Freitag, 3. April 2009

Titus Arnu, die Fantasy und wir (diesmal mit einer Extraportion Vampir)

Titus Arnu macht sich in einem Artikel in der wohlbekannten Süddeutschen Zeitung so seine Gedanken zum Fantasy-Boom. Beileibe nicht so plakativ wie andere (zur Erinnerungsauffrischung siehe hier und hier), aber dennoch mit akkurat geschlossenem Visier, weil es ja aufs Schlachtfeld geht.
Wohlan: Verziehen sei Arnu, dass er munter allerlei in einen Topf wirft, ohne auf die Frische der Zutaten zu achten (so haben die genannten Vampir-Rollenspiele etwa den Zenith ihrer Popularität schon lange hinter sich und auch die Erkenntnis, dass eine zugegebenermaßen in jeder Hinsicht etwas eigene Vampir-Szene existiert, weiß nicht mehr zu überraschen). Ob man Stephenie Meyer gleich zur Ober-Phantastin erklären muss (inklusive merkwürdigem Bindestrich), ist mutig. Kann man angesichts der Verkaufszahlen – wenn man denn nun ausgerechnet dieses Kriterium wählen möchte – machen, muss man aber nicht, weil man dann der Rowlingschen nicht gerecht wird; die Gesamtauflage der Abenteuer eines gewissen Internatsschülers sprechen nach wie vor für sich bzw. für seine Erfinderin. Auch nicht wirklich wichtig, ebenso wie einige andere Petitessen, die man immerhin mit etwas Wohlwollen als hübsch beiläufig gesetzte Spitzen deuten kann – wobei ich mir aus Gründen einer gesunden Feindbildaufrechterhaltung etwas mehr Offenheit und beim obligatorischen Wortspiel dann doch ein ‚Fantasy bis(s) zum Erbrechen’ anstelle eines ‚Fantasy bis(s) zum Abwinken’ gewünscht hätte.
Wichtiger hingegen scheint mir, dass Arnu ein Versprechen nicht hält. Erst pikiert er sich ein bis(s)chen – sieh her, so einfach ist das – über diejenigen seiner Kollegen, die das gute alte und von Enzensberger wieder aufgewärmte Eskapismusargument ins Feld führen, um den so genannten Boom der Fantasy zu erklären (leider ohne dass mittlerweile durchaus berechtigterweise als berüchtigte zu bezeichnende Enzensbergerzitat zu vermeiden). Selbiges Argument von der Flucht aus dem Alltag reiche nicht aus, um das Phänomen gänzlich zu ergründen. Interessant. Ein alternatives oder ergänzendes Erklärungsmodell sucht man im Anschluss allerdings vergebens. Zunächst wird unter Zuhilfenahme eines wehrlosen Literaturwissenschaftlers dem gesamten Genre attestiert, es ginge in all seinen Varianten um einen Konflikt zwischen Fortschritt und Vergangenheit respektive Religion und Aberglaube. Wie dieser vermeintliche Konflikt sich denn nun darstellt und wie mit ihm umgegangen wird, wird nicht verraten (und ist wahrscheinlich auch entweder furchtbar einfach oder schrecklich kompliziert).
Was die Fantasy sonst noch von anderen populären Genres wie etwa dem Liebesroman oder dem Krimi unterscheide, sei die Nichtauflösung eines erzeugten Unbehagens. Klingt verdächtig nach psychoanalytisch angehauchter Literaturwissenschaft und bringt einen ebenfalls nicht weiter. Ganz abgesehen davon, dass sich nicht völlig erschließt, weshalb das erzeugte Unbehagen nichtaufgelöst bleiben sollte, wo doch nur wenige Zeilen zuvor etwas von einer klaren Teilung in Gute und Böse zu lesen ist und in den meisten Fantasyromanen klassischer Prägung das Böse am Ende der Erzählung weitgehend als bezwungen betrachtet werden kann.
Da diese These also a) so gar nicht nachvollziehbar werden will und b) zu verkopft daherkommt, flüchtet man sich danach lieber wieder schnell ins hinlänglich Bekannte: Fantasy „funktioniert problemlos […] als Parallelwelt zum grauen Alltag“, die „das oft sensationell langweilige Leben mit magischen Momenten auflädt.“ Verlockend simpel: Man kann schlau von der „Faszination des Unwirklichen“ reden und dabei die ursprüngliche Kernfrage ausklammern – nämlich die, woher diese Faszination denn nun rührt.
Eskapismus, soso. Könnte sogar sein. Aber was wäre schlimm daran? Ist nicht alles Erzählen – oder vielmehr auch und insbesondere das Sich-Etwas-Erzählen-Lassen – Eskapismus? Nüchtern betrachtet stellt es sich womöglich eben so dar: Jede Sekunde, in der man sich nicht an der (einigermaßen) fassbaren Welt abarbeitet, ist vergeudete Zeit – Zeit, in der man die fassbare Welt durch den Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel ändern könnte, anstatt sich in eine Wunschvorstellung zu flüchten. Allein: So problemlos funktioniert der Mensch offenbar nicht. Bereits das Entwickeln von Plänen für zukünftiges Verhalten ist eine Form des Wunschdenkens, in der die Welt von einem Zustand A, der als mangelhaft oder verbesserungswürdig beurteilt wird, durch kognitive Prozesse eine Überführung in einen Zustand B erfährt, der gegenüber Zustand A als erstrebenswerter erachtet wird. Das Nur-Erdachte, das eventuell gar Unmöglich-Scheinende wird gleichsam zum Prüfstein der Wirklichkeit und zum Ausgangspunkt für deren Verwandlung.
Halt, zu steril und wahrscheinlich auch nur bedingt richtig.
Versuchen wir es anders. Der Eskapismusvorwurf an die Fantasy ist schlichtweg unfair, denn etwas umformuliert lautet er ungefähr: Warum lasst ihr euch durch das Bunte, das Exotische – und ja, auch durch das Rückwärtsgewandte und Vereinfachende – so leicht verführen?
Meine Antwort sähe unter Umständen so aus: Weil gute Fantasy ein Versprechen abgibt, das sie erfüllt.
Sie verspricht den Tumult eines Basars statt der Ordnung einer Aldi-Filiale.
Das Spaßbad mit zwölf verschiedenen Rutschen statt des einfachen Freischwimmerbeckens.
Den Vollrausch anstelle eines Angeschickertseins.
Die Achterbahn mit vier Loopings, nicht das Kettenkarussell.
Gut möglich, dass man kotzen muss, falls man es übertreibt – und manche Menschen haben einen empfindlicheren Magen als andere oder leiden unter diversen Unverträglichkeiten –, aber das ist ein Risiko, das jeder mit sich selbst auszumachen hat. Mit dem Bluttrinken ist das übrigens ähnlich…