Montag, 29. März 2010

Menschen, Tiere, Sensationen: Buchmesse Leipzig (Teil 5)

Den Samstagabend ließen wir nach einer freundlichen Einladung von Natalja Schmidt in einer Tapasbar in der Leipziger Innenstadt ausklingen. Dort lernten wir, dass nicht alle Sachsen „helle, höflich und heimtückisch“ sind, wie uns ein Mitarbeiter der Messe noch wenige Stunden zuvor versichert hatte. Einer der Kellner war bestenfalls heimtückisch, und im Grunde genommen nicht einmal das.

Dialogfetzen:
Gast (versucht im Lärm und umringt von 15 anderen Leuten an einem Tisch verzweifelt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen): Hallo!
Kellner (pikiert): Der Herr Hallo arbeitet heute nicht ...
Gast (nicht unhelle, nach einem Augenblick konsternierten Schweigens): Wer arbeitet heute denn?
Kellner: Der Herr P.
Gast: Gut, Herr P. dann hätte ich gern-
Kellner: Oder noch besser ist Rüdiger.
Gast: Aha.

Was soll das? Rüdiger P. trug weder ein Namensschild, anhand dessen man seinen Namen hätte ermitteln können, noch tauchte er zu Beginn des Abends am Tisch auf, um sich vorzustellen. (Mein Vorschlag für Letzteres wäre: „Gott zum Gruß, meine sehr verehrten Damen und Herren. Mein Name ist Rüdiger P., ich bin heute Abend ihr Kellner – und nebenberuflich ein bornierter Armleuchter.“)

Wir ließen uns die Laune von so viel Service allerdings nicht verhageln. Als Fantasyfan ist man Kummer ja bekanntlich gewöhnt.

Am Sonntag stand dann nur noch die Heimfahrt auf dem Programm, nachdem ich abends noch Zeuge werden durfte, wie Herr Klitschko es spannend machte. Das Fernsehen wartete auch unmittelbar vor der Abfahrt noch mit einer Überraschung auf: der Übertragung eines protestantischen Kindergottesdienstes. In Zukunft werde ich es nicht mehr erdulden, wenn sich Hohn und Spott von protestantischer Seite über so manchen Katholiken ergießt, weil dessen Priester das Vaterunser im liturgischen Singsang vorträgt. Bei diesem Kindergottesdienst war jede Zeile des Gebets von einer anderen absurden Geste begleitet, die irgendwo zwischen verdrehter Eurhythmie und gescheiterter Pantomime angesiedelt war. Darüber hinaus wurde offenbar, dass sich Protestantismus und Katholizismus dann doch nicht so viel schenken, was im gelebten Glauben die Sexualmoral angeht. Scham und Verschweigen angesichts natürlicher Gegebenheiten bleibt auch hier oberstes Gebot: Kurz vor Schluss wurde ein Liedchen darüber angestimmt, was der Herr so alles an einem geschaffen hat und demzufolge liebt. Man arbeitete sich dabei von unten nach oben vor: Füße, Beine, Bauch, Brust. Ich folgere also: Für meinen Schnippi muss der Teufel oder sonstwer verantwortlich gewesen sein (sieht ja auch grässlich aus, so ein Ding).

Apropos Scham: Liebe ARD, ich gratuliere zu sympathischer Unverkrampftheit bei der Präsentation von Hörbüchern. An einem gewaltigen Stand mit mehreren Hörterminals ertappten wir drei schätzungsweise Zwölfjährige, die aus dem angebotenen Menü zielsicher erst Erotik und dann Die Abenteuer der Fanny Hill anwählten. Zur Beruhigung: Immerhin einer der drei Knaben riss sich bereits nach Sekunden irr kichernd die Kopfhörer herunter (manche Dinge ändern sich eben nie).

Auf der Rückfahrt erwies sich, dass auch die Prostitution entlang der B4 sich quasi an geltende Ladenöffnungszeitenbestimmungen hält – lediglich eine Dame ist uns aufgefallen, die in ihrem Wohnmobil gelangweilt in einem Magazin blätterte. Schön, dass immer noch so viel gelesen wird.

(P.S. Teil 1; Teil 2; Teil 3; Teil 4)

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