Freitag, 26. März 2010

Menschen, Tiere, Sensationen: Leipziger Buchmesse (Teil 4)

Am Buchmesse-Samstag erlebten wir, wie nahe das Hehre und das Banale bisweilen zusammenliegen: Nach der morgendlichen, geradezu berauschenden Erkenntnis, einer wundersamen Spezies anzugehören, die sich zu Zehntausenden an ein und demselben Ort einfindet, nur um in Buchseiten gepresste Welten des Möglichen zu feiern, stellten wir beim Frühstück zum wiederholten Mal fest, dass es sich bei Milch in Leipzig um ein höchst kostbares Gut handeln muss. Wieso sonst fasste das Kännchen, das für uns auf dem Tisch bereitgestellt worden war, dem Empfinden nach gerade einige Tröpfchen dieser Flüssigkeit, kaum genug, um aus schwarzem Kaffee dunkelbraunen zu machen?

Sei’s drum. Jedenfalls war es an diesem Tag in den Messehallen noch viel, viel voller als zuvor. Insofern war es eine ausgesprochen weise Entscheidung unserer Fee, dem Trubel fernzubleiben und sich stattdessen lieber von einer ortskundigen Führerin die zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen zu lassen. Besonderen Eindruck hinterließ das Völkerschlachtdenkmal, das wohl beinahe jeden Fantasyfan aufgrund der Imposanz seiner Statuen zufriedenstellen wird (bis auf ewige Nörgler wie meine Wenigkeit, die Monumentalbauten dieser Art von Natur aus skeptisch gegenüberstehen).

Der Moops und erfreuten uns alldieweil an den Scharen von Cosplayern, und nachdem ich mich freitags noch über einen wenig überzeugenden Alucard aus Hellsing beschwert hatte, wurde ich durch einen todschicken Vampir aus besagter Serie mit der Cosplay-Szene versöhnt.

Generationsbedingt habe ich mehr Erfahrungen mit dem guten alten LARP, und prinzipiell unterstütze ich das Bestreben der Waldritter, LARP als Unterrichtsmittel an Schulen populär zu machen. Nur zwei Tipps möchte ich dahingehend ungefragt loswerden: Erstens reagieren meiner Einschätzung nach die meisten Pädagogen empfindlich, wenn man in einem Werbeflyer davon redet, die LARPenden Kinder sollten gemeinsam dafür kämpfen, das natürliche Gleichgewicht zwischen Gut und Böse aufrechtzuerhalten (und nein, auch eine Umformulierung in Richtung Gleichgewicht zwischen Habenden und Nicht-Habenden, zwischen Leben und Tod oder Ähnliches wird die Lehrer vermutlich nicht milder stimmen). Zweitens wäre es günstig, Szenen aus dem Werbevideo zu entfernen, in denen sich die Kinder gegenseitig fesseln (aus welchen Gründen überlasse ich gern der Phantasie meiner Leser).

Wer sich uns gegenüber schließlich als begeisterte Vampire-LARPerin outete, war die entzückende Victoria Schlederer, die mit Des Teufels Maskerade den Magischen Bestseller-Wettbewerb von Heyne gewonnen hat (alles andere als unverdient, denn wenn in einem in der K.u.K.-Zeit angesiedelten Roman sprechende Otter in Erscheinung treten, hat man es definitiv mit einem vielversprechenden Werk zu tun).

Wir nutzten den Ansturm auf die Leseinsel anlässlich des Vortrags von Kai Meyer zu einer raschen Flucht auf eine Terrasse, wo wir fast bis Messeschluss plauderten, unter anderem mit Lars Schiele von der Nautilus, einem der womöglich bestinformiertesten Szenekenner, der allerdings nicht müde wird, beständig sein strahlendes Licht unter den Scheffel zu stellen: Vergleich von Tolkien-Übersetzungen, Gründe für den Erfolg von Harry Potter und Twilight, Veränderungen in der generellen Erzählform des Romans – es gibt kein Thema, zu dem dieser angenehm sanftmütige Herr in der Diskussion nicht etwas brachial Sinnvolles beitragen könnte.

Kurze Zwischenanekdote, die sich mit erfrischendem Pragmatismus unter Autoren befasst: Autor A hat sich beim Mandarinenverschlingen die Finger besudelt und fragt bei Autorin B nach, ob sie nicht ein Taschentuch für ihn hätte. Autorin B verneint, zückt aber ungerührt eine Binde aus der Handtasche, mit der sich das Malheur flugs beheben lässt. (Stichwort hier: neutrale Testflüssigkeit ...)

Dem Moops gelang es des Weiteren, ein Versäumnis nachzuholen – sich nämlich einmal ausgiebig mit der sympathischen Daniela Knor zu unterhalten, von der er mir noch bis heute vorschwärmt.
Eine weitere, erwähnenswerte Beobachung: E-Books musste man in Leipzig quasi mit der Lupe suchen. Das mag zum einen daran liegen, dass das Verlagsgeschäft nicht unbedingt berühmt dafür ist, rasch auf Veränderungen zu reagieren, zum anderen daran, dass ein E-Book wahrscheinlich noch schwerer spannend zu präsentieren ist als ein gewöhnliches Buch. Bis da die ersten Ideen umsetzungsreif sind, bekommt man bei Messen noch eine Weile jede Menge Papier zu sehen...

(P.S. Teil 1; Teil 2; Teil 3; Teil 5 folgt!)

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