Donnerstag, 15. Oktober 2009

Geistergeschichten

Es lohnt sich immer, Lob über bereits verstorbenen Autoren auszuschütten. Beispielsweise deshalb, weil sie sich nicht dagegen wehren können. Wären die Fiktionen von M.R. James allerdings Fakt, ginge ich mit dieser Einschätzung ein gewisses Risiko ein. Ich wage mich jedoch nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, James habe einige der vorzüglichsten Geistergeschichten in englischer Sprache verfasst.

Worauf gründen sich meine Behauptungen? Vorsicht, jetzt wird es selbstverständlich – wie bei so vielem, was direkt oder indirekt mit Geschmack zusammenhängt – höchst subjektiv.

Der für mich faszinierendste Punkt in James’ Werk ist, dass er ein Meister des unzuverlässigen Erzählens ist. Will meinen: Man weiß nie, ob man seinen Figuren glauben kann oder nicht. Diese Verunsicherung des Lesers bringt er durch einen einfachen Kniff zustande: Er lässt häufig an den entscheidenden Stellen seine Figuren, die Zeugen eines unheimlichen Ereignisses geworden sind, anderen Figuren von diesen verstörenden Vorgängen berichten. Damit schafft er eine Atmosphäre, die dem Lagerfeuer- oder Landschulheimgrusels, wie ihn wahrscheinlich viele kennen, verdammt ähnlich ist. Er setzt Sprache als in sich von Natur aus unpräzises Werkzeug zur umfassenden Abbildung von Welt ein, um dem Leser vorzuführen, dass die Erfahrung von Welt letztlich nie vollständig abbildbar ist. Hat die Figur tatsächlich einen Geist gesehen oder war es doch nur der berühmt-berüchtigte, vom Wind aufgebauschte Vorhang, der für einen winzigen, furchtbaren Moment feste Überzeugungen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ins Wanken gebracht hat?

Ein weiteres Plus von James’ Erzählungen ist der ungebrochene Mut zur Leerstelle. Er setzt an den richtigen Momenten die richtigen Lücken, die der Leser dann von ganz allein mit seinen eigenen Erwartungen und Ängsten füllt.

Abgesehen davon zeichnen sich James’ Texte durch eine Eigenschaft auf, die sie mir von Anfang an sympathisch gemacht haben: Sie sind von einer feinen Ironie und einem stellenweise an Loriot erinnernden Humor durchzogen – Vicco von Bülow fällt einem deshalb ein, weil James seine Mitmenschen offenkundig sehr scharf beobachtet hat und die skurrilen Rituale des Alltags karikiert, ohne die daran Teilnehmenden einer durch und durch entblößenden Lächerlichkeit preiszugeben.

Für den eingangs erwähnten Fall, dass Mr. James mehr darüber wusste, wo wir verbleiben, sobald unsere Tage im Hier und Jetzt gezählt sind, hoffe ich inständig, er möge all dieses Lob nicht als unbotmäßige Anbiederung meinerseits verstehen. Ich empfinde nämlich nicht die geringste Lust, in Bälde von einem Mann mit Spinnweben in den ansonsten leeren Augenhöhlen verfolgt zu werden...

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