Dienstag, 2. Dezember 2008

Adieu, Monster in Menschengestalt

Nach meiner Genesung von einer fiesen Grippe hatte ich das ausgesprochen große Vergnügen, mich intensiv mit dem auseinanderzusetzen, was von fachkundigeren Menschen als meiner Wenigkeit „Vampirschlampenromane (VSR)“, „Romantasy“ bzw. „Paranormal Romance“ getauft wurde. Eines vorweg: Ich gehe absolut wertfrei mit diesem Phänomen um, und ich verurteile niemanden, der entsprechende Werke zwecks Befriedigung welcher Triebe auch immer goutiert (als passionierter Stellensucher wäre es auch höchst bigott, mir nun die Moralkappe aufzusetzen).
Wehmut darf und muss dennoch erlaubt sein. Worüber? Darüber, dass der Vampir – wie von manchen Literaturwissenschaftlern schon seit Längerem vermutet – nun endgültig zum wandelnden Phallus wird. Passt ja auch ganz gut, denn ohne Blut kein Phallus und ohne Blut auch kein Vampir. Dabei ist der Vampir dank seiner steilen, untoten Karriere in der Popkultur doch so viel mehr gewesen: Sinnbild für unbezwingbare Sucht, für die Wiederkehr des Verdrängten, für infektiöse Krankheiten, für das Unberechenbar-Bedrohliche hinter der Maske des Gewöhnlichen…
Nun, er ist bei näherer Betrachtung auch in den VSR mehr als nur ein im Zustand der Erregung versteiftes männliches Geschlechtsorgan. Er ist langes Haar, das im Nachtwind weht; ein schwarzer Ledermantel, der dank seines Schnitts breite Schultern noch breiter scheinen lässt; je nach Bedarf ein aufmerksames Ohr, das die ganze Nacht offenbleibt, um wortgetragene Gefühlsausbrüche in sich aufzusaugen, oder ein starker Arm, der einen im richtigen Moment zu Boden schleudert, um der scharfen Klaue eines Werwolfs zu entgehen; unerreichtes Vorbild für kommende Generationen von Werbern um die Gunst des Weibes, weil ihm Emotionen weder fremd noch unangenehm sind und der ungeachtet dessen die nötige Härte besitzt, um selbst anspruchsvollste Positionen stundenlang zu halten – sei es in Diskussionen um die Auswahl des figurschmeichelndsten Brautkleides, sei es zwischen den Federn, die die Welt bedeuten.
Wo sind sie geblieben, die hässlichen Nachzehrer, die man von der Bettkante stößt, anstatt sie zu sich auf die Matratze zu zerren? Die gierigen wandelnden Schlünde, die immer ganz austrinken, weil sie sich mit einem schnellen Schluck für Zwischendurch nicht zufriedengeben? Die kaltherzigen Bestien, die sich Schönheit in wahrhaft grausamer Absicht nähern und sich höchstens aus eisiger Berechnung zwischen allzu bereitwillig gespreizten Schenkeln versenken?
Genug geklagt! Allen, die mit mir leiden, empfehle ich den Besuch einer Ü30-Party in einer Großraumdisco. Wenn man die Augen zu engen Schlitzen zusammenkneift, nachdem die Nebelmaschinen angesprungen sind, kann man sich prima einbilden, es wäre alles wie gehabt.

Moops-P.S. Wenigstens der Autorenkollege Heitz bleibt dem alten Bild des Vampirs treu und geht mit Vampire, Vampire sogar dessen historischen Wurzeln nach. Durchaus lesenswert!

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