Mittwoch, 30. Dezember 2009

Neujahrsgruß

Wo ich es schon verpasst habe, die besten Wünsche zu den Jahresendzeitfestivitäten in die Welt hinaus zu senden, hier nun rasch ein formeller Neujahrsgruß: Guten Rutsch!

Meine lahme Entschuldigung für das eben erwähnte Verpassen: Ich bereite die Ankunft der Elfen in Meerschaum im dritten Band der Zerrissenen Reiche vor.

Und jetzt noch rasch eine Beobachtung, die ich in Sachen Widersprüchlichkeiten gemacht habe: Wenn ich eine rechtmäßig erworbene DVD einlege, werde ich zunächst mit einer Drohung belästigt, was mir für den Fall zustoßen könnte, sofern ich doch ein finsterer Raubkopierer wäre (öffentliches Auspeitschen, Vierteilen und derlei mehr). Gleich im Anschluss jedoch erscheint ein dezenter Hinweis, dass alle in Interviews und Kommentaren geäußerten Meinungen ja sowas von einzig und allein die Meinungen derer sind, die sie tätigen, und ganz bestimmt nicht die des Unternehmens, die die DVD auf den Markt geworfen hat. Das Bild, das diese Abfolge in mir auslöst, ist das eines zwielichtigen Gesellen, der mich in einer dunklen Gasse mit einem Messer bedroht, um mich im nächsten Augenblick allerdings flehentlich darum zu bitten, ich möge von einer etwaigen Anzeige absehen, weil er sich das Messer nur von seinem Schwippschwager geliehen hat. Verrückt ...

(Moops-P.S.: Gerade ist auch wieder mal ein Interview mit Thomas online gegangen und zwar bei Legimus!)

Montag, 21. Dezember 2009

Zwischenmeldungen, Meinungen und Fundstücke

Da ich derzeit damit beschäftigt bin, das Figurenensemble der Zerrissenen Reiche zurechtzustutzen, gibt es heute mal einige Kurzmeldungen im Stile der allseits beliebten Rubrik Vermischtes.

Aus Gründen reiner Selbstverliebtheit verweise ich zunächst auf die beiden Rezensionen auf G wie Gorilla, Legimus und dem Zauberspiegel zu „Kalte Krieger“, die mein kleines, schwaches Herz sehr zu erfreuen wussten. Jochen Adam vom Zauberspiegel war darüber hinaus so freundlich, mich mit einigen klugen Fragen zu löchern, auf die ich hier versuche, einigermaßen brauchbare Antworten zu finden.

Weg von mir, hin zur Welt. Genauer: zum deutschen Bundestag. Vor ein paar Tagen sah ich Auszüge aus der Erklärung der Kanzlerin, was sie sich von der Klimakonferenz in Kopenhagen alles erhofft (der Realitätscheck für Frau Merkel kam dann am Samstag). Keine Angst, ich will mich nicht lang und breit über etwaig bevorstehende Katastrophen, sondern kurz und bündig über ein interessantes sprachliches Phänomen auslassen – nämlich über die Vermengung von Höflichkeitsform und vertrauter Anrede. Besagtes Phänomen ist offenkundig nicht nur, wie der Klischeefreund vermuten könnte, in Supermärkten verbreitet. In der Aussprache nach dem Auftritt der Kanzlerin wendete sich Gregor Gysi in Folge eines Zwischenrufs von Renate Künast ungefähr folgendermaßen an die gewohnt streitbare Grüne (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Sei doch mal ruhig, Frau Künast, du wirst das auch noch verstehen.“ Ob unser blaublütiger (Noch?)-Verteidigungsminister „Gutze“ sich im Untersuchungsausschuss derartige Affronts von Leibeigenen – pardon, Mitparlamentariern – gefallen lassen oder zur Knute greifen wird, um dem Pack gute Manieren einzupeitschen, wird sich weisen ...

Fleischgeile Killermöpse aus Nevada. Leider nicht der Titel eines verschollenen und nun aus einem verstaubten Archiv geborgenen Russ-Meyer-Streifens. Eher die angemessen Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile, die ich für einen grausigen Vorfall in – man ahnt es schon – Nevada gewählt hätte. Dort haben zwei Möpse – die Rede ist von der Hunderrasse – ihr totes Herrchen angeknabbert, nachdem dieses überraschend das Zeitliche segnete und die beiden niedlichen Geschöpfe mehrere Tage mit der Leiche allein waren. Es handelt sich also wohlgemerkt um eine Art Mundraub und nicht um ein geplantes Verbrechen. Besonders tragisch ist, dass der Besitzer mit Harry und Sally zwei hübsch postmodern-ironische Namen für die drolligen Viecher fand, die seine sterblichen Überreste aus ihrer Sicht einer ausgesprochen klugen Zweitverwertung zuführten.

Dann entdeckte ich noch einen amüsanten Tippfehler bei Spon, den ich mal besser per Screenshot hätte sichern sollen: In einem Bericht über den Dreamliner wurde aus dem Herstellernamen Boeing possierlicherweise ein Boing, und es wurde einem verkündet, dass diese besondere Boing nun doch fliegt. Korrekt sollte es meiner Meinung nach übrigens das Boing heißen, weil ich mir darunter ein Fluggerät vorstelle, das ziemlich genau wie einer jener Gesundheitssitzbälle aussieht, welche angeblich den Rücken beim Arbeiten am Schreibtisch schonen. Boing ist des Weiteren ein lautmalerischer Name, der sich aus dem Geräusch der Maschine bei Landungen ableitet. Übrigens belegt ein kleiner Blick ins Archiv, dass Boeing bei Spon recht häufig zum Boing wird, und abschließend fordere ich nun meine geneigten Leser dazu auf, sich mit dem Bild vom Gesundheitssitzballflugapparat folgende Sätze zwischen den Synapsen zergehen zu lassen:
„Ein Techniker winkt eine Boing 747 der British Airways in ihre Parkposition.“ (vermutlich vor einen titanischen Schreibtisch);
„Damit könnte ein bedeutendes Gegengewicht zu Airbus und Boing entstehen.“ (das ist nicht schwer, weil ein Boing natürlich wesentlich leichter gebaut ist als herkömmliche Flugmaschinen);
„Der vermeintliche Entführer einer Boing 737, der am Montag auf den Malediven verhaftet worden war, entpuppte sich als ein betrunkener Inder, der die Stewardess belästigt hatte.“ (eine Schutzbehauptung, da der fiese Möpp wahrscheinlich die hochgeheime Boingtechnologie für den Subkontinent ausspionieren sollte);
„Nach dem Ausfall der Bordelektronik gefährdete eine US-Boing den Flugbetrieb über Deutschland.“ (vermutlich weil das Ding so Hulk-artig unkontrolliert durch die blühenden Landschaften hüpfte).

Montag, 14. Dezember 2009

50 pro Semester

Als mir der Titel einer ursprünglich für Mitte Januar angekündigten neuen Serie auf Pro7 zum ersten Mal ins Auge sprang – keine Angst, mir geht’s gut –, regte sich in mir ein Fünkchen Hoffnung, dass ein weiser Mensch auf die Idee gekommen sein könnte, die Studiengebühren an vielen deutschen Hochschulen sinnvoll zu reduzieren. Gleich im Anschluss wurde der ängstliche Paranoiker in mir wach, um mir einzuflüstern, dass man in Zukunft von den Armen Bachelor-Studierenden in Zukunft 50 erbrachte Leistungs-, Credit- oder wie-auch-immer-man-Studieren-in-ein-enges-gedankliches-Korsett-zwängen-will-Punkte pro Halbjahr einfordern will.

Kurzum: Mein Interesse war zunächst rege. Es stellte sich heraus, dass 50 pro Semester zum noch recht jungen Scripted Reality-Krimskrams gehört, den die Privaten schon seit einigen Monaten versenden (mein Anspieltipp: Verdachtsfälle auf RTL). Was passiert nun bei a) Scripted Reality im Allgemeinen bzw. sollte b) bei 50 pro Semester im Besonderen passieren?

Scripted Reality bedeutet im Grunde nur, dass sich inzwischen jeder vor der Kamera exhibiert hat (in Einzelfällen mehrfach), von dem die Macher von Doku-Formaten glauben, es könne eine befriedigende Anzahl von Voyeuren interessieren, wie der bzw. die Betreffende(n) umziehen, ein Haus bauen, Kinder in die Welt setzen, einen Job suchen, sich wegen ungeputzter Badezimmer streiten, exotische Tierbabys an der eigenen Brust säugen o.ä. Da man aber unter überhaupt gar keinen Umständen Geld für Brauchbares ausgeben möchte, hat man einfach eine Zweitverwertung der Exhibitionswilligen angeleiert, bei der man (also irgendein Redakteur oder Praktikant mit viel Sinn für Humor – oder wer sonst nicht bei Drei auf dem Baum war) sich eine Konfliktsituation erdichtet und die Laien dann mehr oder minder munter drauflos improvisieren lässt. So Dinge wie „Gerichtsvollzieher steht beim Geburtstag des Zehnjährigen vor der Tür, um die Wii zu rauben, weil Mama ihre Rechnungen nicht gezahlt hat, da der absente Papa keine Lust auf Unterhaltszahlungen hat“ oder „Supersoftie muss mit seiner Gattin und deren Lover unter einem Dach leben, weil er es weder fertigbringt, sich von der Schnalle abzunabeln noch sie mal so ordentlich ranzunehmen, dass sie ihren Ersatzstecher vor die Tür setzt“ und ähnlich putzige Geschichten mitten aus dem Leben. Erstaunlicherweise erzielte man damit bessere Quoten als bei der Beobachtung von größtenteils Nicht-Ersonnenem (fairerweise sei angemerkt: die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt dabei trotz wenig oscarreifer Darbietungen so sehr, dass dem Großteil der Zuschauer der Hinweis „Alle handelnden Personen sind frei erfunden“ zum Ende der Sendung nicht weiter aufgefallen sein dürfte – was ja nach einer Gewöhnung an die Doku-Soap alter Schule kein Wunder ist).

In 50 pro Semester nun sollten junge Studierende gezeigt werden, die im Zuge einer Art Wette herausfinden wollen, wer von ihnen im laufenden Semester zuerst die 50 paarungswillige Mitmenschen ins Bett, auf das Herrenklo, in den Kleinwagen oder sonstwohin gezerrt bekommt, wo lustig Liebe machen ist. Da uns das Ganze im Nachmittagsprogramm beglücken sollte, stand eigentlich nie zu befürchten (bzw. war die Hoffnung vergebens), drastischen Kopulationsdarstellungen ausgesetzt zu werden. So weit, so schlecht.

Dass Pro7 nun in vorauseilendem Gehorsam den ohnehin unsichtbaren Schwanz einzieht respektive die verhüllten Busen noch verhüllter lässt und 50 pro Semester erst einmal auf „irgendwann im Laufe des Jahres 2010“ verschoben hat, ist relativ feige – vor allem, wenn man bedenkt, woher die lautstark vorgebrachte Kritik kam und mit welchen Argumenten die Kritiker hantierten – oder zeugt von einer überraschenden Blauäugigkeit der Verantwortlichen. Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer von den Christsozialen spricht von einer „verheerenden Botschaft“ und einer „Art modernen ‚Kopfgeldjagd‘“, bei der „Männer und Frauen zu Sexobjekten degradiert werden“. Erstens wäre es in gewisser Hinsicht ein immenser Fortschritt gewesen, wenn die Männer in 50 pro Semester auch wirklich zu Sexobjekten degradiert worden wären (inwiefern das so gekommen wäre, werden wir nun ja vielleicht leider nie erfahren), und zweitens sollte Pro7 den Hinweis der Ministerin aufgreifen und zum Sex noch eine gute Portion Crime geben, damit die Serie ein echter Kracher wird (so sie uns denn doch noch erreicht).

Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, beweist hingegen, dass sich sein Jura-Studium gelohnt hat und er sich ganz postmodern prinzipiell lieber im Konjunktiv bewegt (was in Anbetracht der Tatsache, dass – man muss es noch einmal sagen – von 50 pro Semester bislang keine einzige Folge gesendet wurde, auch nicht unvernünftig ist). Er sieht lediglich die Gefahr einer negativen Wertevermittlung (vermutlich meinte er eher die Gefahr einer Vermittlung aus seiner Warte falscher Werte), und bei ihm werden „Liebe und Sexualität möglicherweise zum Objekt“. Puh, Glück gehabt, dann sind ja zumindest die Männer und Frauen nicht objektiviert, sondern nur das, was sie untereinander treiben. Kurzer Exkurs zum Thema Werte: Zum einen hätte ich gern eine Positivliste der Werte, die Herr Ring gern vermittelt sähe, zum anderen besteht bei ca. 95% dessen, was mir aus der Flimmerkiste hierzulande entgegenschlägt, die von ihm beschworene Gefahr einer negativen Wertevermittlung.

Da passt es auch wunderbar, dass die Diözesanvorsitzende des Katholischen Frauenbunds Passau Walburga Wieland bei 50 pro Semester gleich eine „Verachtung jeglicher Werte“ erkennt (macht das die Sache nicht sogar zu einem Fall für den Verfassungsschutz, weil damit durch 50 pro Semester auch gleich noch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt wird?). Frau Wieland echauffiert sich zudem über „das Perverse, das da auf den Privatsendern passiert, noch dazu am Nachmittag“. Seien Sie beruhigt, Frau Wieland, das Perverse passiert auch auf den Öffentlich-Rechtlichen, noch dazu im Abendprogramm. Ich hege furchtbare Erinnerungen an ein unschuldiges Hineinzappen in ein Sommer/Frühlings/Herbst/Winter/Fastenzeit/Schon wieder Wochenende-Fest der Volksmusik, bei dem Florian Silbereisen in einer Zeremonie, die das Sakrament der Ehe mit Füßen - und zwar mit nackten, pilzigen, stinkenden, hühneraugengesprenkelten Käsequanten in den Staub der Fernsehunterhaltung – trat, eine Trauung von zwei Hunden nachstellte. Vielleicht könnten Sie da auch mal Bescheid geben, dass das so nun gar nicht geht (Sie wissen doch, Gefahr der negativen Wertevermittlung und so ...).

Freitag, 11. Dezember 2009

Peppt den Nobelpreis auf!

Die Aufregung um die Nobelpreise – und zwar jedweder Art – ist mir insgesamt ein wenig schleierhaft. Warum? Weil ich diese gesamte Veranstaltung für hoffnungslos veraltet halte. Ganz ehrlich: Sie riecht schon deshalb komisch, weil in einer Zeit der systemgeförderten Pseudo-Eigenverwirklichung zwecks Konsummaximierung für einen eigenmarketingbewussten Menschen wie – ähm, nehmen wir mal beispielsweise mich – nicht die Möglichkeit besteht, sich selbst als möglichen Preisträger vorzuschlagen (und zwar unverschämterweise auch völlig unabhängig von der Kategorie – obwohl es in Sachen Literatur oder gar Chemie noch hapert, rechne ich mir beispielsweise im Bereich Frieden doch einiges an Chancen aus, da man den schönen Preis ja auch dann kriegen kann, wenn man nebenher ein klein bisserl Krieg führt, und zwar am besten weit weg von daheim, wo’s Gott sei Dank nicht so wehtut).

Doch keine Angst, das wird kein Kommentar zur Weltpolitik (so weit reicht mein Größenwahn dann eben doch noch nicht). Mir geht es – und konstruktive Kritik muss erlaubt bleiben – um konkrete Verbesserungsvorschläge. Nein, nicht wie man elegant einen vom nassforschen Amtsinhaber begonnenen Krieg möglichst elegant abwickelt, ohne am Ende als Weichei auszusehen, sondern wie man den Nobelpreis insgesamt aufpeppen könnte.

Ich vermisse da nämlich so einiges. Oder habe ich das Massencasting in einem Hotel in meiner näheren Umgebung bloß verschlafen? Etwas mehr Transparenz und Offenheit bei der Auswahl der Preisträger könnte jedenfalls nicht schaden. Gut, die, die es auch durch den Recall, den Rerecall und den Rererecall geschafft haben (eiserne Regel: „Bitte rufen Sie uns nicht an; wir melden uns dann wieder bei Ihnen, falls unsererseits noch Interesse besteht.“) brauchen nicht unbedingt gleich gemeinsam in eine Villa ein- oder sich einem entwürdigen Tanzworkshop mit D! zu unterziehen (obwohl „Du bist so tight, dass es burnt, Herta“ ein Satz ist, den man sich eigentlich herbeisehnen sollte). Aber einmal vor einer Jury – deren Zusammensetzung ähnlich wie beim Wahlduell vor der letzten Bundestagswahl von den größten Medienimperien der Welt festgelegt werden könnte – und einem Millionenpublikum vor den Fernsehschirmen zeigen, dass man es auch unter totalem Stress und eventuell trotz entzündeter Mandeln absolut drauf hat, das ist doch von einem Nobelpreisträger nicht zu viel verlangt, oder?

Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee, da hier zwei Dinge zusammenwüchsen, die zusammengehören – der Ruf nach anspruchsvollerer Unterhaltung in den Massenmedien und das vielgescholtene Vorführformat à la DSDS, Das Supertalent und wie die menschenfreundlichen Produktionen noch so alle heißen.

Wichtig ist natürlich, uns einfachen Menschen eine Abstimmmöglichkeit einzuräumen. Ob die einen Einfluss darauf hat, wie die Entscheidung letztlich ausfällt, ist lattensack, weil sich generell die Auffassung durchgesetzt zu haben scheint, dass gefühlte Demokratie ehrlicher und besser ist als eine tatsächlich vom Volk ausgehende Herrschaft – unter der sich übrigens auch nur diejenigen wohlfühlen könnten, die die Aufklärung für einen auf breiter Basis stattgefunden habenden Prozess erachten. Zu denen gehöre ich jedenfalls nicht, weshalb ich mich für diese schmutzige, schmutzige Gedankenspielerei auch kein Stück schäme. Im Gegenteil: Das Prinzip „Castet uns bitte alle kräftig durch!“ ließe sich wahrscheinlich mit viel Gewinn auch auf Bundespräsidentenwahlen, die Suche nach dem nächsten Dalai Lama und Vergleichbares anwenden.

Beim ZDF ist das ja nun erst vor ein paar Tagen mit Der Sternstunde der Deutschen geschehen, einer Sendung, die sich nach Angaben der Macher an Menschen mit anderweitig gering ausgeprägtem Interesse an geschichtlichen Dingen richtete – und nun die gute Nachricht: Gewonnen hat die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen metallenen Lettern in Europa durch einen gewissen Herrn Gensfleisch. Da sage noch mal einer, es gäbe in der Masse kein Kulturbewusstsein mehr ...

Montag, 7. Dezember 2009

Weihnachtliches und erste Rezensionen zu Kalte Krieger

Weihnachten droht – und seine Ankunft ist wesentlich sicherer als die Auslöschung der sogenannten menschlichen Zivilisation durch die Schweinegrippe. Auf legimus.de findet sich ein literarischer Adventskalender, mit dessen Hilfe man sich für das Fest wappnen kann und zu dem ich – wie viele andere Autorenkollegen – einen bescheidenen Beitrag geleistet habe (gleich hinter dem ersten Türchen).

Ansonsten trudeln rechtzeitig zu Nikolaus die ersten Rezensionen zu Kalte Krieger durchs Netz, die bislang zu meiner vollen Zufriedenheit ausfallen (heißt das, dass ich dieses Jahr immer schön brav gewesen bin? Entscheiden Sie selbst ...). Fantasyguide und Phantastik-News haben bereits zugeschlagen, weitere Rezis folgen in den nächsten Tagen unter anderem wohl beim Zauberspiegel und wohl auch bei G wie Gorilla (dazu sage ich dann separat etwas).

Jetzt muss ich zurück nach Stahlstadt, wo eine Zwergin sich zu rechtfertigen versucht, warum es manchmal erlaubt ist, einem anderen Stummel die Hand zu stehlen ...

Freitag, 4. Dezember 2009

Darf Fantasy politisch sein?

Weil mir gerade danach ist, werfe ich mal wieder eine Frage in den Raum, die mich umtreibt. Wieso? Nun, es ist kein großes Geheimnis, dass „Die Zerrissenen Reiche“ unter anderem deshalb von einigen Leuten recht kritisch gesehen werden, da in ihnen (gesellschafts)politische Vorgänge bzw. Phänomene eine gewisse und nicht unerhebliche Rolle spielen (andere Kritikpunkte sind die blumige, metaphernüberladene Sprache oder die dreiste Zitierwut aus allen möglichen Bereichen der Populärkultur, aber dazu vielleicht später mehr).

Zurück zum Politischen: Die Vorwürfe dagegen reichen von „Stammtischparolen“ über „zu aufdringlich“ bis hin zu „dem Genre unangemessen“.

Also zunächst zu den Stammtischparolen. Eine Welt, in der sich alle, die darin leben, differenziert und grundlegend menschenfreundlich äußerten, sobald sie über Politik reden, wäre schön. Die Welt der „Reiche“ ist das nicht, ebenso wenig wie unsere. Meiner Erfahrung nach drückt sich die überwiegende Mehrheit von uns in entsprechenden Debatten verhältnismäßig deutlich, aber eben undifferenziert aus – unabhängig von Standpunkten oder Lagern. „Kein Blut für Öl“ ist als Setzung nicht weniger absolut und damit potenziell angreifbar wie „Keine Experimente“. Im Grunde bin ich dankbar für diese groben Verallgemeinerungen, denn sie haben zumindest etwas Ehrliches, und sie sind mir lieber als scheindifferenzierte Aussagen, hinter denen sich die Parole versteckt. Ein Beispiel: Selbstverständlich ist es akzeptierter und damit leichter, auf angeblich bessere Forder- und Förderungschancen in einem dreigliedrigen Schulsystem zu verweisen, als einzugestehen, dass man seinen Nachwuchs nicht mit den Schmuddelkindern zum Lernen in ein Gebäude gesteckt sehen möchte. Ehrlicher – und zwar sich selbst und anderen gegenüber – wird es dadurch jedoch nicht. Dass das Ehrliche plump und gern einmal ungerecht daherkommt, liegt leider in der Natur der Sache. Warum mir das Ehrliche und Stammtischparolenhafte eher liegt, hängt mit einem Umstand zusammen, der gleichermaßen wenig schön ist: Mag sein, dass sich die sogenannte geistige Elite unserer Gesellschaft im Idealfall ihre Wortgefechte mit säuberlich geschliffenen rhetorischen Waffen liefert; mag sein, dass in diesen Kreisen die Dinge bedacht werden können, bis sie förmlich zerdacht sind; mag sein, dass man hinter dieser Haltung gemeinhin einen schwer zu überprüfenden Anspruch auf moralische und intellektuelle Überlegenheit ableitet; mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen hat diese Form der Auseinandersetzung allerdings so gut wie nichts zu tun – selbiges gilt für die Figuren aus den „Reichen“. Selbstverständlich ist ein „Die Menschen sind alle faul und wollen unsere Sprache nicht lernen“ aus dem Munde eines Zwergs eine Stammtischparole, und selbstverständlich gibt es die genauso mit Formeln hantierenden Gutzwerge wie Garep, die solchen Klischees mit ihren eigenen Klischees begegnen und den Menschen gegenüber mit einem völlig übersteigerten Maß an naiver Toleranz entgegentreten (und ich möchte darauf hinweisen, dass es in „Die Zwerge von Amboss“ ja nun tatsächlich einen Schmugglerring von Menschen gibt, dessen Mitglieder ziemlich skrupellose Bastarde sind, von menschlichen Fanatikern mal ganz zu schweigen). Auch hier gilt: Beide Positionen sind plump und parolenhaft, und beide beschreiben die Lage nur aus einem Blickwinkel, der die Welt schematisch in Schwarz und Weiß zerlegt – weil dies nun einmal die Art und Weise ist, wie die meisten Figuren in dieser und die meisten Menschen in unserer Welt sich im Kern sehr viel komplexeren Zusammenhängen jeglicher Art annähern.

Kommen wir zu „zu aufdringlich“: Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf die Ebene persönlicher Präferenzen berührt – ich kenne jede Menge Leute, die meine Herangehensweise noch als „zu zahm“ verurteilen oder verurteilen würden –, ist es für mich erstaunlich, dass er in der Regel im gleichen Satz vorgebracht wird wie der Hinweis auf die sehr unangenehmen Parallelen zwischen Kolbners Experimenten in der Nervenheilanstalt und ähnlichen Verbrechen, wie sie in vielen autoritären respektive totalitären Staaten zuhauf begangen wurden und werden. Hier befinde ich mich in einer Zwickmühle: Für mich gibt es keine unaufdringliche Art, darüber zu schreiben, wie in solchen Systemen Individuen in von der Obrigkeit sanktionierter und geförderter Weise entrechtet, entmenscht und vernichtet werden – obwohl ich weiß, dass es viele Leser gibt, die zur Fantasy greifen, um gerade eben nicht mit derlei Dingen konfrontiert zu werden (und es steht mir fern, ihnen daraus wiederum einen Vorwurf zu machen).

Hier bestehen Schnittmengen zum letzten Punkt – dem „dem Genre nicht angemessen“ (der manchmal auch als „zu viel gewollt und daran gescheitert“ formuliert wird). Es ist durchaus möglich, dass meine persönliche Art, die Fantasy zu betrachten und mit ihr umzugehen, die geltenden Konventionen so weit verzerrt, dass mancher Leser sich fragt, ob er es am Ende mit einer Satire oder einer Persiflage zu tun hat – und zwar nicht zuletzt wegen der politischen Bezüge. Daraus leiten sie dann gerne ab, dass ebendiese politischen Bezüge in der Fantasy nichts verloren hätten. Falls sie überhaupt einen Grund dafür nennen, warum Fantasy ihrer Meinung nach so sein sollte, wie sie es sehen, führen sie entweder ein ins Positive verkehrtes Eskapismusargument ins Feld oder verweisen auf andere Genres, wo die Auseinandersetzung mit Rassismus, Unterdrückung und Kriegstreiberei – kurzum jede Form von Gesellschaftskritik – angeblich besser aufgehoben wäre. Und das wiederum sehe ich vollkommen anders: Ich begreife die Fantasy nicht nur von Haus aus als eines der strapazierfähigsten Genres, sondern auch als eines, das ähnlich wie die gute alte Tante Scifi (oder auf Werbeamerikanisch: SyFy) geradezu danach schreit, als willfähriges Vehikel für Gesellschaftskommentare diverser Couleur missbraucht zu werden – und zwar gerne auch für die vielleicht bisweilen etwas ungelenken und abseitigen Polemiken wie die „Reiche“.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Kindische Vorlieben

Neulich traf ich mich mit einem meiner geschätzten Hamburger Kollegen auf dem Weihnachtsmarkt. Zufällig – und ich schwöre, es war wirklich zufällig – kamen wir auf das alte Thema Lesegewohnheiten von Männern und Frauen zu sprechen und landeten zwangsläufig bei der Bis(s)-Reihe. Mein Kollege zeigte zwar Verständnis für die jüngeren Leserinnen, die der Geschichte von Edward und Bella etwas abgewinnen konnten, fragte sich aber zugleich, was denn eine erwachsene, verheiratete Frau dazu bewegen würde, am Schicksal einer verliebten Highschool-Schülerin Anteilnahme zu zeigen, weil sich diese beiden Lebenswelten doch kaum berührten. Dies, so sagte er, würde ihm ... und dann druckste er ein wenig herum und ich sprang ihm mit einem „kindisch erscheinen?“ zur Seite. Dankbar, dass ich es ausgesprochen hatte, nickte er.

Mag sein, dass es kindisch ist, mit Bella mitzufiebern. Andererseits: Ist das, was in der klassischen Unterhaltungsliteratur für Männer passiert, irgendwie weniger kindisch (wenn man den ohnehin schwierigen Maßstab des Mitfieberns und des Identifikationspotenzials anlegt)? Inwiefern berühren sich die Lebenswelten eines Mittdreißigers mit gehörigem Bauchansatz und schütterem Haar, dessen größtes Abenteuer die Bewältigung des Berufsverkehrs ist, und die eines durchtrainierten Topagenten, der sich im unermüdlichen Kampf gegen Drogenbarone, Ex-KGB-Mitarbeiter, Illuminaten oder sonstige Bösewichte aufreibt, aber nebenbei trotzdem noch seine heiße Kollegin und/oder die leckere Expertin für Altfranzösisch stöpseln darf? Doch nur sehr bedingt, nehme ich an (und hoffe ich zugleich).

Unterhaltungsliteratur ist doch nun mal in gewissen Teilen immer Wunscherfüllungsphantasie, was weder etwas Schlechtes noch etwas Beklagenswertes ist. Dass die erfüllten Wünsche nicht immer das Prädikat „erwachsen“ verdienen (wie in „Leben in einem abbezahlten Eigenheim“ oder „sicherer Job mit tollem Gehalt, der einem auch noch Spaß macht“), ist nun auch keine Katastrophe. Lesen und lesen lassen, würde ich sagen ...