Dienstag, 1. September 2009

Nordische Gastfreundlichkeit

Wie manche vielleicht wissen, handelt es sich bei meiner Wenigkeit um einen Süddeutschen (genauer gesagt einen Pfälzer), den es in den Norden verschlagen hat. Meine Umsiedlung liegt inzwischen zwar auch schon bereits schlappe sieben Jahre zurück, doch anlässlich unserer Nandu-Pirsch vor einigen Tagen wurde mir überraschend der Umstand ins Gedächtnis gerufen, dass der Norddeutsche und der Süddeutsche sich in Wesen und Verhalten punktuell erheblich unterscheiden.

Ein treuer Freund aus dem Süden, der uns zu den Laufvögeln begleitete, kam auf der Rückfahrt auf die charmante Idee, man könne sich doch etwas Räucheraal besorgen. Tatsächlich erspähten wir kurz darauf ein Schild, auf dem diese Spezialität angepriesen wurde. Nach einem spektakulären, aber dennoch straßenverkehrsordnungskompatiblem Wendemanöver lenkte ich den Wagen todesmutig durch eine schmale Hofzufahrt und parkte rückwärts neben einem recht protzigen, silbergrauen Mercedes ein. Durch eine Glastür betraten wir den Anbau eines – wie könnte es in Norddeutschland anders sein – rot geklinkerten Einfamilienhauses. Das Öffnen besagter Tür löste ein lautes Schrillen aus, woraufhin bald eine Dame mittleren Alters erschien, der wir unser Anliegen höflich vortrugen. Eine vergleichbare Situation in Süddeutschland hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein nettes, unverfängliches Zweieinhalb-Minuten-Gespräch gemündet (Eckpunkte: das Wetter, wo kommen wir her, wo wollen wir hin usw.). Hier indes setzte die Dame ein Gesicht auf, als hätten wir von ihr verlangt, sie möge uns bitte ihre Söhne und Töchter zwecks anstehender Zwangsschändung unsererseits vorführen, bevor sie uns in den eigentlichen Verkaufsraum winkte. Auch die eigentliche Transaktion Geld gegen Räucheraal erfolgte mit der warmen Herzlichkeit, wie man sie bei Verhandlungen mit der norwegischen Lappenmafia erwarten würde. Überglücklich, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein und nicht neben den Aalen in der Räucherkammer zu hängen, zogen wir von dannen.

Vergleichbare Szenen spielten sich eine halbe Stunde später in einem Café in Ratzeburg ab. (Kleiner Einschub: Die sanitären Einrichtungen waren ungelogen durch ein elektronisches Schloss gesichert, dass nur nach Eingabe eines Codes den Weg zu den rettenden Schüsseln freigab; in den Toiletten selbst zeigte ich mich ein wenig verwundert über die Glasscheiben in den Türen der Klokabinen, durch die man beim Pinkeln an den Pissoirs zumindest in der Theorie andere Gäste beim Verrichten größerer Geschäfte hätte beobachten können.) Zurück zum Thema: Die Bedienung – eine junge, hübsche Frau – nahm unsere Bestellung für süddeutsche Verhältnisse derart teilnahmslos entgegen, dass bei Unbedarften leicht der Eindruck entstanden wäre, man habe es womöglich mit einem neumodischen, wenngleich etwas unbeholfen programmiertem Servierroboter zu tun (oder wenigstens mit einer Person, die das überraschende Ableben eines ihrer Gäste höchstens mit einem angedeuteten Schulterzucken quittiert hätte).

Mittlerweile lebe ich lange genug im Norden, um zu verstehen, dass uns in beiden Fällen keine echte Abneigung entgegenschlug. Verstörend ist diese besondere Form der Gastfreundlichkeit ab und an für mich allerdings nach wie vor, was in erster Linie darin begründet liegt, dass man als süddeutsch sozialisierter Mensch nicht genau weiß, wie man angemessen darauf reagiert. Ich bin für Vorschläge jedweder Art äußerst offen...

1 Kommentar:

Der Worträuber hat gesagt…

Ich bin in diesem Fall immer für die radikale Methode: konsequent gegen jede ignorante Stimmung oder desinteressierte Art anlächeln und scheißefreundlich sein ...das verstört den grummelnden Norddeutschen am meisten und er muss sich womöglich mit seiner Gesichtsmuskulatur selber zur Wehr setzen.

ein nicht ganz typischer Norddeutscher