Mittwoch, 25. November 2009

Nach Agenda 2010 jetzt die Agenda Plischke?

Vor einiger Zeit fand ich mich in eine ungewöhnliche Diskussion verwickelt, die bis heute in mir nachwirkt (und an die ich mich durch diese spannende Diskussion erinnert fühlte). Einer meiner Kollegen aus dem Phantastik-Betrieb äußerte die Vermutung, dass ein Autor ja nur dann schwule, lesbische, bi-, trans- oder sonstwie nicht-heterosexuelle Figuren in seinem Geschreibsel auftauchen ließe, wenn der Betreffende damit eine bestimmte (gesellschafts-)politische Agenda verfolge.

Stellt sich für mich natürlich die Frage: Verfolge ich eine Agenda? Denn immerhin geistern in meinen Ergüssen so einige Figuren umher, die von den Regeln der Heteronormativität abweichen:
1. Namul Trotz, das erste Mordopfer aus „Die Zwerge von Amboss“, hat eine Beziehung mit seinem Hausdiener, bei dem es sich noch dazu um einen Menschen handelt.
2. Ralek und Kabet, die bei der Arbeiterbelobigungsfeier im gleichen Roman auftauchen, sind ebenfalls schwul wie hulle.
3. Tschoradschun von Feuerberg alias die Qualle – ebenfalls aus den Zerrissenen Reichen – ist beidseitig befahrbar und stillt seine niederen Gelüste an allem, was sich bewegt.
4. Himek Steinbrechers Sexualität lässt auch Fragen offen und ist nach seiner psychischen Verschmelzung mit Ulaha auch nicht gerade unkomplizierter geworden.
5. In „Kalte Krieger“ treibt nun ein schwuler Bulle sein Unwesen.
6. In „Die Zombies“ tauchen schließlich zwei dezent invertiert angehauchte Damen als Nebenfiguren auf.

Ist das also Teil einer Agenda? Nur, wenn man den Begriff sehr, sehr weit fasst und sämtliches Handeln eines Menschen als politisch definiert (was man ja durchaus tun kann). Denn selbstverständlich macht man sich als Autor über die Anlage seiner Figuren Gedanken und trifft hier und da recht bewusste Entscheidungen, was ihre Verfassung angeht. Andererseits gehöre ich zu den Schreiberlingen, die das Gefühl kennen, gelegentlich von ihren eigenen Schöpfungen überrascht zu werden, da sie sich plötzlich anders verhalten oder andere Eigenschaften zeigen, als man ihnen in der ursprünglichen Planung zugedacht hatte. Ich gebe die Schuld einmal ganz frech dem Unbewussten im Sinne von psychischen Prozessen, deren Ablauf sich meiner Kontrolle und meiner eigenen Wahrnehmung entzieht. Eine Haltung, die es anderen gestattet, mein Geschriebenes minutiös auseinanderzuklamüsern und darin ganz augurenhaft nach den Eingeweiden meiner Seele zu forschen.

Das oben angerissene Agenda-Argument ging übrigens noch einige Schritte weiter. Der Einsatz von – ich nenne sie jetzt der Einfachheit halber mal SUFs (Sexualitätsbezogen Ungewöhnliche Figuren) – wäre ja nur dann angebracht, wenn ihr Abweichen von dem, was man gemeinhin Norm nennt, für die Handlung eines Romans von entscheidender Bedeutung wäre. Warum eigentlich? Weil für SUFs der Teil ihrer fiktionalen Persönlichkeit, der sie zu SUFs macht, derart große Bedeutung tragen muss, dass – sagen wir mal: eine lesbische Kommissarin – in einem Mordfall komplett anders ermitteln müsste als ihre Kollegin? Ein schwuler Pilot ein Flugzeug anders fliegen? Ein auserwählter Bauersjunge, der sowohl in der Abwehr als auch in der Verteidigung spielt und beim Pflügen das Schwert der Allmacht findet, seine Fantasywelt am Ende irgendwie anders vor der Dunklen Bedrohung™ retten? Das glaube ich nun nicht...

Ein anderer Grund, der prinzipiell gegen die Verwendung von SUFs spräche, so der Kollege weiter, sei der, dass der Durchschnittliche Leser© ein möglichst hohes Identifikationspotenzial mit den Figuren wünsche und dass dies bei SUFs eben von Anfang an nicht gegeben wäre, da man deren emotionale Erfahrungswelt nicht kenne. Das ist der Punkt, über den ich nach wie vor am meisten grübele. Heißt das, allerlei Geviechs – von Orks, Ogern und Goblins über Elfen, Halblinge und Feen bis hin zu Einhörnern, Drachen und Möwen – wird anstandslos als Identifikationsoption angenommen, obwohl die meisten Menschen, die ich kenne, meines Wissens nach nie Orks, Oger oder ähnliches gewesen sind? Und wenn dem so ist, würde die Identifikation schwerer fallen, sobald ein generischer 08/15-Ork durch eine besondere Vorliebe in eine SUF verwandelt wird?

Ich bin nach wie vor etwas ratlos, was ich davon halten soll. Im nächsten Post formuliere ich dann aber mal meine Agenda, fest versprochen ...

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Dem Argument mit dem Identifikationspotential folgend, dürfte man eigentlich nur noch Pappaufsteller-Charaktere machen. Immerhin, sobald man einem Charakter irgendeine Art von Persönlichkeit gibt, wird es zwangsläufig auch Leute geben, die sich nicht mit ihm identifizieren können.
Das würde aber sehr viele Romane sehr viel langweiliger machen, als zieht das Argument irgendwie nicht wirklich.

Wächter hat gesagt…

Da frage ich mich als Leser: Identifiziere ich mich mit einen Charakter und wenn ja, warum tue ich das? Wenn eine solche Verbindung stattfindet, dann doch wohl zu Personen dessen Verhaltensweise man nachvollziehen kann und dessen Eigenschaften unseren Selbstbild am ehesten entspricht oder wir uns insgeheim wünschen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, was die Person ist . (Ork ect.) Es sei denn, eine unangenehme Begleiterscheinung würde zu viele Nachteile mit sich bringen. Wer will schon ein brillanter und eloquenter Pickel sein?
Ich gebe aber auch zu bedenken, dass nicht nur positive Charaktere mit herausragenden Eigenschaften auf dieses Schema zutreffen. Jedes Selbstbild kann zu einerIdentifizierung führen.
Ich denke so würde ich mich der Sache annähern.

Thomas Plischke hat gesagt…

Lieber Wächter,

der brillante, eloquente Pickel wäre doch ein hervorragender Protagonist für einen Jugendroman, oder? Ich hirne noch.

Beste Grüße,
Thomas Plischke

Anonym hat gesagt…

Wie ist denn der Durchschnittliche Leser (c) beschaffen? Hetero, ja? Und was ist, wenn sie nur auf blonde Jungs steht und Deine Figuren alle schwarze Haare haben?

Ohne selbst Bauer zu sein (oder auf Bauern zu stehen) würde ich gerne mehr über den Bauernjungen lesen, der sowohl in der Abwehr als auch in der Verteidigung spielt.

Der Rest der referierten Diskussion scheint mir doch stark in Richtung "unzulässige Vereinfachungen" zu gehen und ist also... irgendwie langweilig.

Ole hat gesagt…

Hallo Anonym,

dieser Gedanke ist ja an Thomas herangetragen worden, da wird das Gedankenmachen erlaubt sein, oder? ;-)

Beste Grüße, Ole

SRB hat gesagt…

So, mein Kommentar wurde so lang, dass ich ihm nen eigenen Blogeintrag gewidmet habe.

http://abendblatt.srbellem.de/?p=48

Anonym hat gesagt…

Hallo Ole,

'türlich ist Gedankenmachen erlaubt.

Allerdings. Und überhaupt.

Beste Grüße,
A

Thomas Plischke hat gesagt…

Hier meine Erwiderung auf Stephan's Blogeintrag:

http://plischke.blogspot.com/2009/11/sexualitat-als-nebensache-agendafrage-2.html

oder einfach auf den Blogeintrag vom 26.11.09 gehen.

Viel Spaß bei der Lektüre!

molosovsky hat gesagt…

Erschreckend, wie dumm und stumpf manche Leuts beim Reden über Literatur argumentiere. Bin zwar selber straight wie ein Lineal, finde es aber interessant, wenn nicht immer die gleichen 08/15-Durchschnittsleser-Schreibformel-Identifikationsschablonen in Fiktionen auftreten. Wenn ich mich selbst sehen will, huck ich in den Spiegel oder in meine alten Tagebücher.

Und eine Agenda treibt alle Autoren/Erzähler an: zu unterhalten, mittels Sprache andere einzufangen, quasi um die Ecke der Schrift vollzulabern. Das kann man nun platt und unreflektiert machen, oder eben mit etwas mehr Hirn und Verantwortung (jaaa, auch Genre-Autoren dürfen sich der Verantwortungsfrage stellen).