Montag, 16. März 2009

Susanne Weinhart, die Fantasy und wir

Susanne Weinhart hat sich im Dienste der Süddeutschen Zeitung zum Thema Fantasyliteratur geäußert. Noch dazu unter der Überschrift „Sagenhafte Serientäter“. Man beachte zunächst das gelungene Stilmittel der Alliteration, das zum Weiterdenken einlädt: „Fantastische Fieslinge“, „Originelle Orkschnetzler“, „Wahnsinnige Weltenbauer“ oder „Jugendentwicklungsgefährdende Jauchetunker“ wären ebenso gelungene Titel gewesen. Nun gut, Weinhart hat verstanden, dass man in der knallharten Medienlandschaft unserer Tage bereits mit den ersten beiden Worten aufschrecken und polarisieren muss, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seine Botschaft nicht ungehört im (virtuellen) Blätterwald verhallen zu lassen.
Bereits in den nächsten beiden angemessen spitz formulierten Fangzeilen wird es dann indes ein wenig wunderlich: „Die Gegenaufklärung hält sich: Fantasy-Literatur und Computerspiele erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit.“ Gleich mehr zum Thema ‚Gegenaufklärung’, doch zunächst bietet es sich an, einige Dinge paarweise aufzuzählen, die sich ebenfalls einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen: Liebesromane und Ü-30-Parties, Belletristik und Komasaufen, persönliche Pilgerfahrtsbeschreibungen von Prominenten (sic!), Feuchtgebiete und Intimrasur, Alarm für Cobra 11 und das Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit innerhalb wie außerhalb geschlossener Ortschaften, Frauentausch und schmutzige Scheidungskriege, usw. Mit etwas feuilletonistischem Mut wäre die Konstruktion von Zusammenhängen (auch kausaler Natur) zwischen den Teilelementen dieser Pärchen sicherlich zu bewerkstelligen. Kann man machen, muss man aber nicht.
Was man auch nicht muss, ist mit einer Kanone vom Kaliber ‚Gegenaufklärung’ auf Spatzen – pardon, Greifen, Harpyien oder [fügen Sie bitte hier ein Geschöpf aus Mythologie und/oder Fantasyliteratur Ihrer Wahl ein] – zu schießen. Insbesondere deshalb, weil man da auf dem Eisfeld der sauberen Argumentation mithin ins Schliddern kommen kann, und seien die Stollen, die man sich an die schweren Schuhe herkömmlicher Literaturkritik geschraubt hat, noch so lang. Alldieweil man nämlich – sofern man wollte – den Hinweis geben könnte, dass es im Zuge der Aufklärung allen Huldigungen an die reine Vernunft, wie sie von einem gewissen Herrn Kant nicht ganz zu Unrecht übrigens mit skeptischem Blick durchleuchtet wurde, auch die Tendenz gab, eine Hinwendung zur antiken Mythen- und Sagenwelt einzufordern. Warum? Um der als dröge empfundenen christlichen Geisteshaltung etwas hübsch Heidnisches entgegenzusetzen (was dann in der Romantik aus der Nummer wurde – Heldentod, ick hör dir trapsen –, steht auf einem gänzlich anderen Blatt). Als ‚dröge’ empfinden womöglich viele Menschen die auf Endlosschleife geschaltete Wertedebatte in der westlichen Welt und schauen sich folgerichtig hier und da in fiktionalen Welten um, wo nicht debattiert, sondern noch ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt wird (und ja, in solchen Welten finden sich archaische und gemeinhin überwunden geglaubte Gesellschaftssysteme zuhauf).
Weinharts Artikel hält beinahe ebenso rücksichtslos und konsequent das Niveau: „Er war der unbestrittene Höhepunkt der 3. Münchner Bücherschau junior, und dramaturgisch geschickt am Ende platziert […]“ steht da weiter zu lesen (inklusive des streitwürdigen Kommas). Als wäre es eine Sensation, wenn bei einer Veranstaltung dieser Natur der größte Publikumsmagnet – in diesem Fall Jonathan Stroud, dessen Werke ganz nebenbei bemerkt einen deutlich zu erkennenden subversiven Zug aufweisen – erst zum Schluss auf die Bühne geschickt wird und nicht am Anfang. Und überhaupt: Ist diese Hervorhebung nun ein feiner Seitenhieb auf ein vermisstes Dénouement bei der vorliegenden Inszenierung von Popularität oder vielleicht doch eher ehrliches Staunen darüber, wie man es richtig macht?
Etwas später im Text erahnt man ein Sticheln gegen alle Unkenrufer, die nach Erscheinen des allerletzten Harry-Potter-Bandes ein Ende des so genannten Fantasybooms dräuen sahen: „Als ließe sich das nicht eben neue Genre Fantasy unter einsilbigen Begriffen wie "Trend" und "Boom" subsumieren.“ Hoffnung keimt auf, man habe es unter Umständen wider Erwarten mit einer differenzierten Darstellung zu tun. Bedauerlicherweise wird diese Hoffnung von markigen Zwischenüberschriften erschlagen, von denen eine bereits unmittelbar auf den eben zitierten, ausreichend klugen Satz folgt – „Zauberer, Hexen, Drachen“ –, wohingegen die andere – „Blutig, kriegerisch, dunkel“ – noch etwas auf sich warten lässt. So, so. So ist sie eben, die Fantasy. Aus effekthascherischen Gründen kann man ein Genre plötzlich sehr wohl unter Zuhilfenahme knackiger Vokabeln subsumieren (wenngleich diese zugegebenermaßen mehrsilbig ausfallen). Dieses Verfahren ist mühelos auf sämtliche Strömungen und Labels des Literaturbetriebs anwendbar:
- Kommissare, Opfer, Psychopathen bzw. Mörderisch, knifflig, leichengespickt (Krimi).
- Ritter, Huren, Päpste bzw. Bunt, detailverliebt, rückwärtsgewandt (historische Romane).
- Ficken, Bumsen, Blasen bzw. Schwül, feucht, stahlhart (Erotika).
Eine solche Methode ist sowohl simpel als auch ungerecht (ganz abgesehen davon, dass sie bei näherem Hinsehen – sprich, bereits aus etwa einem halben Kilometer – keine haltbaren Ergebnisse liefert).
Da das Schwingen der Aufklärungskeule sich so schön wichtig angefühlt hat, gibt es gleich noch einen kräftigen Hieb damit: „Momentan könnte man beim Blick in die Kataloge der Verlage und Regale Zweifel daran bekommen, dass es in Europa je ein Zeitalter der Aufklärung gegeben hat […]“. Dieser Schlag stammt nicht von Weinhart selbst, die an jener Stelle andere für sich sprechen lässt – um genau zu sein Regina Pantos, die Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Momentan könnte man beim Blick auf frühere Aussagen von Frau Pantos Zweifel daran bekommen, dass es in ihrem Leben je eine Zeit gegeben hat, in der sie sich ernsthaft mit Fantasyliteratur auseinandersetzte. In einem Interview, das sie im vergangenen Jahr der Welt gegeben hat, erkannte sie, dass „diese Bücher entwicklungspsychologisch nicht viel weiterhelfen.“ Aha. Und wes Grundes? „Hier wird die Welt sehr schwarz-weiß gesehen, in Gut und Böse eingeteilt. Dabei bemüht sich unsere Gesellschaft doch, Vielfalt als Ideal darzustellen.“ Zur Ehrenrettung von Frau Pantos sei erwähnt, dass sie im selben Interview eingesteht, dass Fantasy dann doch irgendwie … ähm, die Fantasie beflügeln kann (höhö!). Am selben Ort erläutert sie indes auch, dass in Stephenie Meyers Werken der Werwolf eine zentrale Gestalt sei, der Mädchen wie junge Frauen in seinen erotischen Bann ziehe. Obschon der Werwolf in Meyers Bis(s)-Reihe ebenfalls eine anhimmelungswürdige Figur darstellt, wage ich dennoch zu behaupten, Frau Pantos wusste hier schlicht und ergreifend nicht so recht, dass bei Meyer der Vampir – wenn nicht eher sogar das junge Mädchen – die zentrale Gestalt darstellt (ein Blick aufs Cover und/oder den Klappentext hätte sich immens gelohnt).
Beenden wir lieber den Exkurs zum Thema Regina Pantos und kehren zu Weinharts Artikel zurück. Wieder schleicht sich der Verdacht ein, Frau Weinhart meine es letztlich gut mit der Fantasy, da sie beinahe als Antwort auf das Pantos-Zitat etwas davon zu berichten weiß, wie tief die Phantastik im Leserbewusstsein verankert sei. Geschenkt, dass sie bei der Nennung von Namen munter durch die Jahrhunderte springt – von Michael Ende und Astrid Lindgren erst zu den Gebrüdern Grimm und anschließend zurück zu Tolkien. Ebenfalls geschenkt, dass sich bei Ronja Räubertochter Druiden anstelle von Druden im Wald tummeln.
Als Frau Weinhart den Einfluss der Phantasik auf andere Genres ins Spiel bringt – da ist etwas erotisch aufgeladen sogar von einer Durchdringung die Rede –, wird es jedoch wieder sofort unscharf respektive überraschend naiv, was die Argumentation anbelangt. In Tannöd wird sich angeblich der Mittel des phantastischen Schauerromans im Stile eines Poe bedient. Mag sein, aber ist es nicht wahrscheinlicher, dass Andrea Schenkel als Krimiautorin ihre Hausaufgaben gemacht und sich eher an Poes hervorragenden Detektivgeschichten um Dupin orientiert hat? Und wie man zu dieser Einschätzung gelangt – „[…] nur wenig Grundsätzliches unterscheidet die mittelalterliche Szenerie des Wanderhuren-Zyklus der Bestsellerautorin Iny Lorentz von der phantastischen Narniawelt des C.S. Lewis“ –, ist mir schlichterdings ein Rätsel (es sei denn, ich habe bei der Lektüre der Wanderhure die sprechenden Messias-Löwen, den magische Waffen verteilenden Weihnachtsmann u. ä. überlesen).
Kommen wir zu einer der Hauptthesen Weinharts, wonach die „drückende Dominanz der Fantasy-Literatur […] in einer geradezu symbiotischen Verbindung mit dem Siegeszug von Computerspielen“ steht. Was hier gleich forsch als symbiotische Verbindung ausgegeben wird, meint eigentlich den nur bedingt aufsehenerregenden Umstand, dass viele Computerspiele sich bei Motiven der Phantastik jedweder Couleur bedienen. Dramaturgisch geschickt versucht Weinhart, die Frage nach der Henne und dem Ei zu umschiffen, indem sie postuliert, Jugendliche würden heutzutage einen leichteren Zugang zu Fantasy-Literatur finden (verglichen mit ihrer sonstigen Lesefaulheit), da diese Werke in ihrer Handlung den gleichen Strukturen folgen wie Computerspiele mit einem phantastischen Setting. Bravo! Obwohl demzufolge die Fantasy (und die Science-Fiction und der Horror) schon seit mehreren Jahrzehnten – ja, so lange gibt es diese neumodischen Spiele für den heimischen Bildschirm schon – kontinuierlich Zuwächse auf dem Buchmarkt verzeichnen müssten. Tun sie aber nicht (der als solcher kolportierte Fantasy-Boom in Deutschland etwa lässt sich viel eher mit der Verfilmung des Herrn der Ringe von Jackson in einen immer noch gewagten Zusammenhang setzen).
Ich erspare mir weitere Kommentare zu Weinharts Artikel (wennschon es zu „Unisex“, „All-Age“, den angeblich jugendlichen Autoren und „Questen“ noch einiges zu sagen gäbe) und verweise lieber auf Dirk KnipphalsArtikel in der taz. So geht’s doch auch.

1 Kommentar:

Katja hat gesagt…

DANKE für diesen gelungenen Gegenartikel!! Ich habe mich köstlich amüsiert und kann in allen von dir genannten Punkten nur aus ganzem Herzen zustimmen.

Liebe Grüße,
Katja