Montag, 4. Mai 2009

Der Spiegel und die Fantasy

Nach einigem Warten nun das Preview eines Leserbrief an den Spiegel, den Thomas als Reaktion auf Urs Jennys Artikel zur Fantasy verfaßt hat. Seit zwei Wochen (sprich seit der Veröffentlichung des Artikels im Spiegel vom 20.04.) harrt das Brieflein geduldig seiner Veröffentlichung und seines Versands. Bedauerlicherweise war er unter einem Berg von Text begraben und dieser Umstand konnte erst heute behoben werden.

Moops Over and Out

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Liebe SPIEGEL-Kulturredaktion,

zunächst sei Ihnen und insbesondere Urs Jenny für Ihren Artikel zum derzeitigen Fantasy-Boom in der Ausgabe vom 20.04. recht herzlich gedankt. Im Gegensatz zu einigen anderen Abhandlungen zu diesem Thema, die in jüngster Zeit andernorts zu lesen waren, zeichnet sich die Arbeit von Herrn Jenny durch eine ungewöhnlich differenzierte Darstellung des Sachverhalts aus.
Beispielsweise verzichtet Herr Jenny darauf, sich in kühne und dieser Tage gern mit Verve vorgetragene Thesen zu versteigen, was eine angebliche Wechselwirkung zwischen Computerspielen und Fantasy anbelangt, sondern nennt zwei sehr naheliegende Faktoren, die die Aufmerksamkeit, die dieses Genres derzeit genießt, zumindest ansatzweise wesentlich besser erklären: den immensen Erfolg der Harry-Potter-Reihe sowie den der Herr der Ringe-Verfilmung. Des Weiteren hat Herr Jenny sich offensichtlich die Mühe gemacht, einmal im Buchhandel nachzuhorchen, inwiefern der vermeintliche Boom diese Bezeichnung überhaupt verdient hat, und er erkennt meiner Meinung nach völlig zutreffend, dass die Akzeptanz von Fantasy aufgrund von veränderten Rahmenbedingungen der literarischen Sozialisation auch eine Art generelle Generationenfrage ist. Anders gesagt gilt hier der alte Sinnspruch vom Bauern, der nur (fr)isst, was er kennt, und es sei auch eingestanden, dass so manche Bauern die ihre Befremdlichkeiten überwinden, bedauerlicherweise an schlechte Köche geraten und sich dergestalt in ihrem ursprünglichen Urteil bestätigt sehen.
Allerdings gibt es einige Punkte, an denen die Argumentation dennoch schwammig respektive unpräzise bleibt. Das mit jedem neuen Teil einer Romanreihe ausbrechende Erwartungsfieber etwa ist beileibe keine Krankheit, unter der ausschließlich Fantasyfans leiden, sondern lässt sich zum Beispiel bei Krimianhängern ebenso leicht beobachten (oder in symptomatisch etwas anders gelagerter Form bei Freunden der Hochliteratur, sobald eine vielversprechende Veröffentlichung eines etablierten Autors ansteht). Ähnlich verhält es sich mit der angeblichen Schwierigkeit, den „unwiderstehlichen Zauber“ der Fantasy „konkreter zu fassen“, da dieser doch so sehr „Gefühlssache“ sei. Auch hier ist der Unterschied zu anderen Genres bestenfalls als graduell zu bezeichnen, es sei denn, man wäre der Auffassung, der empfundene Genuss bei einem Werk von Philip Roth, Günther Grass, Umberto Eco oder Salman Rushdie ließe sich von jeder Emotion restlos entkoppeln und erwachse lediglich und ausschließlich aus nüchternster Ratio.
Nach dieser leisen Kritik will ich nun trotzdem nicht versäumen, noch meine eigenen Vermutungen zu äußern, weshalb Fantasy – ungeachtet dessen, ob sie sich an Erwachsene oder Jugendliche richtet – aktuell einen großen Reiz ausübt. Sie ist im Grunde ein Genre der Schamlosigkeit: Sie schämt sich weder vor unerwarteten Handlungswendungen und Logikbrüchen noch vor Pathos und Aberwitz. Sprachliche Manierismen scheut sie ebenso wenig wie das Überspannen des Glaubwürdigkeitsbogens. Entgegen des Vorwurfs, sie beschwöre eine heile Welt um einer naiven Harmoniesucht willen, beschwört sie dieses Idyll nur, um es letztlich lustvoll zu zerstören und es sich auf seinen rauchenden Trümmern bequem zu machen. Man bedenke: In Tolkiens Mittelerde wird selbst das so heimelige Auenland erst einmal abgebrannt, bevor man es neu begrünen kann. Keine Errettung ohne Bedrohung.
Eine Anmerkung am Rande: Die Fantasyleserschaft ist bei weitem kein monolithischer Block, sondern zerfällt in unzählige Splittergruppen, deren jeweilige Anhänger sich in stundenlangen Debatten ergehen können, welcher Autor denn rein gar nichts von seinem Handwerk versteht, da er zu schwülstig-blumigen Formulierungen neigt (mea culpa, mea maxima culpa), oder welche Welt in sich das stimmigste Gesamtkonzept präsentiert. Dieser Hinweis ist wichtig, da gerade unter den Alteingesessenen eine erkennbare Abneigung gegen Jungspunde grassiert, die bislang nur Meyer oder Rowling gelesen haben. Hinzu kommt, dass sich die Jungspunde in vergleichbaren Auseinandersetzungen untereinander ebenfalls ordentlich Zunder geben. Von echter Harmonie findet man also auch außerhalb der präferierten fiktionalen Welten kaum eine Spur. Was man jedoch vereinzelt aufspürt, sind ob der häufig einseitigen Berichterstattung im Feuilleton verbitterte Einzelkämpfer, die beharrlich nach einem gesteigerten Augenmerk auf ‚anspruchsvolle Fantasy’ schreien (ohne indes klar erläutern zu können, worum es sich dabei jenseits ihrer eigenen, in der Regel recht eng gesetzten Geschmacksgrenzen handeln mag).
Zusammenfassend möchte ich mich ein weiteres Mal für den genannten Artikel bedanken und hoffe, dass die schmählichen zehn Prozent Anteil der Belletristik ausreichen werden, eines der vielseitigsten und lebendigsten Genres am Leben zu erhalten und den SPIEGEL dazu verleiten, womöglich etwas öfters einen Ausflug in diese unbekannten, aufregenden Gefilde zu wagen.

Mit den allerbesten Grüßen,
Thomas Plischke

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