Mittwoch, 22. Dezember 2010

Ich mach es kurz und schmerzlos:

Auf diesem Wege wünsche ich ein frohes Fest
und ein spannendes neues Jahr!


Montag, 20. Dezember 2010

Was haben unser Kriegs-, pardon, Verteidigungsminister und Harry Osborn gemeinsam?

Man braucht eigentlich nicht sonderlich genau hinzusehen: Beide haben diese sonderbare, nach hinten gegelte Naturwelle. Sollte einem diese Frisurenvetternschaft Angst machen? Nun, wenn man bedenkt wohin sich Harry Osborn so entwickelte, dann vielleicht schon.

Mich jedenfalls trieb diese Ähnlichkeit bereits eine ganze Weile um und ich bin froh, meinen Bedenken endlich Luft verschafft zu haben. Nur dass hinterher nicht wieder alle meinen, es hätte sie ja keiner gewarnt.

Montag, 13. Dezember 2010

Der Jugendschutz

Anlässlich der laufenden Debatte über die nun vielleicht doch oder eben vielleicht doch nicht eintretende Kennzeichnungspflicht von Blogs in Sachen Jugendschutz, habe ich mir einmal angesehen, was die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia an spaßigen Angaben zur Rechtslage auf ihrer Website so preisgibt.

Man muss sich ja informieren, was da dank des neugefassten Jugendmedienschutz-Staatsvertrages auf einen zukommt. Super-Wortungetüm übrigens, und in der Abkürzung sogar noch einen Hauch eleganter: JMStV. Bedauerlicherweise geht es dabei nicht darum, Jugendmedien vor irgendwas zu schützen oder die Medien vor der Jugend, sondern eben leider um einen duften Jugendschutz in den Medien. Putzig ist der immer wieder auftauchende Begriff der Entwicklungsbeeinträchtigung, der so wunderbar schwammig ist, dass er der Willkür Tür und Tor öffnet. Grundsätzlich ist natürlich alles darauf ausgerichtet, die jungen Menschen davor zu bewahren, einen Medieninhalt zu rezipieren, der hinsichtlich der Entwicklung ihrer Persönlichkeit einen negativen, dem Menschenbild des Grundgesetzes widersprechenden Einfluss ausübt. Schon klar ...

Da ich nun aber gern über Sex rede, schauen wir uns doch einmal zusammen an, was dieses Entwicklungsbeeinträchtigungsdingens in diesem Zusammenhang bedeutet. Als „sexualethisch desorientierend“ gelten Inhalte „grundsätzlich“, wenn die „Darstellung von Sexualität“ den Zielen „gefühlsbejahender und normenkritischer Sexualerziehung [...] massiv“ zuwiderlaufen. So weit so gut. Zu den genannten Zielen zählt übrigens dankenswerterweise „die Annahme von Sexualität als positive Lebensäußerung.“ Gerade noch mal Glück gehabt. Als besonders desorientierend ist „die Darstellung von Menschen, die diese auf entwürdigende Art zu sexuell willfährigen Objekten degradiert“ hervorgehoben. Schließt sich gleich die Frage an, ob es okay ist, wenn die Menschen auf nicht-entwürdigende Art zu willfährigen sexuellen Objekten degradiert würden, aber egal.

Einer der anderen Indikatoren für eine Entwicklungsbeeinträchtigung ist nun die (nicht minder schwammige) übermäßige Angsterzeugung. Ein Indikator hierfür ist eine „drastische Darstellung des Geschlechtsverkehrs“. Wir halten also fest: Die oben getroffene Annahme von Sexualität als positive Lebensäußerung schließt nicht aus, dass man sich ob dieser positiven Lebensäußerung einen entwicklungsbeeinträchtigenden Schaden abholen kann, sofern sie einem zu „drastisch“ (Schwammigkeit, ick hör dir trapsen ...) aus dem Medieninhalt ins Gesicht springt. Wie kann das sein?

Die Webseite der FSM erläutert es einem:

Des weiteren [sic!] ist darauf zu achten, ob die Darstellung eher sehr stilisiert und kommerziell erfolgt oder den Anschein einer Widergabe [sic!] tatsächlich stattfindender Ereignisse erweckt.“ Was für ein schöner, verräterischer Satz. Nicht nur, weil er zwei weitere Schwammigkeiten transportiert – sehr stilisiert und kommerziell –, sondern auch wegen des Freudschen Vertippers. Ist ja auch widerlich, so eine Widergabe. Es geht ja noch weiter: „Da Jugendliche bei realistischen Darstellungen davon ausgehen könnten [man beachte den Konjunktiv], dass es sich um in der Gesellschaft übliche Praktiken handelt, [ich habe da frech mal das fehlende Komma eingefügt] gilt: Je realistischer die Darstellung, desto eher kann von einer entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkung ausgegangen werden.

Wie wunderbar, dass hier nichts zu Ende gedacht wird. Dieser Ansatz bedeutet nämlich, dass ein Film, der sich deutlich als Spielfilm zu erkennen gibt und in dem funky Astronautinnen in Glitzeranzügen von außerirdischen Tentakellüstlingen in allen erdenklichen Arten und Weisen beglückt werden, weniger entwicklungsbeeinträchtigend wäre als ein auf Dokumentarfilm getrimmtes Projekt im Stile eines Blair Witch Project trifft Expeditionen ins Tierreich. Willkommen in der wunderbaren Welt des Surrealen ...

Nett auch noch folgender Hinweis: „Die entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung kann verstärkt werden, wenn es sich zum Beispiel bei den dargestellten Frauen um Schwangere handelt.“ Da schließt sich der Kreis dann wieder zur lebensbejahenden Äußerung. Denn dort, wo das Leben entsteht, geht es rein zu, und sobald eine Frau das Ungeborene in sich trägt, ist sie madonnenhaft und ihr ohnehin etwas furchteinflößendes und schmutziges Verlangen nach Sexualität erlischt schlagartig (glücklicherweise haben mir da Betroffene gänzlich anderes berichtet).

Und noch ein letzter Punkt: „Die entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung der Internetseiten wird verstärkt, wenn es sich um die Darstellung sexueller Praktikanten handelt, die 14 -16-jährigen üblicherweise nicht vertraut sind.

Meine Frage: Wo kriegt man diese Listen her, auf der diese sexuellen Praktiken sauber und im Optimalfall bebildert aufgelistet sind? Wer weiß, vielleicht kann man da ja sogar als Erwachsener noch das eine oder andere lernen. Vollkommen lebensbejahend, versteht sich.

Freitag, 10. Dezember 2010

Ich leake mit

Eine Sache noch zu WikiLeaks und dann ist aber auch mal gut. Ich habe beschlossen, die vorgenommenen Enthüllungen als generellen Appell zu mehr Aufrichtigkeit zu begreifen. Also stelle ich eine kleine Sammlung von Informationen über unsere Volksvertreter zusammen, die frei zugänglich, aber nicht minder interessant sind:

Hermann Otto Solms (FDP), Vizepräsident des Deutschen Bundestages, heißt eigentlich Herrmann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich.

Volker Kauder (CDU), Fraktionsvorsitzender im Bundestag, erhielt 2010 einen Medienpreis des Christlichen Medienverbundes KEP (http://de.wikipedia.org/wiki/Christlicher_Medienverbund_KEP), einem Zusammenschluss evangelikal orientierter Medienmacher.

Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, wertete den Einsatz von Tornado-Aufklärern zur Überwachung von protestierenden Gegnern des G8-Gipfels in Heiligendamm als einen klassischen Fall von Amtshilfe.

Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestags, sprach Bürgern das Recht ab, unerkannt durch ihre Stadt zu gehen, forderte eine Zensur des Internets zur Zugriffserschwerung auf Killerspiele, forderte ein Herstellungsverbot für Killerspiele, machte sich für ein Verbot von Gotcha stark und forderte die Einführung von Nacktscannern an Flughäfen.

Edelgard Bulmahn (SPD), verantwortete als Bundesbildungsministerin folgenden Slogan für das Vorhaben, eine Handvoll deutscher Unis zu Eliteunis auszubauen: „Brain up – Deutschland sucht die Superuniversität“.

Axel Fischer (CDU), Vorsitzender der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft forderte ein Vermummungsgebot im Internet.

Otto Fricke (FDP), Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, nimmt am regelmäßig stattfindenden Gebetsfrühstückkreis im Bundestag teil.

Hans-Joachim Fuchtel (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, setzte sich in der Aktion „Für Freiheit und Selbsbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände“ ein.

Norbert Geis (CSU) wollte ein Madonna-Konzert verbieten lassen, sprach sich gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz aus, schlug den Einsatz bewaffneter Zugbegleiter vor, befürwortet die Sicherungsverwahrung von Gefährdern ohne Prozess – und erhielt den päpstlichen Gregoriusorden für seinen Einsatz bei der Wahrung christlicher Werte in der Gesetzgebung.

Heinz-Peter Haustein
(FDP) sucht nach dem Bernsteinzimmer.

Ulla Jelpke (DIE LINKE) findet es eine kleinkarierte Diskussion, wenn von Reportern darauf hingewiesen wird, dass in Kuba keine Meinungs- und Pressefreiheit herrsche.

Und das sind nur die Buchstaben A- J. Noch Fragen?

Stammt übrigens alles aus der Wikipedia ...

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Netz unser

Netz unser,
das du bist im Äther,
gepriesen werde dein Name.

Lass durch dich
Unseren Willen geschehen,
online wie offline.

Unsre täglich Info gib uns heute,
und vergib uns unsere Flames,
wie auch wir vergeben unseren Flamern.

Und führe uns nicht nur zu Pornos,
sondern erlöse uns aus unserer Ohnmacht.

Assange.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

WikiLeaks, die Stasi und entfesselte Technologie

Womöglich darf man nicht allzu viel von einem Politiker erwarten, der alter Herr in einer katholischen Burschenschaft mit dem Motto „Gerecht und Beharrlich“ ist. Allerdings sollte das Dr. Hans-Peter Friedrich, seines Zeichens CSU-Landesgruppenvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, nicht davor schützen, dass man stark gespreizte Vergleiche, zu denen er sich vor eifrigen Journalisten hinreißen lässt, einfach so hinnimmt.

Dr. Friedrich bezeichnete WikiLeaks unlängst als „so eine Art Stasi“. Wir erinnern uns: Das Ministerium für Staatssicherheit diente in der DDR unter anderem dazu, die staatliche Führungsspitze über die Umtriebe von Dissidenten und Feinden des real existierenden Sozialismus informiert zu halten. Dabei bediente sich die Stasi diverser Mittel, die mit dem Label „paranoideste Auswüchse eines unterdrückerischen Regimes, das seinen eigenen geknechteten Untertanen mit krankhaftem Misstrauen begegnet“ nicht einmal annähernd kritisch genug beschrieben sind. Inwiefern das etwas mit einer Internet-Plattform zu tun hat, die Menschen, die unethisches Verhalten ihrer Regierung oder ihres Unternehmens anonym einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen wollen, eine ebensolche Möglichkeit eröffnet? Keine Ahnung. Da müsste man bei Dr. Friedrich selbst vielleicht noch einmal genauer nachhaken.

Ganz generell lässt sich aus den Reaktionen auf die Tätigkeiten von WikiLeaks seitens der Herrschenden dieser Welt recht gut ablesen, wie ohnmächtig und hilflos sie diesen Tätigkeiten gegenüberstehen. Diese Ohnmacht und Hilflosigkeit ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie die gesellschaftliche (und insbesondere die gesellschaftspolitische) Entwicklung der technologischen Entwicklung derzeit hinterherhinkt. Moderne Telekommunikation ermöglicht die rasante Verbreitung von Daten – eben auch sogenannten sensiblen Daten. Um noch mal zur Stasi zurückzukommen: Hätte es das Internet in der heutigen Form bereits zu DDR-Zeiten gegeben, hätte unter Umständen ein einziger „Verräter“ aus den Reihen der Stasi genügt, um deren Umtriebe relativ umfassend publik zu machen. Und das wiederum ist an und für sich kein unschöner Gedanke ...

Weshalb das befreiende Potential einer entfesselten Technologie nun ausgerechnet von Personen in politischen Führungspositionen als zu fürchtendes Mittel der Unterdrückung und Überwachung umgedeutet wird? Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Montag, 6. Dezember 2010

WikiLeaks und die Telepathie

Eines führt die WikiLeaks-Veröffentlichung des Materials aus mehr oder minder vertraulichen bis geheimen Schriftstücken aus dem diplomatischen Dienst der USA deutlich vor Augen: Niemand möchte Telepath sein oder gar in einer Welt leben, in der über Nacht alle Bewohner zu Telepathen mutieren.

Denn die eigentliche Kränkung, die das eine oder andere Dossier Opfer nun erfährt, erwächst ja anscheinend nicht aus der Tatsache, dass solche Dossiers überhaupt existieren (dem Glauben, nur die ach so bösen Amis würden dergestalt mit angeblichen Freunden verfahren, hängen wahrscheinlich auch nur solche Menschen an, die ehrlich davon überzeugt sind, dass zurzeit ein dicker Herr mit weißem Bart und einem Faible für die Farbe Rot ihre Weihnachtsgeschenkwünsche entgegennimmt). Die Kränkung entsteht doch vielmehr dadurch, dass die Betroffenen nun wissen, was andere Leute tatsächlich über sie denken. Und das ist wahrlich kein angenehmes Gefühl.

Wir Menschen sind schon schizophrene Wesen. Einerseits begegnen wir anderen mit einem gewissen Urvertrauen und bauen auf die Aufrichtigkeit dessen, was uns mitgeteilt wird. Andererseits – und da kann sich sicherlich jeder an die eigene Nase fassen – behalten wir allerlei Dinge, die wir über andere denken, tunlichst für uns und lügen ab und an gerne aus Höflichkeit, Rücksichtnahme oder Anstand. Alltägliche Fragen, zu denen man sich gelegentlich – und da haben wir genau den Kern der Debatte getroffen – diplomatisch äußert, sind etwa:

„Sieht mein Arsch in dieser Hose fett aus?“

„Freust du dich über dein tolles Geschenk?“
„Macht es dir etwas aus, dass ich so unangemeldet reinschneie?“
„Siehst du das nicht genauso?“
„Liebst du mich noch?“

Und das sind dann eben auch genau die Momente, in denen man sich freut, nicht unter Telepathen zu leben ...

Freitag, 3. Dezember 2010

Stuttgart 21 und der Triumph der Demokratie

Stuttgart 21 ist ein Thema, zu dem ich mich bislang nur am Rande geäußert habe. Aus gegebenem Anlass reiße ich nun doch mal eben kurz die Klappe auf.

Zunächst bin ich in der Berichterstattung über das Schlichtungsverfahren auf einen Beleg dafür gestoßen, wie fest die Nerdkultur inzwischen in der Gesellschaft verankert ist. „Alle hoffen auf die Weisheit von Yoda Geißler. Mit der Weisheit eines Jedi-Meisters hat Heiner Geißler im Streit über Stuttgart 21 moderiert.“ Das ist wie gesagt leider nicht von mir, stammt aber auch nicht von irgendwo, sondern immerhin von SPON (siehe hier).

Offenkundig muss also mittlerweile in der journalistischen Arbeit in Deutschland keine Rücksicht mehr darauf genommen werden, ob der interessierte Leser sich nun in der Nerdkultur ausreichend auskennt, um rätselhafte Bezüge zu entziffern (beispielsweise würde ich für unsere gesamte Elterngeneration nicht zwingend die Hand ins Feuer legen, ob Mutti und Papi denn nun wissen, wer a) Yoda und was b) ein Jedi-Meister ist). Ich nehme im Übrigen Abstand davon, eine extrem nerdige Diskussion darüber einzuleiten, ob die Autoren des SPON-Artikels hier vielleicht auch eine versteckte Kritik an Geißlers Schlichtungstätigkeit eingebaut haben (wir wissen ja, dass sich die Jedis in Episode 1 bis 3 jetzt nicht zwingend sonderlich weise verhalten). Viel ergiebiger und unterhaltsamer scheint mir, zukünftige Schlagzeilen zu erahnen. So was wie:

* „Professor X nimmt seinen Hut. Der grimmige Telepath im schwarz-gelben Kabinett, Finanzminister Wolfgang Schäuble, gab heute Morgen seinen Rücktritt bekannt.“

* Duke Nukem Forever: Lange hat man darauf gewartet, nun hat es endlich den Bundestag passiert – das Gesetz zur unbegrenzten Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke.“
* „Hogwarts überall. Die Muggles der Bundesregierung diskutieren zur Bekämpfung der Bildungsmisere über eine Internatspflicht für Schüler.“

Und so weiter und so fort ...

Weniger spaßig ist die laut in die Welt hinaus trompetete Meinung, das Schlichtungsverfahren zu Stuttgart 21 stelle einen wichtigen Sieg der Demokratie dar. Mir ist nämlich noch nicht so ganz klar, inwiefern ein Vorgang, der beispielsweise auch in einer Monarchie denkbar wäre, nun unbedingt als Triumph demokratischer Prinzipien zu verstehen ist.

Zur Erläuterung: Der König ist missgelaunt. Ein Teil seiner Untertanen knurrt und murrt wegen des Baus einer Mietkutschenstation, die bereits der Großvater des Königs und dessen Hofstaat als nützliche Umgestaltung des Kernbereichs der Reichshauptstadt erachtet hat. Schlimmer noch: Die undankbaren Aufständischen rotten sich in gefährlicher Weise zusammen, um den Bau der Mietkutschenstation zu verhindern. Für alle vernünftigen Argumente des Königs und der Betreiber der geplanten Mietkutschenstation sind sie taub, weshalb der König sich sogar schon gezwungen sah, die Palastgarde zu entsenden, um den Mob auseinanderzutreiben. Ohne nennenswerten Erfolg, abgesehen davon, dass sich nun auch die Teile der Untertanenschaft, die bislang nicht murrten und knurrten, angesichts des Einsatzes der Palastwache ebenfalls kritisch in der Öffentlichkeit zu äußern beginnen. Was tun? Der König hat einen netten Einfall: Er bestimmt einen seiner adligen Freunde, der sich eigentlich bereits auf seinen Altersruhesitz zurückgezogen hat, zum Schlichter in dieser Angelegenheit. Der alte Graf reist gerne an und handelt über Wochen hinweg auf dem Marktplatz einen Kompromiss zwischen den Aufständischen und den Herrschenden aus. Ein Kompromiss, der leider letztlich kein echter Kompromiss sein kann, weil niemand weiß, wie eine halbe Mietkutschenstation auszusehen hätte. Nach dem Ausgang der Schlichtung zeigt sich der König etwas verblüfft, dass die Aufständischen nach wie vor keine Ruhe geben wollen. Nun ja, letzten Endes braucht ihm deswegen kein Zacken aus der Krone zu brechen und der geplante Bau kann weitergehen, weil das Volk ja die Möglichkeit hatte, seine Belange vorzutragen. Ein Akt der Gnade, für den dieses Pack wenigstens mal einen Hauch Dankbarkeit zeigen könnte.

Klarer Punktsieg für die Demokratie, würde ich sagen.

Montag, 15. November 2010

Mach’s wie Thea!

Als gehässiger Kleingeist – und da Thea Dorn (deren Klarname etwas unspektakulär Christiane Scherer lautet) mir gerade in jüngster Zeit zweimal schwer unangenehm in Talkshows aufgefallen ist – liefere ich hier kostenlos ein paar Pseudonyme für engagierte Frauen und Männer jeden Alters, die Lust darauf haben, nach Annahme einer unfassbar prätentiösen Spielidentität allerlei vermeintlich reflektierte, aber in letzter Konsequenz blindspiegelhafte Gedankenunfälle in die Welt hinauszuposaunen:

Luise Althaus (Vorteil: Pfeifenraucherin; Nachteil: von eigener Hand erwürgter Ehegatte)
Hanna Baudriller (Vorteil: begeisterte Fotografin; Nachteil: Germanistikstudium)
Berta Marbuse (Vorteil: Anstellung beim CIA-Vorläufer; Nachteil: Zwangseinzug in die Armee)
P!nk Liechtenstein (Vorteil: hohes Durchsetzungsvermögen; Nachteil: politische Feinde)
Gitte Dehlös (Vorteil: coole Freundinnen, u. a. Michaela Pendel; Nachteil: Lungenleiden)
Jacky de Rida (Vorteil: verdammt geile Frise; Nachteil: Psychoanalytiker als Ehemann)
Michaela Pendel (Vorteil: Chefin einer Experimentaluniversität; Nachteil: Depressionen)
Rolanda Barth (Vorteil: Tod des Autors propagieren; Nachteil: Tuberkulose)
Waltraud Jamin (Vorteil: begnadete Übersetzerin; Nachteil: abgelehnte Habilitationsschrift)
Jonas Diener (Vorteil: Gendertheorie; Nachteil: Gendertheorie)
Maxi Hork (Vorteil: selbst in der Suppe der Aufklärung noch das borstige Haar finden; Nachteil: US-Staatsbürgerschaft)
Slawa Schisch (Vorteil: hübsch auf Krawall gebürstet; Nachteil: keiner versteht dich, aber alle tun so)
Jutta Haber (Vorteil: extrem verschwurbelte Sprache; Nachteil: Jugendjahre in Gummersbach)

Freitag, 12. November 2010

Kleine Kurzgeschichte über den Teufel

Die bezaubernde Alisha Bionda hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich im Rahmen einer Kurzgeschichte über eines meiner absoluten Lieblingsszenarien auszulassen: Bewerbungsgespräche. Warum mag ich die? Weil sie eine Situation darstellen, die an Widersprüchlichkeit und Heuchelei kaum noch zu überbieten ist. Da sitzen sich also zwei Parteien gegenüber, die beide sehr genau darum wissen, dass sie sich in eine Art Aufführung hineinbegeben. Improvisationstheater mit ungewöhnlich genauen Rollenvorgaben, wenn man so will. Die eine Seite ist sich immer bewusst, dass die jeweils andere Seite Äußerungen tätigt, die nie ganz der Wahrheit, sondern lediglich dem Erwartbaren und strategisch Geschickten entsprechen dürfen, weil die Gesamtkonstellation ansonsten unter dem Druck des Tatsächlichen zusammenbrechen würde („Was sind Ihre Schwächen?“ – „Zwanghafte Masturbation gepaart mit einem familiär bedingten Scheu vor allzu langen Arbeitstagen.“). Wunderbar, einfach wunderbar.

In besagter Kurzgeschichte findet das Gespräch zwischen einem hochrangigen Vertreter der Hölle und einem aufstrebenden Jungmanager statt, der sich in diesem speziellen Fall Hoffnungen auf einen raschen Abstieg macht. Erschienen ist sie in der Anthologie Advocatus Diaboli bei der Edition Roter Drache, versehen mit einer Illustration von einem ausgesprochen leidenschaftlichen Kuss auf den Hintern. In der Anthologie, die im schnieken Hardcover daherkommt, finden sich Erzählungen einer Menge netter Kollegen (u. a. Tanya Carpenter, David Grasshoff, Bernd Rümmelein und Gian Carlo Ronelli), und wer phantastische Kurzgeschichten mag, ist damit sehr, sehr gut bedient.

Mittwoch, 10. November 2010

Ein lieber Freund im Fernsehen (und bei genauem Hinsehen sogar zwei)

Mit etwas Verspätung habe nun auch ich wahrgenommen, dass die diesjährige Spielemesse in Essen stattgefunden hat. Diese Erkenntnis ist mit einem Hauch von Wehmut verbunden, weil ich mich auf der SPIEL in der Vergangenheit häufiger einmal herumgetrieben habe, inzwischen aber zu alt und zu träge bin, um den weiten Weg von Hamburg in den Pott noch auf mich nehmen zu können.

Genug gejammert. Jedenfalls habe ich in einem Bericht des ZDF über die Spiel gleich zwei liebe Freunde erspäht. Einer von ihnen darf bzw. muss der Reporterin dann auch Rede und Antwort stehen, was denn da für ein komisches Spiel gespielt wird: Markus Plötz von Ulysses (ab 3:27) macht dann auch eine sehr gute Figur darin, die Vorzüge von Justifiers zu erläutern – nämlich hauptsächlich den, dass das Baby, dem er und Markus Heitz (und eine ganze Reihe weiterer fleißiger Helfer) dabei geholfen haben, das Licht der Welt zu erblicken, ein ausgesprochen einsteigerfreundliches Rollenspiel ist. Insofern freut es mich ganz besonders, dass das hehre Unterfangen, meinem einstigen Lieblingshobby neues Leben einzuhauchen, ganz offenbar sehr erfolgreich durchgezogen wurde. Ich ziehe meinen Chapeau Claque.

Wenn man ganz genau hinsieht, kurz bevor die Reporterin den Justifier-Erzähler mit der interessanten Frisur anspricht, erhascht man einen Blick auf einen anderen lieben Freund, der im Anzug eine für mich etwas ungewohnte, aber ebenso gute Figur macht wie Markus: Der freundliche Herr mit Glatze und Brille (bei 2:48) ist niemand anderes als Thomas Römer, der die Geschicke der Erzählwelt von DSA lenkt; es freut mich, das Thomas den völlig übertriebenen Aufruhr um diverse Veränderungen in der Redaktionszusammensetzung unbeschadet überstanden hat. Am Ulysses-Stand fielen dieses Jahr also Tradition und Aufbruch in Sachen Rollenspiel gewissermaßen zusammen, und das ist für mich ein schöner, wenn nicht gar tröstlicher Gedanke.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Mal wieder Vermischtes

Nach dem kopflastigen Ausflug ins Gesellschaftspolitische beim letzten Mal steht heute wieder das Heitere auf dem Programm.

Zum Beispiel das hier (insbesondere Review 15). Kommt ungefähr drei Monate zu spät, weil ich damals genau so eine Art Argumentationsunterfütterung in einer Diskussion über den möglichen Zusammenhang zwischen schlechten Rezensionen und Verkaufserfolg gebraucht hätte. Und der Satz aus dem Pooh-Verriss ganz am Ende zeugt ja noch von echter Kreativität (und überhaupt kocht hier ja auch indirekt erneut die Frage hoch: Warum lesen so viele Erwachsene Kinder- und Jugendliteratur? Die Antwort im Fall des Pooh-Verreißers: Weil er sie anscheinend rezensieren musste, um sich seine Brötchen zu verdienen. Ja, ja, der lange, unentrinnbare Schatten des Kapitalismus ...).

So. Gleich noch ein bisschen Fremdwerbung. Bis man sich hier demnächst schmucke Shirts zu Die Zombies bestellen kann – es ist übrigens nicht verboten, sich jetzt auch gleich was aus der Kollektion eines meiner geschätzten Kollegen zu ergatten –, gebe ich hier einen Tipp für den modebewussten Nerd weiter. Betippt wurde ich vom sensationellen Nic Klein, der sich damit auf ewiglich einen Platz in meinem Herzen verdient hat – er sei aber gewarnt, denn es ist ein kalter, freudloser Ort, an dem man sich leicht was einfängt.

Apropos kalt und freudlos: Ich möchte jetzt doch Bundeskanzlerin und/oder Tochter des amtierenden Bundespräsidenten werden, damit ich auch mal unangemeldet in die Umkleidekabine der Fußballnationalmanschaft platzen kann. Ich würde mich in diesem Zusammenhang auch für das bundesdeutsche Rugbyteam und diverse Beachvolleyballdamen interessieren. Da soll noch einer sagen, politisches Engagement würde heutzutage nur noch Nachteile mit sich bringen (von wegen Ablehnung in der Bevölkerung und so). Andererseits: Möglicherweise ist die nächste lohnenswerte Demowelle die, sich für freien Zugang zu sämtlichen Umkleidekabinen dieses Landes stark zu machen. Ich meine selbstverständlich: Erwachsenenumkleiden (so was muss man ja inzwischen anmerken, um nicht gleich unfreiwillig bei Frau Gutzes nächster Sendung aufzutauchen).

Und zum Schluss: In Sachen Integrationsdebatte spreche ich mich ausdrücklich für die Zuwanderung möglichst vieler Franzosen aus. Schlecht für unsere Leitkultur, super für unsere öffentliche Streitkultur.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ach, der Herr Precht ...

Nun ist er also auch auf den Zug aufgesprungen. Im SPIEGEL findet sich eine etwas misslungene Jeremiade über einen „Moralverlust“, der „in je eigener Ausprägung alle Gesellschaftsschichten durchwirkt.“ Er outet sich in diesem Zusammenhang als eine Art „Salon-Marxist“, indem er – in diesem Zusammenhang auch durchaus zutreffend – die wenig neue Erkenntnis verbreitet, dass unser Wirtschaftssystem zu einer weitreichenden Entsolidarisierung führt.

Pardon, ich habe vergessen, den Zug, auf den Precht mit seinem demnächst erscheinenden jüngsten Werk aufzuspringen scheint, noch etwas näher zu beschreiben: Im Grunde ist es der, auf dem die Gattin unseres Kriegs ... Verzeihung, Verteidigungsministers die Heizerin gibt (die sich im Übrigen ja nicht zu schade war, ihr Werk, in dem sie die angebliche Pornographisierung unserer Gesellschaft anprangert, ausgerechnet großflächig in der BILD zu bewerben).

Precht gibt den ganz Klugen, in dem er zwar viel über die Unterschicht redet, aber dabei dieses Wort ebenso vermeidet wie den Begriff Prekariat (warum eigentlich, wo die Unterschicht in seinem Weltbild weder den SPIEGEL noch sein Buch je zu lesen bekommt?). Er sagt lieber „Dissoziale“. Klingt soziologisch fundiert, freundlicher als Asoziale und für den Kundigen schwingt da gleich noch ein bisschen was von psychopathologischer Problemlage mit. Hervorragend.

Wem dieser Eintrag etwas konfus und unstrukturiert erscheint – keine Sorge, Prechts sonderbarerweise unter dem Stichwort „Debatte“ veröffentlichter Text hält es da sehr ähnlich. Nach dem in der Post-Sarrazin-Ära offenkundig leider nötigem, aber deshalb eigentlich um so unnötigerem Hinweis „Was die Kinder von Allah und 50 Cent gefährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene oder Glaube“, kommt er kurz auf den viel gefährlicheren Drogenkonsum zu sprechen. Alles klar? Nicht? Eben, sag ich doch.

Aber noch einmal kurz zurück zu diesem Zitat: Precht schließt den Leser in die schleimigen Krakenarme des kuscheligen Großbürgertumsmiefs, auf dem er ein paar Absätze weiter dann auch schon wieder herumtrampelt. Unser sozialer Konsens also. Aha. Aber wer ist denn das Wir, das hinter diesem Unser steht? Ich jedenfalls nicht, und womöglich macht mich das sogleich auch irgendwie dissozial (Exkurs: Nette Idee für Hipster-T-Shirt-Aufdruck – Dissozial und Spaß dabei!). Besonders – man kann es bedauerlicherweise nicht anders sagen – ist die Nummer mit den „Kindern von Allah und 50 Cent“. Sie belegt auf schockierende Weise, dass Precht vermutlich weder jemals einen Blick in den Koran geworfen noch ein 50 Cent-Album gehört hat. Ganz abgesehen davon, dass mir der schwule Subtext der Formulierung durchaus ein Schmunzeln zu entlocken weiß, ist Precht offenbar entgangen, dass sich die Muslime sehr wohl als Gemeinschaft von Gläubigen verstehen, aber eben nicht als Kinder Allahs. Man könnte da beinahe von Frevel sprechen, was wiederum sehr pikant ist, da Precht sich ja ständig auf Anstand und Moral beruft, wozu nun einmal auch Respekt vor den religiösen Überzeugungen anderer gehört.

Doch wie bereits gesagt, geht es Precht ja gar nicht um „muslimische Propaganda“. Oder doch? „Auch die Dissozialen unserer Gesellschaft werden weniger durch muslimische Propaganda aufgeheizt als durch kapitalistische“, schreibt er dort, wo islamistische Propaganda vielleicht passender gewesen wäre, und dann lässt er die Katze aus dem Sack und wir erfahren endlich, endlich, wer die Dissozialen so dissozial macht: „Gangsta-Rap, Killerspiele und Pornographie.“
GKP – die unheilige Dreieinigkeit des moralischen Verfalls. Erbaulich.

Man könnte sich auf Prechts Spielchen insofern einlassen, dass man die Frage von der Henne und dem Ei respektive Symptom und Ursache stellt. Sollte man aber erst gar nicht, weil man es nicht braucht. Sich die drei üblichen Verdächtigen einmal näher anzusehen, bringt wesentlich mehr Vergnügen. Vor allem dann, weil ja ständig so getan wird, als wären sie neue vermeintlich schädliche Einflüsse. Ist ja nun mal leider nicht so.

Musikstile, die man im weitesten Sinne einer Subkultur zurechnen kann, glänzen seit jeher immer mal wieder mit mal gelungener, mal stumpfsinniger Provokation. Prechts Warnung vor dem Gangsta-Rap ist quasi das Echo der Warnung vor dem Rock’n’Roll, dem Punk, dem Metal oder was auch immer aus dem Munde des besorgten Großbürgers. Nur mal ein paar Beispiele aus der deutschen Popmusikgeschichte: Ton Steine Scherben fordern „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und die Bundesbank, AKWs, Polizei und Militär gibt es immer noch. Die Ärzte landen mit „Claudia hat nen Schäferhund“ auf dem Index, und trotzdem haben heute – einer vorsichtigen Schätzung nach – genauso viele oder weniger Frauen regelmäßig Geschlechtsverkehr mit Vierbeinern wie zum Entstehungszeitpunkt des Liedes. Rammstein erging es unlängst mit „Ich tu dir weh“ nicht anders als den Ärzten, und dennoch ist nirgendwo zu erkennen, dass die BDSM-Szene massenhaft von Teenagern überrannt wird.

Killerspiele. Auch gern genommen, und sprachlich ein völlig verhunzter Begriff. Selbstredend gibt es einige Shooter, bei denen man wahnsinnige Killer spielt, die recht wahllos morden. Einige wenige allerdings. Beim Großteil der Shooter, deren Szenarien nicht der Scifi zuzuordnen und selbst dort, spielt man – Trommelwirbel, bitte – Soldaten oder Superspione/Agenten/Geheimpolizisten. Will meinen: Angenommen, das hohe Maß an Identifikation mit der Spielfigur, welches man armen pickligen Jungs gemeinhin unterstellt (denn wer sonst käme als „anständiger“ Mensch auf die Idee, einen Shooter auch nur mit der Kneifzange anzufassen?), findet also nicht mit dissozialen Killern statt, sondern quasi wichtigen Funktionsträgern einer Staatsmacht. (Und ja, bei Counterstrike kann man auch in die Rolle von Terroristen schlüpfen, aber wo sind denn die ganzen Terrorzellen, die sich bei Counterstrike gefunden haben, um ihre umstürzlerischen Pläne gemeinsam auszhecken?) Soldatenspiel wäre also als Begriff wahrscheinlich treffender als Killerspiel, und ob das Wir, das Precht skizziert, für eine Gesellschaft ohne Polizei und Militär eintritt, sei mal dahingestellt.

Bleibt noch die Pornographie. Der Zyniker in mir würde Precht gern zurufen: „Sei doch froh, dass die jungen Leute heutzutage lieber wichsen als – sagen wir mal – Autos anzuzünden oder Omas die Handtaschen zu klauen.“ Ich gehe allerdings davon aus, dass haben die jungen Leuten auch früher schon so gehalten.

In gewissem Sinn betreibt Precht denn nun auch nichts anderes als pseudophilosophische Pornographie: Er reizt, stimuliert mit krassen, überzeichneten und wirklichkeitsfremden Bildern und lässt einen am Ende sonderbar unbefriedigt zurück. Hat jemand mal rasch ein Taschentuch?

Montag, 4. Oktober 2010

Zurück aus der Fremde

Der Moops und meine Wenigkeit hatten unlängst das große Vergnügen, einige Tage in der Fremde zu verbringen. Alljährlich finden sich in Oberursel – ein Name wie eine Beleidigung, wie der geschätzte Kollege Falko Löffler nicht ganz zu Unrecht anmerkte – die Mitglieder eines Autorenforums ein. Wir nutzen das Wochenende, an dem dieses Treffen stattfindet, traditionell um mit anderen Schreiberlingen viel Sinniges und noch viel mehr Unsinniges zu reden. Die Kellerbar des Hotels hat den wahrscheinlich stickigsten Raucherbereich des Universums – und wer dort lebend wieder rauskommt, gehört zweifelsohne zu den Harten (wenn auch nicht mehr unbedingt zu den geistig Gesunden, aber man kann eben nicht alles haben). Kurzum: Wir hatten jede Menge Spaß und haben auf Schlaf weitgehend verzichtet. Der Moops hat außerdem erfolgreich das eine oder andere Erkältungserregerlein verbreitet, damit unsere engsten Freunde und Bekannten aus dem Forum noch ein Weilchen was von ihm haben. Gut gemacht!

Samstag, 2. Oktober 2010

Freudige Mitteilung und Nachholung einer Bringschuld

Zuerst zur freudigen Mitteilung: Auf larp.tv kann man hier sehen, wie zwei meiner geschätzten Kollegen, eine bezaubernde Moderatorin und ich daran versuchen, zu ergründen/erklären/verschleiern, was Phantastik denn nun überhaupt ist.

Und jetzt zur Schuldfrage: Das Team von larp.tv hat schon vor einiger Zeit meine Zombies besprochen – und dabei auch noch den Prolog verfilmt. Ich Dösbaddel habe allerdings sträflicherweise vergessen, das an dieser Stelle zu erwähnen. Also hochoffiziell: Ich bitte in dieser Sache aufrichtig um Verzeihung (aber andererseits bin ich ja inzwischen alt und da entfallen einem plötzlich viele Dinge. Hier möge der geneigte Leser bitte klicken, um mir zu helfen meine Schuld abzutragen.

Apropos Schuldabtragung: Ebenfalls bislang zu Unrecht von mir unerwähnt – ich treibe mich seit Donnerstagabend unregelmäßig auf einer schönen Veranstaltung namens Fantastische Welten herum, die noch bis Sonntag an meiner alten Alma Mater stattfindet. Es ist interessant, sich mal wieder an der Uni Hamburg herumzutreiben, und noch viel interessanter wird hoffentlich die Podiumsdiskussion, an der ich am Sonntag teilnehmen soll. Ich lass mich mal überraschen …

Freitag, 17. September 2010

Eigen- und Fremdwerbung

Nicht ganz ohne Stolz darf ich verkünden, dass der dritte Teil der Zerrissenen Reiche erschienen ist. Er trägt den Titel „Die Halblinge des Ewigen Hains“, und wer sich dafür interessiert, findet hier eine Leseprobe (deren Motto „Die Banalität des Bösen“ lauten könnte).

Was darf man sich an Neuerungen erwarten?
- Einen Handlungsstrang aus der Perspektive eines Halblingskommissars von der Reichs ... äh, pardon ... Bundessicherheit.
- Den ersten Auftritt meiner persönlichen Elfeninterpretation (definitiv etwas für Freunde von Arroganz, Morbidität und Dekadenz).
- Eine Mutter, die ihre Tochter liebevoll Hure nennt.
- Nette Goodies, um den Einstieg aus der Pause zu erleichtern (ein schnuffiges „Was bisher geschah“ vorne im Buch und eine Übersicht über die handelnden Personen hinten).

Nun zur Fremdwerbung. Treue Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht, dass sich der Moops und meine Wenigkeit vor einigen Monaten in der Reichs... äh, pardon Bundeshauptstadt herumgetrieben und dort Zeuge eines ziemlich beispiellosen Kunstereignisses wurden: MADE hieß die faszinierende Veranstaltung, die unser perfektionistischer Freund Marko Djurdjevic aus dem Boden gestampft hat. Hier kann man sich einen höchst unterhaltsamen Film darüber ansehen, was uns bei MADE alles schwer beeindruckt hat.

Was darf man von diesem Kunstwerk erwarten?
- Nackte Brüste von sehr schön anzusehenden Frauen.
- Niedliche Kinder.
- Cameoauftritte vom Moops (Tipp: Er trägt das obligatorische Handtuch bei sich. Ich bin übrigens offenbar auf dem Schneidetisch aus der Nummer rausgeflogen.)
- Bekenntnisse von rund einem Dutzend renommierter Illustratoren und Künstler, die erklären, was ihre Kunst für sie bedeutet.
- Die wahrscheinlich coolste Bob Ross-Parodie, die ich je gesehen habe (etwa um Minute 32).

Letzte Randbemerkung: Sehe inzwischen gute Chancen, dass alles beim Alten bleibt, und der Kachelmann-Prozess die längst überfällige Diskussion um eine Neuausrichtung in Sachen Bildung und Integration auf unbestimmte Zeit verschiebt (woran laut Frau Gutze-Bismarck wahrscheinlich auch wieder nur die vielen Pornos und Lady Gagas Outfits schuld sind).

Montag, 6. September 2010

Schwere Themen

Zur Abwechslung mal ein wenig Politik. Muss das sein? Ja, das muss.

Mich haben in jüngster Zeit einige Dinge sehr nachdenklich gestimmt. Als da wären:

1. Der Platz des Himmlischen Friedens. Nein, nicht der in Peking, sondern der in Stuttgart. Ich halte es milde ausgedrückt für recht unglücklich, welchen Namen die Stuttgarter Bahnhofsmodernisierungsgegner ihrem Lieblingstreffpunkt gegeben haben. Bei aller begründeten oder auch unbegründeten Empörung über das Bauvorhaben ist es schlicht und ergreifend makaber (um nicht zu sagen: respektlos), den Namen eines Ortes für sich zu vereinnahmen, an dem ungefähr 3000 Menschen ihr Leben ließen, weil sie in ihrem Land unter ungleich riskanteren Bedingungen für genau die Rechte eingetreten sind, die die Menschen in Stuttgart nun gerade so rege ausüben, ohne dass Frau Merkel die Panzer anrollen lässt.

2. Der Satz (auch in Zusammenhang mit S21 gern zu hören): „Wir leben doch in gar keiner Demokratie mehr.“ Von den Menschen, die diesen Satz sehr schnell äußern, wird offenbar gern vergessen oder übersehen, dass wir in einer parlamentarischen Demokratie leben. Das Wörtchen ist insofern wichtig, als es beinhaltet, dass wir im Zuge regelmäßig stattfindender Wahlen unsere Macht an Vertreter übertragen. „Alle Macht geht vom Volke aus“ heißt eben nicht zwingend, dass das Volk selbige Macht beständig selbst ausübt. Ob einem diese Spielregeln nun unbedingt gefallen müssen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

3. Der nicht minder nervige Satz: „Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist.“ Er ist auf Dutzende Diskussionen und Situationen anwendbar, wodurch er nichts von seiner Blödsinnigkeit verliert. Das „Wie es wirklich ist“ und dessen Aussprechen auch als „Tabubruch“ häufig grottenfalsch gekennzeichnet wird – seien es nun vorhandene Probleme bei der Integration, die Einflussnahme von Lobbygruppen jedweder Art auf die Politik und so weiter – findet sich nämlich sehr leicht und in der Regel bereits sehr lange, sofern man sich die Mühe macht, sich der immensen Herausforderung zu stellen, sich über das aktuelle Tagesgeschehen auch nur ansatzweise informiert zu halten. Das Schöne an einer pluralistischen, freiheitlichen Gesellschaft ist ja gerade, dass ich mir ein Meinungs- und Stimmungsbild verschaffen kann, das eben nicht nur eine Perspektive auf ein bestimmtes Thema berücksichtigt.

4. Ein ähnlicher Satz ist „Aber wir haben doch Meinungsfreiheit.“ Haben wir auch, doch das schützt einen noch lange nicht vor möglichen Konsequenzen, sobald man diese Freiheit genutzt hat. Ein stark vereinfachendes Beispiel: Natürlich darf ich meinen, dass mein Chef ein Arschloch ist. Ich darf es ihm sogar ins Gesicht sagen – an diesem Akt selbst hindert mich nicht das Geringste. Wie bei jeder anderen Meinung auch findet dann letztlich nur eine Überprüfung statt, inwiefern meine frei geäußerte Meinung ein anderes gleich- oder höherwertiges Gut einschränkt oder verletzt. In diesem Fall wäre das die persönliche Ehre meines Chefs. (Das Prinzip der Sittlichkeit ist übrigens ein anderes Gut, das mir oft nach Wahrnehmen meiner Meinungsfreiheit gewisse Scherereien einbringen kann.)

Genug triste Gedankengänge. Demnächst gibt’s vielleicht mal wieder was Heiteres...

Dienstag, 24. August 2010

Betrachtungen aus dem Schreibexil

In Anbetracht der Tatsache, dass ich gerade auf den letzten Metern vor einem Romanfinale bin, muss ich meine werte Leserschaft erneut mit Gedankenfragmenten meinerseits belästigen, anstatt mit einem voll ausformulierten Text zu glänzen. Wie dem auch sei:

- In der laufenden Debatte um die Frage nach der Verlängerung von AKW-Laufzeiten ist mir einmal mehr aufgefallen, dass Arbeitsplätze gern als ultimatives Totschlagargument ins Feld geführt werden. „Wir können XY nicht tun, weil da Arbeitsplätze dranhängen“, heißt es dann oft. Dabei spielt die angestrebte Sinnhaftigkeit des Tuns in einem größeren Zusammenhang plötzlich keine Rolle mehr. Schade eigentlich.

- Dank des Hinweises eines meiner Lieblingsforumsmoderatoren bin ich auf die aktuellen Diskussionen um personelle Veränderungen bei der DSA-Mitarbeiterschaft gestoßen. Sie sind auch für Nicht-Rollenspielfreunde dahingehend interessant, da sich in ihnen gewissermaßen beispielhaft herauskristallisiert, wie im Internet regelmäßig Auseinandersetzungen aus dem Ruder laufen, wenn zu einem emotional vorbelasteten Thema viel Gesprächsbedarf besteht, aber wenig konkrete (im Sinne von abgesicherten) Informationen vorliegen – und wie grundsätzlich der durchschnittliche Nerd (wobei ich mich sehr wohl auch als solchen bezeichnen würde) bisweilen danebenliegt, wenn er vor lauter Sorge um sein Lieblingserzeugnis jedwede wirtschaftliche Vernunft fahren lässt und kleine Verlage mit den gleichen Maßstäben betrachtet wie Großkonzerne (oder gar Dinge einfordert, die bei nüchterner Einschätzung lediglich in Fantasywelten realistisch erscheinen – wie etwa die für alle Beteiligten vollkommen schmerzfreie, von jedwedem Groll befreite Beendigung eines wie auch immer gearteten Arbeitsverhältnisses). Fazit: Die Hölle kennt keinen schlimmeren Zorn als den eines verschmähten Geeks, und ich setze zu viel zu viele Klammern in nur einem einzigen Satz.

- Wer unverschämten und albernen Humor mit niedlichen Tierpuppen mag, sollte sich das hier einmal näher anschauen. Zudem erneut ein gutes Beispiel dafür, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen in England deutlich experimentierfreudiger ist als hierzulande.

- Und noch ein Fundstück aus dem Netz: Man mag als älterer Mensch zu den jüngeren drei Star-Wars-Teilen stehen wie man will, George Lucas hat jedenfalls die Ehre, einer der hartnäckigsten Nerd-Masturbationsphantasien aller Zeiten geschaffen zu haben. Siehe hier.

Donnerstag, 12. August 2010

Wo steckt die größte Kraft?

Ich habe mich gestern Abend vom Fußball aus der Arbeit reißen lassen. Und was muss ich da sehen? Die Dänen laufen mit einem Sponsor namens DONG Energy auf. Nun bin ich etwas ratlos. Bewerbe ich mich bei DONG als Portfoliomanager, wie es auf der Seite des Konzerns beworben wird (ich mag ja Hochglanzbilder eigentlich)? Oder gründe ich doch ein Konkurrenzunternehmen namens VAG Power? Man wird sehen.

Was ich bereits gesehen habe, ist eine Ausgabe der Neuen Deutschen Hitparade auf RTL II (es war wie mit fickenden Affen – kaum hatte ich reingezappt, konnte ich nicht mehr umschalten). Einer der Performer war Gregor Glanz, der in seinem schwarzen Samtjackett aufgedunsen und schwer von einem grippalen Infekt gebeutelt wirkte. Sein Vortrag war eine deutschsprachige Coverversion von Dance with Somebody von Mando Diao. Insgesamt recht gruselig, aber Gregor Glanz erhält von mir den Preis für die bislang beste nasale Verrenkung, weil er es irgendwie geschafft hat, die Worte Song und Gang zu reimen. Dazu gehört eine Menge Mut ...

Freitag, 6. August 2010

Gedankenfetzen

Ich stecke zwar derzeit bis über beide Ohren in Arbeit (und ja, das ist Klagen auf hohem Niveau, und ja, daran merkt man mir meine kulturelle Prägung innerhalb der Landesgrenzen der BR Deutschland an), möchte aber dennoch kurz ein paar Gedanken loswerden:

- Ich habe gerade mehr oder minder direkt hintereinander Shutter Island und Inception gesehen. Eine sehr verwirrende Erfahrung, da Leonardo DiCaprio (sonderbare Schreibweise, aber das nur am Rande) in beiden Filmen einen Mann mit schwerem Hau verkörpert, dem seine tote Ehefrau keine Ruhe lässt. Vorläufiges Urteil: Inception ist schön anzusehen, wenn man auch kein Fight Club-artiges Erlebnis erwarten sollte (wie es eine Freundin, der wir zufällig vor dem Kino begegnet sind, so treffend ausgedrückt hat), wohingegen Shutter Island ein richtig fieser Mindbender ist, der es schafft, Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gezeigten bis quasi unmittelbar vor Schluss aufrechtzuerhalten.

- Musste neulich feststellen, dass es Menschen gibt, die davon ausgehen, dass unterschwellige Unterdrückungsmechanismen innerhalb unserer Gesellschaft keine Gefahr darstellen, weil sie ja angeblich so leicht zu erkennen sind. Äh ... ja ... hm ...

- Anfang der Woche hatte ich das schöne Erlebnis, Die Zombies auf SPON erwähnt zu sehen, um genau zu sein hier. Positiver Nebeneffekt: Ein verschollener Mitschüler, der mit mir durch die Vorhölle namens Max-Planck-Gymnasium gegangen ist, hat sich daraufhin nach rund 15 Jahren bei mir gemeldet. Es lebe das Internet!

- Barack Obama sieht nicht aus wie 49. Beneidenswert (ganz abgesehen davon, dass auch der semi-offizielle Titel „mächtigster Mann der Welt“ eine gewisse sexuelle Anziehungskraft mit sich bringt).

- Ich durfte Zeuge werden, wie mein dreijähriger Neffe zum ersten Mal in seinem Leben das Meer erblickt. Sein Kommentar: „Oh ... großes Wasser.“ Kindermund tut Wahrheit kund. Befremdlich ist allerdings, dass er die ansonsten familiär bedingte Scheu vor lebenden Gewässern nicht teilt und munter in die Ostsee spazierte.

- Die bezaubernde Andrea Bottlinger stattete uns einen Besuch in heimischen Gefilden ab und erduldete in bewundernswerter Disziplin mein Gefasel über Fantasy, Schreiben und die Welt an sich. Chapeau, Mademoiselle!

- Habe nach acht Jahren Hamburg zum ersten Mal das "Tiergefängnis" (so der Moops sagt) Hagenbeck besucht. Die zwei wichtigsten Beobachtungen hinsichtlich der Fauna: Elefantendamen schnupfen das ihnen dargereichte Futter gern, solang es klein genug dafür ist, und Ziegen fressen offenbar lieber die Pappschachtel um das Futter als den Inhalt besagter Schachtel. Die schockierendste Beobachtung hinsichtlich der Besucher: Zehnjähriger Junge, der seine Oma fragt, ob die Kühe Durchfall haben, weil er in seinem Leben anscheinend noch keinen schön saftigen Fladen gesehen hat. O du arme Stadtjugend!

Und jetzt zurück ans Werk mit mir ...

Freitag, 16. Juli 2010

Winziges Lebenszeichen

Mich gibt es noch, aber ich sehe mich gezwungen, diesen Blog derzeit ein wenig zu vernachlässigen, um Bahnreisenden eine angenehm kühle Reise zu garantieren – will meinen, ich schraube im Schweiße meines Angesichts und in Ermangelung grundlegender technischer Vorbildung an ICEs herum. Zweifel an dieser Aussage werden hier ausgeräumt.

Nebenbei schreibe ich auch noch an einem neuen Buch.

Montag, 28. Juni 2010

WM-Beobachtungen

Fangen wir mit dem Unvermeidlichen an: der Vuvuzela. Ich trage mich mit dem Gedanken, der deutschen Fußballkultur etwas vergleichbar Nerviges hinzuzufügen, das sich bis zur Austragung des nächsten großen Turniers in hiesigen Gefilden dann quasi als unverzichtbares Urgestein der Atmosphäregestaltung in den Stadien ausgegeben werden kann. Ich denke an ein Gerät, das das Geräusch von Fingernagelkratzen auf Schiefertafeln reproduziert. Dem Moops-Bruder verdanke ich den Hinweis, wie nützlich es sein kann, wenn man Umlaute in der Muttersprache hat: Der Deutsche gibt das Vuvuzela-Lärmen recht treffend meist als langes ÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ! Wieder, wohingegen der Amerikaner in der Internetkommunikation nur ein fades ZZZZZZZZZZZZ zur Verfügung hat.

Nicolas Anelka hatte hingegen keinerlei Artikulationsprobleme, als er seinem Trainer empfahl, der "Hurensohn möge sich doch in den Arsch ficken lassen". Gott sei Dank, denn so hat dieses Turnier seinen ersten schönen Skandal und meine Grundüberzeugung, dass der Fußballer an sich auch mal zu den richtigen, derben Worte greifen sollte, um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, ist bestätigt. Verglichen damit ist Effes Stinkefinger bei der WM wahrscheinlich übrigens als freundschaftlicher Gruß Richtung mitgereister Anhängerschaft zu verstehen.

Ein neuer Trend, den ich weitaus mehr begrüße als die Terror-Tröte, ist das im Brustbereich eng anliegende Trikot, das mittlerweile so manche Mannschaft auf dem Rasen spazierenführt. Es erfordert zwingend die Auslobung eines neuen Turnierpreises, nämlich den für die schönste Brust, der gleichzeitig mit der Schmähung „groteskester Nippel“ verliehen werden kann. Im Übrigen könnte auch der Damenfußball in Sachen Zuschauerzahlen gewiss davon profitieren, wenn man sich dazu entschließen könnte, den Gürtel quasi obenrum ein bisschen enger zu schnallen – und zwar ungeachtet der mutmaßlichen sexuellen Orientierung vieler Spielerinnen.

Ebenfalls sehr begeistert zeige ich mich von der ungebrochenen Kraft des Fußballs, zur gleichen Zeit als Mittel der Integration und der Erschütterung vorgefasster Meinungen über fremde Völker zu dienen und den Beweis dafür anzutreten, dass die Welt glücklicherweise ein bunterer Ort ist, als uns so manch ein Nationalist oder Rassist glauben machen will. Ein kleiner Test gefällig? Einfach mal an den typischen Schweizer denken und dann hier klicken.

Apropos Überforderung: Was gar nicht geht, ist die Tendenz, Fußball immer mehr zu einem körperlosen Spiel zu machen und dies auch noch bei einem großen Turnier durch hoffnungslos überforderte Schiris umsetzen zu wollen. Mein Plädoyer für mehr Körpereinsatz muss ja nicht gleich zu so etwas führen, aber könnte man bitte versuchen, nicht jeden lauten Furz mit einer gelben Karte zu ahnden? Danke.

Und übrigens, Katrin Müller-Hohenstein, wenn man im Zusammenhang mit Miroslav Kloses Tor im Australienspiel gleich vom "inneren Reichsparteitag" reden muss, warum dann nicht gleich das 0:7 von Nordkorea gegen Portugal zu einem "fußballerischen Holocaust" umfunktionieren? Oder hätten Sie da wenigstens gewusst, woher die „umgangssprachliche Redewendung“ stammt?

Freitag, 25. Juni 2010

Ungewöhnliche Beleidigungen

Neulich aufgeschnappt: „Du hast aber eine hässliche Vorhaut.“ Stellte sich zwar leider als Verhörer heraus, hat aber natürlich trotzdem seine Qualitäten als Aufhänger für diverse Ausschmückungsphantasien. Wo könnte man sie gehört haben? Auf der Herrentoilette? Im Darkroom? Beim Urologen? Am FKK-Strand? In der Umkleidekabine des Fitness-Studios? Oder: Was macht die betreffende Vorhaut so hässlich? Länge? Textur? Färbung? Die Möglichkeiten sind schier unendlich.

Tatsächlich ausgesprochen wurde jedoch folgende Beleidigung: „Ihr Hund stinkt.“ Und zwar in einem Restaurant. An und für sich noch geradezu höflich, weil der Besitzer des Vierbeiners sich ja nur indirekt getroffen fühlen muss, sofern er das möchte (und in der konkreten Situation verhielt es sich auch haargenau so, was zu weiteren, weniger ungewöhnlichen Beleidigungen führte).

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass zu meinen Schulzeiten (ca. 1898 – 1911) einmal eine sehr geschätzte Mitschülerin über das Verhalten einiger Kameraden derart in Rage geriet, dass dem „Ihr kotzt mich an!“, das sie eigentlich wutentbrannt ausstoßen wollte, das „an“ abhandenkam. Was wiederum dazu führte, dass auf Jahre hinaus „Ihr kotzt mich!“ zu einem spielerischen Ausdruck der Verärgerung unter uns wurde. Wörtlich genommen ja auch ein Bild von beeindruckender Eleganz ...

Mittwoch, 23. Juni 2010

Berlin

Wir – will meinen: seine Moopsigkeit und ich – hatten das große Vergnügen, einige Tage in Berlin verbringen zu dürfen. Keine Sorge: Unserer Fee geht es gut; sie war lediglich zu sehr in mysteriöseste Geheimaktivitäten eingespannt, um uns begleiten zu können (ich vermute, sie legt die wichtigsten Grundsteine für den sorbischen Befreiungskampf).

Der Einfachheit halber teile ich meine Reisebeobachtungen in zwei Kategorien ein.

Kategorie I: Erwartbares

Baustellen – Von einer Krise ist in der Bundeshauptstadt noch wenig zu bemerken, sofern man bauliche Aktivitäten als einzigen Maßstab für ein solches Urteil heranzieht. Es sei denn, ich habe mich grundlegend getäuscht und in Berlin wird nichts Neues mehr errichtet, sondern lediglich Altes eingerissen, um die Kulisse für die bevorstehende Post-Apokalypse schon einmal im Vorfeld bereitzustellen. So oder so: Die Baustellensituation erwies sich als übermächtiger Gegner unseres Navigationssystems, sodass wir uns gezwungen sahen, telefonisch mit unserem Hotel direkt am Alexanderplatz Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, wie wir in das zum Hotel gehörige Parkhaus gelangen. Bei der abenteuerlichen Anreise erwies sich die Busspur, auf die wir versehentlich gerieten, als ausgesprochen nützlicher Zufahrtsweg zum erwähnten Gebäude, dessen Dimensionen allerdings ohne jeden Zweifel auf eine Zeit ausgelegt waren, als Kleinwagen diesen Namen noch verdient hatten und Limousinen aufgrund planwirtschaftlicher Zwänge höchstens die Ausmaße eines heutigen Smarts besaßen.

Niedlicher Nachwuchs – Der Knabe, zu dessen Fleischwerdungsfest wir uns einfanden, stellte sich als absolut hinreißendes Geschöpf heraus, das eines Nachmittags um ein Haar auf den warmen, weichen Wölbungen und Rundungen des Moopses selig eingeschlummert wäre. Darüber hinaus spricht es die faszinierendste Fantasiesprache, die ich je aus dem Mund eines Kleinkinds vernommen habe: eine zauberhafte Mischung aus Serbisch, Deutsch, Englisch und Polnisch, deren Entschlüsselung den Zuhörer indes noch vor gewisse Probleme stellt. Sei’s drum: Ästhetisch ist der wundersame Klang ein Hochgenuss, und bei so mancher Hervorbringung moderner Kunst empfiehlt es sich ja auch, nicht nach dem Sinn zu fragen, sondern sich einfach der empfundenen Wirkung ganz hinzugeben.

Nette Menschen – Wenn man drei Tage in der Gegenwart von freundlichen, kreativen und rundherum liebenswerten Menschen verbracht hat, darf man sich zurecht eine Weile im altbekannten Traum von einer liberaleren, besseren Welt zu verlieren. Große Mengen Alkohol, Torte und Grillfleisch helfen dabei, das an sich flüchtige Gespinst scheinbar noch greifbarer zu machen.

Kunst, Kunst, Kunst – Wenn man sich unter Concept Artists, Illustratoren und allerlei andere bildende Künstler wagt, ist es nicht überraschend, unzählige atemberaubende Arbeiten zu sehen – und anregende Diskussionen darüber zu führen, ob das Thor-Design für den anstehenden Brannagh-Film nun total, nur ein bisschen oder nur in verschmerzbarem Maße saugt. Einhellige Meinung: Das Cape hätte echt nicht sein müssen.

Kategorie II: Unerwartbares

Kosmetische Operation am frühen Nachmittag – Kurz nach unserem Eintreffen in Berlin wurden wir Zeuge eines schockierenden Ereignisses. Teile der Feiergemeinde – rund 15 Personen – hatten sich an den Außentischen eines italienischen Restaurants eingefunden und noch vor unserer Ankunft ein ordentliches Gelage veranstaltet (Promillezahlen sind uns leider nicht bekannt). Der Gastgeber äußerte bald einen ungewöhnlichen Wunsch: Am Hals eines der Gäste hatte er einen gar prächtigen Pickel (ungefähr in Größe eines Taubenauges) ausgemacht, der ihn förmlich darum anbettelte, beherzt ausgequetscht zu werden. Selbiges trug sich auch zugleich zu, aber erst nachdem eine aufstrebende, junge Regisseurin sich das Recht gesichert hatte, den epochalen Vorgang mithilfe ihrer iPhone-Kamera für die Nachwelt festzuhalten. Das Publikum teilte sich verhältnismäßig gleichmäßig in Unerschrockene, die das Geschehen mit Spannung verfolgten, und Zartbesaitete, die schrille Schreie des Ekels ausstießen und den Blick abwenden mussten (vielleicht auch keine schlechte Strategie, um das eigene Augenlicht vor dem alsbald durch die Gegend spritzenden Eiter zu schützen). Einer aus der letztgenannten Gruppe wagte es nicht einmal, die vorgenommene Aufzeichnung zu studieren, da sie ihm „zu real“ erschien – eines der üblichen Probleme, das dem durchschlagenden Kassenerfolg vieler an sich höchst interessanter Dokumentarfilme im Weg steht.

Nasenbluten – Obwohl der Moops aus Gründen seiner Höhenangst beim Einchecken Wert auf ein Zimmer auf einem der unteren Stockwerke legte, fanden wir uns auf der 20. Etage wieder, von wo aus man eine tolle Aussicht auf die Dächer Berlins genießen konnte, auf die der Moops sicherlich gern verzichtet hätte (zu einem Besuch der Dachterrasse in luftigen 150 Metern Höhe ließ er sich nicht überreden und ich hatte bedauerlicherweise das Narkosegewehr daheim vergessen, weil mir entfallen war, dass Grenzkontrollen ja nun bereits seit Längerem nicht mehr zu befürchten stehen). Dank kluger Ausnutzung des begrenzten Raums und einer gläsernen Badezimmerwand konnte man übrigens sogar beim Baden Fernsehen. Das war nicht unerfreulich. Weniger erfreulich war jedoch der Umstand, dass die häufigen Fahrten mit dem Expresslift meinen Nasenschleimhäuten nicht bekamen und sie sich entschlossen, meinen kostbaren Lebenssaft abzusondern (zugegebenermaßen in unbedenklichen Mengen, aber trotzdem sprang der Hypochonder in mir sofort darauf an – insbesondere aufgrund der Tatsache, dass wir uns in einem der ehemaligen Vorzeigehotels der DDR befanden und meine Paranoia natürlich nicht ausschließen konnte, Opfer einer radioaktiven Altlast eines Jahrzehnte zurückliegenden Spionagekomplotts zu werden).

Blanker Busen – Weitaus angenehmer waren die Models, die zur Eröffnungsparty des MADE-Workshops herangekarrt worden waren und – ganz professionell – nicht das geringste Problem hatten, ihre Brüste freizulegen, wenn der Künstler, der ihre Form gerade abzubilden versuchte, sie dazu anhielt. Verbunden mit der Bar, an der es Gratis-Longdrinks abzuholen gab, sorgte dies für eine äußerst entspannte Atmosphäre, und eine brutal schickige Performance gab es auch noch (wer Freude an Psychedelischem hat, schaut am besten mal hier vorbei).

Doch genug von Berlin – Hamburg hat mich wieder, und ich muss an die Arbeit. Vielleicht berichte ich bei Gelegenheit noch von Untoten am Klavier und Flirtversuchen niederländischer Senioren, wenn mir danach ist.

Montag, 7. Juni 2010

Spaß mit Nerds

Es ist Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich hege seit Längerem den Traum, eine Compilation mit Coversongs aufzunehmen, bei denen sämtliche Titel im Original das Wort „Girl“ enthalten, das für die Coverversionen allerdings durch „Nerd“ ersetzt werden soll. Die Möglichkeiten sind schier unendlich, bleiben jedoch in Ermangelung musizierfähiger Mitstreiter ungenutzt. Dieser traurige Umstand hält mich allerdings nicht davon ab, eine vorläufige Titelliste zu erstellen:

1. Nerds just want to have fun (eignet sich auch hervorragend für ein an das Lauper-Original angelehnte Video, in dem meine Freunde und ich ausgelassen durch die Wohnung tanzen, während wir nebenbei echten Nerdbeschäftigungen nachgehen: Magic-Decks bauen, Shadowrun-Charaktere min-maxen, Comicsammlungen chronologisch ordnen, Summer Glau googlestalken und und und ...)
2. Uptown Nerd (der mit der meisten Kniste und den wohlhabendsten Eltern; ließe sich zur Not durch West End Nerds ersetzen)
3. The Most Beautiful Nerd in the World (ich schlage mal Vin Diesel vor, der sich als D&D-Spieler geoutet hat und zudem haargenau so aussieht wie die Figur auf dem Titelbild von Ralf Königs Bullenklöten; wahlweise geht auch Leslie Winkle (Sara Gilbert) aus Big Bang Theory; oder meinethalben beide zusammen)
4. Material Nerd (zu Ehren von Bill Gates und Steve Jobs)
5. Fat Bottomed Nerds (ohne Kommentar)
6. China Nerd (China ist ein Wachstumsmarkt, wie wir allerorten hören, und das gilt doch sicherlich auch für Nerds)
7. I Kissed a Nerd (man wird ja noch träumen dürfen)
8. Bikini Nerds with Machine Guns (um auch mal etwas psychedelisch zu werden)
9. Just a Nerd (ohne jeden Zweifel ...)
10. The Nerd from Ipanema (als loungiger Ausklang, denn es wird ja angeblich bald Sommer)

Freitag, 4. Juni 2010

Vampire, die Zeit und wir

Jemandem, der für die ZEIT schreibt, ist gerade aufgefallen – man könnte sagen, mit der üblichen zeitlichen Verzögerung –, dass Vampirgeschichten in Buchform sich derzeit einer deutlich wahrnehmbaren Beliebtheit erfreuen. Es hätte vielleicht besser bei der reinen Beobachtung bleiben sollen, denn was Ursula März da eben rasch in die Tasten gehauen hat, trägt stellenweise geradezu groteske Züge.

Es beginnt schon einmal damit, dass gleich zu Beginn der Stellungnahme mal eben rasch auf eine größere Zusammenkunft von Schriftstellern und Kritikern im Hamburger Literaturhaus verwiesen werden muss, um quasi von der ersten Zeile an unmissverständlich zu verdeutlichen, wo die Frontlinien in Märzens Bücheruniversum verlaufen und was sie voneinander scheiden: Hoch von Nieder, Unterhaltung von Anspruch, Hui von Pfui.

März zitiert dann sogleich eine „produktive Unterscheidung“, die eine Teilnehmerin am genannten Festival der Hochkultur getroffen haben soll: nämlich die zwischen literarischen Moden und literarischen Trends (und auf die wir alle wahrscheinlich sehnsüchtigst gewartet haben). Zumindest in Märzens Erinnerung kommt die Anonyma zu folgendem Schluss: „Moden sind flüchtig, Trends literaturgeschichtlich gewichtiger.

Die Verwendung zweier semantisch einander so nahestehender Begriffe wie „Mode“ und „Trend“ zur sauberen Kategorienbildung bleibt von vornherein problematisch, und aus welchen Gründen die Anonyma nun ausgerechnet mit einem Trend etwas Dauerhafteres verknüpft als mit einer Mode, ist ihr ganz persönliches Geheimnis.

Über derlei Unsauberheiten ließe sich eventuell noch hinwegsehen (bzw. flüchtig hinweglesen), wenn März sich nicht bemüßigt sähe, im weiteren Verlauf des Artikels sogleich Beispiele für literarische Trends zu nennen: das Epos und den Familienroman. Ich verstehe, der Trend geht also seit ein paar Jahrtausenden zum Epos und seit einigen Jahrhunderten zum Familienroman. Klingt komisch, ist aber laut März wohl so.

Vollmundig verrät uns März anschließend, welche Eigenschaft allein ein bisserl zu wenig ist, um in den Olymp des literaturgeschichtlich Gewichtigen Zugang zu finden: „Tradition reicht allerdings nicht, um aus einer Mode einen Trend zu machen.“ Aha. Und was braucht man als Mode so, damit es irgendwann zum Trend reicht? Die Antwort sucht man in Märzens Artikel vergebens.

Was sie aber an unbekannter Stelle aufgeschnappt zu haben scheint, ist die weitverbreitete Auffassung, der Vampirroman nehme seinen Anfang mit Bram Stokers Dracula. Dies ist zwar insofern korrekt, als sich Polidoris Der Vampyr respektive Le Fanus Carmilla beim besten Willen nicht als Romane qualifizieren lassen, aber dass sie für die Entwicklung der Erzählungen über, von und mit den Blutsaugern nicht ganz unwichtig sind, ist unbestritten. Letztlich auch egal, denn März will auch gar nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart, in der „der triviale Vampirroman den derzeitigen Buchmarkt dominiert wie nichts anderes“. Öhm, ja.

Es kann ja nicht schaden, ein wenig Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, und ja, Vampire erfreuen sich dieser Tage einer beachtlichen Beliebtheit, aber dominieren triviale Vampirromane den Buchmarkt wie nichts anderes? Nein. Ganz und gar nicht. Wie ein kurzer Blick auf die Taschenbuchbestsellerliste des Spiegels auch eindrucksvoll belegt: Auf den ersten fünfundzwanzig Plätzen findet man aktuell (27.05.2010) gerade einmal die auch von März bemühte, weil offenbar unvermeidliche Stephenie Meyer mit Bis(s) zum Abendrot als Vertreterin der angeblichen „wie nichts anderes“-Dominanz. Dem Bis(s)chen stehen ein Dutzend Krimis und Thriller gegenüber. Mode? Trend? Das könnte uns vermutlich nur März selbst verraten.

Es folgen einige kurze Ausflüge und Ausführungen, die die üblichen Absonderlichkeiten enthalten, wenn der Nicht-Nerd sich in die Niederungen des Geektums begibt. Dass maximierter Horror und einbettende Handlung einander ausschließen oder das muntere Gleichbehandeln von Zombies und Vampiren. Verzeihlich, weil unterhaltsam – wie die meisten TV-Berichte über Rollenspieler, um mal einen brauchbaren Vergleich zu schaffen.

Schludrig auch im Sinne einer vernünftigen Betrachtung aus der Warte des Kulturhüters wird es dann im unteren Drittel. Erst ein paar übliche Deutungsmuster angerissen – Vampir als Ausdruck einer Gegenaufklärung, als Metapher des Raubtierkapitalismus (es fehlt nur noch der Vampir als wandelnder Phallus) –, dann brüsk abgebrochen und über Kommerz statt Kunst gejammert. Unter anderem deshalb, weil einige der betreffenden AutorInnen viel zu viel in viel zu kurzer Zeit produzieren, als das dabei etwas Betrachtenswertes dabei herumkommen könnte. Gebündelt in der steilen These, dass Literaturmoden (wir erinnern uns: die flüchtigen … äh, Trends, oder wie?) kulturgeschichtlich uninteressant wären. Logisch, drunter macht es März nicht. Da steht nicht „literaturgeschichtlich“, sondern gleich „kulturgeschichtlich“, weil es ja Gott sei Dank Menschen wie März gibt, die uns dankenswerterweise exakt vordenken, was gefälligst Teil unserer Kultur zu sein hat und was nur als widerliche saugschmerlenartige Ausstülpung am anmutigen Leib der Hochkultur mit dranhängt.

März ist selbstredend auch noch Wirtschaftsexpertin, die uns erklärt, dass bei der Vampirmode „das Angebot die Nachfrage schafft“. Damit offenbart sie sich erneut als Fürsprecherin derer, die schon immer gewusst haben, dass der Mann – oder in diesem Fall eher die Frau – auf der Straße auch noch die letzte Scheiße kauft und liest, nur weil sie sie aus dem Schaufenster der Buchhandlung heraus anspringt, anstatt mal ein ordentliches Buch in die Hand zu nehmen. Ach, es gibt Momente, in denen ich Menschen wie März um ihre einfache Weltanschauung schwerstens beneide.

Also da haben wir nun wirklich schon viel bessere Berichterstattung und Meinungsäußerung zum Thema vernommen.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Jobmöglichkeit Vergangenheitsprophet

In einem recht unterhaltsamen BILD-Artikel zum Höhepunkt der Aschewolkenkrise (AWK, nicht zu verwechseln mit AKW) stieß ich auf eine wundersame Bezeichnung: Nostradamus wird dort als „bekanntester Zukunftsprophet“ aufgeführt. Zukunftsprophet ist in semantischer Hinsicht ein echtes Highlight, da es nahelegt, dass es in Sachen zeitlicher Schwerpunktsetzung noch mindestens zwei weitere Formen des Propheten gibt.

Beginnen wir mit dem Gegenwartspropheten. Diese Gattung ist relativ weit verbreitet, weil darunter alle Menschen fallen (mich eingeschlossen), die gelegentlich dazu neigen, ihr unmittelbarst bevorstehendes oder bereits in der Durchführung befindliches Handeln entweder durch leises Murmeln zu sich selbst oder unbefangenes Herauskrakeelen an die wehrlose Zuhörerschaft ankündigen respektive kommentieren. Berühmtestes Beispiel aus der Filmgeschichte: Vincent Vega (John Travolta) aus Pulp Fiction mit seinem „Ich geh jetzt mal kacken...“. Der Wirkungskreis von Gegenwartspropheten beschränkt sich in der Regel verständlichermaßen auf das direkte Umfeld, sowohl im räumlichen Sinne als auch im Sinne des eigenen Erlebnishorizonts.

Weitaus raum/zeitgreifender verhält sich hingegen der Vergangenheitsprophet. Selbstverständlich findet man auch in dieser Gruppierung Amateure, die ihre Aktivitäten auf die eigenen zwischenmenschlichen Erfahrungen beschränken (Lieblingsverkündigungen sind „Das hätte ich dir gleich sagen können“, „Das habe ich schon immer gewusst“ und Ähnliches).

Der Profi ist selbstredend kühner und scheut keineswegs vor den großen Themen der Weltgeschichte zurück. Daten, vor denen der geübte Vergangenheitsprophet mit Anspruch warnt, sind:

22.11.2005
26.5.1994
19.12.1963
4.5.2001
8.3.2003

Die Liste kann natürlich laufend und beliebig erweitert werden. Zum Beispiel hiermit.

Montag, 31. Mai 2010

Ein Glied für Oslo

Richtig gelesen. Beziehungsweise habe ich gerade versucht, das hinlänglich bekannte akustische Phänomen nachzubilden, wie einen das eigene Unbewusste ab und zu dazu bringt, in einen unschuldigen Text eine Sauerei hineinzuhören. Mir neulich so geschehen bei „Ein kleines Lied vom Frieden“ von Katja Ebstein. Immerhin ein Verhörer mit Zotenpotenzial.

Abgeleitete Varianten sind:

Das Volksglied. (Demnächst bei der BILD, Lild, Penny oder sonstwem, der sich nicht zu schade ist, nationale Urinstinkte zu bedienen, sehr günstig zu erwerben.)
Das Kirchenglied. (In jüngster Zeit nicht gänzlich zu unrecht etwas in Verruf geraten, hat dafür aber eine verdammt lange Tradition.)
Das Kinderglied. (Durch das Kirchenglied in ständiger Gefahr.)
Das Protestglied. (Hocherhoben und vermutlich extrem stark durchblutet.)
Das Kunstglied. (Für den Fall der Fälle in vielen Nachttischschubladen zuhause.)
Das Arbeiterglied. (Etwas abgenudelt und mittlerweile oft zu kurz geraten, aber nichtsdestoweniger ein Klassiker.)
Das Tageglied. (Schwer romantisch und wird nur der Angebeteten gezeigt.)
Das Morgenglied. (Kennt jeder ... Mann.)
Das Bundeswehr- oder Soldatenglied. (Darf gern unter seinesgleichen bleiben.)

Einsendungen interessierter Leser:

Jesco:
"Ein Glied kann eine Brücke sein"
"Glieder, die die Welt nicht braucht"
"Ein Glied geht um die Welt" und
"Liebesglied"

Volker:
"Du brauchst ein Glied (das dich begleitet)"
"Und wenn ein Glied (meine Lippen verlässt)"

Freitag, 28. Mai 2010

Untoter Freitag: Roland Koch

Roland Koch hat die Absicht geäußert, sich demnächst aus der Politik zurückzuziehen (zwingend unmittelbar daran anschließende Frage für den nächsten Aufsatz: „Gibt es vielleicht doch einen Gott?“) Auch wenn es mit viel Bohei und Tralala verkündet wurde, sieht eine echte Überraschung indes anders aus. Mehr noch: Bei einer schnellen Recherche stellt sich das wenig beruhigende Gefühl ein, man könnte in einer Zeitschleife gefangen sein. Wie sonst ließe sich das hier erklären? (Man achte insbesondere auf die Bildunterschrift).

Bei näherem Hinsehen atmet man erleichtert auf: Da wurde lediglich eine aktuelle Bilderserie in einen etwas angestaubten Artikel verpflanzt. Passt trotzdem wunderbar zur demnächst angesprochenen Vergangenheits/Gegenwarts/Zukunftsprophetie.

Dennoch gilt: Solange Koch das Angekündigte nicht umgesetzt hat, gilt er für mich als politischer Untoter. Und ein Hintertürchen hat sich unser rabaukiger Posterboy ja noch offengelassen: Wenn jemand nach ihm (bzw. seiner Rückkehr) ruft, würde er sich nicht verweigern. Also sind jetzt alle am besten mucksmäuschenstill, um diesen brutalstmöglichen Rücktritt nicht zu gefährden.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Kleine (fremde) Leseprobe

Valentina Berger, eine geschätzte Autorenkollegin, die ebenfalls bei Piper ihr Unwesen treiben darf, hat gestern eine kleine Leseprobe aus ihrem Thriller online gestellt.

Wahrscheinlich nichts für Zartbesaitete, aber der Titel „Der Augenschneider“ wirkt auf derlei Gemüter voraussichtlich ohnehin abschreckend genug (es sei denn, sie erwarten sich davon ausgefallene Modetipps ...).

Freitag, 21. Mai 2010

Untoter Freitag: Geburtstagsgedanken

Anlässlich des Jahrestags meiner Fleischwerdung kontrollierte ich selbstverliebt unlängst die Wikipedia-Einträge zum 20. Mai. Grund: Ich wollte erfahren, wer denn noch so alles an diesem Tag das Licht der Welt erblickte und wie ich zu den betreffenden Personen stehe. Ein gar spaßiger Zeitvertreib für ganz, ganz wenig Geld.

- Pietro Bembo (*1570). Italienischer Humanist und Kardinal. Finde mich insofern in ihm wieder, dass ich auch gern mal einen Sprachenstreit entscheiden würde. Wie anders sähe die Welt aus, wenn mein heimatlicher Dialekt – das klangschöne Pälzisch – doch überall gesprochen würde...

- Andreas Schlüter (*1659). Preußischer Architekt und Bildhauer. Der „Designer“ des Bernsteinzimmers (in gepflegtem Zustand, nur in gute Hände abzugeben, Interessenten bitte melden). Berührungspunkte mit mir: Hang zu großangelegten Projekten (zum Beispiel ein Hundertmeterturm mit Glockenspiel), die leider auf Sand gebaut sind ...

- Honoré de Balzac (*1799). Berührungspunkte: Ich trinke auch liebend gern Kaffee (zwar noch nicht ganz kannenweise, aber ich arbeite daran).

- John Stuart Mill (*1806). Vorzeigeliberaler, der den schönen Begriff der Dystopie prägte.

- James Stewart (*1908). Die Voyeur-Rolle in Das Fenster zum Hof hätte ich auch lustvoll übernommen.

- Mosche Dajan (*1915). Augenklappen stehen mir leider nicht.

- Wolfgang Borchert (*1921). Viel zu jung gestorben, daher bedauerlicherweise viel zu wenig Werk.

- Franz Steinkühler (*1937). Dieser Gewerkschaftsführer ist wahrscheinlich mitverantwortlich, dass ich so oft etwas über Metaler auf den Straßen zu lesen glaube, bis ich feststelle, dass es sich um Metaller handelt, und ich die Kutte wieder in den Schrank lege.

- Al Bano (*1943). In einer früheren, unschuldigeren Lebensphase (als in Deutschland gerade ein heftiges Italoschlagerfieber grassierte) dachte ich, er hieße Albano Power – übrigens guter Pornodarstellername, das – weil er mit seiner Frau Romina Power durch die Lande zog und Quasselstrippe Dieter Thomas Heck die beiden so schnell ansagte, dass Vor- und Nachnamen in meinem kindlichen Ohr verschmolzen. Berührungspunkte: Hang zu Schnulzen.

- Joe Cocker (*1944). Ich singe auch ab und zu, wenn ich betrunken bin. Nur nicht so gut. Dafür kann ich minimal besser tanzen...

- Cher (*1946). Plane fest ein, mir demnächst auch Teile der störenden Hüftknochen und zwei, drei Rippchen operativ entfernen zu lassen, damit ich besser ins Korsett passe.

- Sky du Mont (*1947). Berührungspunkte: Lebe ebenfalls mit einer wesentlich jüngeren Frau zusammen, würde vermutlich allerdings nie Wahlwerbung für die FDP machen.

- Gerd Rubenbauer (*1948). Berührungspunkte: Fußball, was sonst? (Bin inzwischen ziemlich gut darin geworden Bela Rethy bei Live-Übertragungen zu channeln – Sie wissen schon: „Eine Viertelstunde ist gespielt – Zeit für ein erstes Fazit“ und so).

- Roger Milla (*1952). Berührungspunkte: siehe Gerd Rubenbauer.

- Christiane F. (*1962). Ob ich mir jetzt Gedanken machen sollte?

- Timothy Olyphant (*1968). Bin ebenfalls Westernfreund und würde einen Auftritt als Hitman auch nicht ausschlagen.

- Louis Theroux (*1970). Wer noch nichts von seinen Weird Weekends gesehen hat, hat definitiv was verpasst. Berührungspunkte: Interesse an Subkulturen.

- Busta Rhymes (*1972). Wahnsinn in Noten – auch ein sympathischer Geburtstagsvetter.

- Kaya Yanar (*1973). Berührungspunkte: Migrationshintergrund (das Leben als Pfälzer in Hamburg ist nicht leicht).

Komme zu dem befriedigenden Schluss, dass ich mich in überwiegend guter Gesellschaft befinde.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Eiskalter Mittwoch: The Men Who Stare at Goats

Wem Kalte Krieger gefallen hat, wird wahrscheinlich seine helle Freude an diesem Film (und an dem Buch, auf dem der Streifen basiert) haben. Die Handlung ist rasch zusammengefasst: Junger Journalist mit gebrochenem Herzen (Ewan McGregor) will dringend im Irak die Story seines Lebens finden und stößt auf einen Ex-Supersoldaten in geheimer Mission (George Clooney). Man erfährt einiges darüber, für welchen Schmumpitz das US-Militär so alles ordentlich Kniste rausrückt, solange man dem ganzen nur irgendwie einen Anstrich verpasst, der auf militärische Ausbeutbarkeit hindeutet. Quasi ein Buddy-Movie der durchgeknallten Art.

Herausragende Sequenzen:
- Supersoldat Clooney erklärt ausgerechnet McGregor, was ein „jedi warrior“ ist.

- Der Journalist lernt, wie ein waschechtes „psychic disincentive“ aussieht, mit dessen Hilfe man einen Gegner allein mithilfe der eigenen Gedankenkraft davon abhält, einen Angriff zu starten (und ja, es wird blutig).

- Jeff Bridges Reise als erleuchteter Army-Schamane durch die Hippiebewegung.

Nicht immer brüllend komisch, aber durchaus sehenswert.

Dienstag, 18. Mai 2010

Haben wir es nicht schon immer gewusst?

Dieser Artikel bestätigt einen Verdacht, den der eine oder andere von uns sicherlich schon länger gehegt hat. Da es bis zur Einführung des Schnelltests für Neandertalergene leider noch eine Weile dauern wird, schlage ich hier einige Leute vor, bei denen ich mir relativ sicher bin, dass die Probe positiv ausfallen würde (wir erinnern uns an die prägnanten Merkmale langer Schädel, dominanter Kiefer, markante Augenwülste):

- Ron Pearlman. Wenn nicht er, wer sonst?
- Michael Ballack. Das erklärt das Freistoßtor gegen Österreich bei der letzten EM (ist nur mit waschechter Neandertalpower zu schießen).
- Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Könnte glatt ein verschollener Bruder von Ron Pearlman sein.
- Monika Bleibtreu. Wer hat gesagt, dass Neandertalerinnen unansehnlich gewesen sein müssen? Außerdem zeigt sich das Erbe auch deutlich an ihrem Sprößling Moritz.

[Kleiner Exkurs: Die Wissenschaft hat sich lange mit der Frage herumgequält, wo unsere lieben Verwandten abgeblieben sind. Aufgrund bislang fehlender Beweise in Sachen Genmaterial kursierte auch die These, der Cro-Magnon-Mensch hätte seinen pelzigeren Vetter aufgefressen. Im Einzelfall natürlich nicht auszuschließen, aber die Eierköpfe hätten sich nur auf die Weisheiten des Metal verlassen müssen. Wie heißt es da so schön? If you can’t eat it or fuck it, then kill it. Option 2 wurde anscheinend auch dankbar in Anspruch genommen, wie mir deucht.]