Freitag, 29. Januar 2010

Untoter Freitag: Re: Your Brains

Der Zombie treibt sein Unwesen bekanntermaßen nicht nur auf Leinwänden und Flimmerkisten, sondern auch im Liedgut. Einer der herausragendsten Songs zum Thema ist Jonathon Coultons Re: Your Brains. Warum das so ist, möchte ich gerne kurz Verslein für Verslein erläutern (und wer sich als Nerd bezeichnet und Coulton noch nicht kennt, möge sich bitte kurz doll schämen und diese Lücke im Geekwissen rasch schließen).

Heya Tom, it’s Bob from the office down the hall
Good to see you buddy, how’ve you been?
(Ganz der Theorie verpflichtet, wonach das Phantastische sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass es unvermittelt in unseren Alltag einbricht, lullt Coulton uns als Zuhörer hier zunächst in trügerischer Sicherheit.)

Good to see you buddy, how’ve you been?
Things have been OK for me except that I’m a zombie now
I really wish you’d let us in
(Tja, und dann lässt das lyrische Ich Bob die Bombe platzen, outet sich als Untoter und äußert auch gleich noch einen Wunsch. Besonders interessant ist hierbei die Frage, ob wir es bei Bob mit einem durch und durch vernunftbegabten und zu sprachlichen Äußerungen fähigen Zombie zu tun haben, oder ob es sich bei dem gesamten Text quasi insofern um eine eigene interpretatorische Leistung handelt, als der Adressat Tom diese Zeilen aus zombietypischem Gurgeln, Ächzen und Stöhnen heraushört.)

I think I speak for all of us when I say I understand
Why you folks might hesitate to submit to our demand
But here’s an FYI: you’re all gonna die screaming
(Hier wird die erzählte Welt maßgeblich erweitert, um unseren Schrecken zu mehren. Bob ist nicht allein. Als Teil einer Zombiehorde, deren Vorsprecher er zu sein scheint, dringt er auf Tom und seine komplett anonym bleibenden Begleiter ein.)

All we want to do is eat your brains
We’re not unreasonable, I mean, no one’s gonna eat your eyes
All we want to do is eat your brains
We’re at an impasse here, maybe we should compromise:
If you open up the doors
We’ll all come inside and eat your brains
(Der Refrain macht dieses Stück endgültig zu einer Perle, da Coulton sich eines ziemlich klugen Kniffs bedient: Er legt Bob neben Bekenntnissen zu dessen gesteigertem Appetit auf Hirn die charakteristischen Floskeln der Büroverhandlungssprache in den Mund und enttarnt die Gepflogenheiten von Businessmeetings somit als zombiefikationsresistent, wenn nicht gar erst zombiefikationsauslösend. Da wird in einer haarsträubenden Situation, die jeder Vernunft fern ist, genau diese Tugend beschworen und anschließend noch kackendreist ein Kompromiss vorgeschlagen, der alles andere als ein Kompromiss ist – man fühlt sogleich sich an Gespräche über Gehaltserhöhungen oder Projektplanungssitzungen erinnert, nicht wahr?)

I don’t want to nitpick, Tom, but is this really your plan?
To spend your whole life locked inside a mall?
(Auch hier bleibt Coulton streng den Geboten der Kommunikationspsychologie treu und leitet Bobs Kritik an Toms Verhalten sanft ein, um den Schmerz der Unvereinbarkeit der beiden widerstreitenden Positionen geschickt abzufedern. Und nebenbei liefert er eine Referenz auf eine der Standardsituationen des gesamten Genres – die Gruppe von Überlebenden, die in einem Einkaufszentrum Schutz sucht.)

Maybe that’s OK for now but someday you’ll be out of food and guns
And then you’ll have to make the call
(An dieser Stelle ähnelt Bob endgültig dem klassischen Vorgesetzten, der dem ihm hilflos ausgelieferten Geschmeiß in klaren Worten erläutert, wo es nun schon wieder überall falsch liegt. Und dass man in vielen Unternehmen keine Zauderer braucht, sondern Macher, die Entscheidungen kühn fällen, anstatt sie endlos zu vertagen – auch auf die Gefahr hin, dass es einem dabei das Hirn zerfrisst.)

I’m not surprised to see you haven’t thought it through enough
You never had the head for all that bigger picture stuff
But Tom, that’s what I do, and I plan on eating you slowly
(Bob hat die Faxen Toms langsam dicke, da dieser anscheinend einmal mehr den Beweis dafür antritt, dass er für die echten Herausforderungen ungeeignet ist, weil es ihm an der visionären Kraft mangelt, stets die ganz großen Zusammenhänge im Blick zu behalten. Kein Zweifel mehr, Bob war bereits vor seiner Zombifikation dem armen Wicht Tom hierarchisch überlegen.)

I’d like to help you Tom, in any way I can
I sure appreciate the way you’re working with me
I’m not a monster Tom, well, technically I am
I guess I am
(Nach dem eingeschobenen Refrain hat sich Bob wieder ein bisschen beruhigt. Auch dies kein ungewöhnliches Verhalten für einen typischen Chef: Erst einen cholerischen Anfall hinlegen, dessen Auslöser keine Sau so richtig nachvollziehen kann, um anschließend zu beteuern, dass er doch nur zum Wohle aller handelt und außerdem ja auch nur ein Mensch ist. Eine ganz ähnliche Argumentation wird übrigens eine Figur aus Die Zombies ebenfalls fahren, wenn es darum geht, die eigene Monstrosität weit von sich zu weisen.)

I’ve got another meeting Tom, maybe we could wrap it up
I know we’ll get to common ground somehow
Meanwhile I’ll report back to my colleagues who were chewing on the doors
I guess we’ll table this for now
(Jaja, Zeit ist Geld bzw. Hirn, und Bob muss noch dringend ins nächste Meeting schlurfen, um seine Seuche zu verbreiten. Die altbekannte Theorie, der Zombie stünde sinnbildlich für das Proletariat, muss nun wahrscheinlich bald dahingehend abgewandelt werden, dass Menschen, die in Büros ihrer Arbeit nachgehen, inzwischen nicht minder geknechtete Geschöpfe sind als ihre Geschwister im Geiste, die an Drehbänken und Fließbändern schuften.)

I’m glad to see you take constructive criticism well
Thank you for your time I know we’re all busy as hell
And we’ll put this thing to bed
When I bash your head open
(Zum Abschluss des Liedes macht Coulton unmissverständlich klar, dass auch der Zombie in Hemd und Schlips keine Gnade kennt. Hirn ist dazu da, gegessen zu werden...)

Nächste Woche habe ich vor, zwei Stücke einer deutschen Band näher in Augenschein zu nehmen. Mal sehen, ob das ähnlich ergiebig wird.

Kommentare:

Herr M. hat gesagt…

eventuell überinterpretierst Du da ein bisschen was!? ;)
Ist das von Dir verlinkte das "offizielle" Musikvideo zu dem Lied? Kannte bisher nur ein anderes, wo das Lied in ZSL (zombie sign language) dargestellt wird.

gruss,
christian

p.s. bitte um Entschuldigung falls dieser Kommentar mehrmals auftauchen sollte, mein Browser wollte nicht so wie ich

Thomas Plischke hat gesagt…

Lieber Christian,

kann schon sein, dass ich da überinterpretiere, aber Überinterpretationen finde ich generell unterschätzt. Noch dazu ist der Begriff "office zombie" in den USA nicht ganz unbekannt. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, ob das das offizielle Video ist. Mir gefiel nur einfach die Präsentation.

Liebe Grüße,
Thomas