Freitag, 8. Januar 2010

Untoter Freitag: 28 Days Later

Ich habe noch einigermaßen klare Erinnerungen daran, unter welchen Bedingungen ich Danny Boyles 28 Days Later zum ersten Mal gesehen habe. Es war auf einer Preview-Veranstaltung fürs Fantasy-Filmfest, bei der neben der Verjüngungskur fürs Zombie-Genre auch noch Darkness Falls – Der Fluch von Darkness Falls (und ja, das ist der komplette, ausgesprochen dämliche deutsche Titel) und ein dritter Streifen gezeigt wurden, wobei mir letzterer entfallen ist. Üblicherweise entschlummere ich in weichen, warmen Kinosesseln recht leicht, vor allem zu fortgeschrittener Stunde (also so ungefähr ab 21 Uhr – man wird eben nicht jünger). Bei 28 Days Later jedoch war ich hellwach.

Nun, woran lag’s? Wenn ich mir den Hut des faselnden Theoretikers aufsetzen würde, müsste ich so etwas sagen wie „An der gelungenen Gratwanderung zwischen semiauthentischem Halbdokumentarischem und auf- bzw. eindringlicher Künstlichkeit“. Sage ich aber nicht. Stattdessen liste ich einige leichter greifbare Faktoren auf:

- Der grandiose Cillian Murphy. Damals noch ein völlig unverbrauchtes Gesicht, und auch die Bereitschaft, sich splitterfasernackt vor der Kamera zu zeigen, ist in seiner – wie wahrscheinlich in allen – Schauspielergenerationen nichts Selbstverständliches.

- Christopher Eccleston als fieser Vertreter des Militärs und Überbringer der nicht genre-unüblichen Botschaft, dass man sich als Mensch nicht nur vor den Zombies, sondern auch vor den verbliebenen Mitmenschen gehörig hüten sollte. Nie war es leichter, den späteren Doctor Who inbrünstig zu hassen.

- Die „Leere-Welt“-Szenen zu Beginn des Films. Ein entvölkertes London ist schlicht und ergreifend scheißgruselig.

- Das astreine Drehbuch von Alex Garland. Wer diesen Autor anhand der Verfilmung von The Beach beurteilt, die die Vorlage aufs Übelste schändet, tut ihm Unrecht (der Roman selbst ist übrigens ungemein brauchbar und lässt sich interessanterweise als eine Art Geistergeschichte deuten).

- Das Happyend für die Patchworkfamilie der drei Überlebenden, das umso überraschender kommt, da es mit eingeführten Genrekonventionen bricht.

Kommen wir doch an dieser Stelle gleich zu den Sachen, die viele der alten Hasen unter den Zombiefans damals schwer erschüttert haben oder ansonsten gern als Kritikpunkte an 28 Days Later angeführt werden.

Anklagepunkt 1: Schnelle Zombies. Die Infizierten in 28 Days Later schlurfen kein Stück. Sie rennen. Dürfen das Zombies überhaupt? Warum nicht. Garland verteidigte seine Entscheidung mit einem putzigen Argument, nämlich dem, dass er schon als Jugendlicher ein Patentrezept entwickelt hatte, wie man dem herkömmlichen Zombie entgehen kann – man setzt sich auf sein Rad und fährt den Lebenden Toten einfach davon. Durch die schnellen Zombies wird der Mensch meiner bescheidenen Meinung noch viel klarer als Beute markiert, die sich gegen ein ungemein gefährliches Raubtier zur Wehr zu setzen hat. Natürlich haben auch die Schlurfer ihren Reiz, doch bei denen macht es meist die schiere Masse, die ein beklemmendes Gefühl einer langsam näherrückenden, aber nichtsdestoweniger unaufhaltsamen Bedrohung auslöst. Mir ist es schnurzpiepegal, ob die Zombies schlurfen, sprinten oder sich mithilfe von Rollatoren durch die Gegend schleppen, solange mir das Gezeigte insgesamt einen ordentlichen Schrecken einjagt.

Anklagepunkt 2: Das doofe Ende. Was? Die Zombies sind einfach verhungert? Ja, sind sie. Das ergibt wegen der Grundsetzung, dass es sich bei 28 Days Later nicht um klassische Wandelnde Tote, sondern mit einem Virus infizierte Lebende handelt, auch durchaus einen gewissen Sinn. Hübsch antiklimaktisch eigentlich ...

Alles in allem hat es Boyle geschafft, mit schlappen fünf Millionen Pfund einen Film zu drehen, der dem Genre insgesamt unfassbar gut getan hat (und ohne den unsere Zombies wahrscheinlich um ein paar Facetten ärmer wären). Dafür an dieser Stelle recht herzlichen Dank!

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