Freitag, 4. Dezember 2009

Darf Fantasy politisch sein?

Weil mir gerade danach ist, werfe ich mal wieder eine Frage in den Raum, die mich umtreibt. Wieso? Nun, es ist kein großes Geheimnis, dass „Die Zerrissenen Reiche“ unter anderem deshalb von einigen Leuten recht kritisch gesehen werden, da in ihnen (gesellschafts)politische Vorgänge bzw. Phänomene eine gewisse und nicht unerhebliche Rolle spielen (andere Kritikpunkte sind die blumige, metaphernüberladene Sprache oder die dreiste Zitierwut aus allen möglichen Bereichen der Populärkultur, aber dazu vielleicht später mehr).

Zurück zum Politischen: Die Vorwürfe dagegen reichen von „Stammtischparolen“ über „zu aufdringlich“ bis hin zu „dem Genre unangemessen“.

Also zunächst zu den Stammtischparolen. Eine Welt, in der sich alle, die darin leben, differenziert und grundlegend menschenfreundlich äußerten, sobald sie über Politik reden, wäre schön. Die Welt der „Reiche“ ist das nicht, ebenso wenig wie unsere. Meiner Erfahrung nach drückt sich die überwiegende Mehrheit von uns in entsprechenden Debatten verhältnismäßig deutlich, aber eben undifferenziert aus – unabhängig von Standpunkten oder Lagern. „Kein Blut für Öl“ ist als Setzung nicht weniger absolut und damit potenziell angreifbar wie „Keine Experimente“. Im Grunde bin ich dankbar für diese groben Verallgemeinerungen, denn sie haben zumindest etwas Ehrliches, und sie sind mir lieber als scheindifferenzierte Aussagen, hinter denen sich die Parole versteckt. Ein Beispiel: Selbstverständlich ist es akzeptierter und damit leichter, auf angeblich bessere Forder- und Förderungschancen in einem dreigliedrigen Schulsystem zu verweisen, als einzugestehen, dass man seinen Nachwuchs nicht mit den Schmuddelkindern zum Lernen in ein Gebäude gesteckt sehen möchte. Ehrlicher – und zwar sich selbst und anderen gegenüber – wird es dadurch jedoch nicht. Dass das Ehrliche plump und gern einmal ungerecht daherkommt, liegt leider in der Natur der Sache. Warum mir das Ehrliche und Stammtischparolenhafte eher liegt, hängt mit einem Umstand zusammen, der gleichermaßen wenig schön ist: Mag sein, dass sich die sogenannte geistige Elite unserer Gesellschaft im Idealfall ihre Wortgefechte mit säuberlich geschliffenen rhetorischen Waffen liefert; mag sein, dass in diesen Kreisen die Dinge bedacht werden können, bis sie förmlich zerdacht sind; mag sein, dass man hinter dieser Haltung gemeinhin einen schwer zu überprüfenden Anspruch auf moralische und intellektuelle Überlegenheit ableitet; mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen hat diese Form der Auseinandersetzung allerdings so gut wie nichts zu tun – selbiges gilt für die Figuren aus den „Reichen“. Selbstverständlich ist ein „Die Menschen sind alle faul und wollen unsere Sprache nicht lernen“ aus dem Munde eines Zwergs eine Stammtischparole, und selbstverständlich gibt es die genauso mit Formeln hantierenden Gutzwerge wie Garep, die solchen Klischees mit ihren eigenen Klischees begegnen und den Menschen gegenüber mit einem völlig übersteigerten Maß an naiver Toleranz entgegentreten (und ich möchte darauf hinweisen, dass es in „Die Zwerge von Amboss“ ja nun tatsächlich einen Schmugglerring von Menschen gibt, dessen Mitglieder ziemlich skrupellose Bastarde sind, von menschlichen Fanatikern mal ganz zu schweigen). Auch hier gilt: Beide Positionen sind plump und parolenhaft, und beide beschreiben die Lage nur aus einem Blickwinkel, der die Welt schematisch in Schwarz und Weiß zerlegt – weil dies nun einmal die Art und Weise ist, wie die meisten Figuren in dieser und die meisten Menschen in unserer Welt sich im Kern sehr viel komplexeren Zusammenhängen jeglicher Art annähern.

Kommen wir zu „zu aufdringlich“: Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf die Ebene persönlicher Präferenzen berührt – ich kenne jede Menge Leute, die meine Herangehensweise noch als „zu zahm“ verurteilen oder verurteilen würden –, ist es für mich erstaunlich, dass er in der Regel im gleichen Satz vorgebracht wird wie der Hinweis auf die sehr unangenehmen Parallelen zwischen Kolbners Experimenten in der Nervenheilanstalt und ähnlichen Verbrechen, wie sie in vielen autoritären respektive totalitären Staaten zuhauf begangen wurden und werden. Hier befinde ich mich in einer Zwickmühle: Für mich gibt es keine unaufdringliche Art, darüber zu schreiben, wie in solchen Systemen Individuen in von der Obrigkeit sanktionierter und geförderter Weise entrechtet, entmenscht und vernichtet werden – obwohl ich weiß, dass es viele Leser gibt, die zur Fantasy greifen, um gerade eben nicht mit derlei Dingen konfrontiert zu werden (und es steht mir fern, ihnen daraus wiederum einen Vorwurf zu machen).

Hier bestehen Schnittmengen zum letzten Punkt – dem „dem Genre nicht angemessen“ (der manchmal auch als „zu viel gewollt und daran gescheitert“ formuliert wird). Es ist durchaus möglich, dass meine persönliche Art, die Fantasy zu betrachten und mit ihr umzugehen, die geltenden Konventionen so weit verzerrt, dass mancher Leser sich fragt, ob er es am Ende mit einer Satire oder einer Persiflage zu tun hat – und zwar nicht zuletzt wegen der politischen Bezüge. Daraus leiten sie dann gerne ab, dass ebendiese politischen Bezüge in der Fantasy nichts verloren hätten. Falls sie überhaupt einen Grund dafür nennen, warum Fantasy ihrer Meinung nach so sein sollte, wie sie es sehen, führen sie entweder ein ins Positive verkehrtes Eskapismusargument ins Feld oder verweisen auf andere Genres, wo die Auseinandersetzung mit Rassismus, Unterdrückung und Kriegstreiberei – kurzum jede Form von Gesellschaftskritik – angeblich besser aufgehoben wäre. Und das wiederum sehe ich vollkommen anders: Ich begreife die Fantasy nicht nur von Haus aus als eines der strapazierfähigsten Genres, sondern auch als eines, das ähnlich wie die gute alte Tante Scifi (oder auf Werbeamerikanisch: SyFy) geradezu danach schreit, als willfähriges Vehikel für Gesellschaftskommentare diverser Couleur missbraucht zu werden – und zwar gerne auch für die vielleicht bisweilen etwas ungelenken und abseitigen Polemiken wie die „Reiche“.

Kommentare:

xanos hat gesagt…

„Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.“ Lem

_mathilda_ hat gesagt…

Hier passt auch die Conclusio aus dem letzten Beitrag "lesen und lesen lassen" beziehungsweise von der aktiven Seite her gesehen "schreiben und schreiben lassen". Würde jedes Werk vollkommen den formalen Kriterien zum Zeitpunkt der Drucklegung "genügen" (nach wessen Maßstab eigentlich?), wäre die literarische Welt um einiges ärmer, und dafür wesentlich gleichförmiger. "Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann", um gleich auch in die Zitierwut zu fallen. Ich hoffe, ich benötige für Blog-Kommentare keine Literaturverweise ;)

Im Endeffekt ist es nur möglich über Dinge zu schreiben, die man entweder kennt, oder die man sich vorstellen kann. Was man sich vorstellen kann, ist von dem beeinflusst, was man kennt. Nicht nur sprachlich dreht sich das im Kreis. Somit ist klar, dass neben dem Alltagsleben auch aktuelles Geschehen Einfluss nimmt. Und transportieren sich manche Dinge als Parabel nicht besser?

molosovsky hat gesagt…

Auch wenn ich zu den Kritiker-Affen gehöre, die das böse Wort ›Stammtischparolen‹ verwendeten, um Kritik gegen »Die Zwerge von Amboss« zu formulieren, bleibe ich dabei, dass ich die große Ambition der »Zerrissenen Reiche«-Bücher ehrenwert finde.

Zitat meiner Rezi: Mein Wohlwollen erntet das Entwicklerteam von »Die Zerrissenen Reiche« – Thomas Plischke und Ole Johan Christiansen – für ihre Ambition, Fantasy gegen den Strich zu bürsten und durchaus erkennbar (aktuelle) politische Probleme zu bespiegeln. Da ich vor Jahren selbst ein paar Fantasy-Pulpstories in der Amateurliga geschrieben habe, weiß ich wie schwer es ist, Fantasymaterial zu entwickeln das die Ketten der Fantasy-Hardcoretraditionalisten abschütteln will {…}

Ich finde es enorm wichtig, dass es auch in Fantasy-Welten (›irgendwo‹) Folterkeller, Arbeitslager, Sklavenhandel, Kinderarbeit, und all das gibt. Fantasy darf nicht so platt und einseitig sein, wie ein Reiseprospekt für Dubai :-)

(P.S.: Lesetipp ganz speziell in Deine Richtung: »Gewalt und Vertrauen« von Jan Philipp Reemtsma. Enorm guter Hintergrund- und Enzyband für Weltenbau!)

Andrea hat gesagt…

Das schöne an Fantasy ist doch gerade, dass man darin praktisch alles verstecken kann.

Übrigens werde ich immer neugieriger auf eure Zwerge :-)

Thomas Plischke hat gesagt…

Lieber Molo,

vielen Dank für den Reemtsma-Tipp. Wird berücksichtigt werden.