Montag, 25. Januar 2010

Romantisierte Armut

Wer sich mal eben davon überzeugen möchte, dass es die Redaktion der Drehscheibe Deutschland im ZDF im Grunde offenbar gar nicht so schlimm findet, dass immer mehr Menschen hierzulande notgedrungen zu dem werden, was man in den Staaten politisch völlig korrekt „trailer trash“ nennt, der möge sich bitte dieses Video ansehen.

Es folgen meine Lieblingszitate aus dem knapp sechsminütigen Beitrag zur Verharmlosung von Verelendung, die in einem einlullenden „Schau mal, so geht’s doch auch“-Tonfall vorgetragen werden:

„300 Euro Monatsmiete inklusive Strom und Wasser: Das Leben im Wohnwagen [...] eine billige Alternative zur Mietswohnung.“ Prima. So einfach ist das also. Ich bin nur etwas verwundert, das in diesem Werbetrailer der besonderen Art nicht gleich von einer preiswerten Alternative zum Reihenhaus die Rede ist.

„Auch wenn der Dauercamper nicht zimperlich ist: Ohne Heizen geht es nicht.“ Schon klar: Leben am Rand des Existenzminimums ist eben nichts für Weicheier. Siehe auch Angriffskriege oder wahlweise Schlangestehen in der Suppenküche der Heilsarmee.

„Das Leben auf dem Campingplatz: einfache Verhältnisse, aber bezahlbar. Ein Lebensmodell für immer mehr Menschen.“ Ob sie wollen oder nicht, aber das tut ja nichts zur Sache. Jeder ist seines Glückes Schmied, und wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.

„Immer sonntags trifft man sich beim gemeinsamen Frühstück in der Campingplatzkneipe. Reden, Sorgen loswerden, Gemeinschaft leben.“ Und darüber nicht darauf achten, dass das Ganze quasi der progressivste Strafvollzug ist, den unsere Gesellschaft für Menschen zur Verfügung hat, die sich des Verbrechens des Versagens – aus welchen Gründen auch immer – schuldig gemacht haben.

„Einen heißen Kaffee, ein bisschen Unterhaltung: Mehr braucht Ralf L. nicht.“ Und zum Glück für uns Bessergestellte kommt Ralf L. nicht auf die eigentlich naheliegende Idee, dass es noch so viel mehr im Leben gibt, das er sich schlimmstenfalls von uns holen könnte.

„Sein erster Winter hier. Schnee und Kälte. Ralf L. nimmt’s gelassen, genießt das Stück Natur direkt vor der Haustür.“ Abgesehen davon, dass Ralf L. streng und ungelassen genommen keine Haustür hat, wird nun auch noch das Aussteigermotiv bemüht, obwohl der gute Mann ja unbefristeten „Abenteuerurlaub“ auf dem Campingplatz macht.

„Das heißt, das ist für Sie ja auch wirklich eine Möglichkeit, noch ein bisschen Geld zu sparen?“ Logisch, nur die Verzinsung ist nicht optimal.

Ich beantrage vorsorglich bereits die Aufnahme der Begriffe „Campingkehricht“ sowie „Wohnwagenweggeworfenes“ in den allgemeinen Wortschatz, da bei der derzeitigen politischen Wetterlage nicht davon auszugehen ist, dass die in diesem durch und durch skandalösen Beitrag vorgeführten Menschen jemals auf eine echte Besserung ihrer Situation hoffen dürfen.

Kommentare:

schwesterH hat gesagt…

Hi Thomas,
ich finde nicht, dass es ein Zeichen von Versagen ist, Hartz4 zu bekommen. Oder wenn dann höchstens das Versagen unserer Gesellschaft(sform).
Ansonsten kann ich Dir aber nur aus voller Kehle zustimmen.

Gruß von Alex (Gott sei Dank nicht mehr in der Bibliothek des Schlangenests IAA)

SRB hat gesagt…

Liegt doch alles im Plan. Schutzgeld an Terroristen zahlen (Aussteigerprämie für Taliban - wer kommt auf so nen Quatsch) und die eigene Bevölkerung aufs Abstellgleis. Nach dem Motto: "Hier muss niemand, so leben, die wollen das ja so."

Thomas Plischke hat gesagt…

Liebe Alex,

der Schlenker mit dem Versagen war genauso gemeint, wie er von dir interpretiert wurde. Im Übrigen gilt für mich auch im Falle einer wie auch immer gearteten eigenverschuldeten schwierigen Lebenssituation das Grundprinzip, dass einem die Gemeinschaft in einer solchen Lage Hilfestellungen bietet, anstatt auf jemanden einzutreten, der ohnhehin bereits am Boden liegt.

Beste Grüße,
Thomas

Maria-Regina hat gesagt…

Hallo Thomas,
Deine Worte zu dem Thema finde ich sehr hilfreich und treffend. Es tut immer wieder gut zu sehen, dass es doch noch kritische und wache Stimmen gibt.
Das sage ich als Betroffene, da ich gerade auch vor der Situation stehe. Ich kann auswählen, ob ich im Laufe des Jahres als chronisch Kranke mit Mini-Rente + HartzIV versuche von verbleibenden 160 Euro zu leben (nach Abzug nicht anrechnungsfähiger Kosten) oder ob ich eine Wohnmöglichkeit suche, die am besten nicht mehr als 150 Euro kostet. Da habe ich tatsächlich an den Campingplatz gedacht.
Aber beides ist in meinem Fall eher so wie die Wahl zwischen Verhungern oder Verdursten. Denn was ich als chronisch Kranke (und auch noch Traumatisierte) eigentlich brauche, ist etwas ganz anderes.

Herr M. hat gesagt…

Hallo,
es bietet sich ja an und ist sicherlich nicht verkehrt, zu dem Thema mal einen Rant zu bringen, aber ich sehe den Fernseh-Beitrag schon als eher kritisch gemeint - will meinen der ZDF-Redaktion hier Relativierung vorzuwerfen geht ein bisschen weit. Es muss ja nicht alles immer im "schlimm schlimm schlimm" Stil angeprangert werden, die dargebotene Schilderung hat ja bei Dir auch so funktioniert.

gruss,
christian

Thomas Plischke hat gesagt…

Lieber Christian,

tja, in dem Fall gehen unsere Meinungen wohl auseinander. Natürlich relativiert dieser Bericht meiner Meinung nach, denn wenn es um andere Formen der Armut oder des Elends geht, macht das ZDF gerne genau das Gegenteil, sprich, es wird dann dramatisiert. Dass der Beitrag auf mich aufrüttelnd wirkt, ist übrigens mit Verlaub gesagt völlig schnurz, da ich sowas nicht von Zielgruppe bin (wir erinnern uns: der Altersdurchschnitt bei den ZDF-Zuschauern liegt jenseits der 60).
Und weiterhin gibt es für die Themen, die aufrütteln sollen, ja innerhalb der Programmstruktur ganz andere Plätze als Drehscheibe Deutschland (Frontal 21 zum Beispiel).
Noch dazu wäre mir persönlich der "Schlimm, schlimm, schlimm"-Stil in diesem konkreten Fall lieber gewesen als das Märchentantengeschwafel.

Beste Grüße,
Thomas