Montag, 1. Februar 2010

Prolog – ja oder nein?

Angeregt durch diesen Thread im von mir sehr geschätzten Montségur-Autorenforum wurde mir eine Debatte ins Gedächtnis gerufen, in die ich irgendwann im letzten Jahr bei einer Gartenparty in Hamburg verwickelt war (und ja, es war Rotwein im Spiel). Einer der Diskussionsteilnehmer war vehementer Prologgegner. Er stand dem Konzept, der eigentlichen Haupthandlung eines Romans etwas voranzustellen, derart abgeneigt gegenüber, dass er nach eigenen Angaben keine Prologe liest. Interessanterweise würde es ihn jedoch nicht stören, so sagte er, wenn der vorgelagerte Schlenker vor dem Einsetzen des Hauptplots einfach als erstes Kapitel ausgegeben würde. Einen Prolog, der sich als solches zu erkennen gibt, empfindet er hingegen als Ablenkung, wenn nicht gar als dreiste Unverschämtheit seitens des Autors.

Eine kurze Stichprobe im heimischen Bücherregal quer durch alle Genres hat ergeben, dass ungefähr ein Drittel der aufgeblätterten Romane mit einem Prolog beginnen. Es geht also anscheinend auch ganz wunderbar ohne, könnte man meinen. Dies wäre allerdings eine empirisch-kühle Sichtweise, die einen ganz entscheidenden Punkt außer Acht ließe, nämlich die Frage, welche Funktionen ein Prolog für einen bestimmten Roman erfüllt.

Je älter ein Roman, desto größer die Wahrscheinlichkeit, auf eine Form des Prologs zu stoßen, an der man sehr schön sehen kann, woher der Prolog ursprünglich stammt – aus dem Drama – und wozu er einmal hauptsächlich verwendet wurde: zur Einführung des in der Haupthandlung angegangenen Themas und nicht selten auch der wichtigsten Figuren bzw. der zu erwartenden Wendungen im Geschehen (manchmal auch über Figuren transportiert, die mit dem späteren Geschehen nicht direkt in Verbindung stehen). Aus heutiger Betrachtungsweise hat ein solcher Prolog also durchaus gehörige Spoilerqualitäten, was jedoch zugleich den Vorteil hat, dass man schreiend den Saal verlassen respektive das Buch zuklappen kann, wenn man anhand dieser im Grunde ja wohlmeinenden Einstimmung entsetzt feststellt, dass man sich beim Kartenkauf zwischen Tragödie und Komödie bzw. beim Bucherwerb zwischen Krimi und Chick Lit vertan hat. Der Prolog dient hier gewissermaßen als wichtige Orientierungshilfe, und diese Handreichung an den Leser findet sich bis heute noch in einigen Romanen, zum Beispiel um eine ungewöhnliche Erzählsituation von vornherein offenzulegen (in den Werken, in denen etwa eine altersmäßig stark gereifte Figur auf ihre Jugend- und Kindertage zurückblickt und somit geklärt wird, warum eine Neunjährige an manchen Stellen, die den Leser noch erwarten, schon so furchtbar altklug daherkommt und über tiefste Einblicke in das innerfamiliäre Seelenleben verfügt).

Als weitere Spielart findet man Prologe, die gemeinsam mit einem dazugehörigen Epilog eine mehr oder minder in sich geschlossene Rahmenhandlung ergeben. Um mal in der Beispielwelt aus dem Familienroman zu bleiben, kann man sich darunter Folgendes vorstellen: Im Prolog begegnen sich in der Gegenwart zwei Figuren, kommen ins Gespräch und finden Gefallen aneinander. Die Haupthandlung ist dann eine Art gigantische Rückblende, in der die Geschichte und die besonderen Charakterzüge zweier Familienclans geschildert werden, deren Schicksale sich immer wieder berühren. Der Epilog springt zurück in die Gegenwart, zeigt das Scheitern der Annäherung der beiden Figuren, die – wie wir als Leser inzwischen dank der Haupthandlung wissen – von vornherein zwangsläufig eintreten musste, weil Figur A zu den beziehungsunfähigen Müllers und Figur B zu den noch erheblich emotionsdeformierteren Schmidts gehört. Warum schreibt man in diesem Fall nicht über den Prolog „Kapitel 1“ und über den Epilog „Kapitel 637“? Nun, zum einen will man als Autor wahrscheinlich gern die Rahmenhandlung markieren, und zum anderen hilft dies dem Leser, der sich dann nicht ständig fragt, wo denn die beiden reizenden Figuren aus Kapitel 1 abgeblieben sind – und zwar gerade deshalb, weil über dem Prolog Prolog steht. Natürlich kann man das auch anders lösen – zum Beispiel, indem man die beiden Teile der Rahmenhandlung mit einer Orts- oder Zeitangabe („Wanneeickel“; „2010“), mit deutungsoffenen oder sehr konkreten Schlagworten („Das Paar“; „Die Eiskönigin und das Klammeräffchen“) oder sonstig vom Resttext abgrenzend überschreibt (mit einem Zitat aus einem Liebeslied oder einer Ansammlung kyrillischer Buchstaben). Diese Strategie kann aufgehen, aber genausogut noch prätentiöser wirken als die guten, alten Bekannten „Prolog“ und „Epilog“.

Die dritte Art des Prologs, der man begegnet, könnte man als den Reinzieher bezeichnen. Sie findet sich in vielen Genres und beschreibt meist eine dramatische, actiongeladene oder anderweitig packende Situation (einen Mord aus der Perspektive des Opfers oder des Täters; die Situation an Bord eines Flugzeugs, in dem ein Passagier ein merkwürdiges Päckchen unter seinem Sitz findet, das tickende Geräusche von sich gibt; die Aufregung einer Braut vor der Hochzeitsnacht mit dem Mann, den sie aus Gründen der finanziellen Absicherung geheiratet und bislang körperlich auf Distanz gehalten hat, weil sie ihn komplett unattraktiv oder gar abstoßend empfindet; die Liste ist so lang wie die menschliche Vorstellungskraft...). Die Funktion dieser Form des Prologs besteht wenig überraschend also darin, den Leser von Anfang an stark an den Text zu binden (und hier kommen dann oft Genrekonventionen und andere Varianten von angenommenen und größtenteils ja durchaus belegbaren Lesererwartungen ins Spiel).

Also was nun? Prolog, ja oder nein? Ich antworte mit einem entschiedenen „Kommt ganz drauf an!“ und möchte allerdings die erzählerischen Möglichkeiten, die ein guter Prolog bietet auf gar keinen Fall missen.

Kommentare:

_mathilda_ hat gesagt…

Ich liebe Prologe und Epiloge. Klar kann ich auch ohne leben, aber ich genieße es, wenn ein guter Prolog einen Spannungsbogen aufbauen kann, und man erst nach einigen 100 Seiten draufkommt, worauf der eigentlich abgezielt hat.

Aber ich hol mir ja auch die Spoiler für meine Lieblingsserie und lese mir schon mal die Filmfehler für den am Abend vorgesehenen Kinofilm durch. Spoiler sind eine kleine Zeitreise für mich. Ich fänds also schade, wenn die Gattung des Prologs ausstürbe.

Soweit aus der Sicht einer Konsumentin :)

Philipp hat gesagt…

Einer der Diskussionsteilnehmer war vehementer Prologgegner. Er stand dem Konzept, der eigentlichen Haupthandlung eines Romans etwas voranzustellen, derart abgeneigt gegenüber, dass er nach eigenen Angaben keine Prologe liest. Interessanterweise würde es ihn jedoch nicht stören, so sagte er, wenn der vorgelagerte Schlenker vor dem Einsetzen des Hauptplots einfach als erstes Kapitel ausgegeben würde.

Ich meine ja, dass der oben genannte Diskussionsteilnehmer sich damit disqualifiziert, dass er seine Ablehnung auf die Überschrift über dem 1. Kapitel reduziert. Ob da nun Prolog oder Kapitel 1 steht ist doch Jacke wie Hose und wer etwas anderes behauptet, versucht sich wichtg zu machen, abzugrenzen oder sonstwie eine Diskussion zu provozieren. Ist ja auch mal nett, passt auch gut zum Rotwein, ist aber eher kein dauerhaft verteidigungswürdiger Standpunkt.

Ob einem Prologe im Allgemeinen gefallen oder nicht, ist meiner Meinung nach Geschmackssache und darüber soll man ja nicht streiten :-)

Manche Prologe und/oder Epiloge gefallen mir, auf manche würde ich lieber verzichten...

Anonym hat gesagt…

Ob da nun Prolog oder Kapitel 1 steht ist doch Jacke wie Hose und wer etwas anderes behauptet, versucht sich wichtg zu machen, abzugrenzen oder sonstwie eine Diskussion zu provozieren.

Mhhh? *räusper*

Warum schreibt man in diesem Fall nicht über den Prolog „Kapitel 1“ und über den Epilog „Kapitel 637“? Nun, zum einen will man als Autor wahrscheinlich gern die Rahmenhandlung markieren, und zum anderen hilft dies dem Leser, der sich dann nicht ständig fragt, wo denn die beiden reizenden Figuren aus Kapitel 1 abgeblieben sind – und zwar gerade deshalb, weil über dem Prolog Prolog steht.

Das scheint mir eigentlich, auch ohne Rotwein, recht plausibel...

Cheers,
A