Sonntag, 9. August 2009

Neue Entwürfe, frisch der Wirklichkeit entrissen

Manchmal gewinne ich den Eindruck, als veranstaltete ich bei der Suche nach neuen Geschichten schlicht und ergreifend einen viel zu großen Aufstand. Immerhin wäre es verlockend einfach, gemäß der Twainschen Erkenntnis „Wahrheit ist unglaublicher als Phantasie“, sich darauf zu stürzen, was einem die Realität so bietet.

Allein in den letzten Wochen wurde – dem Sommerloch zum Trotz – ausreichend Material für interessante Erzählungen geliefert:

Die Bewohner Severoniens sind empört. Rieke Eisenhauer – eine Angehörige des Rats der Weisen, die die Geschicke des kleinen Landes lenkt – hat einen beispiellosen Frevel begangen. Für eine Reise ins ferne Torosangrial, wo die Sonne niemals untergeht, hat sie eine magische Kutsche, in der es immer kühl bleibt und die ihre Insassen durch unsichtbare Panzerplatten vor Angriffen schützt, samt Paladin-Kutscher entwendet. Riekes ursprünglicher Plan bestand darin, das Gefährt nach ihrer Huldingung an den Sonnengott (einem regungslosen Verharren in dessen heißen Strahlen, bis ihre Haut sich in eine lederne Rüstung verwandelt hat) heimlich, still und leise zurückzugeben, doch sie hat nicht mit der Niedertracht der Torosangrialesen gerechnet: Sie dringen in die Herberge ein, überwältigen den Kutscher-Paladin mit einem lähmenden Gift und machen sich ihrerseits mit der Kutsche davon. Doch sind es tatsächlich gewöhnliche Räuber, die Riekes Reise in einen Alptraum verwandeln? Oder handelt es sich um Abgesandte ihrer Konkurrenten aus dem Rat der Weisen, die sie kompromittieren wollen? Rieke hat nur eine Chance: Sie muss die Diebe und die Kutsche finden – mitten in einem Land, dessen Sprache sie kaum versteht und in dem eine Frau ihres fortgeschrittenen Alters kaum noch Anschluss findet. Sie sucht Hilfe bei Exil-Severonen, doch ihr graut bereits vor den Prüfungen, die ihr auferlegt werden, um ihre Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen: das Leeren des Bodenlosen Eimers, der Tanz der Zermalmten Roten Früchte und die gefürchtete Entblößung ohne Scham.

So weit zu Rieke und ihren Abenteuern. Es böte sich auch anderes an: die tragische Erzählung um den Barden Gottgleich Popking, der als Kind einer Gauklerfamilie geboren wird, in der der Vater den Knaben und seine Brüder durch strenge Zucht und Disziplin die Geheimnisse des magischen Tanzes lehrt. Gottgleich, der an dieser Härte beinahe zerbricht, sagt sich nach Jahren von seiner Sippe los, findet im Affenmenschen Bläschen kurzzeitig einen treuen Gefährten und löst das Letzte Rätsel: wie ein Mensch sich fortbewegen kann, ohne die Füße vom Boden zu heben. Auf allen Straßen in allen Städten tun die Menschen es ihm für eine Weile nach, bis sie sich angewidert von Gottgleich abwenden, weil dieser mit tatkräftiger Unterstützung der besten Heiler, Leibschneider und Wunderwirker den Versuch unternimmt, sich selbst in ein Geschöpf ohne Alter, Herkunft und Geschlecht zu verwandeln, wie es ihm in einer Vision von einer besseren Welt offenbart wurde. Nach Jahren der Ächtung, in denen es heißt, Gottgleich habe den Verstand verloren und tröste sich mit unschuldigen Knaben über den Verlust seines Ruhmes hinweg, erkennt Gottgleich, dass er sich seinem Schicksal stellen muss. Fünfzig Tage und Nächte will er auf einer gewaltigen Bühne in einer noch gewaltigeren Stadt des Reiches tanzen und gehen, ohne die Füße vom Boden zu heben, um ein großes Übel von den Menschen abzuwenden. Er ahnt nicht, dass die bösen Mächte ihm nicht die Zeit schenken werden, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Ja, ja, so viele Ideen, so wenig Zeit. Vielleicht im nächsten Leben...

Moops-P.S. Am Rande sei erwähnt, dass wir in der Tat neue Exposés für etwas realitätsfernere Projekte bei Piper eingereicht haben und der Verlag auch gleich mal Interesse an mehreren angemeldet hat. Aber bis wir dazu Neues verkünden können, wird es noch ein Weilchen dauern.

Moops-P.P.S. Auf vielfachen Wunsch gibt es in den nächsten Tagen auch ein Update zu "Stahl", also dranbleiben...

1 Kommentar:

Der Worträuber hat gesagt…

Interessant wo du so deine Inspiration hernimmst. Kleine Detailfrage:
Zitat:[das Leeren des Bodenlosen Eimers, der Tanz der Zermalmten Roten Früchte und die gefürchtete Entblößung ohne Scham]
Müsste das nicht noch furchteregender die "gefürchtete Entblößung DER Scham" heißen ... ? *g*

Lars - Der Worträuber

PS: Die Zusagen und Lobhuddelein zur Konferenz-Idee stapeln sich bei mir, habe jetzt schon zwei Proposals bekommen.