Freitag, 20. November 2009

NIDS

Die Schweinegrippe verändert unser Leben. Nicht nur dahingehend, was die Herren Furedi und Glassner als weitreichenden Beleg einer Kultur der Angst werten würden, sondern auch in den kleinen Dingen. Interessanterweise bringt man nun schon den Kleinsten bei, wie bzw. wohin man richtig niest. Sich die Hand vor die Nase zu halten, ist inzwischen verpönt, weil man ja damit böse Keime in die Handfläche schleudert, um sie danach bei jedem Händeschütteln und bei jeder Berührung eines Gegenstands, den ein anderer potenziell berühren könnte (also im Grunde jeden), gefährlich zu verteilen. Wohin niest man also dann richtig? Richtig, in die Ellenbeuge. Das hat oftmals ästhetische Nachteile – wie etwa nasse Stellen, die vor allem auf dunklen Stoffen zu unschönen, weiß- oder gelbverkrusteten Flecken trocknen –, und eigentlich ist die Hand bei einem schleimigen Unfall schneller gewaschen als das Oberteil gewechselt.

Insofern halte ich persönlich die Ellenbeuge für einen schlechten Tipp. Ganz dem Gedanken der völligen Optimierung menschlichen Verhaltens verpflichtet, empfehle ich daher ein anderes Konzept: NIDS (Niesen in den Schritt).

NIDS bietet gegenüber NIDE (Niesen in die Ellenbeuge) einige entscheidende Vorteile:
1. NIDS hält die Wirbelsäule geschmeidig, stärkt die Rückenmuskulatur und beugt so Haltungsschäden vor.
2. NIDS sieht unterhaltsam aus.
3. Insbesondere für die Herren der Schöpfung bietet NIDS die Möglichkeit eines anderen Umgangs mit hinlänglich bekannten Missgeschicken bei Masturbationsexzessen (vulgo: „Sportflecken“). Was bislang schamhaft als widerliches Zeugnis der noch widerlicheren Lust am Erleben des eigenen Körpers verborgen werden musste, könnte dank NIDS in Zukunft stolz als unübersichtliches Zeichen für die Rücksichtnahme auf das Wohlbefinden anderer zur Schau getragen werden.
4. Das Thema Rücksichtnahme ist damit noch lange nicht erschöpft. Eines der brennendsten Probleme des postmodernen Spätkapitalismus ist und bleibt die Frage: „Schritt oder Arsch?“

Zur näheren Erläuterung: Wir alle kennen die Situation, zu spät zu einer bestuhlten Veranstaltung (Aufführung eines Bühnenstücks, Vorführung eines Kinofilms, packender Expertenvortrag zum gescheiterten Bologna-Prozess) zu erscheinen oder im Zuge einer solchen unseren Platz aus diversen Gründen (Harndrang, Hunger, übereilte Flucht vor zeitreisenden Häschern, die uns seit Längerem nachstellen) noch einmal verlassen zu müssen, während das packende Geschehen bereits in vollem Gange ist. Beim Trippel-Pogo, der beim Quetschen durch die Reihe zwangsläufig entsteht, muss jedes Mal aufs Neue entschieden werden, von welcher Seite wir uns unseren Mitmenschen präsentieren, die wir gerade stören (außer beim Gottesdienst, wo man gefälligst in Richtung Altar gewandt bleibt). Außerhalb von Kirchen sagen die einen so, die anderen so. Die meisten Ratgeber für Verhaltenskonditionierung empfehlen, den Sitzenden – die sich streng genommen erheben sollten, damit die ganze Nummer noch ein wenig peinlicher wird – stets die Vorderseite zuzuwenden. Dies drückt angeblich aus, dass man die Existenz anderer noch rudimentär berücksichtigt, da sie einem so ja nun ins Gesicht sehen können. Eine stichprobenartige Erhebung unter Damen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ergab jedoch leider, dass die Befragten es nicht schätzen, im Extremfall nur durch eine dünne Stoffschicht und ein, zwei Handbreit Luft davor bewahrt zu werden, mit einem bislang unbekannten männlichen Gemächt in Gesichtshautkontakt zu geraten. Also vielleicht doch lieber die Poritze?

NIDS bereitet der quälenden Unsicherheit ein Ende: Da ich ja als NIDS-Anhänger meine aus der Nase ausgestoßenen Keime aus – Achtung, da ist sie wieder: Rücksichtnahme – brav in meinen Schritt entlade, kann ich selbigen schlecht gefährlich nahe an anderen Nasen vorbeiführen. Lieber munter den Arsch rausgereckt, Problem gelöst: Zumindest solange, bis ein Virus dergestalt mutiert, dass es durch im Stoff des Hosenbodens gefangene Flatulenzreste übertragbar ist (2012 ist ein wahrscheinliches Datum für dieses apokalyptische Ereignis) ...

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