Freitag, 30. Oktober 2009

Wir mögen keine Frauen von Männern

Und weiter geht’s mit meiner kleinen Reihe zum Thema Frauen, diesmal mit einer eher persönlichen Ausrichtung und einem kurzen Gedankenfetzen. Vor Kurzem wurde mir aus berufenem Munde versichert, Frauen würden Bücher von Männern nicht mögen, in denen die Autoren die Perspektive von weiblichen Figuren schildern. (Ich kam leider nicht dazu, mich zu erkundigen, ob Männer keine Bücher von Frauen mögen, in denen die Autorinnen die Perspektive von männlichen Figuren schildern.)

Diese Aussage treibt mich um. Zum einen da ich mich an diese vermeintliche Regel nun mal partout nicht halten will, zum anderen weil sie mir merkwürdig erscheint.

Gehen wir für einen Moment allerdings davon aus, dass sie zutrifft. Das würde bedeuten, dass im Kopf von Leserinnen eine Art Graben verläuft, der mit Schildern gesichert ist, auf denen steht: „Nicht weitergehen! Hier schreibt gleich jemand über etwas, mit dem er sich nicht auskennt, nicht auskennen kann und niemals auskennen wird!“
Im Ernst: Woher rührt dieses Misstrauen? Kennt irgendjemand eine Erklärung, die über „Frauen sind halt komisch“ hinausgeht?

Und weiterführend schließen sich diese Fragen an: Wie ist das, wenn ich keinen personalen Erzähler wähle (der ja quasi durch die Augen einer Figur blickt), sondern einen allwissenden? Schafft dieses Mehr an Distanz dann auf wundersame Weise auch ein Mehr an Glaubwürdigkeit? Rätsel über Rätsel...

Mysterium, dein Name ist Weib!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Ungerechtigkeiten

Im dritten Teil meiner kleinen Reihe zu Frauenthemen, möchte ich etwas ansprechen, worauf mich meine gute Fee aufmerksam gemacht. Eine Ungerechtigkeit im Ringen um Paarungsmöglichkeiten, um genau zu sein.

Meine gute Fee ist die Vertreterin einer seltenen Spezies: Sie ist ein Gamerweibchen. Wo andere Angehörige ihrer Art über eine Begeisterung für Mangas und Animes an die Konsole gelangen, um in die bunten Welten von Japano-RPGs abzutauchen, stand meine Fee von Anfang ihrer Daddelkarriere an auf wesentlich härtere Kost. Sie hat Reflexe wie eine Raubkatze, weshalb ihr Shooter immer helle Freude bereiten.

Sie hat nun unlängst eine äußerst interessante Beobachtung gemacht. Wann immer sie ein T-Shirt trägt, auf dem der Name eines Spiels prangt, bei dem es ordentlich derbe zur Sache geht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr junge Männer nähern, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, immens. (Ich vermeide den Ausdruck „um mit ihr flirten zu wollen“ absichtlich, da die Annäherungsversuche in der Regel zu plump ausfallen, um den Begriff „Flirt“ verdient zu haben. Andererseits ist sie da Kummer gewöhnt, weil sie sich jahrelang in der guten alten Tischrollenspielszene herumgetrieben hat.) Allem Anschein nach senkt das Tragen eines der erwähnten T-Shirts die Hemmschwelle, auf sie zuzugehen – wahrscheinlich deshalb, weil der Angelockte sich das Hirn nicht verrenken muss, um auf ein Gesprächsthema zu kommen, von dem er (meist fälschlicherweise) ausgeht, es wirke auf eine Frau nicht verstörend, dröge oder abschreckend.

Nun ist meine gute Fee eine Gerechtigkeitsfanatikerin und wird nicht müde zu betonen, wie unfair sie diesen Umstand findet. Nicht den, dass sie angesprochen wird – Gott bewahre, es wird doch im Grunde jeder gern begehrt –, sondern der Sachverhalt, dass diese Anlockoption nur Frauen zur Verfügung steht. Erst begriff ich nicht ganz, was sie meinte, doch dann schlug sie mir vor, ich solle mich mal in ein Barbie- respektive Sex and the City-Oberteil hüllen, um anschließend darin Damen in romantischer Absicht entgegenzutreten. Da traf mich die Erkenntnis, und ich nahm von einem entsprechenden Selbstversuch Abstand (wenngleich ich seitdem dennoch gegen die Versuchung kämpfe, mir ein Edward-Longsleeve zu kaufen, um ein gewagtes Zeichen zu setzen und den Geschlechterkampf auch an dieser Front aufzunehmen...).

Montag, 26. Oktober 2009

Warum mögen Frauen Vampirschlampenromane?

Dieser in Fachkreisen – also sprich, unter uns Phantastiknerds – heißdiskutierten Frage möchte ich mich im zweiten Teil meiner Reihe um Frauenthemen widmen.

Kurz zur Ausgangslage: Nicht zuletzt durch die Bis(s)-Reihe hat sich ein Phänomen auf dem deutschen Buchmarkt Bahn gebrochen, das von freundlich gesinnten Menschen als Vampirwelle, von weniger wohlmeinenden Beobachtern als Vampirschwemme bezeichnet wird. Und natürlich sind daran die Frauen schuld...

Fairerweise muss man zunächst festhalten, dass je nachdem welcher Äußerung oder Studie man Glauben schenkt, ohnehin 70 bis 80 Prozent aller hierzulande über den Ladentisch gehenden Bücher von Frauen gekauft werden, und als die Chick-Lit unsere Gestade erreichte (Sie wissen schon, freche Frauen in der Großstadt mit Sex und peinlichen Situationen in Restaurants oder Boutiquen und so...), reagierte darauf auf Seiten der Fantasy-, Scifi- und Horrorfreunde kaum jemand. Logisch: Da wurde ja auch nicht in unseren Revieren gewildert. Frau Meyer und ihre Kolleginnen diesseits wie jenseits des Atlantiks haben das selbstverständlich geändert – was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass das „klassische Feuilleton“™, aber auch viele Verlage bei der Bewerbung die zahlreichen Geschichten, in denen sich eine Sterbliche in ein übernatürliches Geschöpf verliebt, recht unbedarft der schmuddeligen Fantasyecke zugerechnet haben.

Die vorherrschenden Meinungen innerhalb der Szene© sehen dann auch ungefähr so aus: „Das wollen wir nicht!“, „Ich kann es nicht mehr sehen, geschweige denn lesen!“, „Wer liest denn so etwas überhaupt?“ Faszinierend hierbei ist die Tatsache, dass diese Äußerungen eine große Ähnlichkeit zu den Auffassungen aufweisen, mit denen das klassische Feuilleton™ gern der Fantasy gegenübertritt.

Ich möchte mich zunächst der Frage nach der Leserschaft dieser verdammten Werke widmen, denn hier fällt die Antwort leicht: Jede Menge Frauen jeden Alters goutieren sie. Erst unlängst beobachtete ich in einem Café eine Dame – geschätztes Alter Mitte 60, modische Kurzhaarfrisur (Grundfarbe aubergine mit schwarzen Strähnchen), Raucherin –, die sich zur Frühstückslektüre den neuesten Black Dagger-Band mitgebracht hatte. Respekt. Gleich zwei sinnliche Genüsse auf einmal in aller Öffentlichkeit – in Schinkenscheiben gewickelte Melonenschnitzen und deftig-unverblümte Geschlechtsverkehrsschilderungen (für beides bin übrigens auch ich selbst immer gern zu haben).

Halten wir fest: Der in den Kernfaktoren Anschaulichkeit und Häufung schwankende Erotikanteil dieser Literatur befriedigt zunächst nichts anderes als einen Urtrieb, wogegen bei unverkrampftem Entgegentreten auch nicht das Geringste einzuwenden ist. Mehr noch: Mir wurde von einer Bekannten glaubhaft versichert, dass die Lektüre gar eine Art Ratgeberfunktion erfüllt – besonders spannende Eskapaden zwischen den Laken werden in den heimischen vier Wänden nachgestellt (und darüber dürfte sich nun niemand, der in den Genuss dieses angelesenen Wissens kommt, beschweren).

In einem Punkt stehe ich diesen Werken indes kritisch gegenüber, da viele von ihnen den Vampir auf eine Art standfesten, allzeit bereiten Dauerbeschäler reduzieren. Bislang dachte ich, dies würde dem Blutsauger das Monströse rauben, das ich so sehr an ihm schätze, doch bei näherer Betrachtung bleibt auch dieser Vampir ein Monster (wenn auch vorrangig im Bett).

Und überhaupt: Es ist eine sehr verkürzte Sicht, allein um den Vampir zu trauern. Denn eigentlich wird in der Paranormal Romance jedes übernatürliche Geschöpf, das nicht bei drei auf dem Baum ist, zum Opfer weiblichen Begehrens: Werwölfe und andere Gestaltwandler, Dämonen, Satyrn, Feenprinzen – die Geschmäcker sind eben verschieden.

Ein weiterer Gemeinplatz, der gern herangezogen wird, um den Erfolg dieser Bücher zu erklären, lautet: „Liebesromane sind die Abenteuerromane der Frau.“ Dies legt den Verdacht nahe, dass in den fiktiven Welten der Paranormal Romance alles eitel Sonnenschein wäre. Weit gefehlt: Es wird häufig intrigiert, geschossen, mit mittelalterlichen Waffen respektive natürlicher Bewaffnung wie Klauen aufeinander eingehackt, Leute von Autos überrollt, gemordet etc. pp. Also: Es geht dort in dieser Hinsicht auch nicht alberner oder sanftmütiger zu als im Actionthriller, der sich an ein überwiegend männliches Publikum richtet (insbesondere dann, wenn das betreffende Buch an Erwachsene adressiert ist).

Darüber hinaus haben nahezu alle dieser Werke ein deutlich ausgeprägtes Mystery-Element. Es gilt also oftmals, einen Mordfall zu lösen, ein unheimliches Ereignis zu erklären, die Wahrheit über die Vergangenheit des eigenen Liebsten oder dessen Rivalen herauszufinden usw. usf.

Etwas hochgestochen formuliert finden wir uns bei der Paranormal Romance also mit einer Melange verschiedenster Genres konfrontiert (Postmoderne, ick hör dir trapsen!), und generell gilt – wie für jede Form von Genre(mix)literatur –, dass einige Vertreter einem äußerst gelungen erscheinen, wohingegen andere einem völlig unlesbar vorkommen.

Warum nun also mögen Frauen Vampirschlampenromane? Ich vermute, weil sie – die Romane, nicht die Frauen – im Optimalfall ausgezeichnete und meist unkomplizierte Unterhaltung bieten. Natürlich bündeln sie in sich absurde Wunschvorstellungen – den exotischen, aufregenden Liebhaber, mit dem das Leben nie langweilig wird; die starke Frau, die sich ganz hingeben kann, ohne sich dabei auch nur ansatzweise selbst zu verlieren, wenn sie das nicht explizit für einen kostbaren Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint, unbedingt will; eine mystisch-magische Welt, die nicht von kühler Vernunft und Logik, sondern von Leidenschaften und entfesselten Gefühlen bestimmt wird. Allein: Ich sehe darin nicht das abscheuliche Übel, als dass es angegangen wird.

Ich rate zu etwas mehr Gelassenheit. Abgesehen davon, dass jede Welle einmal bricht (obwohl ich fest davon ausgehe, dass die Paranormal Romance in absehbarer Zeit nicht wieder in ein mickriges Nischendasein zurückfällt), haben diese Geschichten einen positiven Effekt, was die Akzeptanz von phantastischen Inhalten in der Literatur im Allgemeinen anbelangt. Machen wir uns nichts vor: Die Leserinnen, die mit Harry Potter und Edward und Bella großgeworden sind bzw. in etwas fortgeschrittenerem Alter plötzlich die Reize des Phantastischen für sich entdecken, werden den Sprung zu anderen, gemeinhin als anspruchsvoller wahrgenommeren Vertretern der Phantastik (was immer auch „anspruchsvoller“ heißen mag) beherzter wagen, als die Vorgängergenerationen. Und allein dafür sollte man diese jungen Frauen schon jetzt innig lieben...

Freitag, 23. Oktober 2009

Der Preis einer Gebärmutter

Ich eröffne mal unbedarft eine Reihe von Posts, die sich mit den faszinierendsten, verwirrendsten und furchteinflößendsten Geschöpfen befassen, mit der sich Männer die Erde teilen: Richtig, es geht um Frauen.

Mehr als 35 Jahre, nachdem Yoko Ono und John Lennon auf bestialisch provokante Weise feststellten, dass die Frau der „nigger of the world“ ist, erfahren Frauen vielfach eine Behandlung, die einem die Zehnägel explodieren lässt.

Drei Dinge vorweg: Erstens bin ich nicht einfältig genug, um zu behaupten, dass Frauen die besseren Menschen wären. Maggie Thatcher ist einer der besten Gegenbeweise gegen eine solche These. Zweitens war ich als Zivi in einer Sozialstation für mobile Altenpflege mehr als ein Jahr mehr oder minder allein unter Frauen – eine Zeit, in der ich ausgezeichnet beobachten konnte, wie eine Welt, in der die Rollen zwischen Mann und vertauscht sind, wahrscheinlich aussehen würde. Nur soviel: Ich habe diese quasi-feministische Utopie gesehen, und sie hat mir nicht gefallen, unter anderem deshalb, da Frauen untereinander in Sachen wechselseitige Zerfleischungsversuche Männern in nichts nachstehen. Drittens verwehre ich mich gegen die naive Annahme, Männer und Frauen wären gleich. Frauen sollten allerdings in einer Gesellschaft unbedingt die gleichen Rechte besitzen wie Männer.
Klingt logisch, modern und umgesetzt, ist es aber eben beileibe nicht.

Ich bemühe mal rasch das Mantra, dass sich Leistung wieder lohnen muss. Misst man die, die es beständig vor sich hinmurmeln, an ihrem eigenen Kredo, ist das wichtigste Schlachtfeld für sie rasch ausgemacht: die Angleichung der Gehälter für XX- und XY-Chromosomenträger.

Der Einfachheit halber bediene ich mich bei Zahlen, die das Statistische Landesamt Baden-Württemberg in diesem Jahr veröffentlicht hat. Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst für Vollzeittätige lag im Ländle bei 19,81 €. Splittet man nun nach Männern und Frauen, wird ersichtlich, dass die Herren 21,30 € und die Damen lediglich 15,92 € beziehen. „Na gut“, sagen jetzt vielleicht manche, „das mag damit zu tun haben, dass Frauen eben weniger häufig in leitenden Positionen tätig sind als Männer.“

Auch wenn es sich dabei allein schon um eine himmelschreiende Ungerechtigkeit oder wenigstens einen dringend zu behebenden Missstand handelt, ist dieser scheinbare Grund für das Ungleichgewicht entkräftet, wenn man die Vollzeittätigen nach ihren Positionen im Berufsleben sortiert. Und siehe da, bei ungelernten Vollzeittätigen – weniger euphemistisch könnte man auch von den ärmeren Anteilen der arbeitenden Bevölkerung sprechen – fällt die Differenz denn auch ein wenig kleiner aus. Hier trägt das Team Wurst und Bohnen mit 13,28 zu 11,69 einen etwas knapperen, aber immer noch klaren Sieg davon (Vorsicht, Sportreporterdeutsch!).

Doch wie sieht es oben aus, dort wo Frauen ohnehin viel seltener landen, also in den sogenannten leitenden Positionen? Hier wiegt die Leistung dessen, der seine Eier (2) bequem und potenziell jederzeit vorzeigbar in der Hose trägt, noch schwerer als die derjenigen, die ihre Eier (zwischen 300.000 und 500.000) innenliegend verwahren. Wo die Leistungsträger ihrem Tragen von Leistung nachgehen, steht es nämlich 36,63 zu 29,48 – ein Unterschied von bescheidenen 24 Prozent.

Des Teufels Advokat würde nun einer Frau empfehlen, auf berufliche Qualifikationen großzügig zu verzichten, weil man sich im Bereich der niedrigen Löhne immerhin einen Tick gerechter ungerecht behandelt fühlen kann.

Um dieser Empfehlung sogleich entgegenzuwirken, berechne ich lieber den Preis einer Gebärmutter (um genau zu sein, den Lohn, der einem bei Besitz selbiger durch die herrschenden Umstände vorenthalten wird). Mathematisch ist das Ganze vielleicht mittelsauber, weil es zukünftige Entwicklungen nicht angemessen berücksichtigt, aber momentan wird meine Kristallkugel gerade aufpoliert (kostet mich zum Glück ja bei der ungelernten badischen Kristallkugelpoliererin meines Vertrauens nur 11,69 € brutto die Stunde). Außerdem interessieren mich Phänomene wie der spätere Einstieg in den Beruf bei vorhergehendem Erwerb besserer Qualifikationen aus Gründen profaner Provokation im Moment die Bohne.

Wohlan: Ausgehend von einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 41,2 Stunden (laut einer recht aktuellen EU-Studie) und äußerst großzügigen 30 Urlaubstagen im Jahr setze ich eine Jahresarbeitszeit von 1895,2 Stunden an. Der deutsche Arbeiter ist wiederum gemäß Statistischem Bundesamt 37,5 Jahre seines irdischen Daseins fleißig. Ergibt also 71070 Stunden, die er bis zu seinem hoffentlich sozialverträglichen Frühableben mit Buckelei beliebiger Art zubringt (in der gleichen Zeit könnte er übrigens 47380 Folgen Tatort sehen).

Bezogen auf die oben genannten Bruttostundenlöhne erhält der ungelernte Vollzeittätige 943.809,60 €, seine Kollegin hingegen 830.808,30 €.
Der leitende Angestellte bezieht 2 603 294,10 €, während die typische leitende Angestellte mit 2 095 143,60 € Vorlieb nehmen muss.

Der Preis der Gebärmutter einer ungelernten Arbeiterin beträgt folglich 113.001,30 €. Das Vorzugsmodell der leitenden Angestellten schlägt mit 508.150,50 € zu Buche.

Wer’s lieber umgekehrt hören möchte, weil er dann besser schläft: Einmal „Schnippi mit Klickern haben“ bringt einem aufs Leben gerechnet den Gegenwert eines schicken Sportwagens oder eines komfortablen Einfamilienhauses (sofern man die Steuer außen vor lässt, aber an der kommt man mit etwas Geschick auch noch vorbei). Ich gehe mal kurz brechen oder mein Gemächt feiern – je nachdem, welcher Impuls sich durchsetzt – und bin in Bälde wieder zurück...

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Geistergeschichten

Es lohnt sich immer, Lob über bereits verstorbenen Autoren auszuschütten. Beispielsweise deshalb, weil sie sich nicht dagegen wehren können. Wären die Fiktionen von M.R. James allerdings Fakt, ginge ich mit dieser Einschätzung ein gewisses Risiko ein. Ich wage mich jedoch nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, James habe einige der vorzüglichsten Geistergeschichten in englischer Sprache verfasst.

Worauf gründen sich meine Behauptungen? Vorsicht, jetzt wird es selbstverständlich – wie bei so vielem, was direkt oder indirekt mit Geschmack zusammenhängt – höchst subjektiv.

Der für mich faszinierendste Punkt in James’ Werk ist, dass er ein Meister des unzuverlässigen Erzählens ist. Will meinen: Man weiß nie, ob man seinen Figuren glauben kann oder nicht. Diese Verunsicherung des Lesers bringt er durch einen einfachen Kniff zustande: Er lässt häufig an den entscheidenden Stellen seine Figuren, die Zeugen eines unheimlichen Ereignisses geworden sind, anderen Figuren von diesen verstörenden Vorgängen berichten. Damit schafft er eine Atmosphäre, die dem Lagerfeuer- oder Landschulheimgrusels, wie ihn wahrscheinlich viele kennen, verdammt ähnlich ist. Er setzt Sprache als in sich von Natur aus unpräzises Werkzeug zur umfassenden Abbildung von Welt ein, um dem Leser vorzuführen, dass die Erfahrung von Welt letztlich nie vollständig abbildbar ist. Hat die Figur tatsächlich einen Geist gesehen oder war es doch nur der berühmt-berüchtigte, vom Wind aufgebauschte Vorhang, der für einen winzigen, furchtbaren Moment feste Überzeugungen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ins Wanken gebracht hat?

Ein weiteres Plus von James’ Erzählungen ist der ungebrochene Mut zur Leerstelle. Er setzt an den richtigen Momenten die richtigen Lücken, die der Leser dann von ganz allein mit seinen eigenen Erwartungen und Ängsten füllt.

Abgesehen davon zeichnen sich James’ Texte durch eine Eigenschaft auf, die sie mir von Anfang an sympathisch gemacht haben: Sie sind von einer feinen Ironie und einem stellenweise an Loriot erinnernden Humor durchzogen – Vicco von Bülow fällt einem deshalb ein, weil James seine Mitmenschen offenkundig sehr scharf beobachtet hat und die skurrilen Rituale des Alltags karikiert, ohne die daran Teilnehmenden einer durch und durch entblößenden Lächerlichkeit preiszugeben.

Für den eingangs erwähnten Fall, dass Mr. James mehr darüber wusste, wo wir verbleiben, sobald unsere Tage im Hier und Jetzt gezählt sind, hoffe ich inständig, er möge all dieses Lob nicht als unbotmäßige Anbiederung meinerseits verstehen. Ich empfinde nämlich nicht die geringste Lust, in Bälde von einem Mann mit Spinnweben in den ansonsten leeren Augenhöhlen verfolgt zu werden...

Montag, 12. Oktober 2009

Unsortierte Gedanken zu sortierten Finanzen

Vor einigen Tagen haben der Moops und ich uns der grauenerregenden Aufgabe gestellt, unsere Steuer zu machen. Keine Sorge, es geht uns gut (zumindest noch...). Um unsere immensen angesammelten Reichtümer loszuwerden, fiel daraufhin die Entscheidung, etwas für unsere Altersvorsorge zu tun. Falls meine schlimmsten Befürchtungen im Zusammenhang mit der weiteren Gesellschaftsentwicklung sich bewahrheiten, hätten wir den Zaster wahrscheinlich auch gleich verbrennen oder als exquisite Wandtapete verwenden können. Ich sehe mich im Jahr 2044 nämlich eher mit zittriger Hand gegen eine kleine Spende unsinnige Zweizeiler verfassen, als dass ich mir glaubhaft ausmalen kann, eine ausreichende Rente zu beziehen. Sei’s drum.

Jedenfalls schlugen wir bei einer freundlichen Finanzberaterin auf, die sehr zu meinem Entsetzen erst 21 Lenze zählte, wie sich auf eine wenig charmante, um nicht zu sagen rüpelhafte Anfrage unsererseits herausfinden ließ. Mein Grauen liegt darin begründet, dass ich mich beim Betreten des Büros noch der wohligen Illusion hingab, nun würden gleich drei junge Leute untereinander nett und informiert Anlagepläne schmieden. Die nackte schonungslose Wahrheit war leider, dass zwei nicht mehr ganz junge Leute, die sich aber nach wie vor oft für ganz junge Leute halten, auf einen waschechten jungen Menschen trafen. Die Frage, die sich stellt, lautet: Ist dieses Selbstbelügen die Wurzel so hässlicher Phänomene wie dem verstörenden Versuch von Männern um die Fünfzig, sich in Anwesenheit jüngerer Damen umgehend (und vermeintlich) besonders kumpelhaft und locker zu geben? Ein Versuch, der von außen betrachtet häufig etwas Schmieriges hat und aus dem überdies ein unbewusst-verzweifeltes Aufbegehren gegen die eigene Endlichkeit spricht?

Wo wir gerade beim Thema Schmieriges und Verzweiflung sind: Sehr angetan zeigte ich mich von den Namen der mir angebotenen Finanzprodukte. In diesem Bereich ist es offenkundig gestattet, allen Ernstes das Kürzel „maXX“ in eben genau jener Schreibweise an Hauptwörter zu klatschen, ohne umgehend erschossen oder zumindest kräftig ausgepeitscht zu werden. Gleichermaßen ist sich die Branche, die momentan mit einem ähnlichen Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen hat wie eine bei der Bundestagswahl nicht gänzlich zu Unrecht abgestrafte Partei, nicht zu schade oder immer noch dreist genug (die Einschätzung hängt wohl von der Weltanschauung ab), einen Begriff wie Fonds mit Fidelity zu verbinden. Klar, es kommt eines der meistgeschätzten und verführerischsten sprachlichen Stilmittel dabei herum: der heißgeliebte Stabreim (und wer erinnert sich nicht gern an die Schlagzeile Bomben auf Bagdad und die von einem Satiremagazin unter anderem angegebene Verballhornung H-Milch auf Hanau?).

Trotz allem scheinen mir die wahren Möglichkeiten der Benennung von Finanzprodukten noch nicht einmal annähernd ausgereizt. Großzügig gebe ich hiermit ein paar Anregungen: Risiko total, Casino Esplanade Chance plus, Absahnung eXXXtrem (das ließe sich gern auch anderweitig verwenden), Rendite radikal, Immo immens, Crise courage, usw. usf.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Er hat es wieder getan!

Langsam wird es ein wenig unheimlich. Mein Googleganger hat erneut zugeschlagen. Wir erinnern uns: Er arbeitete schon an der gleichen Uni wie ich, beschäftigte sich mit Zombies und ich erhielt eine eigentlich an ihn gerichtete Anfrage bezüglich der Teilnahme an einem Tanzprojekt in Brasilien. So weit, so gut und doch beunruhigend. Inzwischen hat er gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ein Buch veröffentlicht, das auf den schönen Namen Monstrum hört. Das kann kein Zufall mehr sein. Das dachten sich wohl auch die Menschen, die bei bol neue Produkte ins Angebot einpflegen, denn wie anders sollte ich mir erklären, dass eine Zeitlang meine Kurzbio unter dem Werk des anderen Plischke prangte? Ich meine, passt ja auch ausgezeichnet. Erst so einen Fantasy-Quatsch veröffentlichen, dann einen Superhelden-Thriller nachschieben und jetzt mal auf die Schnelle noch einen non-word-based song.

Ich sollte mir vornehmen, mich in nächster Zeit etwas intensiver mit Namensmagie zu beschäftigen. Womöglich finde ich auf diesem Feld eine überzeugende Erklärung, weshalb mein Googlegänger und ich offenbar gewisse Interessen teilen. Falls nicht, habe ich trotzdem Recherche betrieben, die sich sicherlich in einem zukünftigen Projekt unterbringen lässt.

Eine andere Strategie bestünde natürlich darin, den Tänzer in mir aus der Reserve zu locken, um es dem anderen Thomas Plischke gleichsam mit barer Münze heimzuzahlen. Dazu muss ich nur noch eine ausreichende Zahl an Statisten finden, die bereit wären, meine Aufführung des "Tanzes der Einheit und der Verbrüderung" aus Die Zwerge von Amboss zu unterstützen. Die Choreo steht bekanntlich; einzig ein würdiger Veranstaltungsort wäre noch aufzuspüren. Im Idealfall eine große, von wuchtigen Säulen getragene Halle, in deren Boden diverse Edelsteine in größerer Zahl in den Boden eingelassen sind. Ich stelle großzügig die gebratenen Wachteln für das Büffet und verspreche des Weiteren in Brecht’scher Manier schreiend den einen oder anderen Stuhl in Stücke zu schlagen, sobald ich Zweifel an der Motivation und Konzentration der Mittänzer hege. Die Ausarbeitung der musikalischen Begleitung hingegen überlasse ich liebend gern talentierteren Musikern (nur mit Blockflöte – das einzige Instrument, dem ich dank einer herausragenden Bildungspolitik in der Pfalz geordnete Töne abringen kann – klingt das Ganze wahrscheinlich eine Winzigkeit zu dünn).

Sonntag, 4. Oktober 2009

Auch Elfen feiern Weihnachten

Zumindest tun sie das in der Anthologie Das Fest der Elfen, in der ich neben zehn geschätzten Kollegen mit einer Kurzgeschichte namens „Zwei müssen zurück“ vertreten bin und die jetzt bereits im Handel erhältlich ist (ebenso wie Lebkuchenherzen mit Marmeladenfüllung, Christstollen und diversen anderen Leckereien für all jene, denen Weihnachten gar nicht früh genug kommen kann). Es ist keine sonderlich männerfreundliche Erzählung geworden, die aber einer ersten Rezension zufolge trotzdem „lesbar“ ist. Na immerhin.

Was ich versucht habe, war das Verbinden von alten Mythen über "Alben" mit moderneren Vorstellungen über den Weihnachtsmann. In Anbetracht der Tatsache, dass ich parallel an „Lilie“ arbeitete, empfand ich selbstredend eine klammheimliche Freude darüber, dass die Alben in der nordischen Mythologie Fleischopfern nicht gänzlich abgeneigt waren, und als Pfälzer Patriot sah ich mich gemüßigt, im Zuge der Geschichte unterzubringen, dass unser roter Weihnachtsmann, wie wir ihn alle kennen, in den USA angeblich zuerst durch den ursprünglich aus Landau stammenden Karikaturist Thomas Nast populär gemacht wurde. Allen Zweiflern an dieser These antworte ich mit den goldenen Worten einer meiner zahlreichen Großmütter: „Lasst mir doch den Gedanken! Er ist so schön.“

Ob mein Versuch des Mythenverbindens nun gelungen oder gescheitert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Spaß beim Recherchieren und Schreiben hatte ich allemal, auch wenn ich mich dem in Deutschland derzeit beobachtbaren Trend verweigert habe, die Kurzgeschichte als Auswuchs von Poetry-Slam-Exzessen zu missbrauchen und mich in Sachen Ironie und Satire auszutoben. Dafür war Weihnachten für mich persönlich immer ein viel zu ernstes Thema: So existieren von jedem Weihnachtsfest zwischen meinem sechsten und elften Lebensjahr Lichtbilder, die meine alljährlichen, tränenreichen Wutausbrüche anlässlich des Fests der Liebe belegen. Ich würde gern sagen, es handle sich dabei um frühe Zeugnisse einer tiefverwurzelten, konsumkritischen Ideologie meinerseits, befürchte indes aber, besagte Aufnahmen entstanden aus einer nicht minder tiefen Enttäuschung über „falsche“ Geschenke. Zur Beruhigung meiner nächsten Angehörigen: Nein, ihr tragt keine Schuld; Wechselbälgern wie mir kann man es nie recht machen, weil in meiner wahren Heimat, dem Feenreich, die eierlegende Wollmilchsau das gewöhnliche Nutzvieh darstellt.

(Moops-P.S. Allerbeste Grüße an dieser Stelle an unseren Karl-Heinz "Karli" Witzko.)

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Wahlnachlese

Keine Angst, es wird nicht fies politisch. Das spare ich mir für Schlenker in meinen Romanen auf, auch wenn einige meinen, dort gehöre dieses Thema gar nicht hin.

Ich möchte heute lieber ein wenig menscheln. Draußen ist es kälter geworden, was ich großzügigerweise nicht den schwarzgelben Wahlgewinnern, sondern meteorologischen Grundgegebenheiten anlaste. Doch gerade jetzt, wo Reifen auf regennassem Asphalt schmatzen und der Wind durch mein Kämmerlein pfeift, ist es an der Zeit, die Wärme des Zwischenmenschlichen heraufzubeschwören und das Positive zu sehen.

Fangen wir also an. Worauf kann ich mich in naher und nächster Zukunft freuen?
- Die Debatten, ob eine Kanzlerin ein Kleid tragen darf, in dem sie viel von dem zeigt, was sie sonst in Kostümjäckchen versteckt, werden hoffentlich genauso fair und geschlechterneutral weitergeführt wie in der Vergangenheit.
- Ein mopsiger Prominenter aus einer der beiden größeren im Bundestag vertretenen Parteien wird laut SPON für Rock ’n’ Roll-Einlagen bei Plenarsitzungen sorgen. (Meine persönliche Wunschliste: Great Balls of Fire, C’mon Everybody und I Fought The Law)
- Eine gewisse Neuabgeordnete, die eher am äußeren Rand der Sitzreihen ihren Platz einnehmen wird, wird mit ihrer kühl-erotischen Ausstrahlung und ihren dämonischen Augenbrauen auch bei Mitgliedern des gegnerischen Lagers definitiv sinnlich-experimentelle Gedankengänge anstoßen.
- Im anstehenden und wahrscheinlich nicht zu verhindernden Lagerwahlkampf beim nächsten Durchgang macht eine fesche Europaabgeordnete vielleicht endlich doch noch einen Knopf mehr an ihrer Bluse auf als beim alten Plakat.
- Zahlreiche Homestories über neuberufene Minister und Ministerinnen, wobei die Beteiligten uns hoffentlich ihre persönlichen Bilder vom Planschen im Pool oder Vergleichbares auch diesmal nicht vorenthalten werden.

Jedem Anfang wohnt eben ein Zauber inne, selbst einem Regierungswechsel...