Montag, 14. Dezember 2009

50 pro Semester

Als mir der Titel einer ursprünglich für Mitte Januar angekündigten neuen Serie auf Pro7 zum ersten Mal ins Auge sprang – keine Angst, mir geht’s gut –, regte sich in mir ein Fünkchen Hoffnung, dass ein weiser Mensch auf die Idee gekommen sein könnte, die Studiengebühren an vielen deutschen Hochschulen sinnvoll zu reduzieren. Gleich im Anschluss wurde der ängstliche Paranoiker in mir wach, um mir einzuflüstern, dass man in Zukunft von den Armen Bachelor-Studierenden in Zukunft 50 erbrachte Leistungs-, Credit- oder wie-auch-immer-man-Studieren-in-ein-enges-gedankliches-Korsett-zwängen-will-Punkte pro Halbjahr einfordern will.

Kurzum: Mein Interesse war zunächst rege. Es stellte sich heraus, dass 50 pro Semester zum noch recht jungen Scripted Reality-Krimskrams gehört, den die Privaten schon seit einigen Monaten versenden (mein Anspieltipp: Verdachtsfälle auf RTL). Was passiert nun bei a) Scripted Reality im Allgemeinen bzw. sollte b) bei 50 pro Semester im Besonderen passieren?

Scripted Reality bedeutet im Grunde nur, dass sich inzwischen jeder vor der Kamera exhibiert hat (in Einzelfällen mehrfach), von dem die Macher von Doku-Formaten glauben, es könne eine befriedigende Anzahl von Voyeuren interessieren, wie der bzw. die Betreffende(n) umziehen, ein Haus bauen, Kinder in die Welt setzen, einen Job suchen, sich wegen ungeputzter Badezimmer streiten, exotische Tierbabys an der eigenen Brust säugen o.ä. Da man aber unter überhaupt gar keinen Umständen Geld für Brauchbares ausgeben möchte, hat man einfach eine Zweitverwertung der Exhibitionswilligen angeleiert, bei der man (also irgendein Redakteur oder Praktikant mit viel Sinn für Humor – oder wer sonst nicht bei Drei auf dem Baum war) sich eine Konfliktsituation erdichtet und die Laien dann mehr oder minder munter drauflos improvisieren lässt. So Dinge wie „Gerichtsvollzieher steht beim Geburtstag des Zehnjährigen vor der Tür, um die Wii zu rauben, weil Mama ihre Rechnungen nicht gezahlt hat, da der absente Papa keine Lust auf Unterhaltszahlungen hat“ oder „Supersoftie muss mit seiner Gattin und deren Lover unter einem Dach leben, weil er es weder fertigbringt, sich von der Schnalle abzunabeln noch sie mal so ordentlich ranzunehmen, dass sie ihren Ersatzstecher vor die Tür setzt“ und ähnlich putzige Geschichten mitten aus dem Leben. Erstaunlicherweise erzielte man damit bessere Quoten als bei der Beobachtung von größtenteils Nicht-Ersonnenem (fairerweise sei angemerkt: die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt dabei trotz wenig oscarreifer Darbietungen so sehr, dass dem Großteil der Zuschauer der Hinweis „Alle handelnden Personen sind frei erfunden“ zum Ende der Sendung nicht weiter aufgefallen sein dürfte – was ja nach einer Gewöhnung an die Doku-Soap alter Schule kein Wunder ist).

In 50 pro Semester nun sollten junge Studierende gezeigt werden, die im Zuge einer Art Wette herausfinden wollen, wer von ihnen im laufenden Semester zuerst die 50 paarungswillige Mitmenschen ins Bett, auf das Herrenklo, in den Kleinwagen oder sonstwohin gezerrt bekommt, wo lustig Liebe machen ist. Da uns das Ganze im Nachmittagsprogramm beglücken sollte, stand eigentlich nie zu befürchten (bzw. war die Hoffnung vergebens), drastischen Kopulationsdarstellungen ausgesetzt zu werden. So weit, so schlecht.

Dass Pro7 nun in vorauseilendem Gehorsam den ohnehin unsichtbaren Schwanz einzieht respektive die verhüllten Busen noch verhüllter lässt und 50 pro Semester erst einmal auf „irgendwann im Laufe des Jahres 2010“ verschoben hat, ist relativ feige – vor allem, wenn man bedenkt, woher die lautstark vorgebrachte Kritik kam und mit welchen Argumenten die Kritiker hantierten – oder zeugt von einer überraschenden Blauäugigkeit der Verantwortlichen. Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer von den Christsozialen spricht von einer „verheerenden Botschaft“ und einer „Art modernen ‚Kopfgeldjagd‘“, bei der „Männer und Frauen zu Sexobjekten degradiert werden“. Erstens wäre es in gewisser Hinsicht ein immenser Fortschritt gewesen, wenn die Männer in 50 pro Semester auch wirklich zu Sexobjekten degradiert worden wären (inwiefern das so gekommen wäre, werden wir nun ja vielleicht leider nie erfahren), und zweitens sollte Pro7 den Hinweis der Ministerin aufgreifen und zum Sex noch eine gute Portion Crime geben, damit die Serie ein echter Kracher wird (so sie uns denn doch noch erreicht).

Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, beweist hingegen, dass sich sein Jura-Studium gelohnt hat und er sich ganz postmodern prinzipiell lieber im Konjunktiv bewegt (was in Anbetracht der Tatsache, dass – man muss es noch einmal sagen – von 50 pro Semester bislang keine einzige Folge gesendet wurde, auch nicht unvernünftig ist). Er sieht lediglich die Gefahr einer negativen Wertevermittlung (vermutlich meinte er eher die Gefahr einer Vermittlung aus seiner Warte falscher Werte), und bei ihm werden „Liebe und Sexualität möglicherweise zum Objekt“. Puh, Glück gehabt, dann sind ja zumindest die Männer und Frauen nicht objektiviert, sondern nur das, was sie untereinander treiben. Kurzer Exkurs zum Thema Werte: Zum einen hätte ich gern eine Positivliste der Werte, die Herr Ring gern vermittelt sähe, zum anderen besteht bei ca. 95% dessen, was mir aus der Flimmerkiste hierzulande entgegenschlägt, die von ihm beschworene Gefahr einer negativen Wertevermittlung.

Da passt es auch wunderbar, dass die Diözesanvorsitzende des Katholischen Frauenbunds Passau Walburga Wieland bei 50 pro Semester gleich eine „Verachtung jeglicher Werte“ erkennt (macht das die Sache nicht sogar zu einem Fall für den Verfassungsschutz, weil damit durch 50 pro Semester auch gleich noch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt wird?). Frau Wieland echauffiert sich zudem über „das Perverse, das da auf den Privatsendern passiert, noch dazu am Nachmittag“. Seien Sie beruhigt, Frau Wieland, das Perverse passiert auch auf den Öffentlich-Rechtlichen, noch dazu im Abendprogramm. Ich hege furchtbare Erinnerungen an ein unschuldiges Hineinzappen in ein Sommer/Frühlings/Herbst/Winter/Fastenzeit/Schon wieder Wochenende-Fest der Volksmusik, bei dem Florian Silbereisen in einer Zeremonie, die das Sakrament der Ehe mit Füßen - und zwar mit nackten, pilzigen, stinkenden, hühneraugengesprenkelten Käsequanten in den Staub der Fernsehunterhaltung – trat, eine Trauung von zwei Hunden nachstellte. Vielleicht könnten Sie da auch mal Bescheid geben, dass das so nun gar nicht geht (Sie wissen doch, Gefahr der negativen Wertevermittlung und so ...).

1 Kommentar:

_mathilda_ hat gesagt…

Mit der Sendung habe ich mich noch nicht befasst, weil ich den entsprechenden Sender dankenswerterweise nicht empfangen kann. Was ich bislang darüber gelesen habe, dürfte allerdings gängigen Moralkodizes nicht unbedingt genügen, und die Gauß'sche Glockenkurve der Intelligenz nicht unbedingt nach rechts verschieben.
Rechts der Mitte in Intelligenzfragen muss man wohl auch sein, um diesen Kommentar in vollen Zügen genießen zu können, aber ich hab mich selten so über einen Verriss amüsiert. Allerdings hab ich jetzt Mitleid mit Florian Silbereisen ;) Vielleicht bietet ihm Pro7 ja eine "Rolle" an?