Mittwoch, 30. Dezember 2009

Neujahrsgruß

Wo ich es schon verpasst habe, die besten Wünsche zu den Jahresendzeitfestivitäten in die Welt hinaus zu senden, hier nun rasch ein formeller Neujahrsgruß: Guten Rutsch!

Meine lahme Entschuldigung für das eben erwähnte Verpassen: Ich bereite die Ankunft der Elfen in Meerschaum im dritten Band der Zerrissenen Reiche vor.

Und jetzt noch rasch eine Beobachtung, die ich in Sachen Widersprüchlichkeiten gemacht habe: Wenn ich eine rechtmäßig erworbene DVD einlege, werde ich zunächst mit einer Drohung belästigt, was mir für den Fall zustoßen könnte, sofern ich doch ein finsterer Raubkopierer wäre (öffentliches Auspeitschen, Vierteilen und derlei mehr). Gleich im Anschluss jedoch erscheint ein dezenter Hinweis, dass alle in Interviews und Kommentaren geäußerten Meinungen ja sowas von einzig und allein die Meinungen derer sind, die sie tätigen, und ganz bestimmt nicht die des Unternehmens, die die DVD auf den Markt geworfen hat. Das Bild, das diese Abfolge in mir auslöst, ist das eines zwielichtigen Gesellen, der mich in einer dunklen Gasse mit einem Messer bedroht, um mich im nächsten Augenblick allerdings flehentlich darum zu bitten, ich möge von einer etwaigen Anzeige absehen, weil er sich das Messer nur von seinem Schwippschwager geliehen hat. Verrückt ...

(Moops-P.S.: Gerade ist auch wieder mal ein Interview mit Thomas online gegangen und zwar bei Legimus!)

Montag, 21. Dezember 2009

Zwischenmeldungen, Meinungen und Fundstücke

Da ich derzeit damit beschäftigt bin, das Figurenensemble der Zerrissenen Reiche zurechtzustutzen, gibt es heute mal einige Kurzmeldungen im Stile der allseits beliebten Rubrik Vermischtes.

Aus Gründen reiner Selbstverliebtheit verweise ich zunächst auf die beiden Rezensionen auf G wie Gorilla, Legimus und dem Zauberspiegel zu „Kalte Krieger“, die mein kleines, schwaches Herz sehr zu erfreuen wussten. Jochen Adam vom Zauberspiegel war darüber hinaus so freundlich, mich mit einigen klugen Fragen zu löchern, auf die ich hier versuche, einigermaßen brauchbare Antworten zu finden.

Weg von mir, hin zur Welt. Genauer: zum deutschen Bundestag. Vor ein paar Tagen sah ich Auszüge aus der Erklärung der Kanzlerin, was sie sich von der Klimakonferenz in Kopenhagen alles erhofft (der Realitätscheck für Frau Merkel kam dann am Samstag). Keine Angst, ich will mich nicht lang und breit über etwaig bevorstehende Katastrophen, sondern kurz und bündig über ein interessantes sprachliches Phänomen auslassen – nämlich über die Vermengung von Höflichkeitsform und vertrauter Anrede. Besagtes Phänomen ist offenkundig nicht nur, wie der Klischeefreund vermuten könnte, in Supermärkten verbreitet. In der Aussprache nach dem Auftritt der Kanzlerin wendete sich Gregor Gysi in Folge eines Zwischenrufs von Renate Künast ungefähr folgendermaßen an die gewohnt streitbare Grüne (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Sei doch mal ruhig, Frau Künast, du wirst das auch noch verstehen.“ Ob unser blaublütiger (Noch?)-Verteidigungsminister „Gutze“ sich im Untersuchungsausschuss derartige Affronts von Leibeigenen – pardon, Mitparlamentariern – gefallen lassen oder zur Knute greifen wird, um dem Pack gute Manieren einzupeitschen, wird sich weisen ...

Fleischgeile Killermöpse aus Nevada. Leider nicht der Titel eines verschollenen und nun aus einem verstaubten Archiv geborgenen Russ-Meyer-Streifens. Eher die angemessen Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile, die ich für einen grausigen Vorfall in – man ahnt es schon – Nevada gewählt hätte. Dort haben zwei Möpse – die Rede ist von der Hunderrasse – ihr totes Herrchen angeknabbert, nachdem dieses überraschend das Zeitliche segnete und die beiden niedlichen Geschöpfe mehrere Tage mit der Leiche allein waren. Es handelt sich also wohlgemerkt um eine Art Mundraub und nicht um ein geplantes Verbrechen. Besonders tragisch ist, dass der Besitzer mit Harry und Sally zwei hübsch postmodern-ironische Namen für die drolligen Viecher fand, die seine sterblichen Überreste aus ihrer Sicht einer ausgesprochen klugen Zweitverwertung zuführten.

Dann entdeckte ich noch einen amüsanten Tippfehler bei Spon, den ich mal besser per Screenshot hätte sichern sollen: In einem Bericht über den Dreamliner wurde aus dem Herstellernamen Boeing possierlicherweise ein Boing, und es wurde einem verkündet, dass diese besondere Boing nun doch fliegt. Korrekt sollte es meiner Meinung nach übrigens das Boing heißen, weil ich mir darunter ein Fluggerät vorstelle, das ziemlich genau wie einer jener Gesundheitssitzbälle aussieht, welche angeblich den Rücken beim Arbeiten am Schreibtisch schonen. Boing ist des Weiteren ein lautmalerischer Name, der sich aus dem Geräusch der Maschine bei Landungen ableitet. Übrigens belegt ein kleiner Blick ins Archiv, dass Boeing bei Spon recht häufig zum Boing wird, und abschließend fordere ich nun meine geneigten Leser dazu auf, sich mit dem Bild vom Gesundheitssitzballflugapparat folgende Sätze zwischen den Synapsen zergehen zu lassen:
„Ein Techniker winkt eine Boing 747 der British Airways in ihre Parkposition.“ (vermutlich vor einen titanischen Schreibtisch);
„Damit könnte ein bedeutendes Gegengewicht zu Airbus und Boing entstehen.“ (das ist nicht schwer, weil ein Boing natürlich wesentlich leichter gebaut ist als herkömmliche Flugmaschinen);
„Der vermeintliche Entführer einer Boing 737, der am Montag auf den Malediven verhaftet worden war, entpuppte sich als ein betrunkener Inder, der die Stewardess belästigt hatte.“ (eine Schutzbehauptung, da der fiese Möpp wahrscheinlich die hochgeheime Boingtechnologie für den Subkontinent ausspionieren sollte);
„Nach dem Ausfall der Bordelektronik gefährdete eine US-Boing den Flugbetrieb über Deutschland.“ (vermutlich weil das Ding so Hulk-artig unkontrolliert durch die blühenden Landschaften hüpfte).

Montag, 14. Dezember 2009

50 pro Semester

Als mir der Titel einer ursprünglich für Mitte Januar angekündigten neuen Serie auf Pro7 zum ersten Mal ins Auge sprang – keine Angst, mir geht’s gut –, regte sich in mir ein Fünkchen Hoffnung, dass ein weiser Mensch auf die Idee gekommen sein könnte, die Studiengebühren an vielen deutschen Hochschulen sinnvoll zu reduzieren. Gleich im Anschluss wurde der ängstliche Paranoiker in mir wach, um mir einzuflüstern, dass man in Zukunft von den Armen Bachelor-Studierenden in Zukunft 50 erbrachte Leistungs-, Credit- oder wie-auch-immer-man-Studieren-in-ein-enges-gedankliches-Korsett-zwängen-will-Punkte pro Halbjahr einfordern will.

Kurzum: Mein Interesse war zunächst rege. Es stellte sich heraus, dass 50 pro Semester zum noch recht jungen Scripted Reality-Krimskrams gehört, den die Privaten schon seit einigen Monaten versenden (mein Anspieltipp: Verdachtsfälle auf RTL). Was passiert nun bei a) Scripted Reality im Allgemeinen bzw. sollte b) bei 50 pro Semester im Besonderen passieren?

Scripted Reality bedeutet im Grunde nur, dass sich inzwischen jeder vor der Kamera exhibiert hat (in Einzelfällen mehrfach), von dem die Macher von Doku-Formaten glauben, es könne eine befriedigende Anzahl von Voyeuren interessieren, wie der bzw. die Betreffende(n) umziehen, ein Haus bauen, Kinder in die Welt setzen, einen Job suchen, sich wegen ungeputzter Badezimmer streiten, exotische Tierbabys an der eigenen Brust säugen o.ä. Da man aber unter überhaupt gar keinen Umständen Geld für Brauchbares ausgeben möchte, hat man einfach eine Zweitverwertung der Exhibitionswilligen angeleiert, bei der man (also irgendein Redakteur oder Praktikant mit viel Sinn für Humor – oder wer sonst nicht bei Drei auf dem Baum war) sich eine Konfliktsituation erdichtet und die Laien dann mehr oder minder munter drauflos improvisieren lässt. So Dinge wie „Gerichtsvollzieher steht beim Geburtstag des Zehnjährigen vor der Tür, um die Wii zu rauben, weil Mama ihre Rechnungen nicht gezahlt hat, da der absente Papa keine Lust auf Unterhaltszahlungen hat“ oder „Supersoftie muss mit seiner Gattin und deren Lover unter einem Dach leben, weil er es weder fertigbringt, sich von der Schnalle abzunabeln noch sie mal so ordentlich ranzunehmen, dass sie ihren Ersatzstecher vor die Tür setzt“ und ähnlich putzige Geschichten mitten aus dem Leben. Erstaunlicherweise erzielte man damit bessere Quoten als bei der Beobachtung von größtenteils Nicht-Ersonnenem (fairerweise sei angemerkt: die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt dabei trotz wenig oscarreifer Darbietungen so sehr, dass dem Großteil der Zuschauer der Hinweis „Alle handelnden Personen sind frei erfunden“ zum Ende der Sendung nicht weiter aufgefallen sein dürfte – was ja nach einer Gewöhnung an die Doku-Soap alter Schule kein Wunder ist).

In 50 pro Semester nun sollten junge Studierende gezeigt werden, die im Zuge einer Art Wette herausfinden wollen, wer von ihnen im laufenden Semester zuerst die 50 paarungswillige Mitmenschen ins Bett, auf das Herrenklo, in den Kleinwagen oder sonstwohin gezerrt bekommt, wo lustig Liebe machen ist. Da uns das Ganze im Nachmittagsprogramm beglücken sollte, stand eigentlich nie zu befürchten (bzw. war die Hoffnung vergebens), drastischen Kopulationsdarstellungen ausgesetzt zu werden. So weit, so schlecht.

Dass Pro7 nun in vorauseilendem Gehorsam den ohnehin unsichtbaren Schwanz einzieht respektive die verhüllten Busen noch verhüllter lässt und 50 pro Semester erst einmal auf „irgendwann im Laufe des Jahres 2010“ verschoben hat, ist relativ feige – vor allem, wenn man bedenkt, woher die lautstark vorgebrachte Kritik kam und mit welchen Argumenten die Kritiker hantierten – oder zeugt von einer überraschenden Blauäugigkeit der Verantwortlichen. Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer von den Christsozialen spricht von einer „verheerenden Botschaft“ und einer „Art modernen ‚Kopfgeldjagd‘“, bei der „Männer und Frauen zu Sexobjekten degradiert werden“. Erstens wäre es in gewisser Hinsicht ein immenser Fortschritt gewesen, wenn die Männer in 50 pro Semester auch wirklich zu Sexobjekten degradiert worden wären (inwiefern das so gekommen wäre, werden wir nun ja vielleicht leider nie erfahren), und zweitens sollte Pro7 den Hinweis der Ministerin aufgreifen und zum Sex noch eine gute Portion Crime geben, damit die Serie ein echter Kracher wird (so sie uns denn doch noch erreicht).

Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, beweist hingegen, dass sich sein Jura-Studium gelohnt hat und er sich ganz postmodern prinzipiell lieber im Konjunktiv bewegt (was in Anbetracht der Tatsache, dass – man muss es noch einmal sagen – von 50 pro Semester bislang keine einzige Folge gesendet wurde, auch nicht unvernünftig ist). Er sieht lediglich die Gefahr einer negativen Wertevermittlung (vermutlich meinte er eher die Gefahr einer Vermittlung aus seiner Warte falscher Werte), und bei ihm werden „Liebe und Sexualität möglicherweise zum Objekt“. Puh, Glück gehabt, dann sind ja zumindest die Männer und Frauen nicht objektiviert, sondern nur das, was sie untereinander treiben. Kurzer Exkurs zum Thema Werte: Zum einen hätte ich gern eine Positivliste der Werte, die Herr Ring gern vermittelt sähe, zum anderen besteht bei ca. 95% dessen, was mir aus der Flimmerkiste hierzulande entgegenschlägt, die von ihm beschworene Gefahr einer negativen Wertevermittlung.

Da passt es auch wunderbar, dass die Diözesanvorsitzende des Katholischen Frauenbunds Passau Walburga Wieland bei 50 pro Semester gleich eine „Verachtung jeglicher Werte“ erkennt (macht das die Sache nicht sogar zu einem Fall für den Verfassungsschutz, weil damit durch 50 pro Semester auch gleich noch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt wird?). Frau Wieland echauffiert sich zudem über „das Perverse, das da auf den Privatsendern passiert, noch dazu am Nachmittag“. Seien Sie beruhigt, Frau Wieland, das Perverse passiert auch auf den Öffentlich-Rechtlichen, noch dazu im Abendprogramm. Ich hege furchtbare Erinnerungen an ein unschuldiges Hineinzappen in ein Sommer/Frühlings/Herbst/Winter/Fastenzeit/Schon wieder Wochenende-Fest der Volksmusik, bei dem Florian Silbereisen in einer Zeremonie, die das Sakrament der Ehe mit Füßen - und zwar mit nackten, pilzigen, stinkenden, hühneraugengesprenkelten Käsequanten in den Staub der Fernsehunterhaltung – trat, eine Trauung von zwei Hunden nachstellte. Vielleicht könnten Sie da auch mal Bescheid geben, dass das so nun gar nicht geht (Sie wissen doch, Gefahr der negativen Wertevermittlung und so ...).

Freitag, 11. Dezember 2009

Peppt den Nobelpreis auf!

Die Aufregung um die Nobelpreise – und zwar jedweder Art – ist mir insgesamt ein wenig schleierhaft. Warum? Weil ich diese gesamte Veranstaltung für hoffnungslos veraltet halte. Ganz ehrlich: Sie riecht schon deshalb komisch, weil in einer Zeit der systemgeförderten Pseudo-Eigenverwirklichung zwecks Konsummaximierung für einen eigenmarketingbewussten Menschen wie – ähm, nehmen wir mal beispielsweise mich – nicht die Möglichkeit besteht, sich selbst als möglichen Preisträger vorzuschlagen (und zwar unverschämterweise auch völlig unabhängig von der Kategorie – obwohl es in Sachen Literatur oder gar Chemie noch hapert, rechne ich mir beispielsweise im Bereich Frieden doch einiges an Chancen aus, da man den schönen Preis ja auch dann kriegen kann, wenn man nebenher ein klein bisserl Krieg führt, und zwar am besten weit weg von daheim, wo’s Gott sei Dank nicht so wehtut).

Doch keine Angst, das wird kein Kommentar zur Weltpolitik (so weit reicht mein Größenwahn dann eben doch noch nicht). Mir geht es – und konstruktive Kritik muss erlaubt bleiben – um konkrete Verbesserungsvorschläge. Nein, nicht wie man elegant einen vom nassforschen Amtsinhaber begonnenen Krieg möglichst elegant abwickelt, ohne am Ende als Weichei auszusehen, sondern wie man den Nobelpreis insgesamt aufpeppen könnte.

Ich vermisse da nämlich so einiges. Oder habe ich das Massencasting in einem Hotel in meiner näheren Umgebung bloß verschlafen? Etwas mehr Transparenz und Offenheit bei der Auswahl der Preisträger könnte jedenfalls nicht schaden. Gut, die, die es auch durch den Recall, den Rerecall und den Rererecall geschafft haben (eiserne Regel: „Bitte rufen Sie uns nicht an; wir melden uns dann wieder bei Ihnen, falls unsererseits noch Interesse besteht.“) brauchen nicht unbedingt gleich gemeinsam in eine Villa ein- oder sich einem entwürdigen Tanzworkshop mit D! zu unterziehen (obwohl „Du bist so tight, dass es burnt, Herta“ ein Satz ist, den man sich eigentlich herbeisehnen sollte). Aber einmal vor einer Jury – deren Zusammensetzung ähnlich wie beim Wahlduell vor der letzten Bundestagswahl von den größten Medienimperien der Welt festgelegt werden könnte – und einem Millionenpublikum vor den Fernsehschirmen zeigen, dass man es auch unter totalem Stress und eventuell trotz entzündeter Mandeln absolut drauf hat, das ist doch von einem Nobelpreisträger nicht zu viel verlangt, oder?

Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee, da hier zwei Dinge zusammenwüchsen, die zusammengehören – der Ruf nach anspruchsvollerer Unterhaltung in den Massenmedien und das vielgescholtene Vorführformat à la DSDS, Das Supertalent und wie die menschenfreundlichen Produktionen noch so alle heißen.

Wichtig ist natürlich, uns einfachen Menschen eine Abstimmmöglichkeit einzuräumen. Ob die einen Einfluss darauf hat, wie die Entscheidung letztlich ausfällt, ist lattensack, weil sich generell die Auffassung durchgesetzt zu haben scheint, dass gefühlte Demokratie ehrlicher und besser ist als eine tatsächlich vom Volk ausgehende Herrschaft – unter der sich übrigens auch nur diejenigen wohlfühlen könnten, die die Aufklärung für einen auf breiter Basis stattgefunden habenden Prozess erachten. Zu denen gehöre ich jedenfalls nicht, weshalb ich mich für diese schmutzige, schmutzige Gedankenspielerei auch kein Stück schäme. Im Gegenteil: Das Prinzip „Castet uns bitte alle kräftig durch!“ ließe sich wahrscheinlich mit viel Gewinn auch auf Bundespräsidentenwahlen, die Suche nach dem nächsten Dalai Lama und Vergleichbares anwenden.

Beim ZDF ist das ja nun erst vor ein paar Tagen mit Der Sternstunde der Deutschen geschehen, einer Sendung, die sich nach Angaben der Macher an Menschen mit anderweitig gering ausgeprägtem Interesse an geschichtlichen Dingen richtete – und nun die gute Nachricht: Gewonnen hat die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen metallenen Lettern in Europa durch einen gewissen Herrn Gensfleisch. Da sage noch mal einer, es gäbe in der Masse kein Kulturbewusstsein mehr ...

Montag, 7. Dezember 2009

Weihnachtliches und erste Rezensionen zu Kalte Krieger

Weihnachten droht – und seine Ankunft ist wesentlich sicherer als die Auslöschung der sogenannten menschlichen Zivilisation durch die Schweinegrippe. Auf legimus.de findet sich ein literarischer Adventskalender, mit dessen Hilfe man sich für das Fest wappnen kann und zu dem ich – wie viele andere Autorenkollegen – einen bescheidenen Beitrag geleistet habe (gleich hinter dem ersten Türchen).

Ansonsten trudeln rechtzeitig zu Nikolaus die ersten Rezensionen zu Kalte Krieger durchs Netz, die bislang zu meiner vollen Zufriedenheit ausfallen (heißt das, dass ich dieses Jahr immer schön brav gewesen bin? Entscheiden Sie selbst ...). Fantasyguide und Phantastik-News haben bereits zugeschlagen, weitere Rezis folgen in den nächsten Tagen unter anderem wohl beim Zauberspiegel und wohl auch bei G wie Gorilla (dazu sage ich dann separat etwas).

Jetzt muss ich zurück nach Stahlstadt, wo eine Zwergin sich zu rechtfertigen versucht, warum es manchmal erlaubt ist, einem anderen Stummel die Hand zu stehlen ...

Freitag, 4. Dezember 2009

Darf Fantasy politisch sein?

Weil mir gerade danach ist, werfe ich mal wieder eine Frage in den Raum, die mich umtreibt. Wieso? Nun, es ist kein großes Geheimnis, dass „Die Zerrissenen Reiche“ unter anderem deshalb von einigen Leuten recht kritisch gesehen werden, da in ihnen (gesellschafts)politische Vorgänge bzw. Phänomene eine gewisse und nicht unerhebliche Rolle spielen (andere Kritikpunkte sind die blumige, metaphernüberladene Sprache oder die dreiste Zitierwut aus allen möglichen Bereichen der Populärkultur, aber dazu vielleicht später mehr).

Zurück zum Politischen: Die Vorwürfe dagegen reichen von „Stammtischparolen“ über „zu aufdringlich“ bis hin zu „dem Genre unangemessen“.

Also zunächst zu den Stammtischparolen. Eine Welt, in der sich alle, die darin leben, differenziert und grundlegend menschenfreundlich äußerten, sobald sie über Politik reden, wäre schön. Die Welt der „Reiche“ ist das nicht, ebenso wenig wie unsere. Meiner Erfahrung nach drückt sich die überwiegende Mehrheit von uns in entsprechenden Debatten verhältnismäßig deutlich, aber eben undifferenziert aus – unabhängig von Standpunkten oder Lagern. „Kein Blut für Öl“ ist als Setzung nicht weniger absolut und damit potenziell angreifbar wie „Keine Experimente“. Im Grunde bin ich dankbar für diese groben Verallgemeinerungen, denn sie haben zumindest etwas Ehrliches, und sie sind mir lieber als scheindifferenzierte Aussagen, hinter denen sich die Parole versteckt. Ein Beispiel: Selbstverständlich ist es akzeptierter und damit leichter, auf angeblich bessere Forder- und Förderungschancen in einem dreigliedrigen Schulsystem zu verweisen, als einzugestehen, dass man seinen Nachwuchs nicht mit den Schmuddelkindern zum Lernen in ein Gebäude gesteckt sehen möchte. Ehrlicher – und zwar sich selbst und anderen gegenüber – wird es dadurch jedoch nicht. Dass das Ehrliche plump und gern einmal ungerecht daherkommt, liegt leider in der Natur der Sache. Warum mir das Ehrliche und Stammtischparolenhafte eher liegt, hängt mit einem Umstand zusammen, der gleichermaßen wenig schön ist: Mag sein, dass sich die sogenannte geistige Elite unserer Gesellschaft im Idealfall ihre Wortgefechte mit säuberlich geschliffenen rhetorischen Waffen liefert; mag sein, dass in diesen Kreisen die Dinge bedacht werden können, bis sie förmlich zerdacht sind; mag sein, dass man hinter dieser Haltung gemeinhin einen schwer zu überprüfenden Anspruch auf moralische und intellektuelle Überlegenheit ableitet; mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen hat diese Form der Auseinandersetzung allerdings so gut wie nichts zu tun – selbiges gilt für die Figuren aus den „Reichen“. Selbstverständlich ist ein „Die Menschen sind alle faul und wollen unsere Sprache nicht lernen“ aus dem Munde eines Zwergs eine Stammtischparole, und selbstverständlich gibt es die genauso mit Formeln hantierenden Gutzwerge wie Garep, die solchen Klischees mit ihren eigenen Klischees begegnen und den Menschen gegenüber mit einem völlig übersteigerten Maß an naiver Toleranz entgegentreten (und ich möchte darauf hinweisen, dass es in „Die Zwerge von Amboss“ ja nun tatsächlich einen Schmugglerring von Menschen gibt, dessen Mitglieder ziemlich skrupellose Bastarde sind, von menschlichen Fanatikern mal ganz zu schweigen). Auch hier gilt: Beide Positionen sind plump und parolenhaft, und beide beschreiben die Lage nur aus einem Blickwinkel, der die Welt schematisch in Schwarz und Weiß zerlegt – weil dies nun einmal die Art und Weise ist, wie die meisten Figuren in dieser und die meisten Menschen in unserer Welt sich im Kern sehr viel komplexeren Zusammenhängen jeglicher Art annähern.

Kommen wir zu „zu aufdringlich“: Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf die Ebene persönlicher Präferenzen berührt – ich kenne jede Menge Leute, die meine Herangehensweise noch als „zu zahm“ verurteilen oder verurteilen würden –, ist es für mich erstaunlich, dass er in der Regel im gleichen Satz vorgebracht wird wie der Hinweis auf die sehr unangenehmen Parallelen zwischen Kolbners Experimenten in der Nervenheilanstalt und ähnlichen Verbrechen, wie sie in vielen autoritären respektive totalitären Staaten zuhauf begangen wurden und werden. Hier befinde ich mich in einer Zwickmühle: Für mich gibt es keine unaufdringliche Art, darüber zu schreiben, wie in solchen Systemen Individuen in von der Obrigkeit sanktionierter und geförderter Weise entrechtet, entmenscht und vernichtet werden – obwohl ich weiß, dass es viele Leser gibt, die zur Fantasy greifen, um gerade eben nicht mit derlei Dingen konfrontiert zu werden (und es steht mir fern, ihnen daraus wiederum einen Vorwurf zu machen).

Hier bestehen Schnittmengen zum letzten Punkt – dem „dem Genre nicht angemessen“ (der manchmal auch als „zu viel gewollt und daran gescheitert“ formuliert wird). Es ist durchaus möglich, dass meine persönliche Art, die Fantasy zu betrachten und mit ihr umzugehen, die geltenden Konventionen so weit verzerrt, dass mancher Leser sich fragt, ob er es am Ende mit einer Satire oder einer Persiflage zu tun hat – und zwar nicht zuletzt wegen der politischen Bezüge. Daraus leiten sie dann gerne ab, dass ebendiese politischen Bezüge in der Fantasy nichts verloren hätten. Falls sie überhaupt einen Grund dafür nennen, warum Fantasy ihrer Meinung nach so sein sollte, wie sie es sehen, führen sie entweder ein ins Positive verkehrtes Eskapismusargument ins Feld oder verweisen auf andere Genres, wo die Auseinandersetzung mit Rassismus, Unterdrückung und Kriegstreiberei – kurzum jede Form von Gesellschaftskritik – angeblich besser aufgehoben wäre. Und das wiederum sehe ich vollkommen anders: Ich begreife die Fantasy nicht nur von Haus aus als eines der strapazierfähigsten Genres, sondern auch als eines, das ähnlich wie die gute alte Tante Scifi (oder auf Werbeamerikanisch: SyFy) geradezu danach schreit, als willfähriges Vehikel für Gesellschaftskommentare diverser Couleur missbraucht zu werden – und zwar gerne auch für die vielleicht bisweilen etwas ungelenken und abseitigen Polemiken wie die „Reiche“.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Kindische Vorlieben

Neulich traf ich mich mit einem meiner geschätzten Hamburger Kollegen auf dem Weihnachtsmarkt. Zufällig – und ich schwöre, es war wirklich zufällig – kamen wir auf das alte Thema Lesegewohnheiten von Männern und Frauen zu sprechen und landeten zwangsläufig bei der Bis(s)-Reihe. Mein Kollege zeigte zwar Verständnis für die jüngeren Leserinnen, die der Geschichte von Edward und Bella etwas abgewinnen konnten, fragte sich aber zugleich, was denn eine erwachsene, verheiratete Frau dazu bewegen würde, am Schicksal einer verliebten Highschool-Schülerin Anteilnahme zu zeigen, weil sich diese beiden Lebenswelten doch kaum berührten. Dies, so sagte er, würde ihm ... und dann druckste er ein wenig herum und ich sprang ihm mit einem „kindisch erscheinen?“ zur Seite. Dankbar, dass ich es ausgesprochen hatte, nickte er.

Mag sein, dass es kindisch ist, mit Bella mitzufiebern. Andererseits: Ist das, was in der klassischen Unterhaltungsliteratur für Männer passiert, irgendwie weniger kindisch (wenn man den ohnehin schwierigen Maßstab des Mitfieberns und des Identifikationspotenzials anlegt)? Inwiefern berühren sich die Lebenswelten eines Mittdreißigers mit gehörigem Bauchansatz und schütterem Haar, dessen größtes Abenteuer die Bewältigung des Berufsverkehrs ist, und die eines durchtrainierten Topagenten, der sich im unermüdlichen Kampf gegen Drogenbarone, Ex-KGB-Mitarbeiter, Illuminaten oder sonstige Bösewichte aufreibt, aber nebenbei trotzdem noch seine heiße Kollegin und/oder die leckere Expertin für Altfranzösisch stöpseln darf? Doch nur sehr bedingt, nehme ich an (und hoffe ich zugleich).

Unterhaltungsliteratur ist doch nun mal in gewissen Teilen immer Wunscherfüllungsphantasie, was weder etwas Schlechtes noch etwas Beklagenswertes ist. Dass die erfüllten Wünsche nicht immer das Prädikat „erwachsen“ verdienen (wie in „Leben in einem abbezahlten Eigenheim“ oder „sicherer Job mit tollem Gehalt, der einem auch noch Spaß macht“), ist nun auch keine Katastrophe. Lesen und lesen lassen, würde ich sagen ...

Montag, 30. November 2009

Die Agenda Plischke

Wie versprochen hier nun also meine Agenda. Ich habe sie nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip erarbeitet (wir erinnern uns: „Wir machen uns die Welt, widde-widde-wie sie uns gefällt“). Damit stehe ich offenkundig nicht allein da, weil das Handeln weiter Teile der Gesellschaft nach genau diesem Prinzip zu funktionieren scheint.

Ich möchte also schleunigst eine Welt:
- In der sich alle bewusst machen, dass wir in ebendiese Welt hineingeworfen wurden, um dort im Schnitt (sofern man in einer westlichen Industriegesellschaft lebt) sieben bis acht Jahrzehnte zu verweilen, bevor der Abpfiff erklingt, und dass uns dieses Schicksal, so grausam es wirken mag, auf wundersame Weise eint. Wäre es unter diesen Umständen nicht schöner, brächten wir unsere Spielzeit damit zu, uns einander den Aufenthalt auf dieser Daseinsebene so angenehm wie nur irgend möglich zu gestalten, anstatt uns einander andauernd allerlei Übles anzutun?

- In der wir zähneknirschend akzeptieren, dass Menschen keine leicht zu normierenden Wesen mit identischen Befähigungen und Leistungspotenzialen sind.

- In der ich nicht länger mit realsatirischen Wortneuschöpfungen oder quasi-orwellschen Sinnentstellungen wie Wachstumsbeschleunigungsgesetz, Umweltprämie oder Friedensmission belästigt werde.

- In der weniger Menschen ihr persönliches Geschmacksurteil über dies oder jenes, das ihnen selbstverständlich unbenommen bleibt, als allumfassende Wahrheit begreifen, behaupten und verbreiten.

- In der wir uns der Einsicht stellen, dass wir samt und sonders selten wertekonsistent, sondern in der Regel eher widersprüchlich handeln.

- In der Modern Warfare 2 (sic!) nicht so scheißerfolgreich ist.

- In der im Internet bei Diskussionen grundsätzlich ein zivilisierter Umgangston herrscht.

- In der die Arbeit der Lobbygruppen, die es geschafft haben, die Begriffe ‚Wirtschaft‘ und ‚Gesellschaft‘ je nach Belieben und Bedarf entweder in unserem Denken völlig voneinander zu entkoppeln oder als absolut deckungsgleich zu behandeln, rückgängig gemacht wird.

- In der wir von der Vorstellung Abstand nehmen, die sogenannten Leistungsträger unserer Gesellschaft würden grundsätzlich vernünftiger, moralisch sauberer oder auch nur ansatzweise vertretbarer agieren als der Rest von uns.

- In der wir uns Gedanken darüber machen, ob ‚der Markt‘ naturgesetzartig gegeben und schicksalsgleich über uns gekommen ist oder am Ende womöglich doch eher so etwas Niederes wie eine kulturelle Errungenschaft des Menschen darstellt.

- In der die öffentlich-rechtlichen Sender nicht Gefahr laufen, endgültig zu Staatsfernsehen zu verkommen, und ganz nebenbei vielleicht noch die eine oder andere Sendung mit fiktionalem Inhalt produzieren, die mich als Zielpublikum einschließt.

- In der nicht gefühlt alle zwei Wochen die nächste Weltuntergangssau durchs Dorf getrieben wird, um ein permanentes Klima der Angst und der allgegenwärtigen Bedrohung zu erzeugen.

- In der Bildung in Deutschland nicht als billiges Wahlkampfthema missbraucht wird, wie es seit nunmehr 40 Jahren der Fall ist.

Das ist also in Ausschnitten die Welt, die ich mir gemacht habe. Zieht jemand bei mir ein?

Freitag, 27. November 2009

Fantasy abgefrühstückt

Hier findet man das Video zu einem TV-Ereignis der ganz besonderen Art: In der ZDF-Sendung Volle Kanne saßen Tanja Heitmann, Kai Meyer und Markus Heitz mit Moderator Ingo Nommsen beisammen und plauschten bunt zum Thema Fantasy.

Auffällig ist zunächst, dass ausgerechnet ein Sender mit einer überwiegend doch eher gealterten Zuschauerschaft eine erstaunlich faire und informative Nummer zustande gebracht hat, die sich allerdings eher an Fantasy-Unkundige richtete. Andererseits wäre man relativ blauäugig, idealistisch oder hoffnungsloser Träumer, wenn man sich in Sachen Genrespezifik hochrelevante Partikularerkenntnisse erwartet hätte, denn der eingefleischte Geek ist halt nun mal nicht Zielpublikum gewesen. Seien wir doch lieber froh, dass auch in den Einspielern mit Frank Weinreich und Sigmar Renn zwei präsentable Figuren zu Wort kamen (wenn auch nur in der üblichen Weise, wie Äußerungen für die Zwecke einer solchen Präsentationsform verhackstückt werden). Die alte Angst des Fernsehmachers, der geneigte Zuschauer könne bei einer Argumentation, die länger als 30 Sekunden in Anspruch nimmt, umgehend einnicken oder – schlimmer noch – Reißaus zum Nachbarsender nehmen, treibt in absehbarer Zeit so schnell wahrscheinlich niemand aus.

Natürlich werden die üblichen Fragen an die Autoren abgehakt: Wie wird man Autor? Was war dein erstes Fantasybuch? Warum schreibt ihr so dicke Bücher? (Letztere ist angesichts der eben erläuterten Angst des TV-Schaffenden quasi unumgänglich).

Insgesamt ist dieser Beitrag meiner bescheidenen Meinung nach indes hocherfreulich. Warum? Nun, weil zum Beispiel das völlig überstrapazierte und blödsinnige Wort ‚Eskapismus‘ nicht fällt. Ich habe mich ja bereits mehrfach darüber ausgelassen, weshalb dieser Vorwurf so gar nicht greifen will, und erspare mir deshalb lange Tiraden. Gut, es ist zwar ab und an die Rede von ‚Abtauchen‘ und einmal fällt dem mit drei Gesprächspartnern etwas überforderten Nommsen ein ‚Abdriften‘ aus dem Mund, aber ich will mal nicht so sein. (Apropos Nommsen. Eine meiner absoluten Lieblingsstellen ist die, in der er erzählt, was er an Fantasy-Welten gut findet, nämlich dass da alle Frauen immer so hübsch sind. Ich vermute mal stark, dass er früher Baywatch auch nicht wegen der packend-dramatischen Rettungsszenen gesehen hat. An Platz Zwei meiner Bestenliste steht der Moment, in dem er so lange herumnörgelt, um in Erfahrung zu bringen, wie viele Millionen verkaufte Bücher den nun mit ihm am Tisch sitzen, bis sich Markus Heitz endlich erbarmt und sich als waschechter Bestsellerautor outet – tja, wer lang hat, lässt eben lang hängen. Gut so! Weil eine einzige blöde Zahl hervorragend geeignet ist, um zu zeigen, dass Fantasy mittlerweile kein randständiges Freak-Ding mehr ist.)

Was sich dank eines obligatorischen „Gehen wir mal raus auf die Straße und fragen den deutschen Michel“-Schnipsels ebenfalls sehr gut beobachten ließ, war der Umstand, dass Fantasy-Affinität auch eine Generationenfrage ist. Entgegen der irgendwann im Verlauf des Gesprächs fallenden und für Menschen unter 40 wahrscheinlich weitgehend zutreffenden Behauptung, inzwischen wüsste jeder, was ein Ork ist (das hat Peter Jackson sauber hingekriegt), wundern sich Oma und Opa anscheinend weiterhin, was die jungen Leuten da wieder für Flausen im Kopf haben. Ork? Kenn ich nich, ham wa nich, kriegen wir auch nich wieder rein ... Das Stichwort lautet auch hier wieder: Zielpublikum.

Ein anderer Sachverhalt, den diese Sendung belegt, ist der, dass die Paranormal Romance (vulgo: der Vampirschlampenroman) in der Meinung der breiten Öffentlichkeit – ‚Schuld‘ daran ist der Meyers ihr Stephenie – nun untrennbar mit der Fantasy im Allgemeinen verbunden ist. Da kann man sich auf den Kopf stellen und mit dem Arsch Mücken fangen – der Zug ist abgefahren. Es gibt wahrlich Schlimmeres auf der Welt ...

Also: Alles in allem sehenswert, auch wenn man das Video vielleicht nur kurz anklickt, um den Leuten vom ZDF so zu zeigen, dass sie ruhig mal mehr über Fantasy berichten können.

Donnerstag, 26. November 2009

Sexualität als Nebensache? (Agendafrage 2)

Der geschätzte Kollege Stephan R. Bellem hat in seinem Blog einen recht umfangreichen Kommentar zur Agendafrage gepostet, den ich wiederum nicht unkommentiert lassen möchte, da mich Stephans Aussagen doch ein wenig beschäftigen.

Er stellt beispielsweise zu Beginn die Frage, warum man die Sexualität einer Figur überhaupt beschreibt, da er sie – die Sexualität, nicht die Figur – bis zu dem Punkt für nebensächlich hält, an dem sie dem Leser etwas über die Figur erklärt und transportiert, das über die bloße Kopulation hinausgeht.

Dieses Kopulationsding stört mich schon einmal ganz gewaltig, weil Sexualität und sexuell motiviertes Verhalten ja nun wirklich weit über ein „Wir stecken einander diverse Dinge irgendwo rein“ hinausgeht. Und damit meine ich keine nicht-penetrativen Disziplinen bei der Lustbeschaffung. Grundsätzlich übt unsere Sexualität meiner Meinung nach nämlich einen gewissen, nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf aus, wie wir uns anderen Menschen im täglichen Miteinander präsentieren und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Beispiele dafür kennt, so glaube ich, jeder zur Genüge. Sollte das bei Figuren in einer fiktionalen Welt anders sein?

Nun sind Figuren in einem Roman – Schockschwerenot – keine „echten“ Menschen (oder Zwerge oder Elfen oder Orks und so weiter), aber man nimmt sie beim Lesen größtenteils so wahr, als wären sie es. Wir machen uns beinahe zwangsläufig ein Bild von ihrem Äußeren und vor allem auch von ihrer Psyche, weil wir ihre geschilderten Handlungen in unseren Erwartungshorizont einordnen möchten (und sei es nur deshalb, um ihre Funktion für den laufenden Plot erkennen zu wollen). Daher zeigt man sich vermutlich als Leser auch gern verstimmt, überrascht oder enttäuscht, wenn Figuren sich auf eine Weise verhalten, die von unseren Erwartungen dahingehend abweicht, dass sie mit der von uns für sie entworfenen Psyche unvereinbar scheint.

Wenn recht nah an einer Figur erzählt wird und wir einen Einblick in ihr Inneres erhalten, kaufen wir ihre Sexualität quasi mit ein oder denken sie zumindest mit – spätestens dann, wenn die Figur einer anderen begegnet, die von ihr als attraktiv oder hübsch empfunden wird (auch wenn wir dann noch meilenweit von einer Kopulation entfernt sind). Für mich persönlich wäre eine Figur, die in einer Erzählung eine größere Rolle einnimmt, auch sehr unfertig, wenn ich sie nicht zumindest in Teilen als sexuell handelndes Wesen erkennen würde. Dazu muss sie weder etwas bespringen noch in einem dauerhaften Zustand höchster Geilheit durch die Gegend laufen. Mir ist es auch schnuppe, zu wem oder was sie sich hingezogen fühlen mag. Falls mir in dieser Hinsicht von Seiten des Textes nichts anderes vorgegeben wird, greift die Standardeinstellung und ich gehe aufgrund meiner kulturellen Prägung davon aus, dass es sich bei der Figur um ein heterosexuelles Geschöpf handelt (sofern wir – wir sind ja in der Fantasy – von einem Wesen sprechen, bei dessen Spezies es so etwas wie Geschlechter gibt; Standardeinstellung hier: zwei Geschlechter, denen zugleich unterschiedliche physiologische und psychische Eigenschaften zugedacht werden).

Wie eng diese Standardeinstellungen mit einem möglichen Identifikationspotenzial verknüpft sind, ist offenbar eine von Mensch zu Mensch variierende Sache. Stephan beispielsweise bezeichnet sich als verklemmten Leser, der sich als Teenager beim Lesen sehr stark mit seiner jeweiligen Lieblingsfigur identifizierte, mit der er dann mitgelitten hat und in deren Rolle er geschlüpft ist. Er hätte ein Problem damit gehabt, wenn seine Lieblingsfigur plötzlich schwul geworden wäre. Spannend wäre nun zu wissen, inwiefern Erzählungen mit weiblichen Hauptfiguren Stephan ein Identifikationspotenzial bieten. Tun sie das nicht oder nur in sehr begrenztem Maße, wären wir wieder bei der vor einiger Zeit hier geführten Debatte, ob Männer prinzipiell eher Bücher von Männern mit männlichen Protagonisten und Frauen eben eher prinzipiell Bücher mit weiblichen Protagonisten vorziehen – und ob der Grund dafür womöglich beim Unbehagen liegt, durch die jeweiligen Figuren mit einer Form des Begehrens konfrontiert zu werden, die nicht die eigene ist.

Kommen wir noch kurz zu dem Punkt, wie Stephan es als Autor hält. Sexualität muss für ihn einen Zweck erfüllen, mehr als bloßes Beiwerk sein und wird dann relevant, wenn es für den Verlauf der Geschichte wichtig wird – und das ist etwas, das man natürlich für jedes Element einer Erzählung so sagen kann. Action um der Action willen kann letztlich genau so dröge sein wie Kopulieren um des Kopulierens willen – kann aber nun mal auch Spaß machen. Als Beispiel dafür, wann Sexualität in seinen Romanen einen Zweck erfüllt, nennt Stephan die Zeugung eines Kindes (was nur zwischen einem Männchen und einem Weibchen geht) – das kommt mir ehrlich gesagt ein bisschen altbacken vor. Zwei weitere Figuren besitzen laut Stephan scheinbar gar keine Sexualität. Das ist ein Trugschluss – sie gewinnen ihre Sexualität durch die Kombination aus den Erwartungen des Lesers und den im Text vorhandenen Hinweisen. Dass heißt in diesem Fall, dass die beiden – dank der Standardeinstellung – das sind, was man gemeinhin heterosexuell nennt.

Tja, Agenda hin, Agenda her – ich bin so oder so dankbar für die Denkanstöße, die Stephan mir gegeben hat. Jetzt muss ich aber rasch zurück in ein zwergisches Vergnügungshaus, wo zwei meiner Figuren aus „Stahl“ sich gerade herumtreiben ...

Mittwoch, 25. November 2009

Nach Agenda 2010 jetzt die Agenda Plischke?

Vor einiger Zeit fand ich mich in eine ungewöhnliche Diskussion verwickelt, die bis heute in mir nachwirkt (und an die ich mich durch diese spannende Diskussion erinnert fühlte). Einer meiner Kollegen aus dem Phantastik-Betrieb äußerte die Vermutung, dass ein Autor ja nur dann schwule, lesbische, bi-, trans- oder sonstwie nicht-heterosexuelle Figuren in seinem Geschreibsel auftauchen ließe, wenn der Betreffende damit eine bestimmte (gesellschafts-)politische Agenda verfolge.

Stellt sich für mich natürlich die Frage: Verfolge ich eine Agenda? Denn immerhin geistern in meinen Ergüssen so einige Figuren umher, die von den Regeln der Heteronormativität abweichen:
1. Namul Trotz, das erste Mordopfer aus „Die Zwerge von Amboss“, hat eine Beziehung mit seinem Hausdiener, bei dem es sich noch dazu um einen Menschen handelt.
2. Ralek und Kabet, die bei der Arbeiterbelobigungsfeier im gleichen Roman auftauchen, sind ebenfalls schwul wie hulle.
3. Tschoradschun von Feuerberg alias die Qualle – ebenfalls aus den Zerrissenen Reichen – ist beidseitig befahrbar und stillt seine niederen Gelüste an allem, was sich bewegt.
4. Himek Steinbrechers Sexualität lässt auch Fragen offen und ist nach seiner psychischen Verschmelzung mit Ulaha auch nicht gerade unkomplizierter geworden.
5. In „Kalte Krieger“ treibt nun ein schwuler Bulle sein Unwesen.
6. In „Die Zombies“ tauchen schließlich zwei dezent invertiert angehauchte Damen als Nebenfiguren auf.

Ist das also Teil einer Agenda? Nur, wenn man den Begriff sehr, sehr weit fasst und sämtliches Handeln eines Menschen als politisch definiert (was man ja durchaus tun kann). Denn selbstverständlich macht man sich als Autor über die Anlage seiner Figuren Gedanken und trifft hier und da recht bewusste Entscheidungen, was ihre Verfassung angeht. Andererseits gehöre ich zu den Schreiberlingen, die das Gefühl kennen, gelegentlich von ihren eigenen Schöpfungen überrascht zu werden, da sie sich plötzlich anders verhalten oder andere Eigenschaften zeigen, als man ihnen in der ursprünglichen Planung zugedacht hatte. Ich gebe die Schuld einmal ganz frech dem Unbewussten im Sinne von psychischen Prozessen, deren Ablauf sich meiner Kontrolle und meiner eigenen Wahrnehmung entzieht. Eine Haltung, die es anderen gestattet, mein Geschriebenes minutiös auseinanderzuklamüsern und darin ganz augurenhaft nach den Eingeweiden meiner Seele zu forschen.

Das oben angerissene Agenda-Argument ging übrigens noch einige Schritte weiter. Der Einsatz von – ich nenne sie jetzt der Einfachheit halber mal SUFs (Sexualitätsbezogen Ungewöhnliche Figuren) – wäre ja nur dann angebracht, wenn ihr Abweichen von dem, was man gemeinhin Norm nennt, für die Handlung eines Romans von entscheidender Bedeutung wäre. Warum eigentlich? Weil für SUFs der Teil ihrer fiktionalen Persönlichkeit, der sie zu SUFs macht, derart große Bedeutung tragen muss, dass – sagen wir mal: eine lesbische Kommissarin – in einem Mordfall komplett anders ermitteln müsste als ihre Kollegin? Ein schwuler Pilot ein Flugzeug anders fliegen? Ein auserwählter Bauersjunge, der sowohl in der Abwehr als auch in der Verteidigung spielt und beim Pflügen das Schwert der Allmacht findet, seine Fantasywelt am Ende irgendwie anders vor der Dunklen Bedrohung™ retten? Das glaube ich nun nicht...

Ein anderer Grund, der prinzipiell gegen die Verwendung von SUFs spräche, so der Kollege weiter, sei der, dass der Durchschnittliche Leser© ein möglichst hohes Identifikationspotenzial mit den Figuren wünsche und dass dies bei SUFs eben von Anfang an nicht gegeben wäre, da man deren emotionale Erfahrungswelt nicht kenne. Das ist der Punkt, über den ich nach wie vor am meisten grübele. Heißt das, allerlei Geviechs – von Orks, Ogern und Goblins über Elfen, Halblinge und Feen bis hin zu Einhörnern, Drachen und Möwen – wird anstandslos als Identifikationsoption angenommen, obwohl die meisten Menschen, die ich kenne, meines Wissens nach nie Orks, Oger oder ähnliches gewesen sind? Und wenn dem so ist, würde die Identifikation schwerer fallen, sobald ein generischer 08/15-Ork durch eine besondere Vorliebe in eine SUF verwandelt wird?

Ich bin nach wie vor etwas ratlos, was ich davon halten soll. Im nächsten Post formuliere ich dann aber mal meine Agenda, fest versprochen ...

Montag, 23. November 2009

Nominierung für „Die Ordenskrieger von Goldberg“

Die Büchercommunity Lovelybooks.de sucht im Rahmen der Aktion

nach den – tja, sagt der Name ja – besten Büchern 2009. In der Kategorie Fantasy hat es „Die Ordenskrieger von Goldberg“ auf die Longlist von 35 vorgeschlagenen Werken geschafft. Nun läuft noch bis zum 13. Dezember eine Abstimmung, im Zuge derer die drei besten gekürt werden sollen.

Das Feld ist stark besetzt – Christoph Hardebusch, Peter V. Brett, Kai Meyer, Bernd Perplies, Bernhard Hennen, Patrick Rothfuss, Cassandra Clare, Richard Schwartz, Christoph Marzi, J. R. Ward, Tad Williams, Bernd Rümmelein, Walter Moers und Charlaine Harris heißen einige meiner Mitbewerber.

Wer nun also meint, ein Preis würde sich für Garep, Sira, Karu und Co. gar nicht so schlecht machen, der weiß bestimmt auch, was zu tun ist. Bei Stimmabgabe hat man übrigens die Chance, ein Buchpaket zu gewinnen (ein Konzept, das auch die Beteiligung an Bundestagswahlen womöglich etwas ankurbeln könnte ...).

Freitag, 20. November 2009

NIDS

Die Schweinegrippe verändert unser Leben. Nicht nur dahingehend, was die Herren Furedi und Glassner als weitreichenden Beleg einer Kultur der Angst werten würden, sondern auch in den kleinen Dingen. Interessanterweise bringt man nun schon den Kleinsten bei, wie bzw. wohin man richtig niest. Sich die Hand vor die Nase zu halten, ist inzwischen verpönt, weil man ja damit böse Keime in die Handfläche schleudert, um sie danach bei jedem Händeschütteln und bei jeder Berührung eines Gegenstands, den ein anderer potenziell berühren könnte (also im Grunde jeden), gefährlich zu verteilen. Wohin niest man also dann richtig? Richtig, in die Ellenbeuge. Das hat oftmals ästhetische Nachteile – wie etwa nasse Stellen, die vor allem auf dunklen Stoffen zu unschönen, weiß- oder gelbverkrusteten Flecken trocknen –, und eigentlich ist die Hand bei einem schleimigen Unfall schneller gewaschen als das Oberteil gewechselt.

Insofern halte ich persönlich die Ellenbeuge für einen schlechten Tipp. Ganz dem Gedanken der völligen Optimierung menschlichen Verhaltens verpflichtet, empfehle ich daher ein anderes Konzept: NIDS (Niesen in den Schritt).

NIDS bietet gegenüber NIDE (Niesen in die Ellenbeuge) einige entscheidende Vorteile:
1. NIDS hält die Wirbelsäule geschmeidig, stärkt die Rückenmuskulatur und beugt so Haltungsschäden vor.
2. NIDS sieht unterhaltsam aus.
3. Insbesondere für die Herren der Schöpfung bietet NIDS die Möglichkeit eines anderen Umgangs mit hinlänglich bekannten Missgeschicken bei Masturbationsexzessen (vulgo: „Sportflecken“). Was bislang schamhaft als widerliches Zeugnis der noch widerlicheren Lust am Erleben des eigenen Körpers verborgen werden musste, könnte dank NIDS in Zukunft stolz als unübersichtliches Zeichen für die Rücksichtnahme auf das Wohlbefinden anderer zur Schau getragen werden.
4. Das Thema Rücksichtnahme ist damit noch lange nicht erschöpft. Eines der brennendsten Probleme des postmodernen Spätkapitalismus ist und bleibt die Frage: „Schritt oder Arsch?“

Zur näheren Erläuterung: Wir alle kennen die Situation, zu spät zu einer bestuhlten Veranstaltung (Aufführung eines Bühnenstücks, Vorführung eines Kinofilms, packender Expertenvortrag zum gescheiterten Bologna-Prozess) zu erscheinen oder im Zuge einer solchen unseren Platz aus diversen Gründen (Harndrang, Hunger, übereilte Flucht vor zeitreisenden Häschern, die uns seit Längerem nachstellen) noch einmal verlassen zu müssen, während das packende Geschehen bereits in vollem Gange ist. Beim Trippel-Pogo, der beim Quetschen durch die Reihe zwangsläufig entsteht, muss jedes Mal aufs Neue entschieden werden, von welcher Seite wir uns unseren Mitmenschen präsentieren, die wir gerade stören (außer beim Gottesdienst, wo man gefälligst in Richtung Altar gewandt bleibt). Außerhalb von Kirchen sagen die einen so, die anderen so. Die meisten Ratgeber für Verhaltenskonditionierung empfehlen, den Sitzenden – die sich streng genommen erheben sollten, damit die ganze Nummer noch ein wenig peinlicher wird – stets die Vorderseite zuzuwenden. Dies drückt angeblich aus, dass man die Existenz anderer noch rudimentär berücksichtigt, da sie einem so ja nun ins Gesicht sehen können. Eine stichprobenartige Erhebung unter Damen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ergab jedoch leider, dass die Befragten es nicht schätzen, im Extremfall nur durch eine dünne Stoffschicht und ein, zwei Handbreit Luft davor bewahrt zu werden, mit einem bislang unbekannten männlichen Gemächt in Gesichtshautkontakt zu geraten. Also vielleicht doch lieber die Poritze?

NIDS bereitet der quälenden Unsicherheit ein Ende: Da ich ja als NIDS-Anhänger meine aus der Nase ausgestoßenen Keime aus – Achtung, da ist sie wieder: Rücksichtnahme – brav in meinen Schritt entlade, kann ich selbigen schlecht gefährlich nahe an anderen Nasen vorbeiführen. Lieber munter den Arsch rausgereckt, Problem gelöst: Zumindest solange, bis ein Virus dergestalt mutiert, dass es durch im Stoff des Hosenbodens gefangene Flatulenzreste übertragbar ist (2012 ist ein wahrscheinliches Datum für dieses apokalyptische Ereignis) ...

Montag, 16. November 2009

Schamlose Eigenwerbung: „Kalte Krieger“ ist da!


Nachdem bereits am Samstag unsere Belegexemplare eingetrudelt sind, habe ich soeben festgestellt, dass diverse Internet-Buchhändler unseren Superheldenthriller „Kalte Krieger“ offenbar seit heute tatsächlich ausliefern. Wer also im Netz zuschlagen möchte – beispielsweise weil er fernab der nächsten physischen Buchladens beheimatet ist oder weil er prinzipiell schon länger nicht mehr unter Menschen geht –, kann dies ab sofort tun.

Worum ging es überhaupt noch mal?

Im einen Handlungsstrang, der 2008 spielt, tritt die Psychologiestudentin Amy ihr Therapiepraktikum bei ihrem neuen Arbeitgeber Michael an, der eine winzige Praxis in Portland betreibt (er selbst würde sie vermutlich als klein, aber fein bezeichnen, was nur dann den tatsächlichen Verhältnissen entspräche, falls man unter ‚fein‘ ein wenig abgewarzt versteht). Michael entpuppt sich als Schnackbolzen mit ungewöhnlichen Behandlungsmethoden, doch zum Glück ist Amy alles andere als auf den Mund gefallen (in meinem Heimatdialekt würde man sagen, „die hott e Gosch wie e Schwerd“ – also einen Mund wie ein Schwert, was üblicherweise nicht als Kompliment gilt). Ihren Schwertmund oder ihr Mundschwert – je nachdem, wie man das sehen will – wird Amy auch dringend brauchen, denn kaum in Portland angekommen, schleift sie Michael an den Fundort einer Leiche: Eine junge Frau ist erfroren im Wald entdeckt worden. Das wäre an sich vielleicht beklagenswert, aber noch nichts Spektakuläres, doch in Portland ist es gerade Sommer. Die Erfrorene ist weder das einzige Mysterium, mit dem sich Amy und Michael herumplagen müssen, noch bleibt sie die einzige Tote. Es stellt sich rasch die Frage, welche Verbindung zwischen dieser Mordserie und dem Verschwinden einer Patientin Michaels besteht, die als Künstlerin mit Tierkadavern arbeitet...

Im zweiten Handlungsstrang, der zehn Jahre zuvor angesiedelt ist, lernt der geneigte Leser denn auch besagte Patientin als Teenager kennen. Nina wurde von ihren Eltern in ein Sommercamp am Arsch der Heide verbannt, weil ihre Alten ihre zerrüttete Ehe ohne störende Einwirkungen des Sprößlings abwickeln wollen (zumindest vermutet Nina dies als wahren Grund für ihr Abgeschobenwerden). Camp Wagosh erweist sich denn für unsere sensible, zukünftige Künstlerin auch als Hort des Grauens – inklusive zwangskumpeligen Betreuern, nervtötenden Freizeitaktivitäten wie Kanufahren und Feuermachkursen sowie überwiegend oberflächlichen Mitgefangenen. Gut, dass Nina gleich bei der Anreise Anschluss findet – auch wenn sie von den anderen Lagergästen umgehend in die Rubrik „Menschen, Tiere, Sensationen“ gestopft wird, weil sie sich mit der goth-punkigen Möchtegernrebellin Jewel anfreundet. Weniger gut ist, dass die Betreiber des Camps mit einigen ihrer Angebote weitaus Düstereres im Schilde führen, als die Formulierung „das volle Potenzial ihrer Schützlinge ausschöpfen“ zunächst vielleicht vermuten lassen würde...

So, genug verraten. Oder halt, einen Nachschlag gibt es noch. Womit darf der Leser rechnen? Nun, unter anderem mit sexy Telepathen, Fernwahrnehmungsexperimenten, einer Duschszene im Camp, intensiven Schweißausbrüchen (bei einer der Protagonistinnen, versteht sich – für etwaige Eigenreaktionen übernehme ich keine Garantie), Wespenangriffen, einem brennenden Motel, der großzügigen Manipulation von Erinnerungen (bei einer der Protagonistinnen – siehe oben), unsichtbaren Messerstecherinnen und dergleichen mehr.

Freitag, 13. November 2009

„Lilie“ heißt jetzt „Die Zombies“

Aber Persil bleibt Persil. Im Ernst: Mit großer Freude verkünde ich hiermit, dass mein Projekt „Lilie“, um das ich hier in der Vergangenheit schon so viel Bohei gemacht habe, höchstoffiziell bei Erscheinen den Titel „Die Zombies“ tragen wird.

„Lilie“ wurde als Arbeitstitel gewählt, weil eine der Hauptprotagonistinnen auf den Namen Lily hört (und natürlich weil die genannte Blume symbolisch mit Tod und Trauer verknüpft ist). Gestorben wird in „Die Zombies“ dementsprechend reichlich, auch wenn ich mich (respektive wir uns – der Moops darf auf keinen Fall vergessen werden) dagegen entschieden haben, noch eine Zombiekalypse mehr zu entfesseln. Was? Kein Weltuntergang? Aber worum geht es denn dann?

Darum: Die Anthropologin Lily Young arbeitet an ihrer Doktorarbeit zum Thema Legenden über wandelnde Tote aus aller Welt. Das wäre völlig ungefährlich, wenn in diesen Legenden nicht ein Körnchen Wahrheit schlummerte. Und die Schatten, in denen Lily bei ihren Recherchen herumstochert, erweisen sich als ausgesprochen hungrig, und nach einem verhängnisvollen Biss muss sie miterleben, wie sich eine grausige Veränderung in ihr vollzieht – inklusive einem unverhofften Appetit auf größeres und kleineres Getier jedweder Art, wobei so mancher Leckerbissen leider auf zwei Beinen geht. Wie gut, dass sich gleich zwei Männer um Lily sorgen: zum einen der charismatische, stinkreiche Victor Cunningham, der ihr die ganze Chose allerdings überhaupt erst eingebrockt hat, zum anderen ihr etwas unbeholfener Freund und Gelegenheitslover Gottlieb Berger, der jedoch nicht immer ganz ehrlich zu ihr gewesen ist, was seine wahren Absichten anbelangt.

Die Zombies“ wartet überhaupt mit allerlei Erfreulichem auf: Mumien, Windigos, abgelegenen Dörfern im schottischen Hinterland, Testamentseröffnungen, angeblichen Wildgehegen im Taunus, einem Ausflug in ein skurriles Labyrinth, kannibalistischen Riten, quasi-nekromantischen Apparaturen, frisch gepresstem Leichensaft, und ja, ganz, ganz am Ende auch mit Horden fresswütiger Untoter, die über alles herfallen, was sich bewegt...

Ich wünsche schon mal jetzt „Guten Hunger!“.

(Moops-P.S. Wie passend, dass diese Ankündigung an einem Freitag den 13. online gehen wird...)

Donnerstag, 12. November 2009

Aus gegebenem Anlass: Zensur in Deutschland

Aus gegebenem Anlass fordere ich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf, sich intensiv mit folgenden Songs zu befassen, die „Jugendliche zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr animieren“ oder sonstwie bei einmaligem Hören eventuell in Perverse verwandeln (prägnante Zitate habe ich der Einfachheit halber gleich angehängt):

Penny McLeanLady Bump („All I want to do is to bump with you”)
Jürgen DrewsEin Bett im Kornfeld (“Doch ich lachte und sprach: ‘Ich hab dir noch viel zu geben!’“)
Boney M.Daddy Cool („She’s crazy about her daddy“)
AbbaDancing Queen (“Anybody could be that guy” und natürlich “Young and sweet, only seventeen”)
Village PeopleY.M.C.A. (“They have everything for young men to enjoy, you can hang out with all the boys” – klingt verdächtig nach Bareback-Party…)
Dschingis KhanDschingis Khan (vielleicht eines der jugendgefährdetsten Lieder in deutscher Sprache überhaupt: “Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht” (häufiger Partnerwechsel); „Tanzt Männer, so wie immer!“ (denn wie wir wissen, tanzen richtige Männer nicht...); „Und einer ritt voran, dem folgten alle blind.“ (totalitärer Personenkult); „Und er leert den Krug in einem Zug.“ (romantisierende Darstellung des Komasaufens))
Mike KrügerDer Nippel („Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehen.“ – Auch das hat was von Quälerei im Bondagekeller...)
Roland KaiserSanta Maria („Nachts an deinen schneeweißen Stränden hielt ich ihre Jugend in den Händen“ sowie „Tief in ihrem Innern brannte die Sehnsucht, den Schritt zu wagen, vom Mädchen zur Frau“ – schmutzig, so so schmutzig...)
MarkusIch will Spaß (erneut ein wahrer Hort der Jugendgefährdung: „Mein Maserati fährt 210, schwupps, die Polizei hat’s nicht gesehen“ - und das in Zeiten von Crashkids) „Ich schubs die Enten aus dem Verkehr, ich jag die Opels vor mir her“ (Nötigung im Straßenverkehr); „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“ (und wer macht die Sauerei dann weg?); und zu guter Letzt „Der Tankwart ist mein bester Freund. Ui, wenn ich komm, wie der sich freut.“)
Murray HeadOne Night in Bangkok (“The bars are temples but the pearls ain’t free. You’ll find a god in every golden cloister, and if you’re lucky then the god’s a she.” – Prostitution und Blasphemie in einem Abwasch…)
Modern TalkingCheri Cheri Lady (“Cheri Cheri Lady, living in devotion. It’s always like the first time, let me take a part.” – BDSM-Fantasie mit erheblichem Zerstückelungsanteil).
Inner CircleSweat (“Girl, I want to make you sweat, sweat till you can sweat no more, and if you cry out, I’m gonna push it some more.” – Hört sich nur bedingt nach einvernehmlichem GV an…)

Diese Liste umfasst nur solche Lieder, die von meiner Geburt bis zu meiner Volljährigkeit einmal Platz 1 der deutschen Singlecharts belegten. Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht hilflos all diesem Schmutz ausgeliefert gewesen wäre? Schlimmer noch: Diese Lieder werden nach wie vor im Radio gespielt und richten weiterhin Schaden an zarten Kinderseelen an...

Montag, 9. November 2009

Des Besserwissers kleines Paradies: Quizspiele

Am Wochenende hatte ich Gelegenheit, Bekanntschaft mit dem jüngsten Ableger einer populären Quizspielreihe für die Konsole zu machen. Keine Sorge, Fernseher, Controller und Mitspielern geht es gut, obwohl ich nachweislich einer der schlechtesten Verlierer aller Zeiten bin.

Erinnert sich beispielsweise noch jemand an Sagaland? In den frühen Achtzigern erfreute sich dieses Grauen in zahlreichen Familien größter Beliebtheit. Meine dunklen Erinnerungen daran verraten mir, dass es um Märchen ging und die Hauptaufgabe darin bestand, sich Memory-artig zu merken, welches Märchensymbol unter welchem Plastikbäumchen verborgen lag. Meine weniger dunklen Erinnerungen werden mich nie verlassen: Nachdem ich bei meiner bis dahin (und wahrscheinlich für immer) letzten Partie in eine aussichtslose Lage geriet – selbstverständlich ohne jegliches Eigenverschulden – und mich überdies von dem Spiel äußerst ungerecht behandelt fühlte, fasste ich den kühnen, wenn auch etwas hitzigen Beschluss, meine Niederlage abzuwenden, indem ich das Spielbrett samt den dazugehörigen Bäumchen vom Tisch fegte (wobei die Bäumchen sich beim späteren Aufsammeln noch als spitz genug erwiesen, um sich mir schmerzhaft in die Fußsohlen zu bohren). Eine späte Rache jener spielgewordenen Demütigung, die in meiner Famile fortan nur noch Ver-Sagaland hieß? Wir werden es wohl nie erfahren…

Zurück zum Thema: Quizspiele. Da es die meisten Quizspiele schaffen, mir eine gewisse Unabhängigkeit von solch lästigen Erfolgsfaktoren wie Glück oder Ausgeglichenheit vorzugaukeln, zählen sie bis heute zu den wenigen Spielen, an die ich mich ab und an noch heranwage. Sie erfüllen eine wichtige Funktion (nicht für mich, sondern auch für andere): Sie befriedigen den kleinen Besserwisser in uns. Was sie nämlich zusätzlich vorgaukeln, ist der Eindruck, ein irgendwie relevantes Wissen abzufragen – ein Wissen, bei dessen Besitz man sich sehr, sehr wichtig und zufrieden vorkommen kann. Wie viele der 20 höchsten Berge der Welt liegen in Asien? In welcher Stadt wurde DSDS-Juror Dieter Bohlen geboren? Welcher Dialekt würde im Marienhof am ehesten gesprochen? Wer hat das Katzenauge erfunden?

All dieses Wissen – respektive die Fähigkeit, diese Wissensbröckchen auf Zuruf hervorzuwürgen – besäße indes allein in einer Welt ohne gedruckte Nachschlagewerke, das Internet oder andere verlässliche Formen der dauerhaften Informationsweitergabe einen ansatzweise relevanten Wert. In unserer Welt also leider eigentlich keinen – außer dem nicht zu unterschätzenden, den Besserwisser in sich in Ekstase zu versetzen.

Was meine Ekstase am Wochenende jäh beendete, war ein Vergleich zwischen den englischen und den deutschen Fragen, die im angetesteten Quizspiel enthalten waren. Weshalb? Nun, die deutschen Fragen schienen sich – wohlgemerkt im Vergleich zu den englischen – an Lemuren zu richten, was vor allem an den Antwortmöglichkeiten lag, die sich ohne jeden Zweifel am Niveau von Werbepausengewinnspielen im Fernsehen orientierten („Welche Sportart sehen Sie gerade? A: Fußball oder B: Käsereibe?“ – so etwas in der Art…)

Ein rascher Blick in die Onlinebestenlisten offenbarte ähnlich Verheerendes, das die genannte These untermauerte. Um in einem Modus, bei dem man im Grunde möglichst viele korrekte Antworten hintereinander geben muss (man hat allerdings vier Fehlschläge frei), an die Spitze der englischen Bestenliste zu stürmen, reichten schlappe 42 korrekte Antworten. Bei uns Teutonen musste man ungefähr das Dreifache schaffen (wohlgemerkt auf dem beschriebenen Niveau, während bei unseren Freunden von der Insel der Schwierigkeitsgrad deutlich höher angesiedelt war).

Das lässt nur einen Schluss zu: Der deutsche Besserwisser gibt sich mit Mittelmäßigkeit oder Schlimmerem zufrieden. Die echten Könige dieser Disziplin leben anderswo… Ich denke also ernsthaft darüber nach, in jenes sagenhafte Reich umzusiedeln, um endlich ganz bei mir selbst ankommen zu können.

Freitag, 6. November 2009

Fantasyschaffende an unerwarteten Orten

Wir haben neulich einen Sonntagmorgen (sowie einen Kurzaufenthalt von Natalja Schmidt, Christoph Hardebusch und Bernhard Hennen in der Hansestadt) genutzt, um gemeinsam mit ihnen an einem unerwarteten Ort einzufallen: der Turnhalle in der Langen Reihe. Dort wird seit Längerem nicht mehr geturnt, obwohl nach wie vor Ringe und Seile von der Decke hängen, sondern hip gespeist.
Zunächst zu den Dingen, die mir unangenehm aufgefallen sind:
- Der Maitre d‘. Hauptberufliche Platzanweiser im gastronomischen Gewerbe sind mir prinzipiell suspekt (ungeachtet dessen, wie schniek ihre Hornbrille oder ihr gestreiftes Leibchen auch sein mögen).
- Unser Tisch, der uns zugewiesen wurde. Man braucht eine Menge Humor, um sechs Personen zwecks brunchiger Nahrungsaufnahme um einen Couchtisch mit einer Grundfläche von etwa einem Quadratmeter zu platzieren.
- Der Teppich in der Couchecke. Stahlgraues Kunstbobtailfell, das bestimmt inneneinrichtungstechnisch total angesagt ist, aber nichtsdestoweniger den Charme eines Fußabstreifers versprüht.

Dann zu den Dingen, die positiv ins Gewicht fielen:
- Das Essen.
- Und vor allem: die Gesellschaft. In rundum gelungenen zwei Stunden ging es im Schweinsgalopp durch neue Trends im Genre, die alte Trennung zwischen E und U, die Funktion und Nützlichkeit des Bloggens, präferierte Arbeitstechniken und private Geschmacksbekenntnisse.

Auch wenn ich oft – in typisch deutscher Lamentierhaltung – über die Schattenseiten des Autorendaseins jammere, muss ich eines an dieser Stelle dringend loswerden: Treffen mit Kollegen sind mir stets ein Fest, da ich mir einen derart höflich-zivilisierten und durchweg vergnüglichen Umgang, wie er bei diesen Anlässen in der Regel herrscht, ehrlich gesagt für breitere Teile unserer Gesellschaft wünsche. Dann käme man am Ende vielleicht gar ohne Maitre d‘ aus...

Mittwoch, 4. November 2009

Ein Selbstversuch (lose mit dem Thema Frauen verbandelt)

Ich habe es getan. Ich habe Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen gesehen und ich habe es überlebt (nette Idee für einen T-Shirt-Aufdruck eigentlich).
Dieser letzte Satz diente rein dem Zweck einer schamlosen Überdramatisierung. Nüchtern betrachtet tat Twilight nämlich gar nicht weh. Genauer gesagt, bin ich nach etwa vier Fünfteln eingeschlafen, was allerdings nicht meiner Langeweile, sondern der fortgeschrittenen Stunde geschuldet war.

Ich liste zunächst einige Dinge auf, die mir nicht so gefallen haben:
- Die Maske. Da hat man es mit der Blässe des gediegenen Blutsaugers etwas übertrieben. Edwards Ersterscheinen in der Schul-Cafeteria sei als wichtigstes Beispiel herangezogen. Man mag über Robert Pattinson denken, was man will, aber neben tollem Haar ist er zudem mit männlich-markanten Augenbrauen ausgestattet. Leider hat ihm die Maske in besagter Szene offenbar mit der doppelläufigen Puderflinte ins Gesicht geschossen, was nun dazu führt, dass seine Augenbrauen (die sauber freigeföhnt wurden) erschreckende Ähnlichkeiten mit pelzigen, schwarzen Raupen aufwiesen. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, an wen er mich daher erinnerte, doch inzwischen weiß ich es: Bert aus der Sesamstraße (und da ich als Kind immer auf Ernies Seite war, verlor Edward dadurch einige Sympathiepunkte bei mir).
- Der plumpe Cameo-Auftritt von Stephenie Meyer. Natürlich sei es jedem Autor unbenommen, bei der Verfilmung eines seiner Werke in der Kulisse herumzusitzen. Was Fans dann ja irre spannend finden, ist es, den heimlichen Star zu erspähen. Leider ist das im Fall von Frau Meyer ungefähr so schwer, wie einen wilden Kerl zu finden, der sich unauffällig durch Schlumpfhausen bewegen möchte. Weniger wäre hier – meiner bescheidenen Meinung – nach mehr gewesen.
- Der Glitzereffekt. Bekanntlich meiden Vampire im Bis(s)-Universum vor allem deshalb das Sonnenlicht, weil sie gülden zu glitzern beginnen, sobald ein Sonnenstrahl auf sie fällt. Dieser Effekt ist nun nicht gerade dezent, und die unfreiwillige Komik dahinter erwächst nun daher, dass Edward dieses Phänomen mit dem Satz „It’s the skin of a killer.“ bedenkt. Was bedeutet, dass ich mich in Zukunft besser vor Frauen hüte, die Glitter auf dem Dekolleté tragen (weil sie in Wahrheit nämlich gar nicht darauf aus sind, ein zwangloses Gespräch mit mir zu führen – „Du auch hier?“ bzw. „Bist du nicht der Typ, der in seinem Blog gerade diesen komischen Quatsch über Frauen schreibt?“ oder auch „Wo ist der Cordanzug von deinem Autorenfoto geblieben?“ –, sondern nur auf mein Blut scharf sind).

Kommen wir zu den Dingen, die ich gut fand:
- Die Teeniefilm-Atmosphäre. Mit einigen wenigen Änderungen ließe sich Twilight mehr oder minder ent-übernaturalisieren und zu einem typischen High School-Streifen ummodeln, bei dem die Sympathien des Zuschauers klar bei den Außenseiterfiguren liegen.
- Das Baseballspiel der Vampirfamilie Cullen. Eine im Grunde völlig bekloppte Idee, die aber hübsch in Szene gesetzt ist und aus den Blutsaugern endgültig eine Art Superhelden mit speziellen Ernährungsgewohnheiten macht (und ich liebe Superhelden, denn sonst hätte ich ja Kalte Krieger nicht geschrieben). In einem Beispiel für gelungene innere Konsistenz beim Ablauf von Superheldenerzählungen treten dann bei ebendiesem Baseballspiel auch die Superschurken erstmals für die Helden sichtbar auf den Plan (und der fieseste von ihnen hat furchtbar langes, ungepflegt wirkendes Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet, und ist somit also exakt der Typ Mann bzw. Junge, den man sich nun so gar nicht als Schwiegersohn wünscht – habe ich Edwards tolles Haar bereits erwähnt? Doch Vorsicht: Meine Fee warnt mich gerade mit einem beunruhigenden „It’s the hair of a killer!“).
- Surfen bei echtem Scheißwetter an der amerikanischen Nordwestküste. Noch so ein Einfall, der durch seine Skurrilität besticht, und für mich seinen ganz eigenen Grusel entfaltete, da ich lebende Gewässer nicht leiden kann. Es folgte ein schöner Strandspaziergang mit dem schnuckeligen Werwolf-Indianer, der sich – und auch das nenne ich konsequent – erst einmal für New Moon, den zweiten Teil der Serie, die Haare schneiden muss, um als potenzieller fester Freund für Bella in Frage zu kommen.

Wie fällt nun mein Fazit aus?
1. Ich kann verstehen, weshalb die weibliche Zuschauerschaft (und vor allem die junge) von Twilight sehr, sehr angetan war. Natürlich ist es eine angenehme Vorstellung, bei der familienbedingten Verbannung in ein Kuhkaff-Exil mit schlechtem Wetter zum Objekt der Begierde eines Jungen mit echt tollem Haar zu werden (noch besser ist, dass der Typ mehr oder minder fliegen kann, in Sachen klassischer Musik und Kunst recht bewandert ist, ein Auto hat, von einem angesehenen Arzt adoptiert wurde und einem erst das Leben auf dem Schulhofparkplatz rettet, um anschließend dafür zu sorgen, dass keine Horde rolliger, angetrunkener, unterschichtsverdächtiger Stadtjugend über einen herfällt). Da sieht man großzügig darüber hinweg, dass seinesgleichen eigentlich traditionell einen schlechten Ruf hat, was den Umgang mit Jungfrauen angeht. (Die Fee nannte Twilight mindestens übrigens ebenso großzügig „Der kleine Vampir mit Knutschen“ – und sie stand nach eigenen Angaben total auf Rüdiger).
2. Ich kann verstehen, weshalb die männliche Zuschauerschaft von Twilight weniger angetan war. Bella ist nicht stereotyp schlampig-schön genug (zum Vergleich siehe etwa Megan Fox), um ihrerseits problemlos als Projektionsfläche für eigene erotische Eskapaden zu dienen. Schlimmer noch: Man konkurriert in der eigenen Vorstellung mit einem Jungen mit echt tollem Haar (noch fieser ist, dass der Typ mehr oder minder fliegen kann usw. usf.)

Bis zu meinem sanften Dahindämmern fühlte ich mich jedenfalls nicht schlechter unterhalten als – sagen wir mal – bei einer Folge Gilmore Girls, und ich habe die feste Absicht, mir New Moon auch anzutun (allein schon der Werwölfe wegen). Und das ist doch immerhin mehr, als ich von so manchem anderen Franchise dieser Tage behaupten kann...

Dienstag, 3. November 2009

Leseprobe zu Kalte Krieger

Es ist soweit: Auf piper-fantasy ist eine Leseprobe zu Kalte Krieger online gegangen. Zur Erinnerung: Das ist unser capefreier Thriller über Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, gefrorene Leichen und unheimliche Sommercamps, der Ende des Monats in den Handel geht.

Die Leseprobe umfasst den Prolog sowie einen Auszug aus dem zweiten Kapitel, und man lernt die Protagonistin Amy Marsten, ihren schrulligen Chef Michael Beaumont und die Mutter einer von Michaels Patientinnen kennen, die sich (zurecht) etwas besorgt über das Verschwinden ihrer Tochter zeigt. Ach ja, Tote gibt es auch gleich...

Viel Spaß damit (und Rückmeldungen sind natürlich jederzeit willkommen)!

Montag, 2. November 2009

Wir mögen Frauen, die Zombies mögen

Zur Versöhnung nach meinem kleinen Ausraster am Ende des letzten Posts stimme ich nun ein Loblied auf die Frauen an. Als der Moops und ich uns an die Planung von "Lilie" machten, hatten wir ein bisschen Muffensausen. Warum? Tja, wir befürchteten, Frauen fänden Zombies prinzipiell eklig. Tun sie nicht, wie wir inzwischen wissen (und wie wir uns auch angesichts der Beliebtheit des Vampirs hätten denken können, denn der ist ja letztlich nur eine besonders populäre Unterform des wandelnden Toten). Im Gegenteil: Die von uns befragten Damen freuten sich regelrecht auf fauliges Fleisch und Hirnfressen.

Nun bleibt abzuwarten, wie sie zum Thema Zombiesex stehen (der eine oder andere, der schon einige Jahre länger in einer Beziehung zubringt, kennt das vielleicht von zu Hause – die mechanisch-abgehackten Bewegungen, der sonderbare Geruch, die ausdruckslose Miene, das gequälte Stöhnen ... aber ich schweife ab...).

Zurück zum Loblied. Ich liste in loser Reihenfolge meine Lieblingseigenschaften von Frauen auf:
- Sie haben angenehm weiche Haut.
- Sie haben einen Blick fürs Detail.
- Sie manipulieren ständig Männer, ohne dass es den Herren der Schöpfung auffällt.
- Sie reden gern und viel.
- Sie beurteilen die Leistung von Profisportlern nach deren äußerer Erscheinung.
- Sie lesen mehr als Männer.
- Sie bewegen sich lustig, wenn sie betrunken sind.
- Sie tanzen, anstatt nur doof in der Ecke herumzustehen.
- Sie glauben, Männer könnten keinen Orgasmus vortäuschen.
- Sie haben uns die sogenannte Wirtschaftskrise nicht eingebrockt.
- Sie mögen Meerschweinchen.
- Sie ekeln sich nicht vor Zombies.

Freitag, 30. Oktober 2009

Wir mögen keine Frauen von Männern

Und weiter geht’s mit meiner kleinen Reihe zum Thema Frauen, diesmal mit einer eher persönlichen Ausrichtung und einem kurzen Gedankenfetzen. Vor Kurzem wurde mir aus berufenem Munde versichert, Frauen würden Bücher von Männern nicht mögen, in denen die Autoren die Perspektive von weiblichen Figuren schildern. (Ich kam leider nicht dazu, mich zu erkundigen, ob Männer keine Bücher von Frauen mögen, in denen die Autorinnen die Perspektive von männlichen Figuren schildern.)

Diese Aussage treibt mich um. Zum einen da ich mich an diese vermeintliche Regel nun mal partout nicht halten will, zum anderen weil sie mir merkwürdig erscheint.

Gehen wir für einen Moment allerdings davon aus, dass sie zutrifft. Das würde bedeuten, dass im Kopf von Leserinnen eine Art Graben verläuft, der mit Schildern gesichert ist, auf denen steht: „Nicht weitergehen! Hier schreibt gleich jemand über etwas, mit dem er sich nicht auskennt, nicht auskennen kann und niemals auskennen wird!“
Im Ernst: Woher rührt dieses Misstrauen? Kennt irgendjemand eine Erklärung, die über „Frauen sind halt komisch“ hinausgeht?

Und weiterführend schließen sich diese Fragen an: Wie ist das, wenn ich keinen personalen Erzähler wähle (der ja quasi durch die Augen einer Figur blickt), sondern einen allwissenden? Schafft dieses Mehr an Distanz dann auf wundersame Weise auch ein Mehr an Glaubwürdigkeit? Rätsel über Rätsel...

Mysterium, dein Name ist Weib!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Ungerechtigkeiten

Im dritten Teil meiner kleinen Reihe zu Frauenthemen, möchte ich etwas ansprechen, worauf mich meine gute Fee aufmerksam gemacht. Eine Ungerechtigkeit im Ringen um Paarungsmöglichkeiten, um genau zu sein.

Meine gute Fee ist die Vertreterin einer seltenen Spezies: Sie ist ein Gamerweibchen. Wo andere Angehörige ihrer Art über eine Begeisterung für Mangas und Animes an die Konsole gelangen, um in die bunten Welten von Japano-RPGs abzutauchen, stand meine Fee von Anfang ihrer Daddelkarriere an auf wesentlich härtere Kost. Sie hat Reflexe wie eine Raubkatze, weshalb ihr Shooter immer helle Freude bereiten.

Sie hat nun unlängst eine äußerst interessante Beobachtung gemacht. Wann immer sie ein T-Shirt trägt, auf dem der Name eines Spiels prangt, bei dem es ordentlich derbe zur Sache geht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr junge Männer nähern, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, immens. (Ich vermeide den Ausdruck „um mit ihr flirten zu wollen“ absichtlich, da die Annäherungsversuche in der Regel zu plump ausfallen, um den Begriff „Flirt“ verdient zu haben. Andererseits ist sie da Kummer gewöhnt, weil sie sich jahrelang in der guten alten Tischrollenspielszene herumgetrieben hat.) Allem Anschein nach senkt das Tragen eines der erwähnten T-Shirts die Hemmschwelle, auf sie zuzugehen – wahrscheinlich deshalb, weil der Angelockte sich das Hirn nicht verrenken muss, um auf ein Gesprächsthema zu kommen, von dem er (meist fälschlicherweise) ausgeht, es wirke auf eine Frau nicht verstörend, dröge oder abschreckend.

Nun ist meine gute Fee eine Gerechtigkeitsfanatikerin und wird nicht müde zu betonen, wie unfair sie diesen Umstand findet. Nicht den, dass sie angesprochen wird – Gott bewahre, es wird doch im Grunde jeder gern begehrt –, sondern der Sachverhalt, dass diese Anlockoption nur Frauen zur Verfügung steht. Erst begriff ich nicht ganz, was sie meinte, doch dann schlug sie mir vor, ich solle mich mal in ein Barbie- respektive Sex and the City-Oberteil hüllen, um anschließend darin Damen in romantischer Absicht entgegenzutreten. Da traf mich die Erkenntnis, und ich nahm von einem entsprechenden Selbstversuch Abstand (wenngleich ich seitdem dennoch gegen die Versuchung kämpfe, mir ein Edward-Longsleeve zu kaufen, um ein gewagtes Zeichen zu setzen und den Geschlechterkampf auch an dieser Front aufzunehmen...).

Montag, 26. Oktober 2009

Warum mögen Frauen Vampirschlampenromane?

Dieser in Fachkreisen – also sprich, unter uns Phantastiknerds – heißdiskutierten Frage möchte ich mich im zweiten Teil meiner Reihe um Frauenthemen widmen.

Kurz zur Ausgangslage: Nicht zuletzt durch die Bis(s)-Reihe hat sich ein Phänomen auf dem deutschen Buchmarkt Bahn gebrochen, das von freundlich gesinnten Menschen als Vampirwelle, von weniger wohlmeinenden Beobachtern als Vampirschwemme bezeichnet wird. Und natürlich sind daran die Frauen schuld...

Fairerweise muss man zunächst festhalten, dass je nachdem welcher Äußerung oder Studie man Glauben schenkt, ohnehin 70 bis 80 Prozent aller hierzulande über den Ladentisch gehenden Bücher von Frauen gekauft werden, und als die Chick-Lit unsere Gestade erreichte (Sie wissen schon, freche Frauen in der Großstadt mit Sex und peinlichen Situationen in Restaurants oder Boutiquen und so...), reagierte darauf auf Seiten der Fantasy-, Scifi- und Horrorfreunde kaum jemand. Logisch: Da wurde ja auch nicht in unseren Revieren gewildert. Frau Meyer und ihre Kolleginnen diesseits wie jenseits des Atlantiks haben das selbstverständlich geändert – was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass das „klassische Feuilleton“™, aber auch viele Verlage bei der Bewerbung die zahlreichen Geschichten, in denen sich eine Sterbliche in ein übernatürliches Geschöpf verliebt, recht unbedarft der schmuddeligen Fantasyecke zugerechnet haben.

Die vorherrschenden Meinungen innerhalb der Szene© sehen dann auch ungefähr so aus: „Das wollen wir nicht!“, „Ich kann es nicht mehr sehen, geschweige denn lesen!“, „Wer liest denn so etwas überhaupt?“ Faszinierend hierbei ist die Tatsache, dass diese Äußerungen eine große Ähnlichkeit zu den Auffassungen aufweisen, mit denen das klassische Feuilleton™ gern der Fantasy gegenübertritt.

Ich möchte mich zunächst der Frage nach der Leserschaft dieser verdammten Werke widmen, denn hier fällt die Antwort leicht: Jede Menge Frauen jeden Alters goutieren sie. Erst unlängst beobachtete ich in einem Café eine Dame – geschätztes Alter Mitte 60, modische Kurzhaarfrisur (Grundfarbe aubergine mit schwarzen Strähnchen), Raucherin –, die sich zur Frühstückslektüre den neuesten Black Dagger-Band mitgebracht hatte. Respekt. Gleich zwei sinnliche Genüsse auf einmal in aller Öffentlichkeit – in Schinkenscheiben gewickelte Melonenschnitzen und deftig-unverblümte Geschlechtsverkehrsschilderungen (für beides bin übrigens auch ich selbst immer gern zu haben).

Halten wir fest: Der in den Kernfaktoren Anschaulichkeit und Häufung schwankende Erotikanteil dieser Literatur befriedigt zunächst nichts anderes als einen Urtrieb, wogegen bei unverkrampftem Entgegentreten auch nicht das Geringste einzuwenden ist. Mehr noch: Mir wurde von einer Bekannten glaubhaft versichert, dass die Lektüre gar eine Art Ratgeberfunktion erfüllt – besonders spannende Eskapaden zwischen den Laken werden in den heimischen vier Wänden nachgestellt (und darüber dürfte sich nun niemand, der in den Genuss dieses angelesenen Wissens kommt, beschweren).

In einem Punkt stehe ich diesen Werken indes kritisch gegenüber, da viele von ihnen den Vampir auf eine Art standfesten, allzeit bereiten Dauerbeschäler reduzieren. Bislang dachte ich, dies würde dem Blutsauger das Monströse rauben, das ich so sehr an ihm schätze, doch bei näherer Betrachtung bleibt auch dieser Vampir ein Monster (wenn auch vorrangig im Bett).

Und überhaupt: Es ist eine sehr verkürzte Sicht, allein um den Vampir zu trauern. Denn eigentlich wird in der Paranormal Romance jedes übernatürliche Geschöpf, das nicht bei drei auf dem Baum ist, zum Opfer weiblichen Begehrens: Werwölfe und andere Gestaltwandler, Dämonen, Satyrn, Feenprinzen – die Geschmäcker sind eben verschieden.

Ein weiterer Gemeinplatz, der gern herangezogen wird, um den Erfolg dieser Bücher zu erklären, lautet: „Liebesromane sind die Abenteuerromane der Frau.“ Dies legt den Verdacht nahe, dass in den fiktiven Welten der Paranormal Romance alles eitel Sonnenschein wäre. Weit gefehlt: Es wird häufig intrigiert, geschossen, mit mittelalterlichen Waffen respektive natürlicher Bewaffnung wie Klauen aufeinander eingehackt, Leute von Autos überrollt, gemordet etc. pp. Also: Es geht dort in dieser Hinsicht auch nicht alberner oder sanftmütiger zu als im Actionthriller, der sich an ein überwiegend männliches Publikum richtet (insbesondere dann, wenn das betreffende Buch an Erwachsene adressiert ist).

Darüber hinaus haben nahezu alle dieser Werke ein deutlich ausgeprägtes Mystery-Element. Es gilt also oftmals, einen Mordfall zu lösen, ein unheimliches Ereignis zu erklären, die Wahrheit über die Vergangenheit des eigenen Liebsten oder dessen Rivalen herauszufinden usw. usf.

Etwas hochgestochen formuliert finden wir uns bei der Paranormal Romance also mit einer Melange verschiedenster Genres konfrontiert (Postmoderne, ick hör dir trapsen!), und generell gilt – wie für jede Form von Genre(mix)literatur –, dass einige Vertreter einem äußerst gelungen erscheinen, wohingegen andere einem völlig unlesbar vorkommen.

Warum nun also mögen Frauen Vampirschlampenromane? Ich vermute, weil sie – die Romane, nicht die Frauen – im Optimalfall ausgezeichnete und meist unkomplizierte Unterhaltung bieten. Natürlich bündeln sie in sich absurde Wunschvorstellungen – den exotischen, aufregenden Liebhaber, mit dem das Leben nie langweilig wird; die starke Frau, die sich ganz hingeben kann, ohne sich dabei auch nur ansatzweise selbst zu verlieren, wenn sie das nicht explizit für einen kostbaren Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint, unbedingt will; eine mystisch-magische Welt, die nicht von kühler Vernunft und Logik, sondern von Leidenschaften und entfesselten Gefühlen bestimmt wird. Allein: Ich sehe darin nicht das abscheuliche Übel, als dass es angegangen wird.

Ich rate zu etwas mehr Gelassenheit. Abgesehen davon, dass jede Welle einmal bricht (obwohl ich fest davon ausgehe, dass die Paranormal Romance in absehbarer Zeit nicht wieder in ein mickriges Nischendasein zurückfällt), haben diese Geschichten einen positiven Effekt, was die Akzeptanz von phantastischen Inhalten in der Literatur im Allgemeinen anbelangt. Machen wir uns nichts vor: Die Leserinnen, die mit Harry Potter und Edward und Bella großgeworden sind bzw. in etwas fortgeschrittenerem Alter plötzlich die Reize des Phantastischen für sich entdecken, werden den Sprung zu anderen, gemeinhin als anspruchsvoller wahrgenommeren Vertretern der Phantastik (was immer auch „anspruchsvoller“ heißen mag) beherzter wagen, als die Vorgängergenerationen. Und allein dafür sollte man diese jungen Frauen schon jetzt innig lieben...

Freitag, 23. Oktober 2009

Der Preis einer Gebärmutter

Ich eröffne mal unbedarft eine Reihe von Posts, die sich mit den faszinierendsten, verwirrendsten und furchteinflößendsten Geschöpfen befassen, mit der sich Männer die Erde teilen: Richtig, es geht um Frauen.

Mehr als 35 Jahre, nachdem Yoko Ono und John Lennon auf bestialisch provokante Weise feststellten, dass die Frau der „nigger of the world“ ist, erfahren Frauen vielfach eine Behandlung, die einem die Zehnägel explodieren lässt.

Drei Dinge vorweg: Erstens bin ich nicht einfältig genug, um zu behaupten, dass Frauen die besseren Menschen wären. Maggie Thatcher ist einer der besten Gegenbeweise gegen eine solche These. Zweitens war ich als Zivi in einer Sozialstation für mobile Altenpflege mehr als ein Jahr mehr oder minder allein unter Frauen – eine Zeit, in der ich ausgezeichnet beobachten konnte, wie eine Welt, in der die Rollen zwischen Mann und vertauscht sind, wahrscheinlich aussehen würde. Nur soviel: Ich habe diese quasi-feministische Utopie gesehen, und sie hat mir nicht gefallen, unter anderem deshalb, da Frauen untereinander in Sachen wechselseitige Zerfleischungsversuche Männern in nichts nachstehen. Drittens verwehre ich mich gegen die naive Annahme, Männer und Frauen wären gleich. Frauen sollten allerdings in einer Gesellschaft unbedingt die gleichen Rechte besitzen wie Männer.
Klingt logisch, modern und umgesetzt, ist es aber eben beileibe nicht.

Ich bemühe mal rasch das Mantra, dass sich Leistung wieder lohnen muss. Misst man die, die es beständig vor sich hinmurmeln, an ihrem eigenen Kredo, ist das wichtigste Schlachtfeld für sie rasch ausgemacht: die Angleichung der Gehälter für XX- und XY-Chromosomenträger.

Der Einfachheit halber bediene ich mich bei Zahlen, die das Statistische Landesamt Baden-Württemberg in diesem Jahr veröffentlicht hat. Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst für Vollzeittätige lag im Ländle bei 19,81 €. Splittet man nun nach Männern und Frauen, wird ersichtlich, dass die Herren 21,30 € und die Damen lediglich 15,92 € beziehen. „Na gut“, sagen jetzt vielleicht manche, „das mag damit zu tun haben, dass Frauen eben weniger häufig in leitenden Positionen tätig sind als Männer.“

Auch wenn es sich dabei allein schon um eine himmelschreiende Ungerechtigkeit oder wenigstens einen dringend zu behebenden Missstand handelt, ist dieser scheinbare Grund für das Ungleichgewicht entkräftet, wenn man die Vollzeittätigen nach ihren Positionen im Berufsleben sortiert. Und siehe da, bei ungelernten Vollzeittätigen – weniger euphemistisch könnte man auch von den ärmeren Anteilen der arbeitenden Bevölkerung sprechen – fällt die Differenz denn auch ein wenig kleiner aus. Hier trägt das Team Wurst und Bohnen mit 13,28 zu 11,69 einen etwas knapperen, aber immer noch klaren Sieg davon (Vorsicht, Sportreporterdeutsch!).

Doch wie sieht es oben aus, dort wo Frauen ohnehin viel seltener landen, also in den sogenannten leitenden Positionen? Hier wiegt die Leistung dessen, der seine Eier (2) bequem und potenziell jederzeit vorzeigbar in der Hose trägt, noch schwerer als die derjenigen, die ihre Eier (zwischen 300.000 und 500.000) innenliegend verwahren. Wo die Leistungsträger ihrem Tragen von Leistung nachgehen, steht es nämlich 36,63 zu 29,48 – ein Unterschied von bescheidenen 24 Prozent.

Des Teufels Advokat würde nun einer Frau empfehlen, auf berufliche Qualifikationen großzügig zu verzichten, weil man sich im Bereich der niedrigen Löhne immerhin einen Tick gerechter ungerecht behandelt fühlen kann.

Um dieser Empfehlung sogleich entgegenzuwirken, berechne ich lieber den Preis einer Gebärmutter (um genau zu sein, den Lohn, der einem bei Besitz selbiger durch die herrschenden Umstände vorenthalten wird). Mathematisch ist das Ganze vielleicht mittelsauber, weil es zukünftige Entwicklungen nicht angemessen berücksichtigt, aber momentan wird meine Kristallkugel gerade aufpoliert (kostet mich zum Glück ja bei der ungelernten badischen Kristallkugelpoliererin meines Vertrauens nur 11,69 € brutto die Stunde). Außerdem interessieren mich Phänomene wie der spätere Einstieg in den Beruf bei vorhergehendem Erwerb besserer Qualifikationen aus Gründen profaner Provokation im Moment die Bohne.

Wohlan: Ausgehend von einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 41,2 Stunden (laut einer recht aktuellen EU-Studie) und äußerst großzügigen 30 Urlaubstagen im Jahr setze ich eine Jahresarbeitszeit von 1895,2 Stunden an. Der deutsche Arbeiter ist wiederum gemäß Statistischem Bundesamt 37,5 Jahre seines irdischen Daseins fleißig. Ergibt also 71070 Stunden, die er bis zu seinem hoffentlich sozialverträglichen Frühableben mit Buckelei beliebiger Art zubringt (in der gleichen Zeit könnte er übrigens 47380 Folgen Tatort sehen).

Bezogen auf die oben genannten Bruttostundenlöhne erhält der ungelernte Vollzeittätige 943.809,60 €, seine Kollegin hingegen 830.808,30 €.
Der leitende Angestellte bezieht 2 603 294,10 €, während die typische leitende Angestellte mit 2 095 143,60 € Vorlieb nehmen muss.

Der Preis der Gebärmutter einer ungelernten Arbeiterin beträgt folglich 113.001,30 €. Das Vorzugsmodell der leitenden Angestellten schlägt mit 508.150,50 € zu Buche.

Wer’s lieber umgekehrt hören möchte, weil er dann besser schläft: Einmal „Schnippi mit Klickern haben“ bringt einem aufs Leben gerechnet den Gegenwert eines schicken Sportwagens oder eines komfortablen Einfamilienhauses (sofern man die Steuer außen vor lässt, aber an der kommt man mit etwas Geschick auch noch vorbei). Ich gehe mal kurz brechen oder mein Gemächt feiern – je nachdem, welcher Impuls sich durchsetzt – und bin in Bälde wieder zurück...