Montag, 9. November 2009

Des Besserwissers kleines Paradies: Quizspiele

Am Wochenende hatte ich Gelegenheit, Bekanntschaft mit dem jüngsten Ableger einer populären Quizspielreihe für die Konsole zu machen. Keine Sorge, Fernseher, Controller und Mitspielern geht es gut, obwohl ich nachweislich einer der schlechtesten Verlierer aller Zeiten bin.

Erinnert sich beispielsweise noch jemand an Sagaland? In den frühen Achtzigern erfreute sich dieses Grauen in zahlreichen Familien größter Beliebtheit. Meine dunklen Erinnerungen daran verraten mir, dass es um Märchen ging und die Hauptaufgabe darin bestand, sich Memory-artig zu merken, welches Märchensymbol unter welchem Plastikbäumchen verborgen lag. Meine weniger dunklen Erinnerungen werden mich nie verlassen: Nachdem ich bei meiner bis dahin (und wahrscheinlich für immer) letzten Partie in eine aussichtslose Lage geriet – selbstverständlich ohne jegliches Eigenverschulden – und mich überdies von dem Spiel äußerst ungerecht behandelt fühlte, fasste ich den kühnen, wenn auch etwas hitzigen Beschluss, meine Niederlage abzuwenden, indem ich das Spielbrett samt den dazugehörigen Bäumchen vom Tisch fegte (wobei die Bäumchen sich beim späteren Aufsammeln noch als spitz genug erwiesen, um sich mir schmerzhaft in die Fußsohlen zu bohren). Eine späte Rache jener spielgewordenen Demütigung, die in meiner Famile fortan nur noch Ver-Sagaland hieß? Wir werden es wohl nie erfahren…

Zurück zum Thema: Quizspiele. Da es die meisten Quizspiele schaffen, mir eine gewisse Unabhängigkeit von solch lästigen Erfolgsfaktoren wie Glück oder Ausgeglichenheit vorzugaukeln, zählen sie bis heute zu den wenigen Spielen, an die ich mich ab und an noch heranwage. Sie erfüllen eine wichtige Funktion (nicht für mich, sondern auch für andere): Sie befriedigen den kleinen Besserwisser in uns. Was sie nämlich zusätzlich vorgaukeln, ist der Eindruck, ein irgendwie relevantes Wissen abzufragen – ein Wissen, bei dessen Besitz man sich sehr, sehr wichtig und zufrieden vorkommen kann. Wie viele der 20 höchsten Berge der Welt liegen in Asien? In welcher Stadt wurde DSDS-Juror Dieter Bohlen geboren? Welcher Dialekt würde im Marienhof am ehesten gesprochen? Wer hat das Katzenauge erfunden?

All dieses Wissen – respektive die Fähigkeit, diese Wissensbröckchen auf Zuruf hervorzuwürgen – besäße indes allein in einer Welt ohne gedruckte Nachschlagewerke, das Internet oder andere verlässliche Formen der dauerhaften Informationsweitergabe einen ansatzweise relevanten Wert. In unserer Welt also leider eigentlich keinen – außer dem nicht zu unterschätzenden, den Besserwisser in sich in Ekstase zu versetzen.

Was meine Ekstase am Wochenende jäh beendete, war ein Vergleich zwischen den englischen und den deutschen Fragen, die im angetesteten Quizspiel enthalten waren. Weshalb? Nun, die deutschen Fragen schienen sich – wohlgemerkt im Vergleich zu den englischen – an Lemuren zu richten, was vor allem an den Antwortmöglichkeiten lag, die sich ohne jeden Zweifel am Niveau von Werbepausengewinnspielen im Fernsehen orientierten („Welche Sportart sehen Sie gerade? A: Fußball oder B: Käsereibe?“ – so etwas in der Art…)

Ein rascher Blick in die Onlinebestenlisten offenbarte ähnlich Verheerendes, das die genannte These untermauerte. Um in einem Modus, bei dem man im Grunde möglichst viele korrekte Antworten hintereinander geben muss (man hat allerdings vier Fehlschläge frei), an die Spitze der englischen Bestenliste zu stürmen, reichten schlappe 42 korrekte Antworten. Bei uns Teutonen musste man ungefähr das Dreifache schaffen (wohlgemerkt auf dem beschriebenen Niveau, während bei unseren Freunden von der Insel der Schwierigkeitsgrad deutlich höher angesiedelt war).

Das lässt nur einen Schluss zu: Der deutsche Besserwisser gibt sich mit Mittelmäßigkeit oder Schlimmerem zufrieden. Die echten Könige dieser Disziplin leben anderswo… Ich denke also ernsthaft darüber nach, in jenes sagenhafte Reich umzusiedeln, um endlich ganz bei mir selbst ankommen zu können.

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