Mittwoch, 2. Dezember 2009

Kindische Vorlieben

Neulich traf ich mich mit einem meiner geschätzten Hamburger Kollegen auf dem Weihnachtsmarkt. Zufällig – und ich schwöre, es war wirklich zufällig – kamen wir auf das alte Thema Lesegewohnheiten von Männern und Frauen zu sprechen und landeten zwangsläufig bei der Bis(s)-Reihe. Mein Kollege zeigte zwar Verständnis für die jüngeren Leserinnen, die der Geschichte von Edward und Bella etwas abgewinnen konnten, fragte sich aber zugleich, was denn eine erwachsene, verheiratete Frau dazu bewegen würde, am Schicksal einer verliebten Highschool-Schülerin Anteilnahme zu zeigen, weil sich diese beiden Lebenswelten doch kaum berührten. Dies, so sagte er, würde ihm ... und dann druckste er ein wenig herum und ich sprang ihm mit einem „kindisch erscheinen?“ zur Seite. Dankbar, dass ich es ausgesprochen hatte, nickte er.

Mag sein, dass es kindisch ist, mit Bella mitzufiebern. Andererseits: Ist das, was in der klassischen Unterhaltungsliteratur für Männer passiert, irgendwie weniger kindisch (wenn man den ohnehin schwierigen Maßstab des Mitfieberns und des Identifikationspotenzials anlegt)? Inwiefern berühren sich die Lebenswelten eines Mittdreißigers mit gehörigem Bauchansatz und schütterem Haar, dessen größtes Abenteuer die Bewältigung des Berufsverkehrs ist, und die eines durchtrainierten Topagenten, der sich im unermüdlichen Kampf gegen Drogenbarone, Ex-KGB-Mitarbeiter, Illuminaten oder sonstige Bösewichte aufreibt, aber nebenbei trotzdem noch seine heiße Kollegin und/oder die leckere Expertin für Altfranzösisch stöpseln darf? Doch nur sehr bedingt, nehme ich an (und hoffe ich zugleich).

Unterhaltungsliteratur ist doch nun mal in gewissen Teilen immer Wunscherfüllungsphantasie, was weder etwas Schlechtes noch etwas Beklagenswertes ist. Dass die erfüllten Wünsche nicht immer das Prädikat „erwachsen“ verdienen (wie in „Leben in einem abbezahlten Eigenheim“ oder „sicherer Job mit tollem Gehalt, der einem auch noch Spaß macht“), ist nun auch keine Katastrophe. Lesen und lesen lassen, würde ich sagen ...

Kommentare:

_mathilda_ hat gesagt…

Ein Erklärungsversuch aus weiblicher Sicht. Betonung liegt auf "Versuch", denn obwohl ich für Liebesromane durchaus empfänglich bin, und auch für das Genre der Fantasy einiges übrig hab, kann ich mich mit dieser Geschichte nicht wirklich anfreunden. Vermutlich scheitert meine Logik daran, dass ein über 100 Jahre alter Vampir in unendlicher Liebe zu einer 17-jährigen entflammt sein soll - wo liegen die Gemeinsamkeiten? Was kann nach über 100 Jahren Lebenserfahrung an einem sich entwickelnden Mädchen so faszinierend sein, dass daraus eine auch nur annähernd gleichberechtigte Beziehung entstehen kann?

Aber halt, wir sind ja nicht bei Logik, wir sind bei weiblichen Empfindungen. Und die können durchaus erklären, warum auch erwachsene Frauen mit einem richtigen Leben an dieser von ihnen so weit entfernten Fantasiewelt Gefallen finden können:
- Viele Frauen lieben Romantik > gibts unbestreitbar in der Story.
- Nicht wenige würden einen Mann gern ändern oder möchten, dass er was für sie aufgibt > Edward ist eine gute Projektionsfigur.
- Tragische Figuren, Männer, die einen Kampf ausfechten, wirken anziehend > dieser Vampir kämpft ja wirklich. Mit sich selber und gegen andere. Für Bella.
- Viele Frauen wollen begehrt und beschützt werden > passiert hier.
- Gegen die eigene (erste) Liebe nimmt sich das etwas spektakulärer aus > fantasievolle Rückversetzung in die eigene Jugend.
- Auch Frauen wollen stark sein > Bella weiß, was sie will. Und da sie nicht perfekt ist, ist sie auch eine gute Identifikationsfigur.
- Gefahr wirkt anziehend > in Sicherheit sind die Hauptfiguren nicht. Nicht vor sich selber und nicht vor anderen. Und was ist schon gefährlicher, als sein Leben aufs Spiel zu setzen?

Und dann ist da noch der Hype um die ganze Sache. Aus dem selben Grund haben Menschen jeden Alters Harry Potter gelesen (und genau deswegen verweigere ich). Allenortens wird drüber geredet, man möchte mitreden können. Außerdem bekommt "frau" noch die ganzen bislang aufgeführten Punkte ;) Und dennoch: ich verstehs auch nicht wirklich. Ein gesunder Realismus ist halt nicht immer hilfreich...

damengedeck hat gesagt…

Das wirklich beängstigende an diesem spezifischen Hype finde ich allerdings nicht, dass es hier um vermeintlich oder tatsächlich kindische Wunscherfüllungen geht. Ich kenne viele Frauen (mich eingeschlossen), die zu Weihnachten Kinderfernsehen schauen. "Drei Nüsse für Aschenbrödel" und "Pippi Langstrumpf" stehen hier ganz oben auf der Favoritenliste.

Das ist ein Abfeiern der eigenen Kindheit, in der das Leben noch nicht so arg kompliziert gewesen ist und es das größte Problem war, ob mensch denn zu Weihnachten möglichst viele Sachen vom Wunschzettel geschenkt bekommen würde. Zudem haben die genannten Eskapismen den Vorteil, dass sie im Rahmen ihrer märchenhaften Möglichkeiten emanzipatorisches Potential besitzen: Aschenbrödel ist ja beileibe keine Reifizierte, die hinter der Dornenhecke wartet, bis endlich der Entjungferer kommt und über den anarchischen Gehalt der Astrid Lindgren-Welten muss man ja nicht reden.

Das Schlimme, um zum Thema Twilight zurückzukommen, ist nicht der Eskapismus, der ist super und legitim und schlicht ein menschliches Grundbedürfnis. Was diese auf Papier gebannten Unverschämtheiten dieser Zimmermannsanbeterin aus USA so schrecklich machen, ist, dass hier aus feministischer Sicht ein Backlash stattfindet, der sich gewaschen hat. Das geht ja sogar soweit, dass gegen Ende der Reihe körperliche Verletzungen der Protagonistin in Liebesbeweise umgedeutet werden. Mir ist nicht so ganz klar, ob das daran liegt, dass im Sinne der neuen Prüderie Sex zur Gefährlichkeit stilisiert werden soll oder ob es hier "nur" um Macht geht, aber im Grunde ist mir das auch gleichgültig.

Nicht gleichgültig hingegen ist mir dieses ganze Romancegelaber, das ja nun wirklich niemand hören will. Die Frau, die sich in solche Welten flüchtet, hat echt den Schuss nicht gehört. Romantik. Ist kein four-letter-word, sollte es aber sein.

Ole hat gesagt…

Hallo Damengedeck,

Thomas und ich haben uns mit "Twilight" eben nur am Rande auseinandergesetzt, schlichtweg weil uns der ganze "Romanntik-Kram" einfach nicht allzu sehr interessiert.
Zugleich wollten wir aber auch mal Stellung zur Verdammung von "Twilight" durch viele andere Männer beziehen.

Jetzt zum feministischen Backlash, dazu gibt es ja auch ein paar andere Theorien (z.B. "Zähmung des bestialisch-monströsen Mannes durch die scheinbar schwache aber trotzdem dominante Bella"), aber davon mal ganz ab, hatte ich eigentlich eher die Grundkonzepte der Gothic Novel/des Schauerromans vor Augen, denn Meyer (und weite Teile der sonstigen Paranormal Romance) präsentiert uns ja eigentlich einen ebensolche in modernem Gewand.

Beste Grüße, Ole

(P.S. Kann man eigentlich irgendwo nochmehr von Dir lesen? Als Streitern an der feministischen Front bin zumindest ich ja immer interessiert.)