da hilft es auch nicht, wenn Frank Schirrmacher von der FAZ in diesem Zusammenhang dem Oberpiraten auch noch das Prädikat „Intellektueller von Format“ ausstellt.

Tja, und deshalb nutzte letzten Endes auch der Underdog/Paradiesvogel-Effekt nichts. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn sich die Piraten ausgetobt und die Kopftücher abgestoßen haben...

1 Kommentar:

Andrea hat gesagt…

Ich hab ja manchmal das Gefühl, dass es in anderen Parteien auch nicht viel anders zugeht, was blösinnige Äußerungen, fehlende Pläne und die Bereitschaft ernsthaft sinnvolle Politik zubetreiben angeht. Nur die haben mehr Übung darin, das zu verbergen.

Wählen ist allgemein immer frustrierend.