Freitag, 23. April 2010

Von Tieren, Menschen und blinden Mordopfern

Mir wird angesichts meines Geschreibsels ja gelegentlich vorgeworfen, ich würde die Grenzen des guten Geschmacks missachten. Ein interessantes Nebenphänomen in diesem Zusammenhang trat bei der Leserunde zu Die Zombies auf Piper Fantasy in Erscheinung: Ich zeigte mich ein wenig überrascht, dass sich so viele Leser von der Gewalt, die im Roman an zwei Stellen Tieren angetan wird, wesentlich abgestoßener zeigten als von der vergleichsweise durchweg stattfindenden Gewalt gegen Menschen (oder Kreaturen, die zumindest einmal Menschen gewesen sind).

Dabei muss ich feststellen, dass ich mit meinen Figuren noch regelrecht human umspringe, wenn ich mir anschaue, was eine nicht ganz unerfolgreiche Thrillerautorin (nämlich Karin Slaughter) mit ihren Opfern anstellt. In ihrem Erstling wird eine blinde, lesbische Frau auf dem Klo (genauer beim Toilettengang) attackiert. Der Täter schneidet ihr ein Kreuz in den Unterleib und schändet sie erst in die beigefügte Wunde und anschließend in die Vagina. Darauf kommt die ermittelnde Pathologin im Nachgang des Verbrechens, weil sie bei der Obduktion Darminhalt nicht nur im Bauchraum des Opfers, sondern eben auch in der Scheide findet.

Da soll noch mal jemand ernsthaft behaupten, ich würde es in meinen Romanen mit den Ekligkeiten übertreiben ...

Kommentare:

Reitersmann hat gesagt…

In "The Dark" von James Herbert steckt ein Typ einer Frau eine Schrotflinte in die Vagina und drückt ab. Nichts im Vergleich zu Slaughter, ich weiß, hat mich damals aber, ähm, beeindruckt. Herbert war stets eine Fundgrube, seine Fiesigkeiten waren wirklich fies. In Peter James' "Prophecy" gibt's eine Analvergewaltigung mit glühendem Schürhaken.
Au ja, lasst uns weiter sammeln ...

Jesco hat gesagt…

Ich fand jetzt die Gewalt Tieren gegenüber nicht sonderlich aufregend.
Aber in einem Land wo Leute ihren Hund zum Mittelpunkt des Lebens machen (Hausmeister Krause ist viel näher an der Realität, als einem das lieb sein kann) ist es natürlich so, dass du auf Unverständnis stösst, wenn ein scheinbar liebes kleines Hündchen den Kopf verliert.
Ich für meinen Teil finde Gewalt gegen menschliche Charaktere tatsächlich viel abstossender und abgründiger. Zum Beispiel als Stephen King in Lisey's Story beschreibt, wie ein junger Mann einer älteren Dame mit einem Büchsenöffner die Brust aufschneidet.
Wenn man überlegt, dass der Mensch eigentlich immer im Vergleich zu allen anderen Tieren auf seine Vernunft und 'Menschlichkeit' (im Sinne von Mitgefühl) klopft, dann ist das doch anscheinend der komplette Gegenbeweis. Und das ist ja auch was die Zombies von den Menschen unterscheidet. Bei den Wandlern überliegen der Instinkt und Hunger der eigentlichen Vernunft und das macht sie dann wieder unmenschlich. Welche dieser beiden Positionen die natürlichere ist, steht auf einem anderen Blatt.

Tom hat gesagt…

Jep. Nach zwei Karen-Slaughters war ich bedient. Den erstling hatte ich nicht gelesen - aber da bleibe ich doch lieber bei den guten, alten und harmlosen Schwedenkrimis mit ihrer herzerfrischen fröhlichen Stimmung.

Und auch an die kommst du nicht ran.
Deine Gewaltdarstellungen sind nun wirklich "harmlos". Im Vergleich zu den in Krimis/Killer-Thrillern üblichen zumindest.

Ein ähnliches Phenomen haben wir letzte Woche mit dem Problemfall "fluchen" erlebt. Wie explizit darf sich ein Misanthrop in einem Roman eigentlich äußern, ohne dass man einen "explicit lyrics"-Verweis auf dem Titel braucht? Und ausgerechnet bei den DSA-Romanen, die ich bislang für eher jugendfreundlich hielt, sind wir dann auf ein Beispiel gestoßen, bei dem wir feststellen durften, das unsere Grenzen doch noch sehr zivilisiert gesteckt sind. Seltsamerweise wird hier exzessive Fäkalsprache problemlos akzeptiert, während sexistische und rassistische Bemerkungen (nicht der Zwerge-Elfen-Schmuh. Richtige) gegen immerhin fiktive Rassen als großes Problem angesehen werden.
Das steht in einem sehr ähnlichen Verhältnis wie das Gewalt-gegen-Menschen/Tiere-Phänomen.

_mathilda_ hat gesagt…

Ok, mir scheint, ich bin in deinem Werk noch nicht so weit vorgedrungen, dass ich wirklich eklige Dinge zu lesen bekommen hätte. Dabei bin ich nach einem Stephen-King-Zwischenfall in dieser Hinsicht doch etwas sensibilisiert.

Und ich hab eine Theorie, warum viele Menschen Gewalt gegen Tiere verwerflicher finden als gegen Mitmenschen. Es könnte daran liegen, dass Menschen per se gleichberechtigt sein sollten, und somit ein Mensch, dem Gewalt angetan wird, sich eigentlich wehren kann. Tiere, die gequält werden, haben dieser Handlung meist nichts entgegenzusetzen. Sie befinden sich bezüglich Intelligenz, Werkzeuggebrauch und Bösartigkeit einfach auf einer früheren Entwicklungsstufe.

Natürlich sucht man sich für solche Gräueltaten meist nicht die gefährlichen Tiere oder wehrhafte Menschen aus... Weder im wirklichen Leben noch in Büchern ;)

Rebekka hat gesagt…

Hm,ich vermute es kommt stark drauf an, um was für Tiere es geht. Problematisch wird es wahrscheinlich erst, wenn die im Roman misshandelten Tiere in die Kategorie "Haustier" fallen. Ich nehme an, das tun sie in diesem Fall? (Ich schließe das jetzt mal aus dem erwähnten Hündchen, das den Kopf verliert.) Tier ist ja in unserer Kultur nicht gleich Tier, sondern es ist entweder Nutztier oder Wildtier oder Haustier. Ich schätze Gewalt gegen Nutz- und Wildtiere wäre im Roman lange nicht so problematisch, weil sie sowieso akzeptiert ist. Aber Haustiere sind fast als Menschen konzeptionalisiert, bzw. fast als Kinder. Das erklärt unter anderem auch warum es hierzulande immer mal wieder Empörung auslöst, dass in anderen Kulturen Hunde & Katzen gegessen werden.