Freitag, 27. März 2009

Es regt sich Widerstand

Moops-Update:

Vor kurzem hat Thomas ja zwei Gegenartikel zur Berichterstattung in der (Online-)Presse geschrieben.

Nun werde diese Botschaften freundlicherweise auch von tapferen Streitern in die Welt hinausgetragen, das wollen wir unseren Lesern natürlich nicht vorenthalten. Insbesondere da diese Damen und Herren auch durchaus kluge Ergänzungen haben.

Reitersmanns Inklusorium bietet eine persönliche Anekdote (übrigens war es bei mir genau andersrum).

Am "Lake Hermanstadt" weiß man dazu auch kluges zu sagen, nämlich hier und hier.

G-wie-Gorilla hat auch aufgehorcht.

Und im Montségur-Autorenforum tragen andere Kundige hier und hier etwas zur Diskussion bei.

Da kann man nur sagen: Weiter so! Vielleicht kann man ja doch was bewegen, auf jeden Fall gilt: Je höher die Wellen, desto besser.

Moops Over and Out

Kommentare:

tkl hat gesagt…

So recht Sie mit ihrer Kritik an den Zeitungsartikeln haben, lieber Thomas Plischke, so sehr überschätzen Sie die Wirkung der verlinkten Blogeinträge und Forenaufregung.

Wenn Sie wollen, dass in den betreffenden Redaktionen über das Thema generell neu nachgedacht oder einfach im Einzelfall noch mal überlegt wird, wie der Schwachfug ins Blatt geraten konnte, dann muss Ihre fundierte Kritik auch genau dorthin. Als Leserbrief oder – warum nicht? – als Vorschlag einer öffentlichen Erwiderung an gleicher Stelle. Stichwort Debattenfeuilleton. Mag sein, dass Sie abblitzen. Aber einen Versuch scheint mir das allemal wert.

Einige Kommentare zeigen sehr gut einen der Gründe, warum sich etliche meiner KollegInnen gegen populäre/moderne Fantastik verbunkert haben. Weil zur Abwehrreaktion der kulturbürgerlichen Leserkreise („der Trivialmist interessiert uns nicht: schreiben sie lieber mehr über Ballett“) das stolz zur Schau getragene Desinteresse der Szene kommt: „Feuilleton ist Mist, Feuilleton lesen wir sowieso nicht, Feuilleton kapiert nix.“

Letztlich folgen jene Redaktionen, die One-size-fits-all-Eselsmützen über jede Art Fantastik stülpen, sehr viel genauer dem, was sich ihnen an Kundschaftserwartung vermittelt, als jene Redaktionen, die hie und da mal gegen die Feindseligkeitsbekundungen aus beiden Lagern anschreiben.

Schöne Grüße,
Thomas Klingenmaier (Journalist)

Thomas Plischke hat gesagt…

Lieber Thomas Klingmaier,

zunächst einmal vielen lieben Dank für Ihre interessanten Anregungen. Den Vorschlag mit dem Leserbrief werde ich mir in jedem Fall durch den Kopf gehen lassen.

Die äußerst begrenzte Wirkungsreichweite von Blogs und Foreneinträgen ist mir durchaus bewusst, aber es war mir ein dringendes Bedürfnis, etwas Dampf abzulassen (wenn auch in einem Umfeld, wo die weißen Wölkchen wahrscheinlich rasch verpuffen).
Im Übrigen läge mir nichts ferner, als alles, was im Feuilleton erscheint, von vornherein und völlig grundlos zu verdammen. Im Gegenteil: Die Lektüre des Feuilletons kann unterhaltsam, spannend und informativ sein (und zählt zu meinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen). Ich sehe dort sogar generell ein scheinbar wachsendes Interesse an Hervorbringungen der Populärkultur. Was mich an den beiden kritisierten Artikeln eher störte, war die offenkundige Schludrigkeit in Argumentation, Darstellung und Recherche. Es steht jedem frei, Kritik an jedem Genre zu üben - selbstverständlich auch an der Fantasy.

Beste Grüße,
Thomas Plischke

tkl hat gesagt…

Wenn sich bestimmte Vorurteile und Denkmuster einmal festgefressen haben, dann ist es eigentlich kein Wunder, wenn sie in Abständen durch Artikel der Marke „Was wir schon immer wussten, ohne je darüber nachgedacht zu haben“ bestärkt werden.

Bemerkenswert bei der immer noch zu findenden Pauschalabwertung von moderner Fantastik ist, dass alle am Thema interessierten Kollegen vor ein paar Jahren Stein und Bein geschworen hätten, dass der Reputationssprung unmittelbar bevorsteht, dass in der nächsten oder spätestens übernächsten Saison Fantastik als satisfaktionsfähig „entdeckt“ würde - wie der Krimi in den 80ern. Das hätte (siehe Krimi) noch nicht geheißen, dass man sich viel um ihn gekümmert hätte. Aber öde-blöde Pauschalverurteilungen schienen uns damals (als „Harry Potter“ und Jacksons „Herr der Ringe“-Adaption noch als aktuelle Wirkmachtphänomene angestaunt wurden) kurz vorm endgültigen Ableben zu stehen.

Nun werden sie immer noch gedruckt, in liberalen Qualitätszeitungen, nicht in Das-Ende-ist-nahe-Blättchen irgendwelcher Kultur- oder Religionsfundis. Wäre auch eine interessante Frage für einen Artikel: wie konnte das geschehen? Bzw., bezogen auf den Fantasy-Erleuchtungsknall: wie konnte der ausbleiben?

Schöne Grüße,

tkl

Reitersmann hat gesagt…

Vielleicht hat es ja zu tun mit einer gewissen Frustration darüber, dass der Kulturredakteur angesichts der Bestsellerlisten und der Buchhandlungssondertische eigentlich über etwas schreiben müsste, von dem der Kulturredakteur eigentlich nicht sehr viel Ahnung hat. Also wird sich vorerst mal auf alte Reflexe verlassen: "Eskapismus! Wirtschaftskrise!"
Ich kann die Lage im Feuilleton allerdings auch nur ausschnittsweise beurteilen und weiß nicht, ob der "Durchbruch" eventuell doch noch kommt und es sich hierbei nur um Rückzugsgefechte handelt.

Beste Grüße,
RR

tkl hat gesagt…

Werter Reitersmann, "der" Kulturredakteur - wenn wir den überhaupt mal so pauschal zur Normfigur krummlügen dürfen - schreibt seine Artikel nicht selbst. Er gibt sie oft nicht einmal aus eigener Inspiration in Auftrag, sondern nimmt Angebote freier KollegInnen an oder greift Vorschläge (von draußen oder von innerhalb der Redaktion) auf und sucht AutorInnen dafür.

Themen, Platzierung, Tendenz und beauftragte AutorInnen sind dabei gern mal vorab Thema in Konferenzen. In diese Arbeitswirklichkeit passt Ihre Theorie vom simplen Abwehrreflex nicht so recht.

Und was die Frustration angesichts des Unbekannten angeht - jeder Kulturjournalist stößt als mehr oder weniger horizontverengter Fachidiot jeden Tag auf Phänomene, von denen er arg wenig versteht. Ratholung, Kompetenzbeiziehung sind fester Bestandteil des Jobs. Tatsächlich wurden Redakteure die letzten Jahre durch immer mehr zu Koordinatoren externen Sachverstands und agierten immer weniger als Autoren. (Dass sich das nun im Rahmen von Kostendämpfungskonzepten wieder ändern soll, ist ein trübes Thema, das aber mit der derzeitigen Ausgrenzung von Fantastik noch nichts zu tun hat.) Die Frage ist: warum funktioniert die alltägliche Kompetenzbeiziehung auf dem Gebiet der Fantasy so wenig?

Mir fallen dazu diverse Ursachen ein, aber bei einer Vermutung kann ich auf Thomas Plischkes Texte und meine Bitte zum Herantreten an die verantwortlichen Redaktionen zurückkommen: ich glaube, die an Fantastik Interessierten betreiben einfach (noch) schlechtere Lobbyarbeit bei den Medien als z.B. die Krimiszene.

Schöne Grüße,

Thomas Klingenmaier

Reitersmann hat gesagt…

Lieber Herr Klingenmaier,

tut mir leid, ich habe mich unklar ausgedrückt. Ich war in einem früheren Leben selbst Zuträger einer Kultur- und anderer Redaktionen und weiß in etwa, wie es läuft. Ich hätte statt Kulturredakteur „der Feuilletonist als statistische Größe“ schreiben sollen. Einigen wir uns darauf.

Ich würde es auch nicht als „Abwehrreflex“ des Feuilletons verstehen, sondern besser als einen „Erklärungsreflex“, der das Phantastische traditionell immer dann am Werke sieht, wenn gesellschaftsübergreifender Eskapismus und Rückzug ins Behagliche angesagt ist. Das ist für den Feuilletonisten verhältnismäßig einfach zu umschreiben. Ich will gar nicht erst anfangen von dem Literaturwissenschaftler Winfried Freund, der die Anfänge der Phantastik in einer politisch revolutionären deutschen Spätromantik verortet (Restauration), oder von den angloamerikanischen New-Wave-Autoren der Spätsechziger und ihrem revolutionären Gestus.
Es gibt da wohl einige Irritationen in den Redaktionsstuben, die mit alten Rezepten erklärt werden sollen, einfach weil es die einfacheren sind.

Dem könnte man, wie Sie feststellen, durch mehr Kompetenzbeiziehung sicher abhelfen. Ich nehme derartiges inzwischen auch durchaus wahr, was mich auch zu der vagen Hoffnung veranlasst, dass aus der reinen Oberflächenbetrachtung in naher Zukunft ein tieferer Blick wird.
In der heutigen Printausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ wird der Kulturteil übrigens dominiert von einer Doppelseite zu „Weltraum und SF“ (Jahr der Astronomie). Reine Überblickstexte natürlich, aber immerhin gibt es ein Interview mit Charles Stross.

Wie es aber dazu kam, dass etwa die Briten ihre Phantastik-Autoren hegen und pflegen und das deutsche Feuilleton nie einen rechten Zugang zu diesen Stoffen fand, da würde mich Ihre Meinung, Herr Klingenmaier, durchaus brennend interessieren.

Beste Grüße,
Ralf Reiter
(Gutachter, Redakteur)

tkl hat gesagt…

Liebe Fantastikhasserschelter, ohne Vollständigkeitsanspruch (es ist schon arg spät) und ohne Rangfolge habe ich mal ein paar Faktoren notiert, die mir außer der Eskapismus-Keule noch eine Rolle zu spielen scheinen.

1.) Die Konkurrenz der Themen. Fantastik käme ja nicht einfach dazu. In Zeiten sowieso wieder schwindender Umfänge (& Honorarbudgets) müssten etablierte Genres Platz abgeben. Deren Lobbies aber kämpfen für den Bestandserhalt sehr viel effektiver als das in sich sowieso gespaltene Fantastik-Fandom (Horror / SF / Fantasy) für den Raumgewinn.

2.) Die Konkurrenz der Autoren. Die haupt- und nebenberuflichen Kritiker kämpfen um die schwindenden Plätze, um Honorare, Profilierungschancen, Einflussmöglichkeiten. Wer Fantastik anschleppt, bringt zwar theoretisch frische Themen mit, wird im täglichen Platzkampf aber mal um mal von den seriöseren KollegInnen verdrängt. Und läuft Gefahr, auf Dauer einen Rufschaden zu erleiden, als Typ, dessen Maßstäbe eben doch sehr zweifelhaft sind. Der Fantastik-Malus wird also intern perpetuiert, weil sich damit Konkurrenz ausschalten lässt. Eine stützende Lobby aus der Leserschaft (siehe Punkt 1) haben diese Fantastikinteressierten nicht.

3.) Die Zugewinnrechnung. Die etablierten Medien haben ihre (Illusion von) Deutungshoheit verloren. Sie bestimmen nicht mehr für eine große Gefolgschaft, was akzeptabel ist, sie kämpfen selbst verzweifelt um Akzeptanz. Die Aufnahme neuer Themen unterliegt der Zugewinnkalkulation bei der Leserschaft. Das überschneidet sich ein wenig mit Punkt 1: Gewiss ist den Redaktionen die entnervte Ablehnung von Fantastik durch Teile ihrer jetzigen Kundschaft. Sie bekommen aber - das Internet verführt da zur raschen Meinungsforschung per Surfzufall - aus dem Fantastik-Fandom das Signal: was Ihr macht, geht uns sowieso am A vorbei.

4.) Die Themen-Redundanz. Es gibt ein durchaus zerquältes Verantwortungsbewusstsein in kleinen Redaktionen für die vielen, vielen Kultursparten. Gegen die Fantastik in Literatur spricht, dass fantastische Motive sowieso schon groß ins Blatt gekommen sind in den letzten Jahren: durch die Kinoberichterstattung. Dort ist das Fantastische ja oft prominent vertreten. Man mag das Redundanz-Argument („haben wir doch schon, brauchen wir nicht nochmal...) auf den ersten Blick für verlogen halten. Aber tatsächlich spiegelt es ein Konsumentenphänomen: der normale Fantastikliebhaber scheint mir tendenziell weniger medien- als motivgebunden, bewegt sich also eher zwischen Comic, Buch, Hörbuch, Film, Musik, Videospiel, Pen & Paper, realen sozialen Netzwerken als andere Leser.

5.) Das Schreckbild vom unreifen Leser. Als Tolkiens HdR vo Peter Jackson auf die Leinwand gebracht wurde, haben viele Redaktionen („Harry Potter“ hatte da Vorarbeit geleistet) interne Widerstände gegen Hardcore-Genrefantastik aufgegeben und Tolkiens Werk in dieser oder jener Form einer oft sehr wohlwollenden Betrachtung unterzogen, Und Fan-Proteste geerntet. Alle weiterführenden Deutungen und Weltverknüpfungen wurden verhöhnt und beschimpft, gern mit Hinweis auf Tolkiens Allegorienabneigungen. Grundlegende Übereinkünfte für das Gespräch über Kunst - der Künstler hat nicht die Deutungshoheit über das eigene Werk und kennt es selbst eben nicht am besten – wurden verworfen. Nerdigster Fanatismus brach sich Bahn: wehe, irgendwo stand Elfen statt Elben. Die etablierten Feuilletonesen sahen mit einiger Befremdung die Kultur der Gewandungs- und Fantasy-Faschingstreffen und lasen schon eher angepisst die doof-besserwisserischen, aber klippschülerhaften Auslassungen der Tolkien-Rechtgläubigen zur Neuübersetzung des HdR durch Krege. Und beschlossen: an diese Leute ist sowieso kein Herankommen. Seitdem fehlt der Großanlass zur Revision dieser Haltung.

6.) Die Wertungsungewissheit. Die wenigsten Kritiker können (gut) begründen, was sie weshalb für gute Literatur halten. Die Verunsicherung ist stetig gewachsen. Da ist es hilfreich und tröstlich, wenn man wenigstens irgendetwas aufgrund klarer Kennzeichen ausgrenzen kann. Wenn kindisches Zeugs – Drachen, Zwerge, Raumschiffe – Element, Träger, Haftfläche satisfaktionsfähiger Literatur sein kann, dann bricht für diese Kritiker das letzte bisschen fester Grund weg. Sie fühlten sich doch so gereift und erwachsen und wertungssicher, weil sie von so was schon lange Abschied genommen hatten. Dass Texte, die ganz viele Signale des höchst Trivialen geben, trotzdem Literatur sein können, überfordert die Sortierapparaturen dieser Kritiker. Eventuell meldet der Scanner sogar „Literatur“, aber die KollegInnen verdrängen das, weil sie fürchten, die völlige Beliebigkeit hielte nun Einzug. Man könnte diesen Punkt also auch um den Unterpunkt Mangel an Mumm erweitern.

Schöne Grüße,

Thomas Klingenmaier

Ole hat gesagt…

Lieber Herr Klingenmaier,

ein sehr smartes Kommentar, wenn ich das so sagen darf.

Beste Grüße,
Ole Johan Christiansen

Reitersmann hat gesagt…

Exzellent, sehr erhellend, danke sehr. Ich habe schon seit circa drei Jahren nicht mehr so oft hintereinander genickt wie bei Ihrem Punkt 5. Der reinste Wackeldackel ...

molosovsky hat gesagt…

Jetzt erst entdecke ich dieses wunderschöne *Gespräch*. Ich bin begeistert. Obwohl ich Thomas Plischkes Erwiderungen auf die *mindermebittelten* Anti-Phantastik-Vorurteilsartikel in ihrem Ton etwas unglücklich fand, teile ich aber im Grunde die Intention. Wie Ralf Reiter und vor allem Thomas Klingenmaier dann den Ball aufnehmen, ist fast schon eine kleine Sensation für mich. -- Danke Thomas Plischke für den Stein des Anstoßes und DankeDankeDanke Klingenmeier und Reiter für die wirklich dollen Kommentare!

tkl hat gesagt…

Einen Problempunkt sollte ich vielleicht noch nachlegen: die Literaturkritik hat speziell mit Fantasy ihre liebe Not, weil die gern in Zyklen über das Leserleben walzt. Da weiß der Kritiker nicht, wann einsetzen. Beim ersten Band ist das Werk noch unüberblickbar, in der Mitte findet sich der Zeitungsleser nicht zurecht (hat den Anfang verpasst, bekommt ein Buch eventuell gepriesen, soll aber drei Bücher weiter vorne anfangen), und am Ende (wenn's denn eines gibt) ist meist eh die Luft raus.

Obendrein widerspricht diese Voluminitis der Kritikergrundempfindung, Kunst sei Verdichtung. Selbst wer irgendwelche 1000-Seiten-Romane der Hochliteratur in Schutz nimmt, staunt, wenn solch ein Pensum ihm in einem Fantasy-Zyklus als Kleinteil einer Großerzählung serviert wird. Da schrillt nicht ganz zu Unrecht der Wiederholungs-Alarm, und er lässt's lieber alles ungelesen liegen.

Redundanz grundsätzlich für einen Makel zu halten, ermöglicht punktuell sauberes kritisches Arbeiten. Wirkungsvolle von öder Wiederholung abzugrenzen, Refrain von Palilalie, ist viel schwieriger - und das Ergebnis weit subjektiver.

Zu Reitersmanns Frage nach der unterschiedlichen Fantastik-Wertschätzung von Briten und Deutschen würde ich in ein paar Tagen gerne noch etwas sagen. Ich bin leider ein Pausen-Disputant, weil der unerbittliche Job usw. usw. Ich lese aber hier gerne weiter mit, auch wenn ich mich nur selten zu Wort melden kann.

Schöne Grüße,

tkl

Reitersmann hat gesagt…

Einfach in den Raum geworfenes, undiszpliniertes Plapper-Brainstorming, zum Widerspruch und zur Erweiterung freigegeben, bis es scheppert.

Meines Erachtens brach im deutschprachigen Raum eine Traditionslinie, die nicht wieder gekittet wurde. In den angloamerikanischen Ländern brach diese Linie hingegen nie. Es gab die deutsche Spätromantik und zwischen 1890-1933 einen signifikanten Phantastik-Output im deutschprachigen Raum mit Bestsellern, an die selbst heutige Blockbuster oft nicht heranreichen. Ich finde, die Deutschen sind sogar eminent anfällig für das Phantastische. Es gibt eine „deutsche Seele“, wie es eine „russische Seele“ gibt. Dann kamen die Scheiterhaufen. Nach dem totalen Desaster 1945 hatte man insgesamt wenig Interesse an Gruselgestalten aus dem Unterbewusstsein, an Raketenträumen, an Blut-und-Boden-Ästhetik. Vielleicht hatte man auch irgendwie echte Angst vor ihnen bekommen. Heinz Erhardt kam genau richtig, um das Unterbewusstsein zur Ruhe zu bringen.

Als nach der Konstituierung und Stabilisierung der Bundesrepublik auch das Interesse an phantastischen Stoffen wiedererwachte, wurde dieses von Lohnschreibern befriedigt oder importiert, vorerst nur im Heftromanformat. Für das Feuilleton war das alles, womöglich zu Recht, Schund. Mit dem Anwachsen des Ausstoßes bildete sich ein Fandom heraus, das stets jenseits der kulturellen Demarkationslinie verblieb und niemanden groß interessierte. Und das deswegen auch von Anfang an feuilletonfeindlich war. Einerseits hatten wir das schnöselig Schöngeistige, andererseits postpubertäres Beharren, das z.B. unlängst noch Michael John Harrison erklären wollte, warum sein Roman „Licht“ totale Scheiße ist.
Wichtige Trends wie z.B. die „New Wave“ der Spätsechziger registrierte in Deutschland kein Mensch, oft nicht mal die Fans selbst, während es in GB zeitgleich eine Unterhausdebatte um „New Worlds“ und Spinrads „Bug Jack Barron“ gab. Spinrads „Iron Dream“ (1972) erschien in Deutschland erst 1982, zuvor war das gar nicht möglich. Er wurde auch postwendend indiziert, dann aber nach fünf Jahren Rechtsstreit wieder freigegeben. (Bei Wikipedia steht etwas anderes, das noch heftiger klingt.) Man traute SF-Lesern damals nicht zu, die Konstruktion des Romans zu verstehen, denn das waren ja alles tumbe Burschen.

Die Demarkationslinie ist jedoch schon seit längerer Zeit brüchig geworden. Solche, die jenseits von ihr aufgewachsen sind, driften manchmal bis in die Feuilletons; ein oder zwei Generationen, die mit Phantastischem aufgewachsen sind, schreiben inzwischen selbst und finden Gehör (und offene Geldbeutel). Ich bilde mir ein, diesen Trend miterlebt und eventuell (zufällig) mit beeinflusst zu haben. Als Markus Heitz seine erste Serie auf den Markt bringen sollte, wurde noch über ein englisches Pseudonym für ihn nachgedacht. Susanne Gerdom, die ein bisschen früher dran war, ging tatsächlich noch mit einem solchen an den Start.

Der ganze Motivkorpus ist aber schon seit den Achtzigern zunehmend „Pop“ geworden, sickerte in Subkulturen und Neue Medien, in die Werbung, ins Blockbuster-Kino, ins TV und mutierte vor einigen Jahren eben zur All-Age-Variante. Darüberhinaus kommt möglicherweise die Postmoderne jetzt erst so richtig auf ganzer Breite angebrettert und setzt eine Hybridisierungstendenz mit der Brechstange durch. Es gab in den 80ern Vorarbeiter, die aber nur die Eingeweihten entdeckten. Die Truppe um Barker-Newman-Gaiman-Moore etc. Jetzt tauchen, qualitativ oft stark verwässert, alle nur denkbaren Formen auf, vom Hausfrauen-Porno bis zum christlichen Fundamentalismus – alles nutzt plötzlich das Phantastische, und der Markt schluckt es. (Verzeihen Sie das mit dem „Hausfrauen-Porno“ und dem „Schlucken“, aber in einem Genre, das in manchen Feuilletons immer noch als lieb-harmlos-flüchtig gilt, wird inzwischen an manchen Stellen sogar recht ausgiebig „geschluckt“.) Es hat auch seine komischen Seiten: Ich persönlich liebe diese Missverständnisse wie bei „Pans Labyrinth“. Eltern kaufen den vermeintlichen All-Age-Film (jugendliche Heldin neben Fantasy-Gestalten), und dann fällt ihnen das Essen aus dem Gesicht angesichts dessen, was die Faschisten da so treiben. Der beste Phantastische Film unserer Generation!
In den USA ist das alles schon seit einer halben Ewigkeit so, und eventuell werden wir im phantastischen Sinne nun endgültig amerikanisiert. Nee, wir werden globalisiert! Ich selbst stehe staunend davor und kenne keinerlei Skrupel mehr. Okay, ein paar habe ich schon noch …

tkl hat gesagt…

Nun darf ich mal wackeldackeln. Wobei ich noch einen nebulösen Gedanken anfügen möchte.

Die Deutschen haben früh einen gewissen Dünkel gegenüber erzählender Prosa entwickelt, die eher als Volksbelustigung galt. Feingeister delektierten sich an Lyrik und Theaterstücken. Erst die Romantik hat die Großoffensive der Prosa im Deutschen gebracht. Die wichtigere Exorzismusbewegung in der BRD war zwar gewiss die von Reitersmann beschriebene: weg mit Magischem (= Rasse-, Blut- und Bodenmunkelei) und weg mit SF (= Hitlers Wunderwaffen). Aber im kollektiven Unterbewusstsein des Kulturbürgertums könnte da auch so eine Rache- oder Reinigungsprozedur vollzogen worden sein. „Also gut, wir haben diese minderwertige Erzählprosa als neue Leitliteratur. Aber dann treiben wir ihr zumindest das Fantastische aus, um sie praktisch und symbolisch vom Volksdümmlichen zu befreien.“

Um mal positiv zu werden: es ließe sich manches bewegen. Vor zwei Jahren habe ich z. B. mal überlegt, ob Stuttgart nicht so was wie ‚Tage der fantastischen Literatur’ gut anstünden. Der Chef des hiesigen Literaturhauses, Florian Höllerer, war sofort bereit, als Gastgeber und Mitveranstalter zu agieren. Gebremst wurde das nur dadurch, dass von Anfang an klar war, dass ich anderer Auslastungen und Loyalitäten wegen dieses Projekt nicht auf die Beine stellen könnte. Leider ist ein Kollege, den ich gerne als Kurator von so was gesehen hätte, mittlerweile so was von angepisst von der realen Marktentwicklung, dass er überhaupt keine Lust mehr hat, sich in Sachen Fantastik zu engagieren.

Aber aufgeschoben ist in diesem Fall nicht aufgehoben. Ich will nur erwähnen, dass auch dort, wo man’s lange nicht erwartet hätte, Debattenbereitschaft herrscht. Besagter Kollege ist allerdings zu dem Schluss gekommen, so ein Fantastiktageversuch mit ein paar Lesungen, Vorträgen, Workshops würde gerade von der/den Fantastikszene(n) überhaupt nicht angenommen.