Donnerstag, 5. Februar 2009

Das Kreuz mit der Literaturwissenschaft

Viele Menschen, die schreiben, stehen der Literaturwissenschaft erstaunlich skeptisch gegenüber. Ungefähr so, als müsse sich ein Chirurg einer Herz-OP unterziehen, deren Durchführung einem Psychiater obliegt („Ich schaue dann mal eben in Sie rein“, sagte er, legte seine Pfeife beiseite und griff zu einem rostigen Skalpell.)
Meiner bescheidenen Meinung nach beruht dieses Misstrauen auf einem Missverständnis, das mit dem Begriff ‚Wissenschaft’ in Verbindung steht. Fällt selbiger, wird üblicherweise ein Bild in den Köpfen wachgerufen, das im Grunde das eines Naturwissenschaftlers ist. Folgerichtig ist ein Literaturwissenschaftler damit eine Person, die mit allerlei Vermessungsinstrumentarium an das gewählte Untersuchungsobjekt herantritt, um es mittels eines von Vernunft geleiteten und den Regeln der Objektivität verbundenen Prozesses vollends erklärbar zu machen. Es mag solche Literaturwissenschaftler geben, doch sie sind die Ausnahme. Die ehrgeizige Aufgabe, die ihnen unterstellt wird, können und wollen die meisten nicht einmal im Traum erfüllen; der lauernde Vorwurf der kühlen Entzauberung ist ein haltloser. Doch warum hält er sich derart hartnäckig?
Nach gründlichem Studium der Blips auf dem Anti-Literaturwissenschaftsradar meine ich, mir zwei Gründe zurechtfabulieren zu können:

1. Ein signifikanter Anteil von Personen, die unter Verwendung eines potenziell eher realitätsentfernten Zeichensystems Narrationen konstruiert, kollidiert in der Tendenz vorrangig mit Derivaten literaturwissenschaftlicher Produktion, welche dem Zwecke einer Handreichung von Methoden und Strategien zur Optimierung von narrativen Strukturen und Prozessen dienen, oder sie begegnen Texten, die auf einer erkenntnisvermittelnden Ebene in der Tradition obfuskatorischer, jargongebundener Mystifikation stehen.
So. Ich übersetze das mal eben rasch: Viele Autoren lesen gerne mal Schreibratgeber, die Ergebnisse der Literaturwissenschaft quasi als Dogma der Kreativität verkaufen (gern auch ohne Angaben von Quellen). Diejenigen, die zu einem Sekundärtext greifen, langweilen sich schnell zu Tode (sofern es ihnen nicht gelingt, rechtzeitig den Blick vom Geschriebenen wegzureißen, ehe ihnen die Birne platzt), weil dank diverser Einflüsse einiger renommierter Soziologen aus unseren Landen zahlreiche wissenschaftliche Texte, die in Deutschland verfasst wurden, diesen Umstand anhand ihrer Sprache nur noch ansatzweise erahnen lassen. Man verstehe mich nicht falsch: Jedes Fachgebiet entwickelt unweigerlich Fachbegriffe. Entgegen der angelsächsischen Auffassung, wonach es einem wissenschaftlichen Text indes gut tut und es gar ein Merkmal seiner Qualität ist, wenn er für halbwegs gebildete Menschen jedweder Couleur – und ja, das schließt explizit auch völlig Fachfremde ein – verständlich bleibt und die zugrundeliegende Argumentation nachvollziehbar ist, schafft der deutsche Wissenschaftler gern Wundersames, das sich in neun von zehn Fällen an die anderen Bewohner seiner Etage des Elfenbeinturms richtet. Flattert mal ein Zettel aus einem geöffneten Fenster und wird von den Barbaren vor den Toren gefunden, ist das gewonnene Wissen vor Missbrauch also ausreichend geschützt.

2. Wie oben bereits angeklungen, ist es das Wörtchen ‚Wissenschaft’, das für Verwirrung sorgt. Womöglich wäre der Stacheldraht nicht ganz so hastig ausgerollt, wäre von Literaturlehre oder Literaturkunde die Rede. Alldieweil dies auch der unter Literaturkundlern gemeinhin geltenden Auffassung entspricht, ihr Tun dürfe nicht präskriptiv – also vorschreibend –, sondern lediglich deskriptiv – will meinen: beschreibend – sein. In letzter Konsequenz steht nämlich auch der Literaturkundler oftmals mit der gleichen Verwunderung vor einem bestimmten Text wie ein Nicht-Literaturkundler: Der Text berührt ihn, ohne dass der Literaturkundler mit Sicherheit sagen könnte, woher diese Regung stammt. Da er aufgrund einer nicht abstreitbaren Deformation in seinem Denken nun nicht einfach sagen kann: „Ich fand das irgendwie voll schön“, bemüht er Worte und Wendungen wie je ne sais quoi, das Ephemerische, Vexierspiel, postmoderner Genremix oder ähnlichen Klumbatsch.
Wo ich gerade beim Entkräften von Vorwürfen bin, spreche ich noch eben im Vorbeigehen das Argument „Literaturkundler sind verhinderte Schriftsteller an.“ Zugegeben, der Löwenanteil hat nie selbst ein brauchbares Stück erzählender Literatur abgeliefert – wie übrigens der Löwenanteil der restlichen Population nackter Affen, die auf Gottes grüner Erde herumspringen und sich gegenseitig mit Kot bewerfen. Zu den populären Autoren unterschiedlichster Genres, die eine literarturkundliche Ausbildung genossen haben, ohne dass es ihnen geschadet hätte, zählen jedoch unter anderem Danielle Steel, J. K. Rowling, Stephen King, Dean Koontz, Michael Crichton, Stefan Zweig, Margaret Atwood, Alice Munro, Milan Kundera, Peter Høeg, Heinrich Böll, Daniel Kehlmann, Siegfried Lenz, Thomas Mann, Erich Kästner, Lion Feuchtwanger, Dietmar Dath, Ingrid Noll, Samuel Beckett, Umberto Eco, Rita Mae Brown, Kenzaburo Oe, Max Frisch, Orhan Pamuk, Douglas Adams, Kingsley und Martin Amis, J. G. Ballard, Angela Carter, Julian Barnes, Lindsey Davis, Robert Harris, Ian McEwan, Dorothy L. Sayers, Dan Brown, Tom Clancy, Patricia Cornwell, Stephenie Meyer, Tony Morrison, Philip Roth und Donna Leon.
Schaden kann ein Jota Literaturkunde also wahrscheinlich nicht…

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