Samstag, 18. Juli 2009

Reinhard Kruska, die Fantasy und wir (oder "Es gibt auch Siege")

Nach einer längeren Funkstille meinerseits, die der Moops dankenswerterweise durch zahlreiche Updates überbrückt hat, melde ich mich nun auch einmal wieder aus der Einsamkeit meiner Schreibstube (4 Quadratmeter, kein natürliches Licht, Schimmel an den feuchten Wänden und mit einer verirrten Kellerassel als einziger Gesprächspartnerin) zurück. Den passenden Anlass bot ein Artikel von Reinhard Kruska auf der Neues Deutschland-Website (auf den ich – Ehre, wem Ehre gebührt – durch das tapfere Durchforsten des virtuellen Blätterwalds seitens eines unerschrockenen Drachen aufmerksam wurde).

Kruska punktet gleich mehrfach: Er hat nicht nur offenkundig Ahnung, worüber er schreibt, sondern findet zudem gegen Ende seines Artikels Zeit für den klugen und oft vernachlässigten Hinweis, dass Vorlieben in Sachen Literatur letztlich Ausprägungen eines persönlichen Lesegeschmacks sind. Klingt wie eine Binsenweisheit, aber wie vorangegangene Ergüsse Kruska’scher Kollegen in anderen Publikationen eindrücklich unter Beweis gestellt haben (siehe etwa hier und hier), tut es anscheinend Not, diesen Gemeinplatz mal wieder etwas häufiger zu bemühen – und sei es nur, um den einen oder anderen Reiter in der Kritikerlandschaft vom hohen Ross der elitären Überbewertung der eigenen Meinung zu stoßen.

Zudem outet sich Kruska als Fantasyleser, was ebenfalls beileibe nicht selbstverständlich ist, wenn man sich die weitverbreitete Vorstellung vom inneren wie äußeren Wesen eines Freunds dieses Genres ins Gedächtnis ruft. Weiterhin schlägt sich der Autor aus meiner bescheidenen Perspektive wacker, da er zum einen den Unterhaltungsaspekt von Kunst im Allgemeinen und Literatur im Besonderen in gebührendem Maße berücksichtigt und zum anderen ein gewisses Unverständnis für die Einführung des Labels „All Age“ zeigt, das mich persönlich schon immer an den Halbsatz „Für Spieler von 9 bis 99 Jahren“ erinnert hat, wie man ihn auf den Boxen diverser Gesellschaftsspiele finden kann. Wenn man so will, ist dadurch die Hatz auf die eierlegende Wollmilchsau in Buchform freigegeben – der Traum vom Roman, für den Miriam-Sophie (10, pferde- und ponybegeisterte Grundschülerin), Michael (32, elektroniktüftelnder Kundenberater im Außendienst) und Manfred (76, ehemaliger Finanzamtdirektor mit Ferienhaus in der Provence) die gleiche Begeisterung aufbringen können und der somit unweigerlich zur Mutter aller Bestseller mutiert.

Etwas verwundert zeigt sich Kruschka über den Erfolg der sogenannten Contemporary bzw. Urban Fantasy, weil für ihn der Grundreiz der Fantasy auch in den radikalen Gegenentwürfen zur Moderne liegt, die von unserer Welt völlig losgekoppelt und somit im positiven Sinne entfesselt sind. Meines Erachtens verträgt allerdings nicht jeder Leser diesen wilden Exzess. Im Fall der Urban Fantasy dient die Weltendopplung – auf der einen Seite eine Welt, die der unseren nicht unähnlich ist, und auf der anderen eine fremdartige, exotische und aufregende Welt, in die die Protagonisten hineingezogen werden – einem simplen Zweck: Sie holt die Leser mehr oder minder genau dort ab, wo sie sich befinden, und macht die Reise der Figuren ins Unbekannte zur Reise der Leser. Andere Spielarten der Fantasy hingegen beamen die Leser quasi ohne Umschweife an einen weitentfernten Ort; manchen geht dieses Reisen in Gedankenschnelle schlichtweg zu schnell und ihnen wird übel davon. In der ersten Situation wird den Lesern in der Regel die Zeit gelassen, die Figuren als stellvertretend für sie Handelnde zu erkennen und ihnen im weiteren Verlauf das Gefühl zu verleihen, dass das, was den Figuren widerfährt, auch ihnen widerfahren könnte. In der zweiten Variante sehen sich die Leser faktisch gezwungen, sich einen bestimmten Hut aufzusetzen, von dem sie nicht einmal wissen, wie er aussieht (und kämpfen bisweilen gegen die ungute Ahnung an, sie könnten sich versehentlich einen Topf oder eine ausgeweidete Ratte über den Kopf gestülpt haben). Die beiden erfolgreichsten Reihen jüngerer Zeit, die in der Regel der Fantasy zugeordnet werden, folgen weitgehend dem Prinzip des verhältnismäßig sanften Übertritts vom Gewöhnlichen ins Phantastische. In der einen erhält ein geknechtetes und gedemütigtes Waisenkind, das bei gar gräulichen Zieheltern aufwachsen muss, die Gelegenheit, aus der Tristesse der Konformität an einen Ort zu flüchten, an dem Magie Wirklichkeit ist; in der anderen wird ein unscheinbares Mädchen von nebenan, das durch widrige Familienumstände an einen stets regnerischen Ort im amerikanischen Nirgendwo verschlagen wurde, zum Objekt der romantischen Begierden eines übernatürlichen Geschöpfs, das Teil einer Parallelgesellschaft ist, in der sich Blutsauger und Gestaltwandler tummeln. Beides für den durchschnittlichen Leser fraglos leichter nachvollziehbare und vor allem leichter nachempfindbare Konstellationen als in den meisten Erzählungen, die keine solche Weltdopplung aufweisen. Ob man das dann persönlich schätzt... tja, siehe oben unter Geschmack, Affen und Seife.

So, inzwischen fühlt sich die Kellerassel vernachlässigt und möchte dringend eine Diskussion über typische Merkmale literarischer Qualität in der Fantasy mit mir führen. Für Argumentationshilfen wäre ich ausgesprochen dankbar...

(Moops-P.S. Übrigens hat sich Thomas ja auch zu Titus Arnu geäußert, findet man hier.)
(Moops-P.P.S. In den nächsten Tagen gibt es dann tatsächlich noch ein paar mehr Updates von Thomas selber, also dran bleiben...)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wirklich gut, dass Du auf diesen älteren Blog verlinkt hast. Er wäre sonst an mir vorbeigegangen.
Lars S.