Freitag, 25. September 2009

Sondermeldung: Die vermeintliche Qual der Wahl

Am Sonntag werde ich nicht nur wählen gehen, sondern zugleich ein Amt als stellvertretender Wahlvorsteher bekleiden. Zu dieser bittersüßen Verantwortung kam ich vor der letzten Hamburger Bürgerschaftswahl wie die Jungfrau zum Kinde. Der Moops und ich schlugen - um am anstehenden Volksentscheid teilzunehmen - auf dem örtlichen Berzirksamt auf, wo der Moops mit seinen Knopfaugen ein Plakat erspähte, auf dem zu lesen stand, dass man noch dringend Wahlhelfer suche. Also faselte der Moops etwas reichlich Unzusammenhängendes von wegen erster Bürgerpflicht und dass er (und ich – mitgegangen, mitgefangen) dieser doch gerne nachkommen würde, sofern man ihm nicht gleich ein ganzes Wahllokal anvertraue.

Etwa eine Woche später kam dann ein Brieflein, in dem der Moops darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass er nun Wahlvorsteher seines eigenen kleinen Wahlbüros war (so viel zum Thema „Neulinge erst mal unbefangen reinschnuppern lassen"). Das Schreiben nannte des Weiteren einen Termin für eine Informationsveranstaltung, zu der wir uns dann auch brav im Rathaus einfanden. Abgesehen von uns beiden rekrutierte sich die gesamte Wahlvorsteherschaft offenkundig aus Verwaltungsbeamten, die in Sachen Wahlorganisation etc. bereits alte Schlachtrösser waren, und der für uns wenig hilfreiche Tenor des Abends lautete dann auch: „Wir machen das eigentlich wie immer.“ Aha. Vielen Dank.

Nichtsdestoweniger organisierten wir uns ein paar Freunde aus dem Uni-Umfeld (das Aussuchen der eigenen Helferlein ist nämlich eines der Privilegien, die man als Wahlvorsteher genießt – das geht sogar so weit, dass man als Wahlvorstand in der Theorie wildfremde Menschen von der Straße einfangen und gleichsam gegen ihren Willen als Wahlhelfer verpflichten kann, falls man bis zum Wahltag oder wegen höherer Gewalt einfach niemanden sonst finden konnte, der sich dieser Aufgabe stellt). Nun verhält es sich nicht so, dass sich unserem Freundeskreis nur Menschen bewegen, die schon immer davon geträumt haben, sich einen Sonntag als Wahlhelfer um die Ohren zu schlagen. Unsere Rekrutierungsmanöver profitierten maßgeblich von einem glücklichen Umstand: Da man bei besagter Bürgerschaftswahl erstmals kumulieren und panaschieren durfte (was als furchtbar kompliziert beim Auszählen und generell als vollkommen unnötig verschrien war), köderte man potenzielle Wahlhelfer mit einem immens aufgebohrten Erfrischungsgeld (so heißt die Aufwandsentschädigung, die einem als Wahlhelfer zusteht). Anders gesagt: Es war der schnöde Mammon, der uns dabei half, unseren Platz hinter den Urnen einzunehmen. ‚Urnen’ ist im Übrigen nur ein Euphemismus. In Hamburg verwendet man nämlich – ungelogen und großes Indianerehrenwort – Mülltonnen als Auffanglager für die Stimmzettel (was Aktionen wie „Wirf deine Stimme nicht weg“ mit einem Mal als Realsatire dastehen lässt).

Mülltonnen hin, Erfrischungsgeld her – zu unserer großen Überraschung hatten wir alle mächtig Spaß. Dies hing maßgeblich mit den verdutzten Blicken der Wähler zusammen, die nicht damit gerechnet hatten, sich urplötzlich einer doch recht jungen Schar von Menschen gegenüberzusehen, was dazu führte, dass man erstaunlich viel plauderte. Inzwischen ist die anstehende Bundestagswahl unser gemeinsames drittes Mal. Bei vorangegangenen Durchläufen ereignete sich allerhand Kurioses: ein junger männlicher Wahlhelfer mit vollem, schwarzem Haar wurde hemmungslos von einer rüstigen Dame, die zwei Weltkriege erlebt hat, angeflirtet; ein Mann in Duster (inklusive Sheriffstern) und Cowboystiefeln erläuterte uns die Feinheiten des US-amerikanischen Wahlsystems; und so weiter und so fort.

Zu unseren Pflichten gehört es unter anderem, zunächst zu überprüfen, ob ein abgegebener Wahlzettel gültig ist. Ungültig wird er beispielsweise dadurch, dass man als Wähler eigene, kleine Botschaften darauf schreibt. Unser Favorit war die mit einem gezeichneten Dödel versehene Warnung „Vorsicht! Sie wurden soeben gepimmelt! Pimmeln Sie umgehend zehn andere Menschen, wenn Sie nicht gepimmelt bleiben wollen!“.

Daher nun ein Wahlaufruf der eher ungewöhnlichen Art, der mit keinerlei Empfehlung der einen oder anderen Partei einhergeht: Wer noch nicht weiß, ob er am Sonntag wählen gehen möchte, soll sich bitte einen Ruck geben und seinen Wahlzettel zumindest wie eben erläutert oder auf andere kreative Weise manipulieren. Wieso? Nun, zum einen freuen sich die Wahlhelfer, zum anderen kann man so seine Unzufriedenheit mit dem Gesamtangebot an Parteien zum Ausdruck bringen, ohne gleichzeitig durch ein Fernbleiben unseren Oberen den Eindruck zu vermitteln, die gesamte Veranstaltung „Wahl als solches“ wäre einem schnuppe. Es wäre doch schade, wenn irgendwann einer auf die Idee kommt, man könne die ganze Butze doch gleich dichtmachen, wo sich anscheinend niemand dafür interessiert...

Also bitte wählen gehen ... und sei es nur, um mal wieder ein paar Leute zu pimmeln!

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