Donnerstag, 26. März 2009

Es geht schon wieder los

Nachdem uns erst unlängst Susanne Weinhart mit ihren Ansichten zum so genannten Fantasy-Boom bedachte, legt nun Dr. Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt nach. Seegers’ Stoßrichtung ist alldieweil ein wenig anders: Wie es sich für eine bucherfahrene und literaturaffine Intellektuelle gehört, beklagt sie den Umstand, dass das einfache Lesevolk irgendwo dort draußen einfach nicht mehr zu den richtigen Büchern greifen will, weil sich doch allerorten die Jugendkultur durchgesetzt zu haben scheint. Was in diesem speziellen Fall bedeutet, dass sich in den Bestsellerlisten dieser Tage „Rowling, Funke und Co.“ (Originalzitat Seegers) dicht aneinander drängen und – fies und gemein – kaum noch Platz für Daniel Kehlmann (der es, welch schreiende Ungerechtigkeit, nur auf den vierten Rang schafft und wohlweislich bereits in Bälde beim Betteln in Fußgängerzonen beobachtet werden kann) oder Philip Roth lassen. Also greift man flugs zur Lyra und stimmt einen Gesang an, dessen emotionale Färbung zwischen Mitleid und Entsetzen liegt. „Anspruchsvolle Literatur hatte es noch nie leicht“, analysiert Seegers dann auch in der letzten Strophe messerscharf, wobei sie den Zusatz „außer natürlich im geschützten Feuchtbiotop des Feuilletons und auf den Nachttischen des Bildungsbürgertums“ leider unterschlägt.
Generell bedient sich Seegers mit Vorliebe der Unterschlagung von Argumenten: So instrumentalisiert sie eine provokante Äußerung von Denis Scheck zur dessen Meinung nach mangelnden Spannung in Rowlings Beedle-Buch, weil es gerade so wunderbar in die Argumentation passt, verzichtet indes allerdings darauf, auch nur ansatzweise zu erwähnen, dass ein und derselbe Scheck vor nicht allzu langer Zeit zwei Werke aus dem Bereich der Phantastik – Der Name des Windes von Patrick Rothfuß sowie Fritz Leibers Hexenvolkausdrücklich lobte (wobei zumindest das erstgenannte mühelos mit dem in Deutschland aktuell so beliebten „All-Age“-Label versehen werden könnte).
Eine meiner absoluten Lieblingsstellen in Seegers’ Artikel findet sich in der oberen Hälfte ihres Ergusses, wo sich die Empörung der Elfenbeinturmbewohnerin in drei Fragen entlädt, die zum Schmunzeln einladen: „Ist das noch Literatur, die wir lesen wollen? Literatur, die uns die Auseinandersetzung mit dem Individuum und der Geschichte in Werken von tieferer Bedeutung und höherer sprachlicher Qualität vorführt? Ist die Literatur infantilisiert oder sind es die Leser?“
Ich erlaube mir, mit drei Gegenfragen zu antworten: „Wer ist dieses Wir, das da etwas vielleicht nicht mehr lesen will?“ „Wo wurde diese Literaturdefinition abgeschrieben und aus welchem Jahrhundert stammt die Quelle?“ „Warum haben Sie überhaupt ‚Literatur’ geschrieben, um auf ein paar harmlose Büchlein einzuprügeln, die Ihren Zorn erregen, wo Ihnen beim Verfassen Ihrer Zeilen doch eigentlich das Wort ‚Schund’ durchs Hirn gegeistert sein muss?“
Dass mit Frau Dr. Seegers erneut eine Blinde von den Farben spricht, belegt letztlich folgende Verirrung: „Kein Wunder, dass auch Erwachsene sich gerne diesen Rettungs- und Tröstungsfantasien hingeben. Schließlich kennt die moderne Erwachsenenliteratur kaum Beruhigendes. Da ist von Ehebruch, Tod, Krankheit oder schweren Schicksalsschlägen die Rede, Erwachsenenthemen also.“ Hört, hört. Ehebruch, Tod, Krankheit oder schwere Schicksalsschläge – davon hat man also im Jugendbuchbereich als Thema noch nie gehört (und zwar weder in den bunten Gefilden des Phantastischen noch an den graueren Gestaden der realitätsbezugsverpflichteteren Genres).
Ähnliche Schwächen weist auch der Text auf, der unter dem Bildchen zu finden ist, mit dem der Artikel geschmückt wurde (was wahrscheinlich beides nicht auf Seegers’ Mist gewachsen ist, doch darauf kann man nur bedingt Rücksicht nehmen): „Erwachsene lesen vor, Kinder hören zu - wie hier in "Tintenherz" (mit Mirabel O'Keefe und Brendan Fraser). So war es. „Inzwischen kaufen (und lesen) 70 Prozent der Erwachsenen Jugendbücher“, steht da zu lesen. Den Musen und dem humanistischen Bildungsideal sei Dank gehöre ich selbst noch zur Generation „So war es“ und wurde als Kind mit Homerschen Versen im Original, sanfter Grabenkriegslyrik von Gottfried Benn und ausgesuchten Kafka-Erzählungen in meinen unruhigen Schlaf gewiegt. Das war schon schön, damals… Was mich indes gewaltig stört, ist die brutale Vergewaltigung der heiligen Mathematik, die hier stattfindet: Wer immer die Bildunterschrift verbrochen hat, bastelt aus dem im eigentlichen Artikel vorfindbaren Satz „"Harry Potter" wird zu 70 Prozent von Erwachsenen gekauft und nur zu 30 Prozent von Kindern und Jugendlichen“, die Behauptung, „Inzwischen kaufen (und lesen) 70 Prozent der Erwachsenen Jugendbücher“, um für einen Hauch statistischer Dramatik zu sorgen. Ganz abgesehen davon, würde es mein Herz erfreuen, wenn Erwachsene hoffentlich auch noch in hundert Jahren das eine oder andere Jugendbuch kaufen, um es dem Sprössling oder sonstigen Zielgruppenangehörigen als Geschenk zu vermachen…
Richtiggehend lustig wird es, wenn Seegers sich genötigt sieht, mal eben noch darauf zu verweisen, dass die Infantilisierung und der Jugendwahn, den sie im Lesevolk ausgemacht haben will, selbstverständlich mit dem bösen, bösen Computer respektive Computerspielen in Verbindung steht:
„Die drückende Dominanz der Fantasy-Literatur dieser Tage steht jedoch in einer geradezu symbiotischen Verbindung mit dem Siegeszug von Computerspielen, die seit ihrer Geburt Anfang der achtziger Jahre begierig die magisch-übernatürlichen Elemente, die Motivik alter Mythen, Volksmärchen oder Sagen mit ihren schillernden Gestalten, königstreuen Feudalgesellschaften und horrenden Archetypen aufgreifen und in phantastischen (Rollen-)Spielen wie "World of Warcraft", "Warhammer", "Final Fantasy", "Sacred", "Gothic" und "Diablo" in immer perfekteren Landschaftspanoramen und Schlachtenexzessen inszenieren.“
Huch! Pardon. Das war aus dem Weinhart-Artikel in der Sueddeutschen. Bei Seegers heißt das:
„Die drückende Dominanz der Fantasy-Literatur steht auch in symbiotischer Verbindung mit Computerspielen, die alte Mythen, Volksmärchen oder Sagen mit ihren schillernden Gestalten, königstreuen Feudalgesellschaften und horrenden Archetypen in fantastischen (Rollen-)Spielen wie "World of Warcraft" oder "Gothic" in wilden Landschaftspanoramen und Schlachtenexzessen inszenieren.“
Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Seegers hat wahrscheinlich nur übersehen, die Gänsefüßchen zu setzen und anklingen zu lassen, dass sie ein bisschen Weinhart geschmökert hat – die geschätzte Kollegin ist ja ein paar Jahrzehnte jünger und wird schon gewusst haben, worüber sie da salbadert. Geschenkt, dass man bei Seegers überdies die nahezu identischen Enzensberger-Mutmaßungen in Sachen Eskapismus findet wie bei Weinhart. Der gute Herr Enzensberger ist ja bekanntlich ein ernstzunehmender Literat, dessen Werk „uns die Auseinandersetzung mit dem Individuum und der Geschichte in Werken von tieferer Bedeutung und höherer sprachlicher Qualität vorführt“. Vielleicht sollten Seegers und Weinhart sich auch genau damit auseinandersetzen, falls ihnen das, was die Masse so goutiert, sauer aufstößt. Damit wäre dann allen Beteiligten sicherlich am besten geholfen.

Allerdings sei eingestanden, dass ich mich allzu gern mit Frau Dr. Seegers auf einen Kaffee treffen würde, um zu erfahren, was denn nun "wirkliche Lektüre" sein mag.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Vielen, vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Einfach klasse!