Mittwoch, 3. Februar 2010

Das verfluchte elektronische Buch

Zwei Artikel – der eine von Spiegel Online, der andere von der Zeit-Website – halten mich dazu an, mir einige Gedanken über die digitale Zukunft des Buches (man beachte die Begriffsbestimmung) zu machen.

Die meisten Gründe, die für mich ganz persönlich derzeit dagegen sprechen, mir einen Reader zuzulegen, sind letztlich aus Angstfantasien geboren.

Die geringste ist noch die, dass mir gerade an der spannendsten Stelle eines Romans der Akku quasi in den Rücken fällt und ich erst mit zittrigen Fingern nach einer Steckdose suchen muss, um das Teil wieder aufzuladen, bevor ich weiterlesen kann (ganz abgesehen davon, dass Ladekabel sich in meinem Haushalt ähnlich verhalten wie Socken – sie verschwinden auf mysteriöse Weise im Nirgendwo).

Die nächste Angstfantasie ist die, dass ich meinen Reader andauernd fallenlasse. Diese Furcht ist womöglich nicht ganz unbegründet. Bücher haben nun einmal die Tendenz, ein Eigenleben zu entwickeln und die Gesetze der Schwerkraft auf die Probe stellen zu wollen. Nun kann man sicherlich einwenden, dass man ein Gerät, für das man ein paar hundert Euronen locker gemacht hat, per se mit größerer Sorgfalt behandelt als ein handelsübliches Taschenbuch. Aber will ich das? Da ist immer die Rede von Alltagstests für Reader, aber wie penibel sind sie durchgeführt?

Will ich meinen Reader mit aufs Klo nehmen? In die Badewanne? Bei Bahnfahrten durch übel beleumdete Regionen ganz selbstverständlich zücken? Ein lästiges Insekt damit erschlagen? Es erbost in die Ecke (oder auf den Moops) schleudern, wenn mich ein Text in Rage versetzt? Oder auf einen Mitmenschen, der meinen Zorn erregt hat (wiederum ist der Moops der Hauptverdächtige)?

Das sind die Problemstellungen, die mich mehr beschäftigen als die Frage, was so ein Ebook nun kosten darf oder sollte, obwohl ich auch in diesen Diskussionen die derzeit weit verbreitete Gratismentalität durchschimmern höre. Einer der Denkfehler, der hier oftmals begangen wird, scheint mir der zu sein, dass wir im Grunde eben doch noch so an Materialität gewöhnt sind, dass im Themenkomplex Ebook und Reader etwas Grundlegendes verwechselt wird: Mit dem Kauf eines Readers erwerbe ich (abgesehen von etwaigen Zusatzangeboten wie Zugriffen auf die Online-Versionen von Tageszeitungen und verwandten Publikationen) zunächst einmal eben nur einen Reader. Mehr nicht. Kein Buch. Auch wenn Frank Patalong in seinem Artikel Folgendes zu sagen weiß: „Für eine Datei zahlt man nicht so viel wie für ein Buch – zumal, wenn man schon Hunderte Euro für den Einband (das Lesegerät) hingelegt hat.“ Der Reader ist eben nicht der Einband eines Buchs. Er ist ein Reader.

Zur Veranschaulichung kann man das quasi im nicht-digitalen Bereich durchexerzieren. Was Patalong letztlich fordern würde, sähe auf Papier bezogen nämlich so aus: Ich erstehe für teures Geld einen einzigen Einband (der übrigens nicht von einem Verlag, sondern von einer Buchbinderei bzw. einer Buchhandlung angeboten wird), der mir gleichzeitig einen zukünftigen Rabatt auf den Kauf sämtlicher Bücher beschert, die ich dann – nach Erwerb – in meinen Multi-Einband einschlagen kann. Prinzipiell stünde dem ja nichts im Wege, sofern es mir als Einbandhersteller/verkäufer gelingt, die Verlage von diesem Konzept zu überzeugen – und das ist genau das, woran es im Augenblick in Sachen Ebooks noch etwas hakt. Eine denkbare Alternative wäre wohl, dass Amazon, Sony, Google, Apple und ähnlich potente Kandidaten letztlich selbst dazu übergehen, im großen Stil Bücher zu verlegen. Ob dabei letztlich andere Preisgestaltungen herauskämen, wer weiß?

Kommentare:

_mathilda_ hat gesagt…

Ich oute mich als begeisterte, begierige Leserin, auch wenn ich mittlerweile doch etwas weniger lese. Fünf Bücher pro Woche waren doch ein ziemeliches Pensum ;)

Obwohl ich also lesebegeistert und technikaffin bin, kann ich mich so gar nicht mit EBooks anfreunden. Für mich ist lesen doch irgendwie mit dieser haptischen Erfahrung von Papier verbunden. Auch wenn mein Netbook überall dabei ist - lesen möchte ich schon noch lieber auf Papier.

Was die Kostenseite angeht: Ich bin der festen Meinung, dass man beim Buch hauptsächlich für den Inhalt und nebensächlich für die Darbietungsform/das physische Material bezahlt. Allerdings sehe ich keinen großen Anreiz, mir um eine dreistellige Summe ein Gerät anzuschaffen, das nur für diese eine Sache taugt, und für die "Befüllung" mit Lesestoff dann mehr auszulegen als ich es tun würde, wenn ich mir ein Paperback kaufe. Es muss nicht alles gratis sein, keineswegs, aber es sollte das Kostenmodell hat schon auch stimmen.

Herr M. hat gesagt…

Guten Abend,

damit das Nachfolgende nicht zu negativ klingt ein bisschen Geschleime vorweg: Ich lese dein Blog recht gern, es enthaelt fast immer gut durchdachte Meinungen/Ideen.

und jetzt: Ich bin ja noch nicht komplett ueberzeugt, ob hinter diesem Blogeintrag nicht doch eine (quasi eigennuetzige) versteckte Agenda steht, nehms aber mal so wie es da steht.

Zu den Angstfantasien: Falls man wirklich neutral an das Thema herangeh(t/en moechte), kann man sich durch gezieltes Informieren bestimmt aus diesem Stadium der difusen Angst herausheben. Nicht das ich es detailiert getan haette, ich mein ja nur. zB.
- gibts bestimmt analog zu Mobiltelefonen "Reader-Socken", die das kostbare Stueck vor unbeabsichtigen Beschaedigungen schuetzen
- ist die Gefahr, das ein Reader "gezogen" wird, mMn nicht sehr hoch, dazu sehen die allesamt noch zu "uncool" aus (und gehen wahrscheinlich auch an den Interessen des Taeterkreises vorbei)
- sollte man auch keine Buecher werfen!!! (du kannst ja neben dem Reader immer ein Wurfbuch dabei haben um dieses Problem zu loesen)
- Klo und Wanne geht

Mit einem Reader kauft man sich sehr wohl nicht nur einen Einband, sondern dank dem Internet (und damit meine ich nicht die illegalen Angebote sondern alle moeglichen freien langen Texte, zB. dank Projekt Gutenberg durchaus auch "richtige" Literatur) auch eine recht ansehnliche Bibliothek. Natuerlich nicht unbedingt gefuellt mit den Buechern, die man lesen moechte und da kommen wir zum:
Hauptproblem, warum sich Ebooks bisher nicht mehr durchgesetzt haben, ist mMn wie du auch richtig bemerkst die Preisgestaltung. Ich kenne mich da ja nicht wirklich aus, aber wenn es lt. einiger Artikel, die ich im Internet gelesen habe, ueblich ist, dass Buchhandelsketten von den Verlagen Rabatte im mittleren zweistelligen Bereich bekommen, sollten Ebooks um einiges guenstiger angeboten werden koennen als heute - die Verlage muessen eben auch mit der Zeit gehen und ihre internen Strukturen anpassen. Die Verlage koennen durch die digitale Verbreitung ihrer Werke schon einiges sparen und dieses auch an den Verbraucher weiterreichen, der Reader muss sich ja noch amortisieren. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem richtigen Buch und einem 10% guenstigerem Ebook, welches ich dann auf meinem 300 Euro-Reader lesen kann (und womoeglich aufgrund irgendwelcher Kopierschutzmassnahmen nur auf diesem Geraet) werde ich ohne zu Zoegern zur Toter-Baum-Edition greifen.

Hui - was fuer ein langer Kommentar.
gruss,
christian!

Stephan hat gesagt…

Nach meiner Erfahrung ist es nicht unbedingt der Preis, der abschreckt: 300,- EUR sind für die meisten (lesebegeisterten) Leute keine große Einstiegshürde. Und ist die erst mal überwunden, kaufen sich E-Bücher automatisch sehr viel schneller, egal wieviel die dann kosten. Hürde Nummer 1 sind immer noch die Unhandlichkeit und v.a. die Langsamkeit der Reader (kann man inzwischen in den meisten Buchhandlungen ganz gut vergleichen).
Aber ich denke, das Problem löst sich recht schnell durch Konkurrenten wie das iPad, das nicht nur als Reader sondern auch als Spiel- und Arbeitsgerät verwendet wird - dummerweise ist das genau jenes Teil, das sie Dir in der U-Bahn abnehmen werden ;)

lapismont hat gesagt…

Wozu brauche ich aber noch einen Verlag, wenn ich als Autor meine digital erzeugten Texte digital zum Lesen anbieten kann? Warum nicht gleich auf der Autoren-HP zum Lesen anbieten?
Die Unterwegssurfer haben bereits ein Gerät dabei, mit dem sie digital lesen können, ob Handy, Netbook oder iweiswas.
Der Reader ist nur eine weitere Spielart. Diese Geräte setzen sich erst dann durch, wenn sie umsonst zu einem eBook dazu zu bekommen sind.
Und das wird passieren. Vielleicht sogar mit Pfandsystem wie bei Leergut.
Dann stehen vor dem U-Bahnhof die ipunks und fragen: Haste mal nen eBook?

Stephan hat gesagt…

E-Reader als Wegwerfobjekt? Hm, dafür wäre ja eigentlich Papier der ideale Rohstoff. Regenerierbar, recycelbar und gut lesbar ;-)

Was das Bild der Verlage in der Zukunft angeht, würde ich auch sagen, dass viele der "Alterwürdigen" sterben. Verlage werden sich mit der Zeit definitiv mehr als Dienstleister beweisen müssen als das bisher der Fall ist. Produktion und Verteilung kann irgendwann jeder theoretisch selbst übernehmen. Was bleibt (und auch in Zukunft unentbehrlich ist) sind Lektorat und gute Vermarktung der Autoren (Veranstaltungen, Lesungen, Messen, Portale, Communities usw.). Das Internet wird vor lauter Schund überquellen (als würde es das nicht schon tun) und die Leser brauchen dann mehr denn je Orientierung in dem ganzen Wust. Entbehrlich werden Verlage also nicht - nur anders.