Montag, 26. Oktober 2009

Warum mögen Frauen Vampirschlampenromane?

Dieser in Fachkreisen – also sprich, unter uns Phantastiknerds – heißdiskutierten Frage möchte ich mich im zweiten Teil meiner Reihe um Frauenthemen widmen.

Kurz zur Ausgangslage: Nicht zuletzt durch die Bis(s)-Reihe hat sich ein Phänomen auf dem deutschen Buchmarkt Bahn gebrochen, das von freundlich gesinnten Menschen als Vampirwelle, von weniger wohlmeinenden Beobachtern als Vampirschwemme bezeichnet wird. Und natürlich sind daran die Frauen schuld...

Fairerweise muss man zunächst festhalten, dass je nachdem welcher Äußerung oder Studie man Glauben schenkt, ohnehin 70 bis 80 Prozent aller hierzulande über den Ladentisch gehenden Bücher von Frauen gekauft werden, und als die Chick-Lit unsere Gestade erreichte (Sie wissen schon, freche Frauen in der Großstadt mit Sex und peinlichen Situationen in Restaurants oder Boutiquen und so...), reagierte darauf auf Seiten der Fantasy-, Scifi- und Horrorfreunde kaum jemand. Logisch: Da wurde ja auch nicht in unseren Revieren gewildert. Frau Meyer und ihre Kolleginnen diesseits wie jenseits des Atlantiks haben das selbstverständlich geändert – was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass das „klassische Feuilleton“™, aber auch viele Verlage bei der Bewerbung die zahlreichen Geschichten, in denen sich eine Sterbliche in ein übernatürliches Geschöpf verliebt, recht unbedarft der schmuddeligen Fantasyecke zugerechnet haben.

Die vorherrschenden Meinungen innerhalb der Szene© sehen dann auch ungefähr so aus: „Das wollen wir nicht!“, „Ich kann es nicht mehr sehen, geschweige denn lesen!“, „Wer liest denn so etwas überhaupt?“ Faszinierend hierbei ist die Tatsache, dass diese Äußerungen eine große Ähnlichkeit zu den Auffassungen aufweisen, mit denen das klassische Feuilleton™ gern der Fantasy gegenübertritt.

Ich möchte mich zunächst der Frage nach der Leserschaft dieser verdammten Werke widmen, denn hier fällt die Antwort leicht: Jede Menge Frauen jeden Alters goutieren sie. Erst unlängst beobachtete ich in einem Café eine Dame – geschätztes Alter Mitte 60, modische Kurzhaarfrisur (Grundfarbe aubergine mit schwarzen Strähnchen), Raucherin –, die sich zur Frühstückslektüre den neuesten Black Dagger-Band mitgebracht hatte. Respekt. Gleich zwei sinnliche Genüsse auf einmal in aller Öffentlichkeit – in Schinkenscheiben gewickelte Melonenschnitzen und deftig-unverblümte Geschlechtsverkehrsschilderungen (für beides bin übrigens auch ich selbst immer gern zu haben).

Halten wir fest: Der in den Kernfaktoren Anschaulichkeit und Häufung schwankende Erotikanteil dieser Literatur befriedigt zunächst nichts anderes als einen Urtrieb, wogegen bei unverkrampftem Entgegentreten auch nicht das Geringste einzuwenden ist. Mehr noch: Mir wurde von einer Bekannten glaubhaft versichert, dass die Lektüre gar eine Art Ratgeberfunktion erfüllt – besonders spannende Eskapaden zwischen den Laken werden in den heimischen vier Wänden nachgestellt (und darüber dürfte sich nun niemand, der in den Genuss dieses angelesenen Wissens kommt, beschweren).

In einem Punkt stehe ich diesen Werken indes kritisch gegenüber, da viele von ihnen den Vampir auf eine Art standfesten, allzeit bereiten Dauerbeschäler reduzieren. Bislang dachte ich, dies würde dem Blutsauger das Monströse rauben, das ich so sehr an ihm schätze, doch bei näherer Betrachtung bleibt auch dieser Vampir ein Monster (wenn auch vorrangig im Bett).

Und überhaupt: Es ist eine sehr verkürzte Sicht, allein um den Vampir zu trauern. Denn eigentlich wird in der Paranormal Romance jedes übernatürliche Geschöpf, das nicht bei drei auf dem Baum ist, zum Opfer weiblichen Begehrens: Werwölfe und andere Gestaltwandler, Dämonen, Satyrn, Feenprinzen – die Geschmäcker sind eben verschieden.

Ein weiterer Gemeinplatz, der gern herangezogen wird, um den Erfolg dieser Bücher zu erklären, lautet: „Liebesromane sind die Abenteuerromane der Frau.“ Dies legt den Verdacht nahe, dass in den fiktiven Welten der Paranormal Romance alles eitel Sonnenschein wäre. Weit gefehlt: Es wird häufig intrigiert, geschossen, mit mittelalterlichen Waffen respektive natürlicher Bewaffnung wie Klauen aufeinander eingehackt, Leute von Autos überrollt, gemordet etc. pp. Also: Es geht dort in dieser Hinsicht auch nicht alberner oder sanftmütiger zu als im Actionthriller, der sich an ein überwiegend männliches Publikum richtet (insbesondere dann, wenn das betreffende Buch an Erwachsene adressiert ist).

Darüber hinaus haben nahezu alle dieser Werke ein deutlich ausgeprägtes Mystery-Element. Es gilt also oftmals, einen Mordfall zu lösen, ein unheimliches Ereignis zu erklären, die Wahrheit über die Vergangenheit des eigenen Liebsten oder dessen Rivalen herauszufinden usw. usf.

Etwas hochgestochen formuliert finden wir uns bei der Paranormal Romance also mit einer Melange verschiedenster Genres konfrontiert (Postmoderne, ick hör dir trapsen!), und generell gilt – wie für jede Form von Genre(mix)literatur –, dass einige Vertreter einem äußerst gelungen erscheinen, wohingegen andere einem völlig unlesbar vorkommen.

Warum nun also mögen Frauen Vampirschlampenromane? Ich vermute, weil sie – die Romane, nicht die Frauen – im Optimalfall ausgezeichnete und meist unkomplizierte Unterhaltung bieten. Natürlich bündeln sie in sich absurde Wunschvorstellungen – den exotischen, aufregenden Liebhaber, mit dem das Leben nie langweilig wird; die starke Frau, die sich ganz hingeben kann, ohne sich dabei auch nur ansatzweise selbst zu verlieren, wenn sie das nicht explizit für einen kostbaren Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint, unbedingt will; eine mystisch-magische Welt, die nicht von kühler Vernunft und Logik, sondern von Leidenschaften und entfesselten Gefühlen bestimmt wird. Allein: Ich sehe darin nicht das abscheuliche Übel, als dass es angegangen wird.

Ich rate zu etwas mehr Gelassenheit. Abgesehen davon, dass jede Welle einmal bricht (obwohl ich fest davon ausgehe, dass die Paranormal Romance in absehbarer Zeit nicht wieder in ein mickriges Nischendasein zurückfällt), haben diese Geschichten einen positiven Effekt, was die Akzeptanz von phantastischen Inhalten in der Literatur im Allgemeinen anbelangt. Machen wir uns nichts vor: Die Leserinnen, die mit Harry Potter und Edward und Bella großgeworden sind bzw. in etwas fortgeschrittenerem Alter plötzlich die Reize des Phantastischen für sich entdecken, werden den Sprung zu anderen, gemeinhin als anspruchsvoller wahrgenommeren Vertretern der Phantastik (was immer auch „anspruchsvoller“ heißen mag) beherzter wagen, als die Vorgängergenerationen. Und allein dafür sollte man diese jungen Frauen schon jetzt innig lieben...

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