Montag, 10. Mai 2010

Eine Dosis Aufregung am Morgen gefällig?

Wulf Schmiese liefert zuverlässig. Schmiese ist beim ZDF-Morgenmagazin der Ersatz für Cherno Jobatey, und wo der eine oder andere womöglich schon dachte, es gäbe Anlass zur Freude über diesen Wechsel, da der immerhin an der nicht ganz unrenommierten Henri-Nannen-Schule ausgebildete Journalist dem Mainzer Frühstücksfernsehen etwas mehr politisches Gewicht verleihen sollte, so lässt sich nun leider feststellen: Wulf Schmiese ist eine grandiose Fehlbesetzung.

Dass er keine Erfahrung als Moderator einer Livesendung vorzuweisen hat? Geschenkt.

Dass er dank seiner hölzernen Bewegungen an Pinocchio erinnert und man ernsthaft darum bangen muss, ob sein vermutlicher Traum, irgendwann einmal ein richtiger Junge zu werden, Wirklichkeit wird? Verziehen.

Dass er dem staunenden Publikum ab und an einen Kopfwackler präsentiert, wie ihn Edmund Stoiber nicht sauberer über den Hemdkragen gezittert hätte? Macht nichts.

Was Schmiese so unerträglich wirken lässt, sind die Verdachtsmomente, die sich unwillkürlich einschleichen, wenn man ihn in seinem neuen Job beobachtet. Schmiese wirkt wie der Typ besserwisserischer Streber, der einem früher in die Schule schon auf die Nüsse ging, weil er den Arm zum Melden nie runterbekam und noch dazu heftigst unter der Bank schnippte. Und wie vielen dieser Typen fehlt ihm scheinbar die nötige Empathie, um zu bemerken, dass es genau dieses Verhalten ist, das zwangsläufig dazu führt, dass sich auf dem Pausenhof niemand mit ihm blicken lassen will.

Gegen einen gesunden Ehrgeiz ist an sich ja nichts einzuwenden ("denn Leistung muss sich wieder lohnen", behaupten gewisse Damen und -Herren von der Wespen-Koalition), aber wenn Schmiese wahlweise die Klischeeabspulmaschine einschaltet oder – ganz investigativer Journalist – mit der Zartfühligkeit einer Dampfwalze eine gefährliche Expedition ins Seelenleben seiner Interviewpartner wagt, schwankt man zwischen Fremdschämen und gerechtem Zorn. Also ich zumindest. Und zwar nicht zuletzt deshalb, weil ich einmal vor Urzeiten gelernt habe, dass der gute Konservative doch angeblich Wert auf Tugenden wie Anstand und Respekt im Umgang mit anderen legt. Beides lässt Schmiese bisweilen schmerzlich vermissen (und kann dagegen nicht mal den aufgebrauchten Tapsigkeits- und Turnschuhträgerbonus von Herrn Jobatey in die Waagschale werfen).

Zum langsamen Einstieg hier das Duell Pofalla-Schmiese zum sensiblen und emotional aufgeladenen Thema Afghanistaneinsatz. Es gewährt einen versteckten Einblick, wie Schmiese sich eine Meinungsbildung im Volk so vorstellt, nämlich in der Frage an Pofalla, wie die CDU verhindern will, dass das Hindukuschabenteuer und die daraus erwartbaren Folgen (vulgo: Soldaten, die ihr Leben verlieren, weil sie von den politischen Entscheidungsträgern in einen Einsatz geschickt wurden, dessen Ziele offenkundig selbst besagten Auftraggebern nach wie vor schleierhaft sind) Wahlkampfthema in NRW werden. Denn bekanntlich sind Parteien ja dazu da, laufende Diskussionen des Wahlviehs zu ignorieren oder sich wenigstens eine moralische Deutungshoheit über strittige Fragen anzupappen, damit der Pöbel gefälligst das ungewaschene Maul hält.

Ähnlich lustig der Auftakt zum Interview mit Survival-Methusalem Rüdiger Nehberg. Abgesehen davon, dass Schmiese als ehemaliger Nordamerikanist unbedingt und ungefragt eine eigenwillige Übersetzung des Titels der unlängst erschienenen Nehberg-Biographie Sir Vival („Herr des Lebens“) loswerden muss, betont er selbstverständlich eines: den Umstand, dass Nehbergs legendäre Deutschlanddurchwanderung in den Achtzigern dankenswerterweise ohne Betteln und Schnorren von sich ging. (Ich vermute, dass Herr Schmiese mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt, und sich daher um halb fünf morgens ständig mit zwielichtigen Gestalten ohne festen Wohnsitz herumschlagen muss, bis er endlich die rettende Redaktion erreicht hat.) Auch der Kommentar, Nehbergs Einsatz für die durch Goldschürfer bedrohten Stämme der Amazonasregion, sei „im weitesten oder auch im engeren Sinne“ oder auch quasi irgendwie in irgendeinem Sinne als politisches Engagement zu verstehen, hat in seiner Unbeholfenheit etwas wahrlich Groteskes. Geradezu hilflos erscheint Schmiese spätestens dann, als Rüdiger Nehberg frecherweise darauf beharrt, lieber über seine Projekte gegen Genitalverstümmelung an Frauen reden zu wollen, anstatt die wesentlich niveauvollere Auskunft zu geben, ob er denn auch mal ganz privat so in Schleswig-Holstein Spinnen, Insekten, Frösche oder Mäuse isst, wenn in der Speisekammer gähnende Leere herrscht.

Ein wahres Feuerwerk brennt Schmiese in seiner Begegnung mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ab. Das Drama hat zwei Teile (hier und hier). An dieser Stelle näher ins Detail zu gehen verbietet sich aus Pietätsgründen. Vielleicht nur so viel: Selten ein eindrucksvolleres zeitgeschichtliches Dokument gesehen, wie ein Silberrücken einen jungen Hüpfer abwatscht.

Einige schöne Momente bietet auch dieses Interview mit Ex-Bundesgesundheitsministerin Renate Schmidt. Besonderes Highlight: Schmieses Darstellung des Kondoms als ähnlich sicheres Verhütungsmittel wie die Pille. Leider fehlt die Anmoderation, in der Schmiese den Zuschauer moralinsauer dazu aufruft, doch einmal näher über die Bedeutung des Begriffs „Anti-Baby-Pille“ nachzudenken. Sorry, Wulf, aber Ficken-ohne-Angst-Tablette wäre im damals herrschenden gesellschaftlichen Klima wahrscheinlich nicht durchzusetzen gewesen.

O Cherno, wo bist du, wenn man dich (ausnahmsweise) mal wirklich braucht?

1 Kommentar:

Sophia hat gesagt…

also, ich hab immer überm tisch geschnipst. feigling!