Donnerstag, 26. November 2009

Sexualität als Nebensache? (Agendafrage 2)

Der geschätzte Kollege Stephan R. Bellem hat in seinem Blog einen recht umfangreichen Kommentar zur Agendafrage gepostet, den ich wiederum nicht unkommentiert lassen möchte, da mich Stephans Aussagen doch ein wenig beschäftigen.

Er stellt beispielsweise zu Beginn die Frage, warum man die Sexualität einer Figur überhaupt beschreibt, da er sie – die Sexualität, nicht die Figur – bis zu dem Punkt für nebensächlich hält, an dem sie dem Leser etwas über die Figur erklärt und transportiert, das über die bloße Kopulation hinausgeht.

Dieses Kopulationsding stört mich schon einmal ganz gewaltig, weil Sexualität und sexuell motiviertes Verhalten ja nun wirklich weit über ein „Wir stecken einander diverse Dinge irgendwo rein“ hinausgeht. Und damit meine ich keine nicht-penetrativen Disziplinen bei der Lustbeschaffung. Grundsätzlich übt unsere Sexualität meiner Meinung nach nämlich einen gewissen, nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf aus, wie wir uns anderen Menschen im täglichen Miteinander präsentieren und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Beispiele dafür kennt, so glaube ich, jeder zur Genüge. Sollte das bei Figuren in einer fiktionalen Welt anders sein?

Nun sind Figuren in einem Roman – Schockschwerenot – keine „echten“ Menschen (oder Zwerge oder Elfen oder Orks und so weiter), aber man nimmt sie beim Lesen größtenteils so wahr, als wären sie es. Wir machen uns beinahe zwangsläufig ein Bild von ihrem Äußeren und vor allem auch von ihrer Psyche, weil wir ihre geschilderten Handlungen in unseren Erwartungshorizont einordnen möchten (und sei es nur deshalb, um ihre Funktion für den laufenden Plot erkennen zu wollen). Daher zeigt man sich vermutlich als Leser auch gern verstimmt, überrascht oder enttäuscht, wenn Figuren sich auf eine Weise verhalten, die von unseren Erwartungen dahingehend abweicht, dass sie mit der von uns für sie entworfenen Psyche unvereinbar scheint.

Wenn recht nah an einer Figur erzählt wird und wir einen Einblick in ihr Inneres erhalten, kaufen wir ihre Sexualität quasi mit ein oder denken sie zumindest mit – spätestens dann, wenn die Figur einer anderen begegnet, die von ihr als attraktiv oder hübsch empfunden wird (auch wenn wir dann noch meilenweit von einer Kopulation entfernt sind). Für mich persönlich wäre eine Figur, die in einer Erzählung eine größere Rolle einnimmt, auch sehr unfertig, wenn ich sie nicht zumindest in Teilen als sexuell handelndes Wesen erkennen würde. Dazu muss sie weder etwas bespringen noch in einem dauerhaften Zustand höchster Geilheit durch die Gegend laufen. Mir ist es auch schnuppe, zu wem oder was sie sich hingezogen fühlen mag. Falls mir in dieser Hinsicht von Seiten des Textes nichts anderes vorgegeben wird, greift die Standardeinstellung und ich gehe aufgrund meiner kulturellen Prägung davon aus, dass es sich bei der Figur um ein heterosexuelles Geschöpf handelt (sofern wir – wir sind ja in der Fantasy – von einem Wesen sprechen, bei dessen Spezies es so etwas wie Geschlechter gibt; Standardeinstellung hier: zwei Geschlechter, denen zugleich unterschiedliche physiologische und psychische Eigenschaften zugedacht werden).

Wie eng diese Standardeinstellungen mit einem möglichen Identifikationspotenzial verknüpft sind, ist offenbar eine von Mensch zu Mensch variierende Sache. Stephan beispielsweise bezeichnet sich als verklemmten Leser, der sich als Teenager beim Lesen sehr stark mit seiner jeweiligen Lieblingsfigur identifizierte, mit der er dann mitgelitten hat und in deren Rolle er geschlüpft ist. Er hätte ein Problem damit gehabt, wenn seine Lieblingsfigur plötzlich schwul geworden wäre. Spannend wäre nun zu wissen, inwiefern Erzählungen mit weiblichen Hauptfiguren Stephan ein Identifikationspotenzial bieten. Tun sie das nicht oder nur in sehr begrenztem Maße, wären wir wieder bei der vor einiger Zeit hier geführten Debatte, ob Männer prinzipiell eher Bücher von Männern mit männlichen Protagonisten und Frauen eben eher prinzipiell Bücher mit weiblichen Protagonisten vorziehen – und ob der Grund dafür womöglich beim Unbehagen liegt, durch die jeweiligen Figuren mit einer Form des Begehrens konfrontiert zu werden, die nicht die eigene ist.

Kommen wir noch kurz zu dem Punkt, wie Stephan es als Autor hält. Sexualität muss für ihn einen Zweck erfüllen, mehr als bloßes Beiwerk sein und wird dann relevant, wenn es für den Verlauf der Geschichte wichtig wird – und das ist etwas, das man natürlich für jedes Element einer Erzählung so sagen kann. Action um der Action willen kann letztlich genau so dröge sein wie Kopulieren um des Kopulierens willen – kann aber nun mal auch Spaß machen. Als Beispiel dafür, wann Sexualität in seinen Romanen einen Zweck erfüllt, nennt Stephan die Zeugung eines Kindes (was nur zwischen einem Männchen und einem Weibchen geht) – das kommt mir ehrlich gesagt ein bisschen altbacken vor. Zwei weitere Figuren besitzen laut Stephan scheinbar gar keine Sexualität. Das ist ein Trugschluss – sie gewinnen ihre Sexualität durch die Kombination aus den Erwartungen des Lesers und den im Text vorhandenen Hinweisen. Dass heißt in diesem Fall, dass die beiden – dank der Standardeinstellung – das sind, was man gemeinhin heterosexuell nennt.

Tja, Agenda hin, Agenda her – ich bin so oder so dankbar für die Denkanstöße, die Stephan mir gegeben hat. Jetzt muss ich aber rasch zurück in ein zwergisches Vergnügungshaus, wo zwei meiner Figuren aus „Stahl“ sich gerade herumtreiben ...

Kommentare:

cooldoom hat gesagt…

"Wir stecken einander diverse Dinge irgendwo rein" wäre ein toller Text für ein Partner-T-Shirt. ^^

Stimme ansonsten zu – die Sexualität einer Figur ist, unabhängig vom Poppen, Teil ihrer Psyche und relevant um sie glaubwürdig zu machen.

SRB hat gesagt…

Natürlich gibt's auch da ne Antwort von mir drauf ;)

http://abendblatt.srbellem.de/?p=51

Trackbacks oder Pingbacks wären für den Blog hier echt ein Gewinn.

Darkstar hat gesagt…

Ach, ihr diskutiert so schön, wie schade, dass ich keine Zeit habe, auf meinem Blog eine Antwort zu schreiben - aber die kommt ja vielleicht die Tage noch.

Generell zu den aufgegriffenen Überlegungen "Sexualität nur als Nebensache":

Als Leser, der halt auch der gewissen Minderheit angehört, fände ich es irre schade, wenn eine Figur nur dann eine sexuelle Identität bekommt, die von der Norm abweicht, wenn es wichtig für den Plot wird. Dann hätten wir wesentlich weniger schwule Krieger und lesbische Prinzessinnen als ich das schön fände. (Mal abgesehen davon, dass wir ohnehin zu wenig haben, meiner Meinung nach).

Ich gestehe natürlich ein, dass die (potentielle) Homosexualität nicht zum Selbstzweck werden sollte, soll heißen: Der Roman darf schon eine Story haben, bitte! Aber wie viele nicht-heterosexuelle Figuren hätten wir denn in der heutigen Literatur, wenn dieses Merkmal nur vom Overall-Plot bestimmt würde ...?

Die Gründe, warum wir solche Figuren brauchen, erörtere ich dann doch mal selbst in nem längeren Beitrag .-)

SRB hat gesagt…

Ich hab ja in meinem Blog schon geantwortet. Abwechslung und vielschichtige Charaktere sind ja auch wichtig. Ich fürchte mich wie gesagt nur vor der Verwendung des "Quoten-Schwulen" in der Literatur, weil das totaler Quatsch ist, wie es auch schon in den 80er Jahren im Film Quatsch war, als es um andere Hautfarben ging. Ich sage nicht, dass es keine schwulen und lesbischen Charaktere geben sollte, es sollte nur intelligent gemacht sein.

Als konkretes Beispiel:
Ich könnte in meinen Büchern den Orkberater Gallak schwul anlegen. Dann würde seine Hingabe für Ul'goth nicht aus bloßer Freundschaft sondern aus Liebe resultieren. Das würde einige neue interessante Möglichkeiten eröffnen. Aber mir persönlich wäre es zu plump einfach nur zu zeigen, dass ein Charakter schwul ist, um des schwulseins Willen. So mit dem Finger draufzeigen und schreien "Da schaut her, ich kann auch ganz locker damit umgehen. Der ist schwul, und das ist völlig egal."
Und der letzte Teil des Satzes stimmt für mich eben. Es ist mir völlig egal, welcher Neigung ein Mensch nachgeht. Vermutlich ist es mir auch deshalb in Romanen egal. Würde ich Gallak nun schwul anlegen, ohne die daraus resultierenden Konfliktpotentiale zu nutzen, dann hätte ich nix gewonnen, außer einer schwulen Figur. Das kann man machen, klar, es trägt zur Vielfalt der Charaktere bei und ist damit auch völlig in Ordnung. Aber ich würde die Situation mit größerem Konfliktpotential dann deutlich bevorzugen.
Das gilt bei mir aber in Bezug auf jegliche Sexualität. Ergibt sich daraus was verwendbares für die Geschichte, find ich's gut. Ist es tendenziell unwichtig wird es im Hinblick auf den Lesefluss gerne geopfert.

Aber was du ja auch in meinem Blog geschrieben hast, und wo ich dir absolut zustimme ist, dass es durchaus einiger starker, positiver homosexueller Identifikationsfiguren in der Romanwelt bedarf, gerade im Hinblick auf Jugendliche.

Wächter hat gesagt…

Man sollte es vielleicht auf einen Versuch ankommen lassen. Oder sich darin üben solche Charaktere ganz natürlich in die Handlung einzubauen. Z.b. Namul Trotz. Natürlich ist es mir aufgefallen, das ein Zwerg mit einen Menschen in seinen Haus nicht nur in ein Herr und Diener Verhältnis zusammen leben. Aber Thomas beschrieb es so, das diese ersten SUF´s , die ich seit langen in phantastischen Bücher gelesen habe, mir nicht so vorkamen, das sie groß an die Glocke gehangen wurden. Eine kurze Diskussion der beiden Sucher Garep Schmied, der dieses Verhältnis als gegeben hinnahm und Bugeg Gerber, der dies als eine Unglaublichkeit in der zwergischen Gesellschaft betrachtete, war alles um diesen Punkt zu klären.
Das war praktisch die Eingewöhnung, da dieser Charakter (Namul) nicht weiter in der Handlung vorkam und so keine weitere Berührungspunkte bestand.
Für den heterosexuell orientieren Leser ist anscheinend die Dosis entscheidend, wie sehr und wie oft er mit SUF´s in einen Buch konfrontiert wird. Ob SUF´s aber immer eine Randfigur in phantastischen Romanen bleiben müssen, kann ich noch nicht absehen. Es ist zu gewagt, mit einen Werk in dieser Richtung zu experimentieren. Man wird sehr wahrscheinlich schon am Verlag scheitern, der dies gleich mit großen Einwänden belegt.