Mittwoch, 27. Januar 2010

Überraschende Erkenntnisse

Ich werde alt. Ich weiß, dieses Thema wurde von mir schon einmal behandelt, doch neue Erkenntnisse zwingen mich zu einer erneuten Auseinandersetzung.

Erkenntnis 1: Ich bin mittlerweile lange genug auf dieser Daseinsebene unterwegs, um einen mir recht grundsätzlich scheinenden Wandel auszumachen, der sich auf den Umgang der Deutschen mit so lästigen Fragen wie Krieg und Militär bezieht. Beim Durchlaufen diverser Bildungseinrichtungen wurde mir im Jugendalter mehrfach vermittelt, bei der Bundeswehr handle es sich um eine reine Verteidigungsarmee, deren Existenzzweck darin besteht, im Ernstfall – der dann auch passenderweise als Verteidigungsfall bezeichnet wurde – die Landesgrenzen und die Bevölkerung vor etwaigen Angriffen zu schützen und somit die Souveränität der Bundesrepublik zu gewährleisten. Damit konnte ich mich mehr oder minder zähneknirschend arrangieren. Inzwischen jedoch wird laut einer geradezu schicksalhaften Aussage eines ehemaligen Verteidigungsministers meine Freiheit am Hindukusch verteidigt. So schnell lassen sich Landesgrenzen nach Belieben ausdehnen. Mehr noch: In zunehmendem Maße muss ich Kommentare über mich ergehen lassen, in denen aus Rücksichtnahme auf die ins Feld geschickten Soldaten dazu aufgefordert wird, militärische Interventionen prinzipiell gutzuheißen, sobald sie erst beschlossene Sache sind – gemäß dem Motto „Was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen“ (denn alles andere wäre eine unverzeihliche Niederlage). Das ist unfein, da es Kritik am Handeln politischer Entscheidungsträger mit einem angeblich mangelnden Respekt vor denen gleichsetzt, die dieses Handeln jeweils vor Ort unter Einsatz von Leib und Leben zu verantworten haben. Die Diskussion, die eigentlich zu führen wäre und die tunlichst vermieden wird, ist letztlich die, ob Demokratien ein Anrecht auf das Führen von sogenannten gerechten Kriegen haben. Diese Diskussion kann natürlich nicht zustande kommen, wenn ich einen laufenden Krieg weder als solchen bezeichne noch ein wirklich erkennbares Vertrauen in das Ergebnis habe, das er bewirken soll. Dass auch die bereits erwähnten politischen Entscheidungsträger ansatzweise begriffen haben, dass der Konflikt in Afghanistan mit den bislang gewählten Mitteln nicht zu lösen ist, belegt meines Erachtens nach die angedachte Ausstiegsprämie für Taliban (die altmodische Alternative dazu wäre ja unter noch höherem Aufwand den Versuch zu unternehmen, den Gegner gleichsam bis auf den letzten Mann auszulöschen, und das Land im Anschluss endgültig unter eine Art kollektiver Kolonialherrschaft zu stellen). Darüber hinaus ist die Ausstiegsprämie ein erschütternder Ausdruck einer durch und durch kapitalistischen Weltsicht, in der alles käuflich ist, und die hier ihre eigene Ohnmacht offenbart – der Wunsch nach Frieden auf Erden im Sonderangebot, wenn man so will.

Erkenntnis 2: In einem wesentlich erfreulicheren Bereich – nämlich dem meiner Leseerfahrungen – wurde mir unlängst bewusst, dass der erste große phantastische Erzähler, mit dessen Werken ich in Berührung kam, nicht Tolkien gewesen ist. Das hat insofern etwas mit Älterwerden zu tun, als sich Menschen, die eine ausreichende Zahl an Jahren auf dem Buckel haben, gern damit zu beginnen scheinen, sich intensiv mit ihren Erinnerungen aus Kindheits- und Jugendtagen zu befassen. Nun, es war also nicht Tolkien, aber wer war es dann? Es war Michael Ende. Weihnachten 1984 wurde mir Die Unendliche Geschichte zum Geschenk gemacht, und ich weiß noch genau, wie verwundert ich darüber war, ein Buch in Händen zu halten, bei dem eine Geschichte nicht Schwarz auf Weiß, sondern Rot und Grün auf Weiß zu lesen war. Ein Bruch der Konventionen, an die ich bislang gewöhnt war, und vielleicht auch der Ursprung meiner eigenen Neigung, Konventionen mal mit mehr, mal mit weniger erfolgreichem Ausgang brechen zu wollen. Insofern ein ganz ausgezeichnetes Weihnachtsgeschenk ...

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