Samstag, 1. November 2008

Hofberichterstattung von der Premierenlesung

Am Donnerstag war es soweit: Die Zwerge von Amboss wurden der interessierten Öffentlichkeit aufgezwängt. Tatort dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit war die Villa Verde in Hamburg, ein gar entzückendes Etablissement, wo erlesenste Weine erstanden werden können – sofern nicht gerade eine Veranstaltung stattfindet, die den kulturellen Horizont der Hanseaten erweitern soll.
Die Nervosität zwischen Ole und mir war ausgesprochen ungleich verteilt: Mein Co-Autor und Lebenspartner erweckte den Eindruck, als warte er auf seine freundlicherweise von eigener Hand vorbereitete Hinrichtung. Da kam es ihm sicherlich besonders gelegen, dass uns am Donnerstagmorgen der Anruf erreichte, es habe in der Villa Verde einen Wasserschaden gegeben und die Lesung müsse ausfallen. Ein köstlicher Scherz, der pochende Herzen ungemein beruhigt. Für Außenstehende war diese Nervositätsverteilung übrigens nur schwer zu erkennen: Sobald die ersten Gäste eintrudelten, schaltete er in seinen bewährten Jovialitätsmodus und wirkte reichlich unbekümmert. Ich hingegen streifte vor dem Haus auf und ab, um mir ein Lungenbrötchen nach dem anderen reinzuhelfen. Kein Wunder – Ole sollte ja auch nicht lesen, denn diesen Teil der Show hatte ich zu übernehmen.
Gegen 19 Uhr konnten wir dann aber beide beruhigt sein: Das Tamtam hatte sich offenbar gelohnt. Die Butze wurde so voll, dass noch zusätzliche Sitzgelegenheiten aus dem Keller hochgeschafft werden mussten – und nun zahlte es sich aus, dass ich vor der Tür herumstand. Ole ist aber sowieso der kräftigere in unserem Gespann, und Bierbänketragen steht ihm gut zu Gesicht.
Moralischen Rückhalt boten uns übrigens einige unserer verehrten Kollegen aus dem Montségur-Autorenforum, die ebenfalls zugegen waren und der Dinge harrten, die da kommen sollten.
Zunächst bereitete uns die bezaubernde Friedel Wahren, die Piper eigens aus München in den hohen Norden geschickt hatte, ein reizendes Entree. Sie plauderte in ihrer unvergleichlich charmanten Art ein wenig aus dem Nähkästchen: Wer glaubt, die Fantasy hätte heutzutage einen schweren Stand, wurde rasch eines Besseren belehrt. Nicht mal eine Sklavin auf den Oberschenkel brandmarken durfte man damals, ohne dass es Ärger gab… verrückte Zeiten!
Nachdem mir gleich noch mit Verweisen auf aktuelle Trends in der sogenannten Hochliteratur ein extraschwerer Mühlstein um den Hals gehängt wurde, mussten sich all meine Zungenlockerungsübungen bewähren. Ich bin ganz dreist mit dem Prolog eingestiegen, um anschließend noch eine Szene mit einer extrem vorurteilsbehafteten Zwergin dranzuhängen. Wenn ich dabei allerdings auf Oles blockwartmäßiges Raunen von wegen „Das wird jetzt zu lang!“ gehört hätte, wäre die Graubärtin gar nicht mehr zu Wort gekommen und einige Lacher ausgeblieben.
Als nächstes folgte die Vorstellung unseres Buchtrailers, in deren Anschluss wir die ebenfalls anwesenden Macher in Sachen Bild und Ton angemessen loben konnten. Ehre, wem Ehre gebührt!
Powerpoint-Karaoke ist in, und da wir schreckliche Trendhinterherhechler sind, belästigten wir unsere Gäste zehn Minuten mit der Entstehungsgeschichte unseres ehrgeizigen Projekts. Ich kann jedoch ruhigen Gewissens behaupten, dass wir auch die Rückschläge nicht ausgespart haben – für ein absolutes Abfeiern unserer Ergüsse im Stile einer waschechten Produkteinführung fehlt uns noch die Kaltschnäuzigkeit, mit der man selbst mitten in einer Finanzkrise die Leute dazu verleitet, ihr sauer Verdientes oder heimlich Gespartes auch noch in den wirklich allerletzten Dreck zu investieren.
Für Teil Zwei der eigentlichen Lesung hatte ich mir in voller Absicht Abschnitte aus Kapiteln herausgepickt, die nicht ganz so fröhlich daherkommen. Das tat der guten Laune in der anschließenden Pause keinen Abbruch – und es gab ein gar köstliches Buffet, von dessen Leckereien ich aufgrund der Tatsache, dass ich mich nicht überfressen wollte, nur hier und da kostete. Es hätte mir als kalkuliert-mitleidheischender Akt ausgelegt werden können, hätte ich mich im dritten Teil vor Aufregung heftig übergeben – und einem solchen Vorwurf wollte ich mich unter keinen Umständen aussetzen.
Das Ende des offziellen Teil des Abends nahte: Wir beantworteten noch einige kluge Fragen zu Themen wie „Ist die Verwendung des Begriffs ‚Halbling’ überhaupt politisch korrekt?“ und „Wie die Verfilmung vom Herrn der Ringe für einen obskuren Authentizitätswahn beim Liverollenspiel geführt hat“ und signierten erstandene Bücher. Ich denke ernsthaft über die Anschaffung eines Hörgerätes nach, weil ich den Namen eines meiner Gäste mit einem ‚H’ anstelle eines ‚R’ versehen habe. Glücklicherweise nahm es der Betreffende mit Humor. Optional könnte ich mich für die Einführung standardisierter Namen starkmachen: Alle Männer könnten fortan entweder Chuck oder Jean-Claude heißen (je nachdem, für welchen Actionstar sie sich eher begeistern); die Damen teilen bitte Michaela und Simone unter sich auf (zwei der Vornamen meiner Schwester, die ich mir einigermaßen gut merken kann); für alle Unentschlossenen bliebe das geschlechtlich mehr oder minder unbestimmte Kay bzw. das schlichte, unkomplizierte Hedu.
So. Nach diesem Abschweifen, um die eigene Doofheit zu rechtfertigen, bleibt mir nur noch, mich bei allen Anwesenden für ein Erlebnis zu bedanken, das unvergessen bleiben wird, sofern mich nicht die in meiner Familie recht weitverbreitete Altersdemenz heimsucht (wobei ich als Freizeitoptimist auf die Kreativität der Pharmaindustrie baue, die mich vor diesem Schicksal mit etwas Glück verschont).

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